Anne Frank (1929 – 1945) 🇳🇱
Es ist anzunehmen, dass ihre Lebensgeschichte – sowie die Auszüge ihres Tagebuchs – nahezu jeder Person auf unserem Planeten bekannt sind. Im Zentrum von Amsterdam habt ihr die Gelegenheit – oder vielmehr die Verpflichtung – ihr damaliges Versteck zu besichtigen.
In diesem Kapitel werde ich euch zunächst eine Zusammenfassung ihrer Geschichte darlegen – um euch im Anschluss auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitzunehmen, die mir in unvergesslicher Weise in Erinnerung geblieben ist.
Anne Frank wurde 1929 in Frankfurt am Main geboren. Ihre Familie praktizierte den jüdischen Glauben – der jedoch durch die nationalsozialistische Partei unter der Führung Hitlers unterdrückt wurde. Aufgrund des Entzugs ihrer Rechte, der erlittenen Demütigungen und der Ausgrenzung flüchteten sie 1933 in die niederländische Hauptstadt.
Sieben Jahre später marschierte das Dritte Reich in die Niederlande ein – und ließ die jüdische Bevölkerung in sogenannte „Arbeitslager“ deportieren. Heute wissen wir, was sich hinter diesem Begriff verbirgt – wohingegen jene Gräueltaten zu jener Zeit noch unvorstellbar waren. Die Familie Frank versteckte sich gemeinsam mit einer weiteren jüdischen Familie im Hinterhaus eines Geschäftsgebäudes. Nur durch die Unterstützung mutiger Helfer war es den Familien möglich, sich 761 Tage lang – vollständig von der Außenwelt abgeschottet – zu verstecken.
Das junge Mädchen nutzte jene Zeit zum Erwachsenwerden – und dokumentierte sie in ihren Tagebüchern – bis schließlich am 4. August 1944 das Versteck gestürmt wurde. Die Nationalsozialisten brachten Anne zunächst nach Auschwitz – um sie im Anschluss in das Konzentrationslager Bergen-Belsen zu deportieren. Im Mai 1945 wurde das Deutsche Reich besiegt – und die schrittweise Befreiung der Konzentrationslager erfolgte.
Für Anne kam jedoch jede Hilfe zu spät. Wenige Wochen vor der Befreiung von Bergen-Belsen starb sie an den Folgen einer Typhuserkrankung. Lediglich ihr Vater überlebte den Holocaust – und suchte nach Kriegsende seine Unterstützer in Amsterdam auf. Miep Gies hatte die Tagebücher gerettet und übergab sie Otto Frank – der sie auf den ausdrücklichen Wunsch Annes veröffentlichte. Ihre Geschichte wurde in über 70 Sprachen übersetzt, in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen – und zählt zu den meistgelesenen Werken der Geschichte.
Lasst uns gemeinsam diesen einzigartigen Schauplatz der jüngeren Vergangenheit erkunden.
Mithilfe eines deutschsprachigen Audioguides schreiten wir gemächlich durch die Räumlichkeiten – und verfolgen ihre Spuren. Diese intensive Begegnung wirkt so stark auf uns, dass wir ständig darum kämpfen, unsere Tränen zu unterdrücken. Für die vollständige Besichtigung brauchen wir gut zwei Stunden. Mit jedem weiteren Schritt lernen wir dieses zwar gewöhnliche – aber in seiner Art unvergleichliche – Mädchen näher kennen. So verrückt es auch klingt: Wir hoffen und beten innerlich, dass ihre Geschichte vielleicht doch ein anderes Ende bereithält. Bedauerlicherweise schwinden unsere Hoffnungen mit jedem weiteren Augenblick. Um etwas Distanz zu unseren überwältigenden Emotionen zu gewinnen, wenden wir uns kurz den Fakten zu.
Im Anne-Frank-Haus befindet sich der Großteil der Einrichtungsgegenstände im Originalzustand. Es existieren nur sehr wenige Nachbauten. Trotz der hellen Beleuchtung sind die kleinen Räume nur spärlich ausgestattet – ihr Erscheinungsbild ist leblos und rau – und das kontinuierliche Knarren der Dielen unter unseren Füßen erzeugt eine beklemmende Atmosphäre. Durch eine schmale Öffnung gelangen wir in ihr Versteck. Unser erstes Gefühl: Unvorstellbar! Gänsehaut am ganzen Körper! Eine gewisse Ehrfurcht – und ein Gefühl der Überwältigung. Ihre Lebensgeschichte zu lesen ist das eine – aber selbst an diesem Ort zu stehen: unbeschreiblich. Wie war es möglich, dass sich derart viele Personen über beinahe zwei Jahre auf engstem Raum verborgen hielten?
Zarte Bleistiftstriche zieren die Innenwand des Verstecks. Der Vater dokumentierte das Heranwachsen seiner beiden Töchter durch horizontale Striche an der Wand. Annes kleines Reich war so liebevoll und herzlich eingerichtet, dass es sich kaum in Worte fassen ließ. Ihre Malereien, Poster, Aufkleber und Fotos hängen überall. Ihre Spuren verfolgen uns in jeder Ecke des Raumes. Einige Farbstifte liegen nach wie vor unberührt auf dem Schreibtisch – in demselben Zustand, in dem ihre Familie das Versteck seinerzeit fluchtartig verlassen musste.
Und unsere Gefühle? Mit jeder verstreichenden Minute wird die Geschichte dieses Mädchens realer und greifbarer. Diese zutiefst beklemmenden Empfindungen teilen wir mit sämtlichen anderen Besuchern. Es herrscht eine unheimliche Stille – in der wir versuchen, so leise wie möglich zu atmen. Nachdem wir uns endgültig mit dem tragischen Schicksal der Familie auseinandergesetzt haben, verlassen wir das Versteck – und gehen über die schmalen Stufen zum Haupteingang zurück. Dann trifft es uns mit großer Wucht. Offen gestanden waren wir unvorbereitet – wir wussten es schlichtweg nicht. Im letzten Raum befinden sich mehrere Vitrinen, in denen ihre originalen Tagebücher ausgestellt sind. Wir beginnen zu lesen – und erleben einen weiteren unbeschreiblich bewegenden Augenblick …
Solltet ihr das Anne-Frank-Haus in Amsterdam bereits besucht haben – würde ich mich freuen, wenn wir uns einmal darüber unterhalten könnten. Mich würden eure Eindrücke und Emotionen sehr interessieren.
Know Before You Go:
Das Anne-Frank-Haus befindet sich inmitten der niederländischen Hauptstadt Amsterdam. Tickets sind stellenweise Wochen im Voraus ausgebucht – deswegen ist frühzeitiges Planen ratsam. Verständlicherweise ist das Fotografieren untersagt – daher verwende ich einige Bilder von der offiziellen Website des Museums. Quelle: www.annefrank.org/de – Visit Website!
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