Kapitel 34 – 🇮🇳 Indien
Indien ist anders … Indien ist speziell. An dieser Stelle spare ich mir mein klassisches Eröffnungsplädoyer. Wenn es euch interessiert, wie ich den Norden des Landes erlebt und überlebt habe, dann macht es euch gemütlich – denn es könnte länger dauern. Nur eine Bitte: Wenn ihr euch die Zeit nehmt, lest den Bericht zu Ende – überspringt keine Kapitel, sonst geht der Zusammenhang verloren.
Wusstet ihr, dass bis in die späten 60er-Jahre die indische Fußballnationalmannschaft ⚽ zu den besten der Welt gehörte? Sie war regelmäßig Teilnehmerin an großen Turnieren und sorgte mit achtbaren Erfolgen für Aufsehen – bis zu jenem einen verhängnisvollen Tag, als die FIFA eine Regeländerung beschloss: … Schuhe an! „Jungs, ihr müsst Schuhe anziehen!“ Das barfüßige Spiel der Inder war Geschichte – und gleichzeitig auch ihre Erfolgsgeschichte. Aktuell dümpelt das zweitbevölkerungsreichste Land auf Platz 116 der FIFA-Weltrangliste herum – knapp hinter Luxemburg 🇱🇺 und gerade noch so vor der Großmacht Färöer Inseln 🇫🇴. Warum erzähle ich euch diese nette Anekdote? Damit ich euch ein kleines Lächeln abtrotzen kann – denn es könnte für längere Zeit das Letzte gewesen sein.
Ich habe lange überlegt, welchen Begriff ich erfinden müsste, um nur annähernd beschreiben zu können, wie es sich anfühlt, am internationalen Flughafen von Delhi zu landen. Der Begriff „Kulturschock“ kam mir in den Sinn – aber nein, ein Kulturschock war es bestimmt nicht. Dass Indien anders ist, wusste ich – dass Indien eine herausforderndere Aufgabe wird, war mir bewusst – aber auf dieses Szenario war ich nicht vorbereitet. Der Empfang am Indira Gandhi International Airport war schon vielversprechend: WLAN funktionierte nicht, kein einziger Bankomat verfügte über Bargeld – und als ich die Flughalle verlassen hatte und sie wieder betreten wollte, wurde Eintrittsgeld (!!!) verlangt.
Ihr kennt dieses Bild aus den ORF2-Universum-Dokumentationen: Eine Horde blutrünstiger Alligatoren wartet mit knurrendem Magen und fletschenden Zähnen auf ihre Beute. Dieses Stück Fleisch war ich – und die Reptilien waren die indischen Taxifahrer. Dass Begriffe wie Privatsphäre oder respektvoller Mindestabstand nicht existieren, war mir bewusst – aber wie diese aufdringlichen und mürrischen Menschen über einen herfallen, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen. Ohne jeglichen Skrupel wird gezogen, gezerrt und gegrapscht.
Zum Glück hatte ich im Oman ein paar indische Rupien gewechselt und konnte mich per Metro zum Hauptbahnhof retten. Die U-Bahn war außerordentlich sauber, menschenleer und klimatisiert. Obwohl ein 24-Stunden-Ticket nur 20 Cent kostet, kann sich die durchschnittliche Bevölkerung die Fahrten nicht leisten. Laut Google Maps benötigte ich vom Hauptbahnhof zu meinem Hotel (4 Sterne, Booking.com-Bewertung 8,4 – absoluter Luxus für mich) ungefähr fünfzehn Minuten Gehzeit. Am Ende wurden es 90 (!!!) Minuten. Diese paar hundert Meter waren die größte Kriegserklärung meines bisherigen Lebens – purer Wahnsinn, der nur von Abscheulichkeiten überboten wurde. Wortwörtlich musste ich mich mit meinem Gepäck durch zehntausende Menschen durchschlagen und durchkämpfen. Alles, was über zwei oder vier Räder verfügte, fuhr kreuz und quer durch die Gegend. Die Geräuschkulisse war nicht zum Aushalten – die Inder hämmerten im Sekundentakt auf ihren Hupen herum. Jeder einzelne Schritt muss bewusst gesetzt werden – der Gehsteig fällt auf ganzer Linie auseinander und ist übersät mit tiefen Schlaglöchern und indischen Landminen. (Ich hoffe, ihr seid gerade nicht beim Essen – deswegen erspare ich euch die genauere Definition.) Dazu kommt ein ekliger Geruch von Urin, Erbrochenem und halbtoten Tieren, die zwischen dem Abfall in den Gassen hausen. Natürlich erkennt die Bevölkerung einen Europäer unverzüglich – deswegen versuchte mich jeder einzelne Tuk-Tuk-Fahrer in sein Gefährt zu zerren. Anfangs nahm ich das als persönlichen Angriff wahr – mittlerweile weiß ich, dass dies die einzige vernünftige Lösung gewesen wäre. Den Schmutz auf den Straßen – den könnt ihr euch nicht einmal ansatzweise vorstellen. Ich hielt mir schützend die Hände vors Gesicht und versuchte, mich mehr oder weniger Richtung Hotel zu kämpfen. Im Nachhinein wäre es klüger gewesen, einen anderen Ort für meine Unterkunft zu wählen – denn die Umgebung des Hauptbahnhofes ist das abgefuckteste Viertel unseres Planeten.
Ich hätte nicht mehr daran geglaubt, unverletzt und mit meiner ganzen Ausrüstung den Check-in zu erreichen. Diesen Moment kann ich noch immer zu hundert Prozent nachempfinden. Hinauf ins Zimmer, tief durchschnaufen – und einen Blick aus dem Fenster werfen. In dieser Sekunde wurde mir der Wahnsinn bewusst. Was in den Hauptstraßen von Delhi Tag für Tag und Nacht für Nacht abgeht, ist unvorstellbar. Ich sehe unzählige Tuk-Tuks, ramponierte Busse und Autos, die quer durch die Gegend fahren. Da die Straßen vollkommen verstopft sind, weichen sie auf die Überbleibsel der Gehsteige aus. Es tummeln sich tausende Menschen und teilen sich den Weg mit Hunden, Ziegen, Kühen und Elefanten. Ja – Elefanten. Aber dazu kommen wir später noch. Ich nehme mir diese ruhigen Momente bewusst, um etwas Energie zu tanken – und erkenne diese schockierenden Bilder. Die meisten dieser Menschen wohnen auf den Straßen – sie waschen sich, betteln um Essen und verrichten ihre Notdurft … eine unvorstellbare Welt für uns gesegnete Europäer.
Ich hatte immer nur denselben Gedanken: Was zur Hölle geht hier ab? Ist das real – gibt es so etwas auf unserer Erde wirklich? Als der erste Schock schön langsam meinen Körper verließ, schaffte ich es auf unerklärliche Weise, unter dem harmonischen Klang dieser beschissenen Hupen einzuschlafen.
Nun hatte ich zwei Möglichkeiten: 1⃣ Ich konnte mich die nächsten fünf Tage in meinem kleinen Hotelzimmer verkriechen, dem himmlischen Klang der Hupen lauschen und alle vier Stunden mein Zimmer lüften, um den Smog kennenzulernen – oder 2⃣ ich bewaffnete mich und stürmte in die Schlacht.
Ich wählte ein paar interessante Orte aus, die in halbwegs erreichbarer Schlagdistanz lagen. Eine Telefon-SIM-Karte konnte ich in ganz Delhi nicht finden – und da alle Bankomaten „Out of Order“ waren, ließ ich meine Wertgegenstände einfach im Zimmer.
Let’s Get Ready To Rumble: Mario vs. Delhi – ROUND ONE!
Mein erstes Ziel lag nur wenige hundert Meter entfernt – ein antiker Wassertank. Der Rajon Ki Baoli ist ein ins Erdreich versenktes Brunnenbauwerk (Stufenbrunnen) aus dem Jahr 1506. Kaum verließ ich meinen sicheren Käfig, ging der scheinbar absurde Wahnsinn wieder los. Jeder Inder wollte mein Freund sein, jeder begleitete mich hartnäckig – und alle hatten den „best price“ für mich parat. Sobald du einmal den Fehler machst, die Frage nach der Nationalität zu beantworten, wirst du sie nicht mehr los. Und sie sind verdammt gut geschult.
Austria 🇦🇹 – „Oh! Austria, we love David Alaba – you know David Alaba?“
Sweden 🇸🇪 – „Oh! Sweden, we love Zlatan – you know Zlatan?“ (gemeint ist Zlatan Ibrahimović).
Mit der Zeit machte ich mir selbst ein lustiges Spielchen daraus: Egal welchen Staat ihr vorgebt – sie kennen alle einen Nationalhelden, um geradewegs eine Beziehung aufzubauen. Solltet ihr eure ständigen Begleiter erfolgreich abgeschüttelt oder ignoriert haben, wartet die größte Herausforderung auf euch: die Straßen von Delhi!
Zwei Zitate, die euch den alltäglichen Ablauf näherbringen sollen:
„A red light never stops the traffic – but a cow does“: Zitat meines Guides.
„Es herrscht ‚offiziell‘ Linksverkehr für Straßenfahrzeuge. Verkehrsregeln gibt es ansonsten nur theoretisch. In der Praxis hat grundsätzlich das schwerere Fahrzeug Vorfahrt … Lkws lassen sich also von Motorrädern im Gegenverkehr nicht vom Überholen abhalten. Lichthupe bedeutet so viel wie ‚Aus dem Weg – ich halte nicht an‘. Dies wird z. B. bei Gegenverkehr an Engstellen eingesetzt.“ (Quelle: Wikipedia)
Alles, was sich irgendwie bewegen kann, lauert auf den Straßen und Gehwegen der 20-Millionen-Einwohner-Metropole. Verrostete Busse ohne Scheiben, Bremsen und Licht – abgemagerte Stiere, die einen Wagen vor sich herziehen – Einheimische, die auf Kamelen und Elefanten reiten – halbverendete Kühe, die verstört durch die Gegend irren – abertausende verwahrloste Hunde, die nach Nahrung und Streicheleinheiten suchen – unzählige Tuk-Tuks und Rikschas, die sich jeden Meter frei hupen. Ampeln und Zebrastreifen dienen rein als Dekoration – und die Gehwege sind entweder völlig zugeparkt, zugemüllt oder (verzeiht mir den Ausdruck) zugeschissen.
Die tödlichen Straßen Indiens fordern jährlich 150.000 Todesopfer. Umgerechnet bedeutet das, dass alle paar Monate die komplette Bevölkerungszahl Klagenfurts allein in den Straßen ausradiert wird. Mich verwundert diese Statistik nicht – denn jede Überquerung grenzt an eine Runde russisches Roulette. Wenn ihr versucht, diese Straßen zu überqueren: Quetscht euch zwischen ein paar Einheimische – und bleibt niemals!!! Niemals!!! stehen.
Wenn der Verkehr vollkommen zum Erliegen kommt, weichen die Motorradfahrer auf die Gehwege aus – und man fühlt sich wie in einem Pac-Man-Spiel gefangen. Die wenigen freien Meter werden von Händlern blockiert, die ihre mobilen Geschäfte und Märkte aufbauen. „Friseure“ bieten ihre Dienste an – andere verkaufen frische Duschen aus einem Wasserkübel. Kleine Kinder betteln um Geld – entstellte und verkrüppelte Bewohner flehen um Hilfe. Auf den Straßen von Delhi ergibt sich eine 98-prozentige Männerdomäne – und mit heller Hautfarbe bist du ohnehin eine Rarität.
(Die Videos wurden zwar in Jaipur und Agra aufgenommen und spiegeln nicht im Ansatz den Wahnsinn in Delhi wider – aber so könnt ihr zumindest die Geräuschkulisse erahnen.)
Dazu gesellen sich noch kleine Verkaufsstände, an denen das tägliche Essen zubereitet und angeboten wird. Abgesehen davon, dass uns diese Keime den Magen umdrehen werden, ist es gefährlich, vorbeizugehen. Das heiße Fett spritzt aus den großen, offenen Pfannen und Töpfen in alle Richtungen – und hat mich einige Male richtig übel verbrüht.
Der Müll liegt zentimeterhoch in den Gassen verteilt und wird durch leblose Katzen, Hunde und Ratten garniert. Interessanterweise gibt es genügend Müllcontainer – aber die sind leer. Die Inder lieben es, ihren Dreck auf die Straßen zu werfen … die Kinder lieben es, ihren Abfall aus den Schulbussen zu schmeißen – und der Rest wird einfach aus den Fenstern geworfen. Nein, leider übertreibe ich nicht … das scheint die schockierende indische Mentalität zu sein.
Meine Augen und Ohren leiden bereits – aber das ist bedauerlicherweise erst der Anfang. Was ihr in keinen Bildern oder Videos sehen und nachvollziehen könnt, ist dieser Geruch … dieser abscheuliche Geruch, der einen ständig begleitet. Zum Glück gewöhnt man sich nach einigen Tagen daran – aber angenehm ist etwas anderes.
Wir wissen nun bereits: Die Augen, die Ohren und die Nase werden tagtäglich in Mitleidenschaft gezogen. Der unbesiegbare Endgegner ist aber jemand ganz anderes – darf ich vorstellen: Smog! Während meines Delhi-Abenteuers wurden neue Rekordwerte gemessen. Obwohl man sich an alle anderen Umstände von Tag zu Tag besser gewöhnt, werden die Qualen der Luftverschmutzung immer barbarischer. Wenn du mehrere Tage durch die dreckigste Innenstadt der Welt läufst, hat das Folgen für deinen Körper. Das unsanfte Brennen in den Augen ist das eine – aber das beharrliche Kratzen in der Kehle ist etwas anderes. Nach zwei bis drei Tagen Aufenthalt besorgte ich mir eine Mundschutzmaske, die ich bis dahin nur von meinen asiatischen Touristenmassen kannte. (Update 2020: Wer hätte das gedacht? Ein Jahr nach meinem Delhi-Besuch trägt die ganze Welt diese Masken 😷.)
Fünf Tage verbrachte ich in der indischen Metropole – fünf Tage voller Sonnenschein … die Sonne 🌞 habe ich nicht ein einziges Mal gesehen. Wenn ihr dem allgegenwärtigen Smog ausgesetzt seid, fühlt es sich an, als würde eine unsichtbare Hand konstant euren Hals ein klein wenig fester zudrücken. Eine grausame Empfindung!
Während meiner Indien-Expedition habe ich einige Inder auf diesen Zustand angesprochen – und eines haben sie alle gemeinsam: Es interessiert niemanden! Sonnenschutzcreme wirst du niemals brauchen – und auch Schnee ist nicht notwendig, du kannst deinen Namen auch so auf einem Autodach verewigen. Wenn du vor dem erhofften Tempel oder der gesuchten Moschee stehst, benötigst du ein wenig Fantasie, um die Realität mit den hochglanzpolierten Google-Fotos zu vergleichen.
Verzeiht bitte mein chronisches Durcheinander – aber hier bietet sich die passende Gelegenheit, euch den Unterschied zwischen Realität und Instagram bildlich darzustellen. Beim Taj Mahal habe ich einen britischen Influencer kennengelernt. Wir waren einige Stunden gemeinsam unterwegs – und er schickte mir ein paar seiner Bilder. Als diese Fotos aufgenommen wurden, standen wir Seite an Seite. Meines spiegelt die Realität wider – und er packte ein paar Filter aus. Ob ihr es schafft zuzuordnen, welches welches ist?
Wir befinden uns ja immer noch in der ersten Runde 🙈. Verzeiht mir diesen Absatz – aber ich habe mir geschworen, diesen Text genauso zu schreiben, wie ich es empfunden habe. Natürlich tragen Faktoren wie Oberflächlichkeit und Subjektivität ihren Teil dazu bei – und einige würden es sogar als Ansatz von Rassismus sehen – aber das sind meine Eingebungen und Eindrücke. Obwohl ich nach drei Wochen Indien dieses Land und seine Bevölkerung ein wenig besser verstehen konnte, änderte sich bedauerlicherweise sehr wenig an meinen Sichtweisen.
Neben dem Verkehr, dem Dreck, der Mittellosigkeit, dem Smog … gibt es leider noch einen Aspekt, den ich so nicht erwartet hätte: den Inder an sich! Steinigt mich, verflucht mich, hasst mich – wie auch immer – prinzipiell ist mir das völlig egal. Selbstverständlich gibt es auch freundliche Inder (bei 1,4 Milliarden sollte das möglich sein) – und ich schere jetzt bewusst alle 19 Millionen Inder aus Delhi über denselben Kamm – aber meine Erfahrungen ließen mir keine andere Wahl.
Nachdem ich den antiken Stufenbrunnen besichtigt hatte, folgte ich meiner Route zur Ausgrabungsstätte Matar und zum Birla-Mandi-Tempel. Auf den wenigen hundert Metern hörte ich unzählige Male „Hi my friend!“, „Where are you from?“ und „Special Price“ … grundsätzlich hilft Ignorieren und ein höfliches, aber bestimmtes „No, thank you!“ – aber nicht in Delhi! Ein zuvorkommender Inder im Anzug half mir über die Straße – um mich danach in ein „Touristenbüro“ zu zerren – und gebildete indische Studenten „begleiteten“ mich unsanft und dominant zu dubiosen Verkaufsläden. Dieses ununterbrochene Angesprochensein ist das eine – aber wenn du dann ständig angegriffen und herumgeschubst wirst, ist es mit der Duldsamkeit und der Herzlichkeit vorbei.
Einige Belästigungen später besuchte ich den Gurudwara Bangla Sahib und konnte zum ersten Mal etwas durchatmen und in die Welt des Sikhismus eintauchen. Diese wunderbare Tempelanlage darf man auch als Tourist barfuß erkunden und genießen. Immerhin an den heiligen Orten hält sich die Aufdringlichkeit in Grenzen. Eine Hilfsorganisation bereitet täglich 15.000 Mahlzeiten für die Besucher zu. Dank meiner Orientierungslosigkeit bin ich zufällig in dieser gigantischen Küche gelandet … meine Hochachtung für die tägliche Wohltätigkeit – aber als ich gesehen habe, wie das Essen zubereitet wird … lassen wir das lieber.
An dieser Stelle wäre die gewohnte Galerie mit all meinen schönen Bildern angedacht gewesen – wie zuvor erwähnt: wäre! Entweder dominierte der Smog die Optik, oder es wurden utopische „Fotogebühren“ verlangt, oder Fotografieren war verboten. Nein – keine klassischen „No Photos“-Warnschilder, sondern beim Betreten diverser Gebäude werdet ihr untersucht und müsst einem allzu vertrauenswürdigen (Achtung, Ironie!) „Angestellten“ das Mobiltelefon und die Kamera aushändigen – in der Hoffnung, sie jemals wiederzusehen.
Let’s Get Ready To Rumble: Mario vs. Delhi – ROUND TWO!
Am zweiten Tag verstieß ich gegen meine heiligen Prinzipien und organisierte mir einen Guide. Über die Touristikwebsite TripAdvisor buchte ich mir eine Tour: Kleingruppenreise mit vorgegebener Route – inklusive Eintritt, Fotogebühren und Mittagessen. Die Bewertungen waren ausnahmslos positiv – also wagten wir diesen Versuch.
Ich wurde pünktlich von meinem Guide – inklusive zusätzlichem Fahrer – abgeholt und musste feststellen, dass ich der einzige Gast war. Unser erster Stopp war eine nicht geplante Shoppingtour. Ich dachte mir: Gut, du hast es probiert – lass uns das bitte überspringen und unsere Ziele abklappern. Die größte Moschee des Landes war unser erster vereinbarter Aufenthalt. Der Eintritt zur Jama Masjid ist im Allgemeinen kostenlos – aber es wird eine saftige Fotogebühr verlangt. Mein (noch) vertrauenswürdiger Guide führte mich durch einen Nebeneingang (um den Massen auszuweichen), wo ich dennoch aufgefordert wurde, eine nicht unerhebliche Eintrittsgebühr zu bezahlen. Ich erklärte ihm ohne Verzögerung, dass wir auf solche Methoden verzichten – sonst endet unsere Reise hier. In den hochpolierten Reisemagazinen glänzt die Jama Masjid in der roten Farbe ihres Sandsteins. Im Gegensatz zu Marmor ist Sandstein gegen Wind, Wetter und Luftverschmutzung kaum resistent – deswegen wird die Moschee zeitnah in sich zusammenfallen. Durch den dichten Smog konnte ich gerade noch die Spitze des Minaretts erkennen.
Weiter ging die Tour zum berühmten India Gate. Dieses mächtige Monument wurde von den Briten errichtet, um an die indischen Opfer des Ersten Weltkrieges zu gedenken. Mein Guide wartete immer im Wagen – deswegen musste ich mir die Hintergrundinformationen selbst zusammensuchen. Dieser Platz ist stark frequentiert und es wimmelt von aufdringlichen Kaufleuten, die gerne handgreiflich werden – und von kleinen Kindern, die sich als Taschendiebe üben. Das Phänomen, ständig als Fotomodell herzuhalten, ist wohl auch eine typisch indische Angelegenheit. Durch mein andersartiges Aussehen werde ich laufend zu Selfies genötigt. Ein freundliches „Darf ich?“ – nein, nicht in Delhi. Du wirst einfach herbeigezogen, festgehalten und 📷.
Das schönste Bauwerk der ganzen Stadt ist der Lotus-Tempel. In der digital aufpolierten Instagram- und Photoshop-Welt eine bezaubernde Tempelanlage – in der brutalen Realität ein Ort, den man schnellstmöglich wieder verlassen möchte. Als erstes muss man sich einem Sicherheitscheck unterziehen (wie am Flughafen) – was grundsätzlich kein Problem darstellen sollte … wäre da nicht die „Anstellmentalität“ der indischen Bevölkerung. Eine zivilisierte Schlange habe ich natürlich nicht erwartet – eher ein italisches Weintraubensystem. In Indien würde ich es als wirbelnden Wasserstrudel bezeichnen, der ständig in Bewegung ist. Hier musst du einfach mitmachen: kämpfen, Ellbogen ausfahren, schubsen, zwicken und beißen – sonst überstehst du es nicht. (Das gilt übrigens für jede Art des Anstehens – viel Spaß vor dem Ticketautomaten.) Durch den Nebel konnte ich den Lotus-Tempel kaum erkennen – und ich war heilfroh, dass dieser Besuch früher als gedacht vorbei war, denn das ständige Geschubse zeigte schon Ansätze einer Massenpanik.
In Wirklichkeit waren noch einige Spots auf der vereinbarten Liste – aber nachdem mich mein Guide zum dritten Mal in ein Geschäft „gezwungen“ hatte, wollte ich schlicht und einfach nicht mehr. Gezwungen: Der Wagen parkt 50 Zentimeter vor der Eingangstür – und die Kaufleute erwarten dich bereits. Die Angestellten nötigen dich zum Erwerb von sinnlosen Souvenirs oder T-Shirts. Ich hatte keine Lust mehr, gab mich geschlagen und kaufte etwas Sinnloses, um wieder herauszukommen. Aber selbst dann gaben sie keine Ruhe und zeigten sich nicht zufrieden.
Was geschah, als ich meinem Reiseführer sagte, ich habe keinen Bock mehr und er soll mich bitte zurückfahren, ist unvorstellbar: Er weigerte sich! Er versperrte die Türen von innen und zwang mich, ihm eine 5-Sterne-TripAdvisor-Bewertung zu geben. Zuerst erwiderte ich, ich werde es in Ruhe im Hotelzimmer durchführen – und habe hier ohnehin keine Internetverbindung. Aber er weigerte sich weiterzufahren, baute immer mehr Druck auf, wurde aggressiver und richtete mir einen Hotspot ein. Wie ein kleines Kind wurde ich richtig trotzig, verlor die Kontrolle, gab ihm mein Mobiltelefon und sagte: Er soll sich seine beschissenen 5 Sterne selbst geben. Eigentlich meinte ich das sarkastisch – aber … verdammt!!! … er hat es wirklich getan. Fünf Sterne! Er fügte noch hinzu, was für einen tollen Tag wir hatten und dass ich jedem diese Tour empfehlen würde … bla bla bla.
Leute, ich war so geladen 😡. Auf der ganzen Rückfahrt kochte ich innerlich – war kurz vor dem Explodieren. Ich weiß nicht, ob ich in meinem ganzen Leben schon so wütend war. Ich schwieg vor mich hin – aber er erzählte mir etwas und wollte wieder mein bester Freund sein. Als wir beim Hotel ankamen, brach in mir der Vulkan aus. Er verlangte für sich und seinen Fahrer Trinkgeld – sonst würde er die Tür nicht öffnen. Als er versuchte, nach meinen Sachen zu fassen, hämmerte ich wie von Sinnen gegen die Fensterscheibe – mit der vollen Absicht, sie zu zerbrechen. Ich verlor die Kontrolle – bis die Sicherheitskräfte, die mein Hotel bewachten (Standard in Indien), auf mich aufmerksam wurden und ihn zwangen, mich aus dem Wagen zu lassen.
Nachdem ich umgehend meine Bewertung „korrigiert“ hatte, beschwerte ich mich auf jede erdenkliche Art beim Veranstalter. Ihr könnt euch ausrechnen, wie sehr es ihn interessierte 😡.
Let’s Get Ready To Rumble: Mario vs. Delhi – ROUND THREE!
Indien wollte mich brechen, verlangte mir alles ab – aber ich war noch nicht in der Position, den Fehdehandschuh zu werfen. Runde drei führte mich auf die Spuren zweier faszinierender Persönlichkeiten, die allerdings nicht miteinander verwandt oder verschwägert sind. Welcher Name kommt euch als Erstes in den Sinn, wenn ihr an berühmte Inder denkt? (Bitte sagt jetzt nicht: der Inder aus der Handywerbung 🙈.) … genau, deutlich besser:
Auf den Spuren von Mahatma Gandhi!
Einen detaillierten Lebenslauf überspringen wir – denn wir alle kennen Mahatma Gandhi und wissen ungefähr, was er für sein Land geleistet und geopfert hat. Am frühen Morgen besuchte ich Delhis wichtigste Gedenkstätte. Raj Ghat liegt am Westufer des Flusses Yamuna und schenkte mir einen völlig neuen Blick auf die indische Metropole. Zum allerersten Mal konnte ich eine Grünanlage sehen, hörte die Vögel zwitschern und konnte ein paar blaue Flecken am Himmel erkennen. Raj Ghat symbolisiert mit schwarzen Marmorplatten und einer ewigen Flamme den Ort, an dem Mohandas Karamchand Gandhi eingeäschert wurde. Im Hinduismus ist die Einäscherung ein heiliger Vorgang – deswegen sammelten sich im Jänner 1948 hunderttausende Inder, um Gandhi die letzte Ehre zu erweisen. Seine bescheidene Existenz ist uns bekannt – und genauso könnt ihr euch die Atmosphäre an dieser Gedenkstätte vorstellen. Ich hatte Reisebusse, aufdringliche Verkäufer und Sicherheitspersonal erwartet – aber ich war allein. Wie aus dem Nichts tauchte dieser magische Augenblick auf. 71 Jahre nach seinem Tod sitze ich auf der grünen Wiese, beobachte das Feuer und gedenke dieses großartigen Menschen. Ist das der Wendepunkt? Wurde ich für meine Hartnäckigkeit belohnt?
Um auf seinen Fersen zu bleiben, besuchte ich das Gandhi Smriti. In diesem Gebäude, das gleichzeitig als Museum dient, verbrachte Mahatma Gandhi die letzten 144 Tage seines Lebens. Ein kleiner Schreibtisch, ein weißes Bett und sein berühmter Gehstock – das war alles, was er benötigte. Ich war erstaunt, dass ich dieses Haus mit all seinen Räumen problemlos betreten konnte. Alles im Originalzustand, weit und breit kein einziger Mensch, keine anderen Besucher, keine Touristen … absolut niemand. In seinem Zimmer ist sein letzter weißer Umhang ausgestellt – bedeckt mit Blutspritzern, denn der Mordanschlag fand nur wenige Meter entfernt statt. Kleine, aufgemalte Fußabdrücke führen mich in den Garten, wo Gandhi am 30. Jänner 1948 getötet wurde. Die Fußspuren repräsentieren seine letzten Schritte auf dieser Erde. Ich musste schmunzeln, als ich feststellte, dass meine Füße doppelt so groß sind wie seine – und trotzdem konnte ich mit ihm nicht Schritt halten. Auch hier begleiteten mich die Vogelstimmen, die ersten Sonnenstrahlen und eine tödliche Stille.
So nah dabei zu sein löste unerklärbare Gefühle in mir aus. Ich folgte seinen Schritten weiter – wurde aber stets langsamer, weil ich wusste, dass eine Spur bald enden würde … nun war es so weit – aber ich wollte es nicht wahrhaben. Sein letzter Fußabdruck endet an der Märtyrersäule, wo einst ein Tempel stand, an dem Gandhi gebetet hatte. „Father of the Nation“ wurde in den schwarzen Marmor eingraviert. Exakt hier – wo ich jetzt stehe – wurde der Rechtsanwalt und geistige Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung kaltblütig ermordet. Ein bedrückendes Gefühl. Ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper und erinnerte mich an meinen Besuch des Anne-Frank-Hauses in den Niederlanden – denn dort empfand ich ähnliches Leid.
Die nächsten Stunden verbrachte ich im National Gandhi Museum, um tiefer in seine Lebensgeschichte einzutauchen. Ihr dürft dieses Museum nicht mit einem europäischen oder US-amerikanischen vergleichen – es ist genauso bescheiden wie sein Dasein. Kein Schnickschnack, keine moderne Technik, keine überdimensionalen Projektoren. Viele Informationen, unglaubliche Fotografien aus seiner Jugend und fesselnde Geschichten lassen die Zeit wie im Fluge vergehen.
Indira Gandhi war die erste Premierministerin Indiens – und die zweite außergewöhnliche Persönlichkeit, die ich kennenlernen wollte. Obwohl sie mit Mahatma Gandhi nicht verwandt ist, zeigen ihre Biografien deutliche Parallelen. Hochgradige Führungsqualitäten, ein Kämpferherz, Erfolg auf höchster Ebene … allerdings erlitt sie auch dasselbe Schicksal. Wenige Minuten nach Beginn eines Live-Interviews wurde Indira Gandhi ermordet. In einem kleinen Hinterhof ihres Gartens wurde die ehemalige Premierministerin von ihrem Leibwächter hinterrücks erschossen. Und nun stehe ich hier – am zweiten realen Ort eines Verbrechens – und empfinde wieder dieses bedrückende Gefühl, verschmolzen mit der Totenstille und der Einsamkeit. Die Empfindungen überrollen mich – aber langsam beginne ich zu verstehen, was dieses Land erleiden musste. Die Biografie von Indira Gandhi ist ungreifbar spannend, fesselnd und dramatisch zugleich. Wenn ihr einmal Lust und Zeit habt – ihre Geschichte sei euch wärmstens ans Herz gelegt. Ihr werdet sie nie vergessen.
Let’s Get Ready To Rumble: Mario vs. Delhi – ROUND FOUR!
Bei meinen Recherchen stieß ich auf die Reality Tours and Travel Organisation – einen internationalen, wohltätigen Verein, der mit lokalen NGOs zusammenarbeitet. Ich lernte Chitti kennen, der bereits am nächsten Tag Zeit für mich hatte und mir eine Welt zeigte, von der ich nicht wusste, dass sie existiert. Diese Emotionen und Erfahrungen schriftlich festzuhalten erfordert die höchste Qualität im kreativen Schreiben – und davon bin ich kilometerweit entfernt. Deswegen verzeiht mir bitte die konfusen Formulierungen im nächsten Absatz – dafür nehme ich euch mit.
Frühmorgens treffen wir Chitti an der Metrostation Harkesh Nagar Okhla. Chitti ist ein indischer Volunteer, der Interessierte in die Welt der Slums einführt. Als wir uns im südlichsten Teil Delhis treffen, erwartet Chitti uns bereits sehr aufgeregt und gibt uns unmissverständlich seine Freude über unsere Neugier zu verstehen. Er erklärt uns, dass wir nun gemeinsam den größten Slum Delhis betreten werden – in dem er als Lehrer arbeitet. Wir sollen immer in seiner Nähe bleiben – nicht weil es gefährlich ist, sondern weil wir uns verlaufen werden und nie wieder zurückfinden. Chitti bittet uns, noch keine Bilder zu machen und den Kindern kein Geld oder andere Geschenke zu geben. Da wir vor Jahren Danny Boyles 🎥 Slumdog Millionaire gesehen hatten, glaubten wir, einen leisen Verdacht zu haben, was in den nächsten Stunden auf uns zukommt … aber wir täuschten uns gewaltig.
Die ersten paar hundert Meter unterscheiden sich kaum von der Innenstadt Delhis – Chaos, Gestank, Hektik, unerträglicher Lärm usw. Aber aus einem unbekannten Grund stören wir uns nicht mehr daran – ich denke, wir haben uns an diese Lage gewöhnt. Die Sanjay Colony beherbergt 100.000 Menschen und ist nur durch ein bewachtes Tor zu erreichen. Nach nur wenigen Schritten begreifen wir bereits, dass wir in einer anderen Welt angekommen sind. Auf allerengstem Raum leben die Menschen hier Seite an Seite. Die Gassen sind so schmal, dass wir sie nur im Gänsemarsch passieren können. Jeder einzelne Schritt muss bewusst gesetzt werden – denn überall liegen Scherben, Müll und nicht näher definierbarer Abfall. Die offenen Schächte, die großen Schlaglöcher und die kleinen Bäche 🤢, die sich durch die engen Gassen ziehen, erhöhen den Schwierigkeitsgrad. Eine Abnormität fällt uns aber umgehend auf: Es ist sagenhaft still in den Slums von Delhi. Kaum motorisierte Fahrzeuge, keine Hektik, kein Lärm – und die Gassen wirken wie ausgestorben … wo sind all die Menschen hin? Das Einzige, was die Stille unterbricht, sind die vielen Kinder, die unkontrolliert herumlaufen und uns andauernd anlachen. Mit seiner harmonischen, charmanten Art warnte uns Chitti bereits davor, dass es sich schnell herumspricht, wenn „Fremde“ zu Besuch kommen. Er lächelt und sagt: Genießt die ruhigen Momente – bald werden wir sehr viel Aufmerksamkeit erregen.
Kennt ihr diese Bilder aus Filmen und Dokumentationen? Ein weißer Mann, eine weiße Frau spazieren durch ein afrikanisches Dorf – und innerhalb weniger Minuten laufen unzählige lachende und neugierige Kinder hinterher. Sie lachen, winken aufgeregt und strahlen eine Energie und Freude aus, die uns absolut fremd scheint. Das sind keine utopischen Hollywoodfantasien – diese hellhäutigen Menschen sind nun wir.
Ich bekomme Tränen in den Augen und kann jede einzelne Kinderstimme wiedererkennen, wenn ich an diesen Tag zurückdenke. Manche Kinder sind schüchtern und werfen uns immer nur einen kleinen, vorsichtigen Blick zu – andere sind neugierig und fragen uns nach unseren Namen … viele möchten uns berühren, wollen abklatschen und „High Five“ spielen. Sie zeigen uns ihre Spielsachen, ihre Tanzeinlagen – und ein kleines Mädchen stellt uns ihr Kätzchen vor. Etwas überfordert und überrascht blicken wir zu Chitti auf – aber er lächelt uns einfach nur an und unterhält sich mit den Kids. Wir haben noch nie so viele strahlende Augen gesehen und so ein leidenschaftliches und ehrliches Lachen und Gekicher gehört. Die Kids wollen nichts – sie betteln und fordern nicht … sie haben alles, was sie zum Leben brauchen, und freuen sich einfach nur über einen Besuch und ein klein wenig Aufmerksamkeit.
Nachdem sich die erste große Aufregung etwas gelegt hat, ziehen wir weiter unsere Kreise durch die engen Gassen der Kolonie … natürlich ständig begleitet von den lachenden und neugierigen Kids … diese Bilder sind göttlich, das Gefühl unbeschreiblich – weil wir es einfach nicht einordnen können.
Chitti stellt uns einen Arzt vor. Selbstverständlich ist er kein studierter Facharzt – aber er verfügt über gewisse Grundkenntnisse, um den Menschen zu helfen. Die Behandlung ist kostenlos, und die Medikamente bekommt er von Krankenhäusern zur Verfügung gestellt. Einmal im Monat klappert er alle großen Spitäler in Delhi ab und sammelt weggeworfene und abgelaufene Medikamente. Bei lebensbedrohlichen Krankheiten oder Schwangerschaften begleitet er seine Patienten ins staatliche Krankenhaus. Die gesundheitliche Betreuung ist in Indien zwar für alle gebührenfrei – aber die Qualität ist unterirdisch und die Wartezeiten dauern oft Tage und Wochen.
Chitti stellt uns eine befreundete Familie vor – und wir dürfen auf das Dach ihres Hauses klettern, um uns einen Überblick zu verschaffen. In seiner unnachahmlichen, sympathischen Art nennt er das seinen Lieblingsplatz – seinen Rooftop View. Wir setzen uns auf dem Hausdach nieder und können diese Aussicht kaum verarbeiten. Egal in welche Richtung wir sehen: verwahrloste Häuser, verwahrloste Häuser und verwahrloste Häuser. Jetzt ist es Zeit für ein paar Geschichten. Die kleinen Mädchen, die hier wohnen, gesellen sich zu uns – und Chitti startet mit seinen Anekdoten.
Das Gelände dieser Kolonie gehört dem Staat – was gleichzeitig bedeutet, dass die 100.000 Menschen illegal hier leben. Momentan werden sie geduldet und akzeptiert – aber würde das Grundstück anderweitig genutzt, müssten sie weiterziehen. Derzeit leben allein in Delhi über 2,5 Millionen Menschen auf diese Art und Weise – und werden ständig ins Landesinnere abgeschoben, was ihren Zugang zu sanitären Einrichtungen erschwert. Die 100.000 Bewohner der Sanjay Colony teilen sich 150 (!!!) vom Staat errichtete Toiletten. Alle 48 Stunden kommen Lkws zu den Toren der Kolonie – beladen mit Wassercontainern. Die Menschen stehen stundenlang Schlange, um ihre Wasserration abholen zu können. Wir sind etwas verwundert – denn wir konnten bei unserer Wanderung durch die Gassen viele Stromkabel entdecken und Musik sowie TV-Geräte hören. Warum die Menschen weder Wasser noch sanitäre Anlagen haben, aber über Strom verfügen (den sie allerdings bezahlen müssen), erklärt uns Chitti später.
Während seiner Geschichten haben uns die Kleinen bereits ihre komplette Spielzeugsammlung präsentiert. Bei den Puppen fehlen halbe Gliedmaßen, die Plüschtiere sind kaum noch zu erkennen – und ihre Stifte funktionieren leider auch nicht mehr richtig. Aber sie spielen gerne damit. Nun ja – allzu viele Alternativen haben sie auch nicht.
Wie fühlen wir uns in diesen Momenten? Das kann niemand in Worte fassen – unser Herz und unsere Emotionen spielen vollkommen verrückt. Einerseits lachen wir mit den Kids – andererseits hören wir ein kleines Knacken, das wohl unser Herz sein könnte. Mitleid, Angst, ein schlechtes Gewissen … aber auch Bewunderung und Hoffnung gehen Hand in Hand. Um ehrlich zu sein: Die Scham ist das stärkste Gefühl von allen. Wie oft habe ich Sachen weggeworfen, weil sie nicht mehr zu hundert Prozent funktioniert haben – wie oft habe ich wegen unwichtiger Dinge gejammert und geschimpft … ich weiß, das ist jetzt schwer vergleichbar – aber diese Gedanken dominieren den Moment.
Schweren Herzens verlassen wir Chittis Lieblingsplatz und besuchen eine Schule. Da es sowohl an Lehrkräften als auch an Platz und Unterrichtsmaterial mangelt, haben die Jungs vormittags und die Mädchen nachmittags Unterricht. Als wir das Schulgelände betraten, stellten wir den alltäglichen Ablauf gehörig auf den Kopf. Die Kids stürmten aufgeregt aus der Klasse und brachten die Lehrstunde zum Erliegen – aber wir hatten nicht für den Bruchteil einer Sekunde das Gefühl, dass das irgendjemanden störte. Eine pensionierte Professorin aus den USA unterrichtet seit fast drei Jahren ehrenamtlich in dieser Bildungseinrichtung. Sie nahm sich etwas Zeit für uns und erzählte uns ihren Werdegang. Da wir den Unterricht nicht länger stören wollten, setzten wir uns auf den Boden der letzten Reihe und hörten aufmerksam zu. Obwohl die Professorin versuchte, ihren Englischunterricht fortzusetzen, galt uns die ganze Aufmerksamkeit. Jede Sekunde drehten sich die Kids um, lachten und winkten uns zu. Haben wir ein schlechtes Gewissen? Nein – denn alle strahlten und hatten ihre liebe Freude mit uns. Die Professorin beendete die Stunde wohl etwas früher, schickte die Kids in den Garten und erzählte uns ihre beispiellose Geschichte. Diese werden wir für uns behalten – aber ich garantiere euch: viele ihrer Aussagen werden wir nie vergessen.
Die Stunden vergehen wie im Fluge – und schön langsam müssen wir von den Slums in Delhi Abschied nehmen. Einen Ort will uns Chitti aber noch zeigen – den er sich bewusst für den Abschluss aufgespart hat, damit wir besser verstehen …
… Anfangs erwähnten wir, dass die Gassen der Slums tagsüber wie ausgestorben sind. Wo waren all die Erwachsenen hin? Die Männer versuchen mit Nebenjobs in der Innenstadt über die Runden zu kommen – und die Frauen haben wir jetzt angetroffen. Wir besuchen eine Fabrik, deren Anblick uns wie ein Pfahl ins Herz traf. Hunderte, wenn nicht sogar tausende Frauen und junge Mädchen sitzen Seite an Seite und nähen. Jeden einzelnen Tag – von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang – leben sie bei ihren Maschinen und bekommen einen Tageslohn von ungefähr 2 US-Dollar. Im Gegensatz zu all den anderen Menschen lächeln diese Frauen nicht – sie blicken uns nicht einmal an. Ich denke, sie haben uns schlicht nicht registriert. Die Geräusche der Maschinen sind unerträglich laut – wir steigen über Tonnen von Stofffetzen hinweg und umkurven die Arbeiterinnen. Wir wollen sofort raus – sofort. Die Ohren schmerzen und die stickige Luft bringt uns in ernsthafte Bedrängnis. Chitti schreitet mit schnellen Schritten voraus und dreht sich nicht einmal um. Als würden wir durch die Tore der Hölle gejagt, laufen wir ihm unkontrolliert nach und verfluchen ihn für diese Momente.
Warum tut er das? Warum zwingt er uns, da hindurchzulaufen? Wir fühlen uns so unglaublich mies und schuldig – vermutlich war das seine Absicht. Als wir endlich das Tor wieder erreichten, blieb Chitti stehen – schenkte aber unserem verzweifelten und schockierten Gesichtsausdruck keine Aufmerksamkeit.
Er berichtete nur: Das staatliche Stromnetz in Delhi fällt täglich wegen Überlastung etliche Male aus. Diese Sorgen hat die Bevölkerung der Slums nicht. Die Giganten der Textilindustrie haben eigene Stromleitungen verlegt, die diese Fabriken mit exzellenter Qualität versorgen. Dieser Betrieb, den wir gerade besucht haben, ist nur einer von vielen – und würden hier die Arbeiten unterbrochen werden, müssten die Textilfirmen wohl Verluste in Millionenhöhe erleiden. Die Häuser und Wohnungen der Bevölkerung hängen zwangsweise an diesem Stromnetz. Allerdings hat jedes Haus einen eigenen Stromzähler – und Angestellte der Textilgiganten klappern die Bevölkerung ab, um die Kosten einzutreiben. Wir konnten tatsächlich an jeder Haustür ein Messgerät finden – eigentlich unfassbar, oder?
Die Kinder bekommen eine minimale Ausbildung, die Frauen arbeiten für einen Hungerlohn tagtäglich an den Maschinen – und die Männer schleppen entweder 40-Kilogramm-Stoffsäcke durch die Gegend oder versuchen auf legalem, meist aber illegalem Weg in den großen Städten des Landes an Geld und Nahrung zu kommen … das alltägliche Leben in den Slums Indiens.
Chitti hat mir für meinen Bericht ein paar Fotos zur Verfügung gestellt, die ihr in der nächsten Galerie sehen könnt.
Bevor wir uns einer anderen – diesmal schöneren – Geschichte widmen (versprochen ☺), muss ich noch etwas loswerden. Ich bitte euch, diesen Absatz nur zu lesen, wenn ihr eine ganz dicke Haut habt.
Als ich mit der Metro wieder in die Innenstadt zurückfuhr, erlebte ich etwas, was mich jede Nacht aus den Träumen reißt – und ich hoffe, dass es irgendwann aufhört. Wie bereits erwähnt, hatte ich den ersten Kulturschock gut verarbeitet und mich an die speziellen Umstände in Delhi gewöhnt. Ich legte meinen kurzen Weg von der Metrostation in Richtung meines Hotels schnellen Schrittes zurück – bis mich eine ältere, verwahrloste Dame sehr forsch aufhielt. Sie blieb direkt vor mir stehen, ließ mich nicht passieren, sprach aufgeregt und lautstark in ihrer Sprache – und hatte eine Art Handtuch in ihren Armen. Vollkommen aufgelöst fuchtelte sie mit ihrem eingewickelten Gegenstand herum und wollte ihn mir geben. Ich wusste, dass dies wieder eine der typischen Verkaufsmaschen war – deswegen lehnte ich ab. Aber sie war anders: panisch, unkontrolliert, überfordert und leicht aggressiv. Obwohl ich meine Hände verschränkte, drückte sie ihre Ware an meinen Körper. Sie ließ sie los – und ich wollte es nicht fallen lassen, also nahm ich es kurz in die Hand. Das Paket fühlte sich leicht an – und ich öffnete das Handtuch, um nachzusehen, was sie mir verkaufen wollte. In dieser Sekunde war sie bereits verschwunden – und ich hatte einen toten Fötus oder ein totes Neugeborenes in meinen Händen. Es war nicht viel größer als meine Handfläche – aber ich konnte es genau erkennen. Die Frau war bereits weg … soll ich es jemandem geben? Gibt es ein Krankenhaus? Ich kann es doch nicht einfach zwischen all den Müll und Dreck in die Gassen legen – wer weiß, was die herumstreunenden Hunde machen?
Keine Ahnung, was dann passierte – die Erinnerungen fehlen. Ich weiß nur, dass ich es umgehend loswerden wollte. Der schlimmste Augenblick in meinem Leben – und ich versuche, ihn in diesem Abschnitt zu verarbeiten. Ich legte es wohl auf eine Bank oder etwas Ähnliches ab und lief einfach nur davon. Das ist nun gut drei Wochen her – aber bis jetzt gab es noch keine Nacht, in der mich diese Bilder nicht aus dem Schlaf gerissen haben. Und kaum einen Moment, der mein Gewissen nicht quälte. Die Möglichkeit, darüber zu sprechen, wird sich in den nächsten Monaten nicht ergeben – deswegen halte ich es hier fest.
Freitagabend: Das Welcome-Dinner mit meiner G-Adventures-Gruppe steht an – und ich kann es kaum erwarten. Das erste richtig feine indische Essen, das man sorgenlos genießen kann, die ersten gekühlten Biere und die ersten Gespräche mit Gleichgesinnten. Eines vorweg: Wenn ihr die glorreiche Idee habt, euch in einem Restaurant etwas mit der Schärfe Medium 🌶 zu bestellen, dann speichert vorher die Notrufnummer der Feuerwehr auf Kurztaste 1. Ich dachte, ich könnte vor meinen neuen Freunden ein wenig die Muskeln spielen lassen – und bin nach dieser Erfahrung ungelogen mindestens zehnmal um unseren Tisch gelaufen. Das sorgte für reichlich Erheiterung.
Da dieser Indien-Reisebericht im Grunde nicht als Buch veröffentlicht werden sollte, werde ich die zwei weiteren Wochen auf ein Minimum zusammenfassen. Ich erzähle euch die wunderbare Geschichte eines Jungen aus Nepal 🇳🇵, das Erlebnis, das mein Herz endgültig in Scherben aufgehen ließ – und die beinharte, ehrliche und trügerische Wahrheit über den Taj Mahal 🕌.
G Adventures stellte uns die Hilfsorganisation Salaam Baalak vor, die sich um das Leben der indischen Straßenkinder kümmert. Die wirklichen Zahlen weiß niemand – aber derzeit leben schätzungsweise über 25 Millionen Kinder auf den Straßen der indischen Metropolen. Durch Betteln, Stehlen, illegale Kinderarbeit und vor allem durch Prostitution versuchen diese Kids zu überleben. Die NGO Salaam Baalak versucht mit Unterstützung von Freiwilligen, die Kinder von den Straßen zu holen und ihnen eine Alternative anzubieten. Die Jungs stehlen und betteln an weniger frequentierten Orten, um unauffälliger zu sein – die Mädchen bevorzugen stark besuchte Plätze, um sich vor Entführungen und Misshandlungen schützen zu können. Allein in der Umgebung des Hauptbahnhofes in Delhi gehen tagtäglich über 5.000 minderjährige Mädchen auf den Strich. Da ich diesen Bereich mehrmals kreuzen musste, sagt mir mein Gefühl, dass die Dunkelziffer noch deutlich höher sein muss.
Da ihr bereits seit dem ersten Absatz ständig mit mir mitleiden müsst, entschädige ich euch mit einer dieser wenigen, aber dafür wunderschönen Geschichten. Kensal ist ein Junge aus Nepal und arbeitet als Lehrkraft bei dieser Organisation. Als er uns durch die Büros von Salaam Baalak führte, fragte er, ob wir Lust hätten, seine ganz persönliche Geschichte zu hören. (Mit „uns“ meinte er unsere G-Adventures-Truppe – aber ihr dürft natürlich auch zuhören 😉.)
Kensal wurde in den Bergen Nepals geboren. Wo und wann, weiß er nicht – nur dass seine Mutter das Haus hütete und sein Vater ein schwer alkoholabhängiger und gewalttätiger Taxifahrer war. Er verprügelte die Familie ständig – deswegen flüchtete seine Mutter über die Grenze nach Indien und nahm Kensal mit. Nach harten Monaten auf der Straße bekam seine Mutter einen Job bei einer wohlhabenden Familie. Sie wurde als Dienstmädchen eingestellt – und Kensal übernahm in jungen Jahren die Arbeit eines Hausjungen. Er schätzt, er wäre damals sieben oder acht Jahre alt gewesen. Lohn oder Gehalt bekamen sie zwar nicht – aber sie hatten einen Platz zum Schlafen und bekamen täglich etwas zu essen. Bis zu dieser Stelle klang seine Stimme sehr emotionslos, einheitlich und gelassen – als könne er sich kaum daran erinnern. Mit der folgenden Passage änderte sich das aber sofort. Er wurde laut, hektisch, gestikulierte unkontrolliert – als würde er diesen Moment gerade noch einmal erleben.
Er reinigte mit einem Besen den Spiegel, als plötzlich Geld herunterfiel. Die Hausherrin hörte die Münzen und bezeichnete ihn ohne zu zögern als Dieb. Er hatte Angst, fing an zu weinen und wiederholte ständig, dass er nichts getan hätte. Kensal konnte zu diesem Zeitpunkt weder schreiben noch lesen – geschweige denn eine indische Sprache sprechen – deswegen war es ihm kaum möglich, den Vorfall zu schildern. Er fügte hinzu, dass dies aber keine Rolle gespielt hätte – denn niemand hätte ihm ohnehin jemals geglaubt. Die beiden wurden zwar nicht herausgeschmissen – aber Kensal musste für seine vermeintliche Tat bezahlen und wurde von der Hausherrin geschlagen. Anscheinend fand sie Freude daran, den wehrlosen Jungen zu verprügeln – denn diese Bestrafung wiederholte sich Tag für Tag und wurde zunehmend brutaler und schmerzhafter. Eines Tages war seine Grenze überschritten. Ohne viel nachzudenken, flüchtete er aus dem Haus, lief in die Stadt und sprang auf die Ladefläche eines Lkws. Aus zwei Gründen erinnerte er sich noch genau an diesen Zeitpunkt. Zum einen waren seine Hände blutverschmiert und schwer verletzt – da die Ladefläche voller Scherben war – und zum anderen hatte er seine Mutter an diesem Tag zum letzten Mal gesehen.
Ich muss hoffentlich nicht erwähnen, dass uns seine Worte so fesselten, dass wir nicht einmal daran dachten, laut zu atmen oder ihn zu unterbrechen. Ich saß auf einer Bank in seinem Klassenzimmer und musste immer wieder in die Gesichter meiner Mitreisenden blicken – um festzustellen, dass ich nicht der Einzige bin, der mit seinen Tränen kämpft. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was mir Indien bereits alles abverlangt hatte.
Der nepalesische Junge landete auf den Straßen in Delhi. Er hatte nichts mehr zu verlieren und kam relativ rasch zurecht. Er lernte einige Leute kennen, die ihm anboten, seine Mutter zu suchen – und schlussendlich verkauften ihn diese Personen an illegale Firmen und ließen ihn dort arbeiten. Er flüchtete mehrmals, wurde älter und begann zu stehlen und sich zu prügeln. Als er den ersten Kontakt zu Drogen aufbaute, verlor er jeden Funken Hoffnung.
Nach Jahren fanden ihn die freiwilligen Helfer von Salaam Baalak und gaben ihm eine Chance. Mit einem süffisanten Lächeln erzählte er uns: „Offen gesagt, gaben sie mir mehrere Chancen. Ich wollte weder lernen noch die Sprache sprechen, prügelte mich ständig und hatte ein großes Problem mit Autorität – aber sie gaben mich nie auf.“
Heute ist Kensal achtzehn Jahre alt und ein unverzichtbarer Teil der Salaam-Baalak-Familie. Mit all seiner Erfahrung und seiner neuen Lebensfreude versucht er tagtäglich, Straßenkinder von ihrem traurigen Schicksal zu befreien. Seine Lebensgeschichte schloss er mit folgenden Worten ab: „Sobald ich genug Geld gesammelt habe, mache ich mich auf die Suche nach meiner Mutter!“ Habt ihr eine Vorstellung, welches Geseufze und Geheule durch die Runde ging? Wie bescheiden dieser junge Mann ist, bemerkte ich erst, als er mir sein kleines Zimmer zeigte. Da hingen doch tatsächlich Fotos an der Wand, die ihn mit Michelle Obama und dem englischen Prinzen Harry zeigten. Das sind nur zwei der berühmten Personen, die diese Hilfsorganisation nicht nur mit Geld, sondern auch mit persönlichen Besuchen unterstützen. So – das war eine herzergreifende Geschichte, oder? Ihr hättet mitgeheult – ich wünschte, ihr könntet diesen jungen Mann einmal persönlich kennenlernen.
Ja, der Taj Mahal – darum seid ihr wahrscheinlich alle hier. Wir verlassen Delhi und fahren mit einem klapprigen Bus nach Agra, um uns das berühmte Mausoleum anzusehen. Der Taj ist ein Bauwerk der Liebe 💝. In jungen Jahren verlor ein Großmogul die Liebe seines Lebens und ließ als Zeichen seiner ewigen Zuneigung den Taj Mahal für sie errichten. Die Dame, der wir das schönste Gebäude unserer Zeit verdanken, heißt Arjumand Banu Begum. Obwohl sie nicht einmal 40 Jahre alt wurde, schenkte sie dem Mogul vierzehn Kinder (!!!) … von denen sich einige gegenseitig umbrachten … aber dieses Kapitel überspringen wir – es könnte Einfluss auf die Romantik haben, die ich eigentlich verbreiten wollte. Also Jungs, lasst euch etwas Schönes einfallen 😉.
Wir haben nun zwei Optionen: 1⃣ Wir können über dieses traumhafte, aus Liebe erschaffene Mausoleum reden, wie es uns die Reiseführer vorgaukeln … über all die Romantik und die Hochglanzbilder aus den Zeitschriften … den strahlend blauen Himmel und den heiligen Fluss, der am Taj vorbeifließt … oder 2⃣ wir reden über Fakten! Ich bevorzuge Option 2⃣.
Fakten: Die Tore der Anlage öffnen sich jeden Tag um 06:00 Uhr. G Adventures war bereits um 05:15 Uhr – vor Sonnenaufgang – vor Ort, um die Poleposition zu beanspruchen. Das war auch dringend notwendig – denn bereits kurz vor Öffnung stauten sich die Reisebusse und Menschenmassen. Die Eingangstore werden pünktlich aufgesperrt – und ich verfalle sofort in dieses „Black-Friday“-Feeling. (Ihr wisst, was ich meine, oder? Wenn ein drittklassiger Elektronikhändler das neue iPhone auf dem Ladentisch anbietet und die hirnlose Masse den Saal erstürmt.) … genauso empfängt euch der Taj Mahal 😡! Der Sicherheitscheck wird umgerannt – und die Horde galoppiert, mit Selfiesticks und Kameras bewaffnet, im Laufschritt Richtung Mausoleum. Die wildromantische Wunschvorstellung eines Sonnenaufgangs ist seit Jahren nicht umsetzbar. Unser Guide erzählte uns, man müsse schon verdammt viel Glück haben und einen regnerischen und windigen Vortag erwischen, damit sich der Schleier aus Smog und Nebel legt.
Jetzt geht es nur noch darum, das beste und aufregendste Selfie-Taj-Foto zu ergattern. Das Bauwerk ist selbstverständlich unfassbar schön – aber die Atmosphäre erinnerte mich eher an einen Samstagnachmittagseinkauf beim Hofer. (Und das, wenn der darauffolgende Montag noch dazu ein Feiertag ist.) Er bietet die Möglichkeit, die Kuppel zu besuchen, ein paar nette Gräber und Tempel zu bestaunen und einen kurzen Blick ins Mausoleum zu werfen – aber extra nur wegen des Taj Mahal nach Indien zu reisen? Nein – definitiv nicht.
Der negative Höhepunkt ist der aktuelle Zustand des Yamuna. Ein heiliger Nebenfluss des Ganges, der nach der Flussgöttin Yami benannt ist und eine hohe religiöse Bedeutung für den Hinduismus hat – er zählt zu den dreckigsten Gewässern weltweit, und ein kleiner Blick genügt, um diese These zu bestätigen. Zum Schutz eurer Nerven habe ich auf die Fotos der toten Kühe und der endlosen Müllhalden in der Galerie verzichtet. Es bleibt mir ein Rätsel, wie ein souveräner Staat seinen ach so heiligen Fluss so misshandeln kann – und seine ach so heiligen Kühe noch dazu.
Kleiner Seitenhieb – wie bereits am Anfang des Berichts erwähnt: Für solche Orte wurden wahrscheinlich Bildbearbeitungsprogramme und Filter erfunden, um die raue Realität zu verschleiern. Gerade eine ehrliche Darstellung würde vielleicht die Welt wachrütteln und etwas gegen die negativen Einflüsse bewirken – aber hey … mit einem Photoshop-Bild bekomme ich bestimmt mehr 👍 … und seien wir ehrlich: darum geht es letztlich.
In der näheren Umgebung von Agra und auf dem langen Weg nach Jaipur besuchten wir noch einige interessante und weniger interessante Orte – aber fassen wir es zusammen: Smog, Müll … heruntergekommen oder renovierungsbedürftig.
Schreiten wir schön langsam zum Ende meiner Indienreise und besichtigen die zauberhafte Stadt Jaipur. Die 3-Millionen-Einwohner-Metropole (was für indische Verhältnisse eine Kleinstadt ist 😉) wird als „Painted City“ bezeichnet und zählt zu den schönsten Städten des ganzen Landes. (Gut – die Latte ist auch nicht besonders hoch.) Bezüglich des chaotischen und völlig verschmutzten Delhi oder Agra sind die Unterschiede minimal. Aber spätestens nach unserer Jaipur-Sightseeing-Tour hätte ich genügend Material, um einen eigenen Bildband zu erschaffen – mit dem Titel: „India: Instagram vs. Reality!“
Instagram: Der Hawa Mahal ist ein riesiges Luftschloss aus rosaroten und orangen Marmorsteinen. Er wurde im 18. Jahrhundert errichtet und trägt den Beinamen „Palast der Winde“. Wow – wie schön klingt das? Und dazu noch diese traumhaften Google- und Wikipedia-Bilder … da müssen wir hin!
Reality: Der Hawa Mahal liegt direkt an einer hochfrequentierten, vierspurigen Straße – die aber als sechsspurige genutzt wird. Die Abgase schweben in der Luft, der Lärm ist unerträglich – und vor Ort lauern aufdringliche Kaufleute und Händler. Dazu kommen noch Schlangenbeschwörer, die den Tieren 🐍 auf brutalste Art und Weise die Giftzähne herausschneiden, damit sie sich diese hirnlosen Touristen um den Hals hängen können.
Instagram: Der berühmte Monkey-Tempel liegt am Rande der Stadt auf einem Hügel und bietet einen traumhaften Ausblick über Jaipur. Die Affen tollen herum und warten darauf, von Besuchern gefüttert zu werden. Die Tempel sind in wunderschönen Farben gehalten (daher auch der Beiname „Painted City“) – und das gespeicherte Wasser glitzert in strahlendem Blau.
Reality: Durch den Smog kann man die Stadt kaum erkennen. Der Aufstieg zum Tempel gleicht einer Wanderung über eine Müllhalde. Die hunderten Affen springen unkontrolliert herum und knabbern an Plastikflaschen. Die Reinheit des Wassers würde ich als Sumpf bezeichnen – und wer fotografieren möchte, wird von nervigen Verkäufern und selbst ernannten Guides zur Kasse gebeten. Ich fühlte mich weniger an einem heiligen Ort als vielmehr in einen Teil der Planet-der-Affen-Trilogie zurückversetzt ⬇.
Da ich dieses Prozedere nicht unzählige Male wiederholen möchte, springen wir abschließend zum Höhepunkt jedes Jaipur-Besuchs vor: dem Amber Fort. Aus der Entfernung betrachtet ist diese riesige Burg nicht nur in der Instagram-Welt verblüffend schön anzusehen. Unser klappriger Bus bleibt am Fuße des Hügels stehen – und wir springen in einen Jeep, der uns durch die engen Gassen des Dorfes hinauf zur Burg chauffiert. Der Himmel zeigt sich von seiner blauen Seite – und sogar die Sonne kommt hinter der Nebelschicht zum Vorschein. Das wird doch nicht noch ein wirklich schöner Tag in Indien werden, oder? Wir betreten die Innenseite der mächtigen Festung – und mit einem Wimpernschlag höre ich ein mir vollkommen fremdes Geräusch. Ein Krachen? … ein Knistern? … ein seltsames Klirren? … was zur Hölle? (Wir wurden bereits von unserem Guide vorgewarnt – aber es traf mich trotzdem wie ein Blitzschlag.)
🐘! An Ketten gefesselt, in ihrer Sicht stark beeinträchtigt, stehen sie da und starren mit toten Augen in ihr Elend. Sie warten auf den nächsten hirnlosen Touristen, der ihnen Qualen zufügen möchte. Ein zwanzigminütiger Ritt, der die Tiere einmal die Festung hinunter- und hinaufführt. Unsere gestörte Gesellschaft sieht diese Giganten und denkt sich: Ach, das wird für die wohl kein Problem darstellen, oder? Dass auf ihren Ohren die große Nummer 37 klebt, dass ihre Köpfe wie verrückt hin und her schwingen – und dass die Reiter die Tiere mit ihren Stecken weiter prügeln – kann ja keine Herausforderung darstellen, oder? Seit ich denken kann, vergöttere ich Elefanten genauso wie Wale – und verfolge stets den Traum, sie einmal in freier Wildbahn sehen und erleben zu können. Ich beobachte diese Sklavenhalter aus sicherer Entfernung und traue mich kaum in ihre Nähe. Dieses mysteriöse Geräusch, von dem ich anfänglich erzählt habe, war übrigens mein Herz – das nun endgültig in Stücke brach.
Nein, ich bin keine Dramaqueen – und nein, ich übertreibe hier nicht. Seht euch diesen Wahnsinn sonst einfach selbst an. Derzeit werden am Fort Amber über 100 Elefanten gefangen gehalten und als Touristenattraktionen missbraucht. In jungen Jahren werden sie von ihrer Familie getrennt, durch massive Schläge gefügig gemacht – und laufen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sinnlos im Kreis. Ihre gigantische Größe ist gleichzeitig auch ihre größte Schwäche. Die paar zusätzlichen Kilo „Mensch“ auf ihren Rücken werden sie nicht beeinträchtigen – aber das ständige Bergauf- und Bergablaufen zerstört ihre Knie, weil sie für Höhenwanderungen nicht geschaffen sind. Den psychischen Druck können sie nicht verarbeiten – deswegen wackeln ihre Köpfe unkontrolliert hin und her. Und wofür? Warum gibt es diesen hirnrissigen Tiertourismus? Genau – für zwanzig Minuten Spaß, ein paar tolle Selfies und viele 👍!
Mittlerweile stehe ich unmittelbar neben den Elefanten und beobachte, wie sie sich im Gänsemarsch an mir vorbeischleppen. Ist er einen Schritt zu schnell, wird er mit dem Stecken geschlagen … einen Schritt zu langsam, wird er mit dem Stecken geschlagen … tanzt er aus der Reihe … wird er mit dem Stecken geschlagen. Wisst ihr, was mich am meisten traurig macht? Ich dachte, meine Generation und die Generation nach mir wären klüger. Sie werden besser aufgeklärt und bekommen ein Gefühl für Ordnung und Gerechtigkeit. Die Personen, die diese Tiere quälen, sind zum größten Teil sogar viel jünger als ich. Junge verliebte Pärchen, Familien mit ihren Kindern – die meisten aus der westlichen Welt. In diesen Momenten starb meine Hoffnung, dass sich mit der Zeit etwas ändern könnte. Sie reiten auf den Tieren – und fotografieren und filmen sich dabei noch selbst … sagt mir bitte: Wie hirnrissig, bescheuert und krank muss man sein? (Sollte von euch jemand schon Teil dieses Spielchens gewesen sein, fühlt euch gerne auf den Schlips getreten – und ihr dürft mir gerne erklären, was euch geritten hat.)
An den restlichen Teil der mehrstündigen Amber-Fort-Tour kann ich mich nicht mehr erinnern – es interessierte mich auch nicht weiter. Mir ist bewusst, dass das kein indisches Problem ist, sondern ein gesellschaftliches. Dieselben Szenen spielen sich Tag für Tag in Thailand 🇹🇭, Myanmar 🇲🇲, Sri Lanka 🇱🇰 oder wo auch immer ab … wahrscheinlich auf der ganzen Welt.
G Adventures verurteilt jegliche Form des Tiertourismus – mit ein Grund, warum ich die Agentur jedem nur ans Herz legen kann. Internationale Tierschutzorganisationen haben dieses tägliche Treiben auf der Festung Amber stark verurteilt – und es wurden vor Jahren bereits Gesetze erlassen, die vorschreiben, dass die Tiere z. B. nur zwei Stunden täglich laufen müssen. Außerdem dürfen sie keine Höhenmeter mehr absolvieren und müssen sich in „natürlicher Umgebung“ aufhalten … was auch immer das bedeuten soll: 1⃣ Es interessiert in Indien niemanden – und 2⃣ solange es Menschen gibt, die einfach zu bescheuert sind, es zu verstehen, wird es kein Ende nehmen.
Was kann man von der österreichischen Couch aus unternehmen? Einiges: Ihr könnt euch ein Versprechen geben, niemals daran teilzunehmen. Ihr könnt diese Geschichte euren Freunden, Familien und Kollegen erzählen, damit auch sie Bescheid wissen. Und ihr könnt die PETA-Online-Petition unterschreiben.
Bei unserem Abschlussdinner (zumindest die, die es gesundheitlich geschafft hatten … die Hälfte lag mit dem berühmten indischen Souvenir im Bett 🤮) diskutierten wir über diese Erlebnisse. Diese Gespräche retteten mir förmlich den Hintern – weil ich meine Eindrücke und Erfahrungen aus diesen drei Wochen sonst mit niemandem teilen konnte, der es versteht.
Zum Abschluss ein sensibles Thema, nach dem ich öfter gefragt wurde: Ist Indien für alleinreisende Frauen ein sicheres Reiseziel?
Das kann ich schwer beantworten. Fakt ist: Indische Männer dürfen indische Frauen kaum ansprechen – bei internationalen Damen verlieren sie ihre Hemmungen. Männer dominieren das Gesamtbild des Landes. Ich musste einmal zwei italienische Mädels aus einer kniffligen Situation befreien – wobei ich selbst über meinen Schatten springen musste. Im Laufe der Zeit lernte ich doch einige alleinreisende Frauen kennen. Ihre Erzählungen decken sich. Der Süden des Landes ist weniger problematisch – aber Mittel- und Nordindien würden sie niemandem ans Herz legen.
Obwohl wir eine kleine Gruppe waren, mussten die Mädels bei uns schon einiges aushalten. Obszöne Blicke, aufdringliche Selfie-Attacken – und die Halbstarken haben gerne einmal versucht, zuzugreifen. Wenn man es schafft, diese Blicke als Kompliment anzusehen und den Rest hartnäckig zu ignorieren, sollte das kein Thema sein. An alle anderen: Es gibt noch 193 Staaten dieser Erde, wo ihr vielleicht besser behandelt werdet.
Busse, Züge, Taxis, die Metro … alle haben separate Abteile – an die sich die meisten Männer auch halten. Es gibt eigene Restaurants und Geschäfte, die nur von Frauen betreten werden dürfen. Wenn ich allerdings Aufkleber sehe mit der Botschaft „We also respect women“ – hinterfrage ich schon einiges in diesem Land.
Mein Fazit: Was soll ich sagen? Bestimmt die schlimmsten – aber gleichzeitig auch lehrreichsten – Tage und Wochen meines Lebens. Diese emotionale Achterbahn werde ich hoffentlich nach meiner Rückkehr richtig aufarbeiten können. Vielleicht füge ich einmal ein Update ein. Jetzt ist es für ein Resümee noch zu früh.
Sicherheit: Kriminalität, Terrorismus etc. – darüber müsst ihr euch weniger Sorgen machen. Die größte Gefahr ist die Gesundheit. Gut die Hälfte der Rucksackreisenden, die durch Indien wandern, wird krank. So vorsichtig kann man gar nicht sein. Besorgt euch eine perfekte Krankenversicherung – und habt immer die nötigen Unterlagen bereit … im nächsten Reisebericht (Malaysia 🇲🇾) wisst ihr, was ich damit meine.
Kosten: Indien kann ein preiswertes Reiseland sein – aber man sollte auf die Preise achten. Du kannst für 50 Cent oder auch für 5 Euro essen gehen. Meistens steht der Preis nicht unbedingt für Qualität – aber er kann etwas aussagen. Eine Fahrt mit der Metro: 20 Cent, einmal beim Friseur: 90 Cent, eine Flasche Wasser: 5 Cent usw. – unglaublich günstig, aber meist in äußerst mieser Qualität.
Aus der Kategorie „Im Nachhinein schlauer“: Wenn ihr allein durch Indien reisen wollt – bereitet euch gut vor, lernt die Tricks, studiert die Abzockermethoden, achtet auf die Hygiene und lest am besten viele Reiseberichte. Keine Reiseführer mit aufpolierten Postkartenfotos – sondern Berichte und Blogs, die ehrliche Erfahrungen teilen und nicht aus 5-Sterne-Hotels verfasst wurden. Während dieser Zeit habe ich einige solcher Berichte gelesen – und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich noch gut davongekommen bin … 🤷
Von Smog Country geht es jetzt für einen kurzen Abstecher in den malaysischen Dschungel 🇲🇾. Da ich bezweifle, dass wir uns vor Weihnachten noch einmal lesen werden – Merry X-mas Everyone 🎅!
Hier geht’s zu Kapitel 35 Malaysia 🇲🇾























































































