Kapitel 34 – đźđł Indien
Indien ist anders ⊠Indien ist speziell. An dieser Stelle spare ich mir mein klassisches EröffnungsplĂ€doyer. Wenn es euch interessiert, wie ich den Norden des Landes erlebt und ĂŒberlebt habe, dann macht es euch gemĂŒtlich â denn es könnte lĂ€nger dauern. Nur eine Bitte: Wenn ihr euch die Zeit nehmt, lest den Bericht zu Ende â ĂŒberspringt keine Kapitel, sonst geht der Zusammenhang verloren.
Wusstet ihr, dass bis in die spĂ€ten 60er-Jahre die indische FuĂballnationalmannschaft ✠zu den besten der Welt gehörte? Sie war regelmĂ€Ăig Teilnehmerin an groĂen Turnieren und sorgte mit achtbaren Erfolgen fĂŒr Aufsehen â bis zu jenem einen verhĂ€ngnisvollen Tag, als die FIFA eine RegelĂ€nderung beschloss: ⊠Schuhe an! âJungs, ihr mĂŒsst Schuhe anziehen!“ Das barfĂŒĂige Spiel der Inder war Geschichte â und gleichzeitig auch ihre Erfolgsgeschichte. Aktuell dĂŒmpelt das zweitbevölkerungsreichste Land auf Platz 116 der FIFA-Weltrangliste herum â knapp hinter Luxemburg đ±đș und gerade noch so vor der GroĂmacht FĂ€röer Inseln đ«đŽ. Warum erzĂ€hle ich euch diese nette Anekdote? Damit ich euch ein kleines LĂ€cheln abtrotzen kann â denn es könnte fĂŒr lĂ€ngere Zeit das Letzte gewesen sein.
Ich habe lange ĂŒberlegt, welchen Begriff ich erfinden mĂŒsste, um nur annĂ€hernd beschreiben zu können, wie es sich anfĂŒhlt, am internationalen Flughafen von Delhi zu landen. Der Begriff âKulturschock“ kam mir in den Sinn â aber nein, ein Kulturschock war es bestimmt nicht. Dass Indien anders ist, wusste ich â dass Indien eine herausforderndere Aufgabe wird, war mir bewusst â aber auf dieses Szenario war ich nicht vorbereitet. Der Empfang am Indira Gandhi International Airport war schon vielversprechend: WLAN funktionierte nicht, kein einziger Bankomat verfĂŒgte ĂŒber Bargeld â und als ich die Flughalle verlassen hatte und sie wieder betreten wollte, wurde Eintrittsgeld (!!!) verlangt.
Ihr kennt dieses Bild aus den ORF2-Universum-Dokumentationen: Eine Horde blutrĂŒnstiger Alligatoren wartet mit knurrendem Magen und fletschenden ZĂ€hnen auf ihre Beute. Dieses StĂŒck Fleisch war ich â und die Reptilien waren die indischen Taxifahrer. Dass Begriffe wie PrivatsphĂ€re oder respektvoller Mindestabstand nicht existieren, war mir bewusst â aber wie diese aufdringlichen und mĂŒrrischen Menschen ĂŒber einen herfallen, ĂŒbertraf meine schlimmsten BefĂŒrchtungen. Ohne jeglichen Skrupel wird gezogen, gezerrt und gegrapscht.
Zum GlĂŒck hatte ich im Oman ein paar indische Rupien gewechselt und konnte mich per Metro zum Hauptbahnhof retten. Die U-Bahn war auĂerordentlich sauber, menschenleer und klimatisiert. Obwohl ein 24-Stunden-Ticket nur 20 Cent kostet, kann sich die durchschnittliche Bevölkerung die Fahrten nicht leisten. Laut Google Maps benötigte ich vom Hauptbahnhof zu meinem Hotel (4 Sterne, Booking.com-Bewertung 8,4 â absoluter Luxus fĂŒr mich) ungefĂ€hr fĂŒnfzehn Minuten Gehzeit. Am Ende wurden es 90 (!!!) Minuten. Diese paar hundert Meter waren die gröĂte KriegserklĂ€rung meines bisherigen Lebens â purer Wahnsinn, der nur von Abscheulichkeiten ĂŒberboten wurde. Wortwörtlich musste ich mich mit meinem GepĂ€ck durch zehntausende Menschen durchschlagen und durchkĂ€mpfen. Alles, was ĂŒber zwei oder vier RĂ€der verfĂŒgte, fuhr kreuz und quer durch die Gegend. Die GerĂ€uschkulisse war nicht zum Aushalten â die Inder hĂ€mmerten im Sekundentakt auf ihren Hupen herum. Jeder einzelne Schritt muss bewusst gesetzt werden â der Gehsteig fĂ€llt auf ganzer Linie auseinander und ist ĂŒbersĂ€t mit tiefen Schlaglöchern und indischen Landminen. (Ich hoffe, ihr seid gerade nicht beim Essen â deswegen erspare ich euch die genauere Definition.) Dazu kommt ein ekliger Geruch von Urin, Erbrochenem und halbtoten Tieren, die zwischen dem Abfall in den Gassen hausen. NatĂŒrlich erkennt die Bevölkerung einen EuropĂ€er unverzĂŒglich â deswegen versuchte mich jeder einzelne Tuk-Tuk-Fahrer in sein GefĂ€hrt zu zerren. Anfangs nahm ich das als persönlichen Angriff wahr â mittlerweile weiĂ ich, dass dies die einzige vernĂŒnftige Lösung gewesen wĂ€re. Den Schmutz auf den StraĂen â den könnt ihr euch nicht einmal ansatzweise vorstellen. Ich hielt mir schĂŒtzend die HĂ€nde vors Gesicht und versuchte, mich mehr oder weniger Richtung Hotel zu kĂ€mpfen. Im Nachhinein wĂ€re es klĂŒger gewesen, einen anderen Ort fĂŒr meine Unterkunft zu wĂ€hlen â denn die Umgebung des Hauptbahnhofes ist das abgefuckteste Viertel unseres Planeten.
Ich hĂ€tte nicht mehr daran geglaubt, unverletzt und mit meiner ganzen AusrĂŒstung den Check-in zu erreichen. Diesen Moment kann ich noch immer zu hundert Prozent nachempfinden. Hinauf ins Zimmer, tief durchschnaufen â und einen Blick aus dem Fenster werfen. In dieser Sekunde wurde mir der Wahnsinn bewusst. Was in den HauptstraĂen von Delhi Tag fĂŒr Tag und Nacht fĂŒr Nacht abgeht, ist unvorstellbar. Ich sehe unzĂ€hlige Tuk-Tuks, ramponierte Busse und Autos, die quer durch die Gegend fahren. Da die StraĂen vollkommen verstopft sind, weichen sie auf die Ăberbleibsel der Gehsteige aus. Es tummeln sich tausende Menschen und teilen sich den Weg mit Hunden, Ziegen, KĂŒhen und Elefanten. Ja â Elefanten. Aber dazu kommen wir spĂ€ter noch. Ich nehme mir diese ruhigen Momente bewusst, um etwas Energie zu tanken â und erkenne diese schockierenden Bilder. Die meisten dieser Menschen wohnen auf den StraĂen â sie waschen sich, betteln um Essen und verrichten ihre Notdurft ⊠eine unvorstellbare Welt fĂŒr uns gesegnete EuropĂ€er.
Ich hatte immer nur denselben Gedanken: Was zur Hölle geht hier ab? Ist das real â gibt es so etwas auf unserer Erde wirklich? Als der erste Schock schön langsam meinen Körper verlieĂ, schaffte ich es auf unerklĂ€rliche Weise, unter dem harmonischen Klang dieser beschissenen Hupen einzuschlafen.
Nun hatte ich zwei Möglichkeiten: 1⣠Ich konnte mich die nĂ€chsten fĂŒnf Tage in meinem kleinen Hotelzimmer verkriechen, dem himmlischen Klang der Hupen lauschen und alle vier Stunden mein Zimmer lĂŒften, um den Smog kennenzulernen â oder 2⣠ich bewaffnete mich und stĂŒrmte in die Schlacht.
Ich wĂ€hlte ein paar interessante Orte aus, die in halbwegs erreichbarer Schlagdistanz lagen. Eine Telefon-SIM-Karte konnte ich in ganz Delhi nicht finden â und da alle Bankomaten âOut of Order“ waren, lieĂ ich meine WertgegenstĂ€nde einfach im Zimmer.
Let’s Get Ready To Rumble: Mario vs. Delhi â ROUND ONE!
Mein erstes Ziel lag nur wenige hundert Meter entfernt â ein antiker Wassertank. Der Rajon Ki Baoli ist ein ins Erdreich versenktes Brunnenbauwerk (Stufenbrunnen) aus dem Jahr 1506. Kaum verlieĂ ich meinen sicheren KĂ€fig, ging der scheinbar absurde Wahnsinn wieder los. Jeder Inder wollte mein Freund sein, jeder begleitete mich hartnĂ€ckig â und alle hatten den âbest price“ fĂŒr mich parat. Sobald du einmal den Fehler machst, die Frage nach der NationalitĂ€t zu beantworten, wirst du sie nicht mehr los. Und sie sind verdammt gut geschult.
Austria đŠđč â âOh! Austria, we love David Alaba â you know David Alaba?“
Sweden đžđȘ â âOh! Sweden, we love Zlatan â you know Zlatan?“ (gemeint ist Zlatan IbrahimoviÄ).
Mit der Zeit machte ich mir selbst ein lustiges Spielchen daraus: Egal welchen Staat ihr vorgebt â sie kennen alle einen Nationalhelden, um geradewegs eine Beziehung aufzubauen. Solltet ihr eure stĂ€ndigen Begleiter erfolgreich abgeschĂŒttelt oder ignoriert haben, wartet die gröĂte Herausforderung auf euch: die StraĂen von Delhi!
Zwei Zitate, die euch den alltÀglichen Ablauf nÀherbringen sollen:
âA red light never stops the traffic â but a cow does“: Zitat meines Guides.
âEs herrscht âoffiziell‘ Linksverkehr fĂŒr StraĂenfahrzeuge. Verkehrsregeln gibt es ansonsten nur theoretisch. In der Praxis hat grundsĂ€tzlich das schwerere Fahrzeug Vorfahrt ⊠Lkws lassen sich also von MotorrĂ€dern im Gegenverkehr nicht vom Ăberholen abhalten. Lichthupe bedeutet so viel wie âAus dem Weg â ich halte nicht an‘. Dies wird z. B. bei Gegenverkehr an Engstellen eingesetzt.“ (Quelle: Wikipedia)
Alles, was sich irgendwie bewegen kann, lauert auf den StraĂen und Gehwegen der 20-Millionen-Einwohner-Metropole. Verrostete Busse ohne Scheiben, Bremsen und Licht â abgemagerte Stiere, die einen Wagen vor sich herziehen â Einheimische, die auf Kamelen und Elefanten reiten â halbverendete KĂŒhe, die verstört durch die Gegend irren â abertausende verwahrloste Hunde, die nach Nahrung und Streicheleinheiten suchen â unzĂ€hlige Tuk-Tuks und Rikschas, die sich jeden Meter frei hupen. Ampeln und Zebrastreifen dienen rein als Dekoration â und die Gehwege sind entweder völlig zugeparkt, zugemĂŒllt oder (verzeiht mir den Ausdruck) zugeschissen.
Die tödlichen StraĂen Indiens fordern jĂ€hrlich 150.000 Todesopfer. Umgerechnet bedeutet das, dass alle paar Monate die komplette Bevölkerungszahl Klagenfurts allein in den StraĂen ausradiert wird. Mich verwundert diese Statistik nicht â denn jede Ăberquerung grenzt an eine Runde russisches Roulette. Wenn ihr versucht, diese StraĂen zu ĂŒberqueren: Quetscht euch zwischen ein paar Einheimische â und bleibt niemals!!! Niemals!!! stehen.
Wenn der Verkehr vollkommen zum Erliegen kommt, weichen die Motorradfahrer auf die Gehwege aus â und man fĂŒhlt sich wie in einem Pac-Man-Spiel gefangen. Die wenigen freien Meter werden von HĂ€ndlern blockiert, die ihre mobilen GeschĂ€fte und MĂ€rkte aufbauen. âFriseure“ bieten ihre Dienste an â andere verkaufen frische Duschen aus einem WasserkĂŒbel. Kleine Kinder betteln um Geld â entstellte und verkrĂŒppelte Bewohner flehen um Hilfe. Auf den StraĂen von Delhi ergibt sich eine 98-prozentige MĂ€nnerdomĂ€ne â und mit heller Hautfarbe bist du ohnehin eine RaritĂ€t.
(Die Videos wurden zwar in Jaipur und Agra aufgenommen und spiegeln nicht im Ansatz den Wahnsinn in Delhi wider â aber so könnt ihr zumindest die GerĂ€uschkulisse erahnen.)
Dazu gesellen sich noch kleine VerkaufsstĂ€nde, an denen das tĂ€gliche Essen zubereitet und angeboten wird. Abgesehen davon, dass uns diese Keime den Magen umdrehen werden, ist es gefĂ€hrlich, vorbeizugehen. Das heiĂe Fett spritzt aus den groĂen, offenen Pfannen und Töpfen in alle Richtungen â und hat mich einige Male richtig ĂŒbel verbrĂŒht.
Der MĂŒll liegt zentimeterhoch in den Gassen verteilt und wird durch leblose Katzen, Hunde und Ratten garniert. Interessanterweise gibt es genĂŒgend MĂŒllcontainer â aber die sind leer. Die Inder lieben es, ihren Dreck auf die StraĂen zu werfen ⊠die Kinder lieben es, ihren Abfall aus den Schulbussen zu schmeiĂen â und der Rest wird einfach aus den Fenstern geworfen. Nein, leider ĂŒbertreibe ich nicht ⊠das scheint die schockierende indische MentalitĂ€t zu sein.
Meine Augen und Ohren leiden bereits â aber das ist bedauerlicherweise erst der Anfang. Was ihr in keinen Bildern oder Videos sehen und nachvollziehen könnt, ist dieser Geruch ⊠dieser abscheuliche Geruch, der einen stĂ€ndig begleitet. Zum GlĂŒck gewöhnt man sich nach einigen Tagen daran â aber angenehm ist etwas anderes.
Wir wissen nun bereits: Die Augen, die Ohren und die Nase werden tagtĂ€glich in Mitleidenschaft gezogen. Der unbesiegbare Endgegner ist aber jemand ganz anderes â darf ich vorstellen: Smog! WĂ€hrend meines Delhi-Abenteuers wurden neue Rekordwerte gemessen. Obwohl man sich an alle anderen UmstĂ€nde von Tag zu Tag besser gewöhnt, werden die Qualen der Luftverschmutzung immer barbarischer. Wenn du mehrere Tage durch die dreckigste Innenstadt der Welt lĂ€ufst, hat das Folgen fĂŒr deinen Körper. Das unsanfte Brennen in den Augen ist das eine â aber das beharrliche Kratzen in der Kehle ist etwas anderes. Nach zwei bis drei Tagen Aufenthalt besorgte ich mir eine Mundschutzmaske, die ich bis dahin nur von meinen asiatischen Touristenmassen kannte. (Update 2020: Wer hĂ€tte das gedacht? Ein Jahr nach meinem Delhi-Besuch trĂ€gt die ganze Welt diese Masken đ·.)
FĂŒnf Tage verbrachte ich in der indischen Metropole â fĂŒnf Tage voller Sonnenschein ⊠die Sonne đ habe ich nicht ein einziges Mal gesehen. Wenn ihr dem allgegenwĂ€rtigen Smog ausgesetzt seid, fĂŒhlt es sich an, als wĂŒrde eine unsichtbare Hand konstant euren Hals ein klein wenig fester zudrĂŒcken. Eine grausame Empfindung!
WĂ€hrend meiner Indien-Expedition habe ich einige Inder auf diesen Zustand angesprochen â und eines haben sie alle gemeinsam: Es interessiert niemanden! Sonnenschutzcreme wirst du niemals brauchen â und auch Schnee ist nicht notwendig, du kannst deinen Namen auch so auf einem Autodach verewigen. Wenn du vor dem erhofften Tempel oder der gesuchten Moschee stehst, benötigst du ein wenig Fantasie, um die RealitĂ€t mit den hochglanzpolierten Google-Fotos zu vergleichen.
Verzeiht bitte mein chronisches Durcheinander â aber hier bietet sich die passende Gelegenheit, euch den Unterschied zwischen RealitĂ€t und Instagram bildlich darzustellen. Beim Taj Mahal habe ich einen britischen Influencer kennengelernt. Wir waren einige Stunden gemeinsam unterwegs â und er schickte mir ein paar seiner Bilder. Als diese Fotos aufgenommen wurden, standen wir Seite an Seite. Meines spiegelt die RealitĂ€t wider â und er packte ein paar Filter aus. Ob ihr es schafft zuzuordnen, welches welches ist?
Wir befinden uns ja immer noch in der ersten Runde đ. Verzeiht mir diesen Absatz â aber ich habe mir geschworen, diesen Text genauso zu schreiben, wie ich es empfunden habe. NatĂŒrlich tragen Faktoren wie OberflĂ€chlichkeit und SubjektivitĂ€t ihren Teil dazu bei â und einige wĂŒrden es sogar als Ansatz von Rassismus sehen â aber das sind meine Eingebungen und EindrĂŒcke. Obwohl ich nach drei Wochen Indien dieses Land und seine Bevölkerung ein wenig besser verstehen konnte, Ă€nderte sich bedauerlicherweise sehr wenig an meinen Sichtweisen.
Neben dem Verkehr, dem Dreck, der Mittellosigkeit, dem Smog ⊠gibt es leider noch einen Aspekt, den ich so nicht erwartet hĂ€tte: den Inder an sich! Steinigt mich, verflucht mich, hasst mich â wie auch immer â prinzipiell ist mir das völlig egal. SelbstverstĂ€ndlich gibt es auch freundliche Inder (bei 1,4 Milliarden sollte das möglich sein) â und ich schere jetzt bewusst alle 19 Millionen Inder aus Delhi ĂŒber denselben Kamm â aber meine Erfahrungen lieĂen mir keine andere Wahl.
Nachdem ich den antiken Stufenbrunnen besichtigt hatte, folgte ich meiner Route zur AusgrabungsstĂ€tte Matar und zum Birla-Mandi-Tempel. Auf den wenigen hundert Metern hörte ich unzĂ€hlige Male âHi my friend!“, âWhere are you from?“ und âSpecial Price“ ⊠grundsĂ€tzlich hilft Ignorieren und ein höfliches, aber bestimmtes âNo, thank you!“ â aber nicht in Delhi! Ein zuvorkommender Inder im Anzug half mir ĂŒber die StraĂe â um mich danach in ein âTouristenbĂŒro“ zu zerren â und gebildete indische Studenten âbegleiteten“ mich unsanft und dominant zu dubiosen VerkaufslĂ€den. Dieses ununterbrochene Angesprochensein ist das eine â aber wenn du dann stĂ€ndig angegriffen und herumgeschubst wirst, ist es mit der Duldsamkeit und der Herzlichkeit vorbei.
Einige BelĂ€stigungen spĂ€ter besuchte ich den Gurudwara Bangla Sahib und konnte zum ersten Mal etwas durchatmen und in die Welt des Sikhismus eintauchen. Diese wunderbare Tempelanlage darf man auch als Tourist barfuĂ erkunden und genieĂen. Immerhin an den heiligen Orten hĂ€lt sich die Aufdringlichkeit in Grenzen. Eine Hilfsorganisation bereitet tĂ€glich 15.000 Mahlzeiten fĂŒr die Besucher zu. Dank meiner Orientierungslosigkeit bin ich zufĂ€llig in dieser gigantischen KĂŒche gelandet ⊠meine Hochachtung fĂŒr die tĂ€gliche WohltĂ€tigkeit â aber als ich gesehen habe, wie das Essen zubereitet wird ⊠lassen wir das lieber.
An dieser Stelle wĂ€re die gewohnte Galerie mit all meinen schönen Bildern angedacht gewesen â wie zuvor erwĂ€hnt: wĂ€re! Entweder dominierte der Smog die Optik, oder es wurden utopische âFotogebĂŒhren“ verlangt, oder Fotografieren war verboten. Nein â keine klassischen âNo Photos“-Warnschilder, sondern beim Betreten diverser GebĂ€ude werdet ihr untersucht und mĂŒsst einem allzu vertrauenswĂŒrdigen (Achtung, Ironie!) âAngestellten“ das Mobiltelefon und die Kamera aushĂ€ndigen â in der Hoffnung, sie jemals wiederzusehen.
Let’s Get Ready To Rumble: Mario vs. Delhi â ROUND TWO!
Am zweiten Tag verstieĂ ich gegen meine heiligen Prinzipien und organisierte mir einen Guide. Ăber die Touristikwebsite TripAdvisor buchte ich mir eine Tour: Kleingruppenreise mit vorgegebener Route â inklusive Eintritt, FotogebĂŒhren und Mittagessen. Die Bewertungen waren ausnahmslos positiv â also wagten wir diesen Versuch.
Ich wurde pĂŒnktlich von meinem Guide â inklusive zusĂ€tzlichem Fahrer â abgeholt und musste feststellen, dass ich der einzige Gast war. Unser erster Stopp war eine nicht geplante Shoppingtour. Ich dachte mir: Gut, du hast es probiert â lass uns das bitte ĂŒberspringen und unsere Ziele abklappern. Die gröĂte Moschee des Landes war unser erster vereinbarter Aufenthalt. Der Eintritt zur Jama Masjid ist im Allgemeinen kostenlos â aber es wird eine saftige FotogebĂŒhr verlangt. Mein (noch) vertrauenswĂŒrdiger Guide fĂŒhrte mich durch einen Nebeneingang (um den Massen auszuweichen), wo ich dennoch aufgefordert wurde, eine nicht unerhebliche EintrittsgebĂŒhr zu bezahlen. Ich erklĂ€rte ihm ohne Verzögerung, dass wir auf solche Methoden verzichten â sonst endet unsere Reise hier. In den hochpolierten Reisemagazinen glĂ€nzt die Jama Masjid in der roten Farbe ihres Sandsteins. Im Gegensatz zu Marmor ist Sandstein gegen Wind, Wetter und Luftverschmutzung kaum resistent â deswegen wird die Moschee zeitnah in sich zusammenfallen. Durch den dichten Smog konnte ich gerade noch die Spitze des Minaretts erkennen.
Weiter ging die Tour zum berĂŒhmten India Gate. Dieses mĂ€chtige Monument wurde von den Briten errichtet, um an die indischen Opfer des Ersten Weltkrieges zu gedenken. Mein Guide wartete immer im Wagen â deswegen musste ich mir die Hintergrundinformationen selbst zusammensuchen. Dieser Platz ist stark frequentiert und es wimmelt von aufdringlichen Kaufleuten, die gerne handgreiflich werden â und von kleinen Kindern, die sich als Taschendiebe ĂŒben. Das PhĂ€nomen, stĂ€ndig als Fotomodell herzuhalten, ist wohl auch eine typisch indische Angelegenheit. Durch mein andersartiges Aussehen werde ich laufend zu Selfies genötigt. Ein freundliches âDarf ich?“ â nein, nicht in Delhi. Du wirst einfach herbeigezogen, festgehalten und đ·.
Das schönste Bauwerk der ganzen Stadt ist der Lotus-Tempel. In der digital aufpolierten Instagram- und Photoshop-Welt eine bezaubernde Tempelanlage â in der brutalen RealitĂ€t ein Ort, den man schnellstmöglich wieder verlassen möchte. Als erstes muss man sich einem Sicherheitscheck unterziehen (wie am Flughafen) â was grundsĂ€tzlich kein Problem darstellen sollte ⊠wĂ€re da nicht die âAnstellmentalitĂ€t“ der indischen Bevölkerung. Eine zivilisierte Schlange habe ich natĂŒrlich nicht erwartet â eher ein italisches Weintraubensystem. In Indien wĂŒrde ich es als wirbelnden Wasserstrudel bezeichnen, der stĂ€ndig in Bewegung ist. Hier musst du einfach mitmachen: kĂ€mpfen, Ellbogen ausfahren, schubsen, zwicken und beiĂen â sonst ĂŒberstehst du es nicht. (Das gilt ĂŒbrigens fĂŒr jede Art des Anstehens â viel SpaĂ vor dem Ticketautomaten.) Durch den Nebel konnte ich den Lotus-Tempel kaum erkennen â und ich war heilfroh, dass dieser Besuch frĂŒher als gedacht vorbei war, denn das stĂ€ndige Geschubse zeigte schon AnsĂ€tze einer Massenpanik.
In Wirklichkeit waren noch einige Spots auf der vereinbarten Liste â aber nachdem mich mein Guide zum dritten Mal in ein GeschĂ€ft âgezwungen“ hatte, wollte ich schlicht und einfach nicht mehr. Gezwungen: Der Wagen parkt 50 Zentimeter vor der EingangstĂŒr â und die Kaufleute erwarten dich bereits. Die Angestellten nötigen dich zum Erwerb von sinnlosen Souvenirs oder T-Shirts. Ich hatte keine Lust mehr, gab mich geschlagen und kaufte etwas Sinnloses, um wieder herauszukommen. Aber selbst dann gaben sie keine Ruhe und zeigten sich nicht zufrieden.
Was geschah, als ich meinem ReisefĂŒhrer sagte, ich habe keinen Bock mehr und er soll mich bitte zurĂŒckfahren, ist unvorstellbar: Er weigerte sich! Er versperrte die TĂŒren von innen und zwang mich, ihm eine 5-Sterne-TripAdvisor-Bewertung zu geben. Zuerst erwiderte ich, ich werde es in Ruhe im Hotelzimmer durchfĂŒhren â und habe hier ohnehin keine Internetverbindung. Aber er weigerte sich weiterzufahren, baute immer mehr Druck auf, wurde aggressiver und richtete mir einen Hotspot ein. Wie ein kleines Kind wurde ich richtig trotzig, verlor die Kontrolle, gab ihm mein Mobiltelefon und sagte: Er soll sich seine beschissenen 5 Sterne selbst geben. Eigentlich meinte ich das sarkastisch â aber ⊠verdammt!!! ⊠er hat es wirklich getan. FĂŒnf Sterne! Er fĂŒgte noch hinzu, was fĂŒr einen tollen Tag wir hatten und dass ich jedem diese Tour empfehlen wĂŒrde ⊠bla bla bla.
Leute, ich war so geladen đĄ. Auf der ganzen RĂŒckfahrt kochte ich innerlich â war kurz vor dem Explodieren. Ich weiĂ nicht, ob ich in meinem ganzen Leben schon so wĂŒtend war. Ich schwieg vor mich hin â aber er erzĂ€hlte mir etwas und wollte wieder mein bester Freund sein. Als wir beim Hotel ankamen, brach in mir der Vulkan aus. Er verlangte fĂŒr sich und seinen Fahrer Trinkgeld â sonst wĂŒrde er die TĂŒr nicht öffnen. Als er versuchte, nach meinen Sachen zu fassen, hĂ€mmerte ich wie von Sinnen gegen die Fensterscheibe â mit der vollen Absicht, sie zu zerbrechen. Ich verlor die Kontrolle â bis die SicherheitskrĂ€fte, die mein Hotel bewachten (Standard in Indien), auf mich aufmerksam wurden und ihn zwangen, mich aus dem Wagen zu lassen.
Nachdem ich umgehend meine Bewertung âkorrigiert“ hatte, beschwerte ich mich auf jede erdenkliche Art beim Veranstalter. Ihr könnt euch ausrechnen, wie sehr es ihn interessierte đĄ.
Let’s Get Ready To Rumble: Mario vs. Delhi â ROUND THREE!
Indien wollte mich brechen, verlangte mir alles ab â aber ich war noch nicht in der Position, den Fehdehandschuh zu werfen. Runde drei fĂŒhrte mich auf die Spuren zweier faszinierender Persönlichkeiten, die allerdings nicht miteinander verwandt oder verschwĂ€gert sind. Welcher Name kommt euch als Erstes in den Sinn, wenn ihr an berĂŒhmte Inder denkt? (Bitte sagt jetzt nicht: der Inder aus der Handywerbung đ.) ⊠genau, deutlich besser:
Auf den Spuren von Mahatma Gandhi!
Einen detaillierten Lebenslauf ĂŒberspringen wir â denn wir alle kennen Mahatma Gandhi und wissen ungefĂ€hr, was er fĂŒr sein Land geleistet und geopfert hat. Am frĂŒhen Morgen besuchte ich Delhis wichtigste GedenkstĂ€tte. Raj Ghat liegt am Westufer des Flusses Yamuna und schenkte mir einen völlig neuen Blick auf die indische Metropole. Zum allerersten Mal konnte ich eine GrĂŒnanlage sehen, hörte die Vögel zwitschern und konnte ein paar blaue Flecken am Himmel erkennen. Raj Ghat symbolisiert mit schwarzen Marmorplatten und einer ewigen Flamme den Ort, an dem Mohandas Karamchand Gandhi eingeĂ€schert wurde. Im Hinduismus ist die EinĂ€scherung ein heiliger Vorgang â deswegen sammelten sich im JĂ€nner 1948 hunderttausende Inder, um Gandhi die letzte Ehre zu erweisen. Seine bescheidene Existenz ist uns bekannt â und genauso könnt ihr euch die AtmosphĂ€re an dieser GedenkstĂ€tte vorstellen. Ich hatte Reisebusse, aufdringliche VerkĂ€ufer und Sicherheitspersonal erwartet â aber ich war allein. Wie aus dem Nichts tauchte dieser magische Augenblick auf. 71 Jahre nach seinem Tod sitze ich auf der grĂŒnen Wiese, beobachte das Feuer und gedenke dieses groĂartigen Menschen. Ist das der Wendepunkt? Wurde ich fĂŒr meine HartnĂ€ckigkeit belohnt?
Um auf seinen Fersen zu bleiben, besuchte ich das Gandhi Smriti. In diesem GebĂ€ude, das gleichzeitig als Museum dient, verbrachte Mahatma Gandhi die letzten 144 Tage seines Lebens. Ein kleiner Schreibtisch, ein weiĂes Bett und sein berĂŒhmter Gehstock â das war alles, was er benötigte. Ich war erstaunt, dass ich dieses Haus mit all seinen RĂ€umen problemlos betreten konnte. Alles im Originalzustand, weit und breit kein einziger Mensch, keine anderen Besucher, keine Touristen ⊠absolut niemand. In seinem Zimmer ist sein letzter weiĂer Umhang ausgestellt â bedeckt mit Blutspritzern, denn der Mordanschlag fand nur wenige Meter entfernt statt. Kleine, aufgemalte FuĂabdrĂŒcke fĂŒhren mich in den Garten, wo Gandhi am 30. JĂ€nner 1948 getötet wurde. Die FuĂspuren reprĂ€sentieren seine letzten Schritte auf dieser Erde. Ich musste schmunzeln, als ich feststellte, dass meine FĂŒĂe doppelt so groĂ sind wie seine â und trotzdem konnte ich mit ihm nicht Schritt halten. Auch hier begleiteten mich die Vogelstimmen, die ersten Sonnenstrahlen und eine tödliche Stille.
So nah dabei zu sein löste unerklĂ€rbare GefĂŒhle in mir aus. Ich folgte seinen Schritten weiter â wurde aber stets langsamer, weil ich wusste, dass eine Spur bald enden wĂŒrde ⊠nun war es so weit â aber ich wollte es nicht wahrhaben. Sein letzter FuĂabdruck endet an der MĂ€rtyrersĂ€ule, wo einst ein Tempel stand, an dem Gandhi gebetet hatte. âFather of the Nation“ wurde in den schwarzen Marmor eingraviert. Exakt hier â wo ich jetzt stehe â wurde der Rechtsanwalt und geistige FĂŒhrer der indischen UnabhĂ€ngigkeitsbewegung kaltblĂŒtig ermordet. Ein bedrĂŒckendes GefĂŒhl. Ich hatte GĂ€nsehaut am ganzen Körper und erinnerte mich an meinen Besuch des Anne-Frank-Hauses in den Niederlanden â denn dort empfand ich Ă€hnliches Leid.
Die nĂ€chsten Stunden verbrachte ich im National Gandhi Museum, um tiefer in seine Lebensgeschichte einzutauchen. Ihr dĂŒrft dieses Museum nicht mit einem europĂ€ischen oder US-amerikanischen vergleichen â es ist genauso bescheiden wie sein Dasein. Kein Schnickschnack, keine moderne Technik, keine ĂŒberdimensionalen Projektoren. Viele Informationen, unglaubliche Fotografien aus seiner Jugend und fesselnde Geschichten lassen die Zeit wie im Fluge vergehen.
Indira Gandhi war die erste Premierministerin Indiens â und die zweite auĂergewöhnliche Persönlichkeit, die ich kennenlernen wollte. Obwohl sie mit Mahatma Gandhi nicht verwandt ist, zeigen ihre Biografien deutliche Parallelen. Hochgradige FĂŒhrungsqualitĂ€ten, ein KĂ€mpferherz, Erfolg auf höchster Ebene ⊠allerdings erlitt sie auch dasselbe Schicksal. Wenige Minuten nach Beginn eines Live-Interviews wurde Indira Gandhi ermordet. In einem kleinen Hinterhof ihres Gartens wurde die ehemalige Premierministerin von ihrem LeibwĂ€chter hinterrĂŒcks erschossen. Und nun stehe ich hier â am zweiten realen Ort eines Verbrechens â und empfinde wieder dieses bedrĂŒckende GefĂŒhl, verschmolzen mit der Totenstille und der Einsamkeit. Die Empfindungen ĂŒberrollen mich â aber langsam beginne ich zu verstehen, was dieses Land erleiden musste. Die Biografie von Indira Gandhi ist ungreifbar spannend, fesselnd und dramatisch zugleich. Wenn ihr einmal Lust und Zeit habt â ihre Geschichte sei euch wĂ€rmstens ans Herz gelegt. Ihr werdet sie nie vergessen.
Let’s Get Ready To Rumble: Mario vs. Delhi â ROUND FOUR!
Bei meinen Recherchen stieĂ ich auf die Reality Tours and Travel Organisation â einen internationalen, wohltĂ€tigen Verein, der mit lokalen NGOs zusammenarbeitet. Ich lernte Chitti kennen, der bereits am nĂ€chsten Tag Zeit fĂŒr mich hatte und mir eine Welt zeigte, von der ich nicht wusste, dass sie existiert. Diese Emotionen und Erfahrungen schriftlich festzuhalten erfordert die höchste QualitĂ€t im kreativen Schreiben â und davon bin ich kilometerweit entfernt. Deswegen verzeiht mir bitte die konfusen Formulierungen im nĂ€chsten Absatz â dafĂŒr nehme ich euch mit.
FrĂŒhmorgens treffen wir Chitti an der Metrostation Harkesh Nagar Okhla. Chitti ist ein indischer Volunteer, der Interessierte in die Welt der Slums einfĂŒhrt. Als wir uns im sĂŒdlichsten Teil Delhis treffen, erwartet Chitti uns bereits sehr aufgeregt und gibt uns unmissverstĂ€ndlich seine Freude ĂŒber unsere Neugier zu verstehen. Er erklĂ€rt uns, dass wir nun gemeinsam den gröĂten Slum Delhis betreten werden â in dem er als Lehrer arbeitet. Wir sollen immer in seiner NĂ€he bleiben â nicht weil es gefĂ€hrlich ist, sondern weil wir uns verlaufen werden und nie wieder zurĂŒckfinden. Chitti bittet uns, noch keine Bilder zu machen und den Kindern kein Geld oder andere Geschenke zu geben. Da wir vor Jahren Danny Boyles đ„ Slumdog Millionaire gesehen hatten, glaubten wir, einen leisen Verdacht zu haben, was in den nĂ€chsten Stunden auf uns zukommt ⊠aber wir tĂ€uschten uns gewaltig.
Die ersten paar hundert Meter unterscheiden sich kaum von der Innenstadt Delhis â Chaos, Gestank, Hektik, unertrĂ€glicher LĂ€rm usw. Aber aus einem unbekannten Grund stören wir uns nicht mehr daran â ich denke, wir haben uns an diese Lage gewöhnt. Die Sanjay Colony beherbergt 100.000 Menschen und ist nur durch ein bewachtes Tor zu erreichen. Nach nur wenigen Schritten begreifen wir bereits, dass wir in einer anderen Welt angekommen sind. Auf allerengstem Raum leben die Menschen hier Seite an Seite. Die Gassen sind so schmal, dass wir sie nur im GĂ€nsemarsch passieren können. Jeder einzelne Schritt muss bewusst gesetzt werden â denn ĂŒberall liegen Scherben, MĂŒll und nicht nĂ€her definierbarer Abfall. Die offenen SchĂ€chte, die groĂen Schlaglöcher und die kleinen BĂ€che đ€ą, die sich durch die engen Gassen ziehen, erhöhen den Schwierigkeitsgrad. Eine AbnormitĂ€t fĂ€llt uns aber umgehend auf: Es ist sagenhaft still in den Slums von Delhi. Kaum motorisierte Fahrzeuge, keine Hektik, kein LĂ€rm â und die Gassen wirken wie ausgestorben ⊠wo sind all die Menschen hin? Das Einzige, was die Stille unterbricht, sind die vielen Kinder, die unkontrolliert herumlaufen und uns andauernd anlachen. Mit seiner harmonischen, charmanten Art warnte uns Chitti bereits davor, dass es sich schnell herumspricht, wenn âFremde“ zu Besuch kommen. Er lĂ€chelt und sagt: GenieĂt die ruhigen Momente â bald werden wir sehr viel Aufmerksamkeit erregen.
Kennt ihr diese Bilder aus Filmen und Dokumentationen? Ein weiĂer Mann, eine weiĂe Frau spazieren durch ein afrikanisches Dorf â und innerhalb weniger Minuten laufen unzĂ€hlige lachende und neugierige Kinder hinterher. Sie lachen, winken aufgeregt und strahlen eine Energie und Freude aus, die uns absolut fremd scheint. Das sind keine utopischen Hollywoodfantasien â diese hellhĂ€utigen Menschen sind nun wir.
Ich bekomme TrĂ€nen in den Augen und kann jede einzelne Kinderstimme wiedererkennen, wenn ich an diesen Tag zurĂŒckdenke. Manche Kinder sind schĂŒchtern und werfen uns immer nur einen kleinen, vorsichtigen Blick zu â andere sind neugierig und fragen uns nach unseren Namen ⊠viele möchten uns berĂŒhren, wollen abklatschen und âHigh Five“ spielen. Sie zeigen uns ihre Spielsachen, ihre Tanzeinlagen â und ein kleines MĂ€dchen stellt uns ihr KĂ€tzchen vor. Etwas ĂŒberfordert und ĂŒberrascht blicken wir zu Chitti auf â aber er lĂ€chelt uns einfach nur an und unterhĂ€lt sich mit den Kids. Wir haben noch nie so viele strahlende Augen gesehen und so ein leidenschaftliches und ehrliches Lachen und Gekicher gehört. Die Kids wollen nichts â sie betteln und fordern nicht ⊠sie haben alles, was sie zum Leben brauchen, und freuen sich einfach nur ĂŒber einen Besuch und ein klein wenig Aufmerksamkeit.
Nachdem sich die erste groĂe Aufregung etwas gelegt hat, ziehen wir weiter unsere Kreise durch die engen Gassen der Kolonie ⊠natĂŒrlich stĂ€ndig begleitet von den lachenden und neugierigen Kids ⊠diese Bilder sind göttlich, das GefĂŒhl unbeschreiblich â weil wir es einfach nicht einordnen können.
Chitti stellt uns einen Arzt vor. SelbstverstĂ€ndlich ist er kein studierter Facharzt â aber er verfĂŒgt ĂŒber gewisse Grundkenntnisse, um den Menschen zu helfen. Die Behandlung ist kostenlos, und die Medikamente bekommt er von KrankenhĂ€usern zur VerfĂŒgung gestellt. Einmal im Monat klappert er alle groĂen SpitĂ€ler in Delhi ab und sammelt weggeworfene und abgelaufene Medikamente. Bei lebensbedrohlichen Krankheiten oder Schwangerschaften begleitet er seine Patienten ins staatliche Krankenhaus. Die gesundheitliche Betreuung ist in Indien zwar fĂŒr alle gebĂŒhrenfrei â aber die QualitĂ€t ist unterirdisch und die Wartezeiten dauern oft Tage und Wochen.
Chitti stellt uns eine befreundete Familie vor â und wir dĂŒrfen auf das Dach ihres Hauses klettern, um uns einen Ăberblick zu verschaffen. In seiner unnachahmlichen, sympathischen Art nennt er das seinen Lieblingsplatz â seinen Rooftop View. Wir setzen uns auf dem Hausdach nieder und können diese Aussicht kaum verarbeiten. Egal in welche Richtung wir sehen: verwahrloste HĂ€user, verwahrloste HĂ€user und verwahrloste HĂ€user. Jetzt ist es Zeit fĂŒr ein paar Geschichten. Die kleinen MĂ€dchen, die hier wohnen, gesellen sich zu uns â und Chitti startet mit seinen Anekdoten.
Das GelĂ€nde dieser Kolonie gehört dem Staat â was gleichzeitig bedeutet, dass die 100.000 Menschen illegal hier leben. Momentan werden sie geduldet und akzeptiert â aber wĂŒrde das GrundstĂŒck anderweitig genutzt, mĂŒssten sie weiterziehen. Derzeit leben allein in Delhi ĂŒber 2,5 Millionen Menschen auf diese Art und Weise â und werden stĂ€ndig ins Landesinnere abgeschoben, was ihren Zugang zu sanitĂ€ren Einrichtungen erschwert. Die 100.000 Bewohner der Sanjay Colony teilen sich 150 (!!!) vom Staat errichtete Toiletten. Alle 48 Stunden kommen Lkws zu den Toren der Kolonie â beladen mit Wassercontainern. Die Menschen stehen stundenlang Schlange, um ihre Wasserration abholen zu können. Wir sind etwas verwundert â denn wir konnten bei unserer Wanderung durch die Gassen viele Stromkabel entdecken und Musik sowie TV-GerĂ€te hören. Warum die Menschen weder Wasser noch sanitĂ€re Anlagen haben, aber ĂŒber Strom verfĂŒgen (den sie allerdings bezahlen mĂŒssen), erklĂ€rt uns Chitti spĂ€ter.
WĂ€hrend seiner Geschichten haben uns die Kleinen bereits ihre komplette Spielzeugsammlung prĂ€sentiert. Bei den Puppen fehlen halbe GliedmaĂen, die PlĂŒschtiere sind kaum noch zu erkennen â und ihre Stifte funktionieren leider auch nicht mehr richtig. Aber sie spielen gerne damit. Nun ja â allzu viele Alternativen haben sie auch nicht.
Wie fĂŒhlen wir uns in diesen Momenten? Das kann niemand in Worte fassen â unser Herz und unsere Emotionen spielen vollkommen verrĂŒckt. Einerseits lachen wir mit den Kids â andererseits hören wir ein kleines Knacken, das wohl unser Herz sein könnte. Mitleid, Angst, ein schlechtes Gewissen ⊠aber auch Bewunderung und Hoffnung gehen Hand in Hand. Um ehrlich zu sein: Die Scham ist das stĂ€rkste GefĂŒhl von allen. Wie oft habe ich Sachen weggeworfen, weil sie nicht mehr zu hundert Prozent funktioniert haben â wie oft habe ich wegen unwichtiger Dinge gejammert und geschimpft ⊠ich weiĂ, das ist jetzt schwer vergleichbar â aber diese Gedanken dominieren den Moment.
Schweren Herzens verlassen wir Chittis Lieblingsplatz und besuchen eine Schule. Da es sowohl an LehrkrĂ€ften als auch an Platz und Unterrichtsmaterial mangelt, haben die Jungs vormittags und die MĂ€dchen nachmittags Unterricht. Als wir das SchulgelĂ€nde betraten, stellten wir den alltĂ€glichen Ablauf gehörig auf den Kopf. Die Kids stĂŒrmten aufgeregt aus der Klasse und brachten die Lehrstunde zum Erliegen â aber wir hatten nicht fĂŒr den Bruchteil einer Sekunde das GefĂŒhl, dass das irgendjemanden störte. Eine pensionierte Professorin aus den USA unterrichtet seit fast drei Jahren ehrenamtlich in dieser Bildungseinrichtung. Sie nahm sich etwas Zeit fĂŒr uns und erzĂ€hlte uns ihren Werdegang. Da wir den Unterricht nicht lĂ€nger stören wollten, setzten wir uns auf den Boden der letzten Reihe und hörten aufmerksam zu. Obwohl die Professorin versuchte, ihren Englischunterricht fortzusetzen, galt uns die ganze Aufmerksamkeit. Jede Sekunde drehten sich die Kids um, lachten und winkten uns zu. Haben wir ein schlechtes Gewissen? Nein â denn alle strahlten und hatten ihre liebe Freude mit uns. Die Professorin beendete die Stunde wohl etwas frĂŒher, schickte die Kids in den Garten und erzĂ€hlte uns ihre beispiellose Geschichte. Diese werden wir fĂŒr uns behalten â aber ich garantiere euch: viele ihrer Aussagen werden wir nie vergessen.
Die Stunden vergehen wie im Fluge â und schön langsam mĂŒssen wir von den Slums in Delhi Abschied nehmen. Einen Ort will uns Chitti aber noch zeigen â den er sich bewusst fĂŒr den Abschluss aufgespart hat, damit wir besser verstehen âŠ
⊠Anfangs erwĂ€hnten wir, dass die Gassen der Slums tagsĂŒber wie ausgestorben sind. Wo waren all die Erwachsenen hin? Die MĂ€nner versuchen mit Nebenjobs in der Innenstadt ĂŒber die Runden zu kommen â und die Frauen haben wir jetzt angetroffen. Wir besuchen eine Fabrik, deren Anblick uns wie ein Pfahl ins Herz traf. Hunderte, wenn nicht sogar tausende Frauen und junge MĂ€dchen sitzen Seite an Seite und nĂ€hen. Jeden einzelnen Tag â von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang â leben sie bei ihren Maschinen und bekommen einen Tageslohn von ungefĂ€hr 2 US-Dollar. Im Gegensatz zu all den anderen Menschen lĂ€cheln diese Frauen nicht â sie blicken uns nicht einmal an. Ich denke, sie haben uns schlicht nicht registriert. Die GerĂ€usche der Maschinen sind unertrĂ€glich laut â wir steigen ĂŒber Tonnen von Stofffetzen hinweg und umkurven die Arbeiterinnen. Wir wollen sofort raus â sofort. Die Ohren schmerzen und die stickige Luft bringt uns in ernsthafte BedrĂ€ngnis. Chitti schreitet mit schnellen Schritten voraus und dreht sich nicht einmal um. Als wĂŒrden wir durch die Tore der Hölle gejagt, laufen wir ihm unkontrolliert nach und verfluchen ihn fĂŒr diese Momente.
Warum tut er das? Warum zwingt er uns, da hindurchzulaufen? Wir fĂŒhlen uns so unglaublich mies und schuldig â vermutlich war das seine Absicht. Als wir endlich das Tor wieder erreichten, blieb Chitti stehen â schenkte aber unserem verzweifelten und schockierten Gesichtsausdruck keine Aufmerksamkeit.
Er berichtete nur: Das staatliche Stromnetz in Delhi fĂ€llt tĂ€glich wegen Ăberlastung etliche Male aus. Diese Sorgen hat die Bevölkerung der Slums nicht. Die Giganten der Textilindustrie haben eigene Stromleitungen verlegt, die diese Fabriken mit exzellenter QualitĂ€t versorgen. Dieser Betrieb, den wir gerade besucht haben, ist nur einer von vielen â und wĂŒrden hier die Arbeiten unterbrochen werden, mĂŒssten die Textilfirmen wohl Verluste in Millionenhöhe erleiden. Die HĂ€user und Wohnungen der Bevölkerung hĂ€ngen zwangsweise an diesem Stromnetz. Allerdings hat jedes Haus einen eigenen StromzĂ€hler â und Angestellte der Textilgiganten klappern die Bevölkerung ab, um die Kosten einzutreiben. Wir konnten tatsĂ€chlich an jeder HaustĂŒr ein MessgerĂ€t finden â eigentlich unfassbar, oder?
Die Kinder bekommen eine minimale Ausbildung, die Frauen arbeiten fĂŒr einen Hungerlohn tagtĂ€glich an den Maschinen â und die MĂ€nner schleppen entweder 40-Kilogramm-StoffsĂ€cke durch die Gegend oder versuchen auf legalem, meist aber illegalem Weg in den groĂen StĂ€dten des Landes an Geld und Nahrung zu kommen ⊠das alltĂ€gliche Leben in den Slums Indiens.
Chitti hat mir fĂŒr meinen Bericht ein paar Fotos zur VerfĂŒgung gestellt, die ihr in der nĂ€chsten Galerie sehen könnt.
Bevor wir uns einer anderen â diesmal schöneren â Geschichte widmen (versprochen âș), muss ich noch etwas loswerden. Ich bitte euch, diesen Absatz nur zu lesen, wenn ihr eine ganz dicke Haut habt.
Als ich mit der Metro wieder in die Innenstadt zurĂŒckfuhr, erlebte ich etwas, was mich jede Nacht aus den TrĂ€umen reiĂt â und ich hoffe, dass es irgendwann aufhört. Wie bereits erwĂ€hnt, hatte ich den ersten Kulturschock gut verarbeitet und mich an die speziellen UmstĂ€nde in Delhi gewöhnt. Ich legte meinen kurzen Weg von der Metrostation in Richtung meines Hotels schnellen Schrittes zurĂŒck â bis mich eine Ă€ltere, verwahrloste Dame sehr forsch aufhielt. Sie blieb direkt vor mir stehen, lieĂ mich nicht passieren, sprach aufgeregt und lautstark in ihrer Sprache â und hatte eine Art Handtuch in ihren Armen. Vollkommen aufgelöst fuchtelte sie mit ihrem eingewickelten Gegenstand herum und wollte ihn mir geben. Ich wusste, dass dies wieder eine der typischen Verkaufsmaschen war â deswegen lehnte ich ab. Aber sie war anders: panisch, unkontrolliert, ĂŒberfordert und leicht aggressiv. Obwohl ich meine HĂ€nde verschrĂ€nkte, drĂŒckte sie ihre Ware an meinen Körper. Sie lieĂ sie los â und ich wollte es nicht fallen lassen, also nahm ich es kurz in die Hand. Das Paket fĂŒhlte sich leicht an â und ich öffnete das Handtuch, um nachzusehen, was sie mir verkaufen wollte. In dieser Sekunde war sie bereits verschwunden â und ich hatte einen toten Fötus oder ein totes Neugeborenes in meinen HĂ€nden. Es war nicht viel gröĂer als meine HandflĂ€che â aber ich konnte es genau erkennen. Die Frau war bereits weg ⊠soll ich es jemandem geben? Gibt es ein Krankenhaus? Ich kann es doch nicht einfach zwischen all den MĂŒll und Dreck in die Gassen legen â wer weiĂ, was die herumstreunenden Hunde machen?
Keine Ahnung, was dann passierte â die Erinnerungen fehlen. Ich weiĂ nur, dass ich es umgehend loswerden wollte. Der schlimmste Augenblick in meinem Leben â und ich versuche, ihn in diesem Abschnitt zu verarbeiten. Ich legte es wohl auf eine Bank oder etwas Ăhnliches ab und lief einfach nur davon. Das ist nun gut drei Wochen her â aber bis jetzt gab es noch keine Nacht, in der mich diese Bilder nicht aus dem Schlaf gerissen haben. Und kaum einen Moment, der mein Gewissen nicht quĂ€lte. Die Möglichkeit, darĂŒber zu sprechen, wird sich in den nĂ€chsten Monaten nicht ergeben â deswegen halte ich es hier fest.
Freitagabend: Das Welcome-Dinner mit meiner G-Adventures-Gruppe steht an â und ich kann es kaum erwarten. Das erste richtig feine indische Essen, das man sorgenlos genieĂen kann, die ersten gekĂŒhlten Biere und die ersten GesprĂ€che mit Gleichgesinnten. Eines vorweg: Wenn ihr die glorreiche Idee habt, euch in einem Restaurant etwas mit der SchĂ€rfe Medium đ¶ zu bestellen, dann speichert vorher die Notrufnummer der Feuerwehr auf Kurztaste 1. Ich dachte, ich könnte vor meinen neuen Freunden ein wenig die Muskeln spielen lassen â und bin nach dieser Erfahrung ungelogen mindestens zehnmal um unseren Tisch gelaufen. Das sorgte fĂŒr reichlich Erheiterung.
Da dieser Indien-Reisebericht im Grunde nicht als Buch veröffentlicht werden sollte, werde ich die zwei weiteren Wochen auf ein Minimum zusammenfassen. Ich erzĂ€hle euch die wunderbare Geschichte eines Jungen aus Nepal đłđ”, das Erlebnis, das mein Herz endgĂŒltig in Scherben aufgehen lieĂ â und die beinharte, ehrliche und trĂŒgerische Wahrheit ĂŒber den Taj Mahal đ.
G Adventures stellte uns die Hilfsorganisation Salaam Baalak vor, die sich um das Leben der indischen StraĂenkinder kĂŒmmert. Die wirklichen Zahlen weiĂ niemand â aber derzeit leben schĂ€tzungsweise ĂŒber 25 Millionen Kinder auf den StraĂen der indischen Metropolen. Durch Betteln, Stehlen, illegale Kinderarbeit und vor allem durch Prostitution versuchen diese Kids zu ĂŒberleben. Die NGO Salaam Baalak versucht mit UnterstĂŒtzung von Freiwilligen, die Kinder von den StraĂen zu holen und ihnen eine Alternative anzubieten. Die Jungs stehlen und betteln an weniger frequentierten Orten, um unauffĂ€lliger zu sein â die MĂ€dchen bevorzugen stark besuchte PlĂ€tze, um sich vor EntfĂŒhrungen und Misshandlungen schĂŒtzen zu können. Allein in der Umgebung des Hauptbahnhofes in Delhi gehen tagtĂ€glich ĂŒber 5.000 minderjĂ€hrige MĂ€dchen auf den Strich. Da ich diesen Bereich mehrmals kreuzen musste, sagt mir mein GefĂŒhl, dass die Dunkelziffer noch deutlich höher sein muss.
Da ihr bereits seit dem ersten Absatz stĂ€ndig mit mir mitleiden mĂŒsst, entschĂ€dige ich euch mit einer dieser wenigen, aber dafĂŒr wunderschönen Geschichten. Kensal ist ein Junge aus Nepal und arbeitet als Lehrkraft bei dieser Organisation. Als er uns durch die BĂŒros von Salaam Baalak fĂŒhrte, fragte er, ob wir Lust hĂ€tten, seine ganz persönliche Geschichte zu hören. (Mit âuns“ meinte er unsere G-Adventures-Truppe â aber ihr dĂŒrft natĂŒrlich auch zuhören đ.)
Kensal wurde in den Bergen Nepals geboren. Wo und wann, weiĂ er nicht â nur dass seine Mutter das Haus hĂŒtete und sein Vater ein schwer alkoholabhĂ€ngiger und gewalttĂ€tiger Taxifahrer war. Er verprĂŒgelte die Familie stĂ€ndig â deswegen flĂŒchtete seine Mutter ĂŒber die Grenze nach Indien und nahm Kensal mit. Nach harten Monaten auf der StraĂe bekam seine Mutter einen Job bei einer wohlhabenden Familie. Sie wurde als DienstmĂ€dchen eingestellt â und Kensal ĂŒbernahm in jungen Jahren die Arbeit eines Hausjungen. Er schĂ€tzt, er wĂ€re damals sieben oder acht Jahre alt gewesen. Lohn oder Gehalt bekamen sie zwar nicht â aber sie hatten einen Platz zum Schlafen und bekamen tĂ€glich etwas zu essen. Bis zu dieser Stelle klang seine Stimme sehr emotionslos, einheitlich und gelassen â als könne er sich kaum daran erinnern. Mit der folgenden Passage Ă€nderte sich das aber sofort. Er wurde laut, hektisch, gestikulierte unkontrolliert â als wĂŒrde er diesen Moment gerade noch einmal erleben.
Er reinigte mit einem Besen den Spiegel, als plötzlich Geld herunterfiel. Die Hausherrin hörte die MĂŒnzen und bezeichnete ihn ohne zu zögern als Dieb. Er hatte Angst, fing an zu weinen und wiederholte stĂ€ndig, dass er nichts getan hĂ€tte. Kensal konnte zu diesem Zeitpunkt weder schreiben noch lesen â geschweige denn eine indische Sprache sprechen â deswegen war es ihm kaum möglich, den Vorfall zu schildern. Er fĂŒgte hinzu, dass dies aber keine Rolle gespielt hĂ€tte â denn niemand hĂ€tte ihm ohnehin jemals geglaubt. Die beiden wurden zwar nicht herausgeschmissen â aber Kensal musste fĂŒr seine vermeintliche Tat bezahlen und wurde von der Hausherrin geschlagen. Anscheinend fand sie Freude daran, den wehrlosen Jungen zu verprĂŒgeln â denn diese Bestrafung wiederholte sich Tag fĂŒr Tag und wurde zunehmend brutaler und schmerzhafter. Eines Tages war seine Grenze ĂŒberschritten. Ohne viel nachzudenken, flĂŒchtete er aus dem Haus, lief in die Stadt und sprang auf die LadeflĂ€che eines Lkws. Aus zwei GrĂŒnden erinnerte er sich noch genau an diesen Zeitpunkt. Zum einen waren seine HĂ€nde blutverschmiert und schwer verletzt â da die LadeflĂ€che voller Scherben war â und zum anderen hatte er seine Mutter an diesem Tag zum letzten Mal gesehen.
Ich muss hoffentlich nicht erwĂ€hnen, dass uns seine Worte so fesselten, dass wir nicht einmal daran dachten, laut zu atmen oder ihn zu unterbrechen. Ich saĂ auf einer Bank in seinem Klassenzimmer und musste immer wieder in die Gesichter meiner Mitreisenden blicken â um festzustellen, dass ich nicht der Einzige bin, der mit seinen TrĂ€nen kĂ€mpft. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was mir Indien bereits alles abverlangt hatte.
Der nepalesische Junge landete auf den StraĂen in Delhi. Er hatte nichts mehr zu verlieren und kam relativ rasch zurecht. Er lernte einige Leute kennen, die ihm anboten, seine Mutter zu suchen â und schlussendlich verkauften ihn diese Personen an illegale Firmen und lieĂen ihn dort arbeiten. Er flĂŒchtete mehrmals, wurde Ă€lter und begann zu stehlen und sich zu prĂŒgeln. Als er den ersten Kontakt zu Drogen aufbaute, verlor er jeden Funken Hoffnung.
Nach Jahren fanden ihn die freiwilligen Helfer von Salaam Baalak und gaben ihm eine Chance. Mit einem sĂŒffisanten LĂ€cheln erzĂ€hlte er uns: âOffen gesagt, gaben sie mir mehrere Chancen. Ich wollte weder lernen noch die Sprache sprechen, prĂŒgelte mich stĂ€ndig und hatte ein groĂes Problem mit AutoritĂ€t â aber sie gaben mich nie auf.“
Heute ist Kensal achtzehn Jahre alt und ein unverzichtbarer Teil der Salaam-Baalak-Familie. Mit all seiner Erfahrung und seiner neuen Lebensfreude versucht er tagtĂ€glich, StraĂenkinder von ihrem traurigen Schicksal zu befreien. Seine Lebensgeschichte schloss er mit folgenden Worten ab: âSobald ich genug Geld gesammelt habe, mache ich mich auf die Suche nach meiner Mutter!“ Habt ihr eine Vorstellung, welches Geseufze und Geheule durch die Runde ging? Wie bescheiden dieser junge Mann ist, bemerkte ich erst, als er mir sein kleines Zimmer zeigte. Da hingen doch tatsĂ€chlich Fotos an der Wand, die ihn mit Michelle Obama und dem englischen Prinzen Harry zeigten. Das sind nur zwei der berĂŒhmten Personen, die diese Hilfsorganisation nicht nur mit Geld, sondern auch mit persönlichen Besuchen unterstĂŒtzen. So â das war eine herzergreifende Geschichte, oder? Ihr hĂ€ttet mitgeheult â ich wĂŒnschte, ihr könntet diesen jungen Mann einmal persönlich kennenlernen.
Ja, der Taj Mahal â darum seid ihr wahrscheinlich alle hier. Wir verlassen Delhi und fahren mit einem klapprigen Bus nach Agra, um uns das berĂŒhmte Mausoleum anzusehen. Der Taj ist ein Bauwerk der Liebe đ. In jungen Jahren verlor ein GroĂmogul die Liebe seines Lebens und lieĂ als Zeichen seiner ewigen Zuneigung den Taj Mahal fĂŒr sie errichten. Die Dame, der wir das schönste GebĂ€ude unserer Zeit verdanken, heiĂt Arjumand Banu Begum. Obwohl sie nicht einmal 40 Jahre alt wurde, schenkte sie dem Mogul vierzehn Kinder (!!!) ⊠von denen sich einige gegenseitig umbrachten ⊠aber dieses Kapitel ĂŒberspringen wir â es könnte Einfluss auf die Romantik haben, die ich eigentlich verbreiten wollte. Also Jungs, lasst euch etwas Schönes einfallen đ.
Wir haben nun zwei Optionen: 1⣠Wir können ĂŒber dieses traumhafte, aus Liebe erschaffene Mausoleum reden, wie es uns die ReisefĂŒhrer vorgaukeln âŠ ĂŒber all die Romantik und die Hochglanzbilder aus den Zeitschriften ⊠den strahlend blauen Himmel und den heiligen Fluss, der am Taj vorbeiflieĂt ⊠oder 2⣠wir reden ĂŒber Fakten! Ich bevorzuge Option 2âŁ.
Fakten: Die Tore der Anlage öffnen sich jeden Tag um 06:00 Uhr. G Adventures war bereits um 05:15 Uhr â vor Sonnenaufgang â vor Ort, um die Poleposition zu beanspruchen. Das war auch dringend notwendig â denn bereits kurz vor Ăffnung stauten sich die Reisebusse und Menschenmassen. Die Eingangstore werden pĂŒnktlich aufgesperrt â und ich verfalle sofort in dieses âBlack-Friday“-Feeling. (Ihr wisst, was ich meine, oder? Wenn ein drittklassiger ElektronikhĂ€ndler das neue iPhone auf dem Ladentisch anbietet und die hirnlose Masse den Saal erstĂŒrmt.) ⊠genauso empfĂ€ngt euch der Taj Mahal đĄ! Der Sicherheitscheck wird umgerannt â und die Horde galoppiert, mit Selfiesticks und Kameras bewaffnet, im Laufschritt Richtung Mausoleum. Die wildromantische Wunschvorstellung eines Sonnenaufgangs ist seit Jahren nicht umsetzbar. Unser Guide erzĂ€hlte uns, man mĂŒsse schon verdammt viel GlĂŒck haben und einen regnerischen und windigen Vortag erwischen, damit sich der Schleier aus Smog und Nebel legt.
Jetzt geht es nur noch darum, das beste und aufregendste Selfie-Taj-Foto zu ergattern. Das Bauwerk ist selbstverstĂ€ndlich unfassbar schön â aber die AtmosphĂ€re erinnerte mich eher an einen Samstagnachmittagseinkauf beim Hofer. (Und das, wenn der darauffolgende Montag noch dazu ein Feiertag ist.) Er bietet die Möglichkeit, die Kuppel zu besuchen, ein paar nette GrĂ€ber und Tempel zu bestaunen und einen kurzen Blick ins Mausoleum zu werfen â aber extra nur wegen des Taj Mahal nach Indien zu reisen? Nein â definitiv nicht.
Der negative Höhepunkt ist der aktuelle Zustand des Yamuna. Ein heiliger Nebenfluss des Ganges, der nach der Flussgöttin Yami benannt ist und eine hohe religiöse Bedeutung fĂŒr den Hinduismus hat â er zĂ€hlt zu den dreckigsten GewĂ€ssern weltweit, und ein kleiner Blick genĂŒgt, um diese These zu bestĂ€tigen. Zum Schutz eurer Nerven habe ich auf die Fotos der toten KĂŒhe und der endlosen MĂŒllhalden in der Galerie verzichtet. Es bleibt mir ein RĂ€tsel, wie ein souverĂ€ner Staat seinen ach so heiligen Fluss so misshandeln kann â und seine ach so heiligen KĂŒhe noch dazu.
Kleiner Seitenhieb â wie bereits am Anfang des Berichts erwĂ€hnt: FĂŒr solche Orte wurden wahrscheinlich Bildbearbeitungsprogramme und Filter erfunden, um die raue RealitĂ€t zu verschleiern. Gerade eine ehrliche Darstellung wĂŒrde vielleicht die Welt wachrĂŒtteln und etwas gegen die negativen EinflĂŒsse bewirken â aber hey ⊠mit einem Photoshop-Bild bekomme ich bestimmt mehr đ ⊠und seien wir ehrlich: darum geht es letztlich.
In der nĂ€heren Umgebung von Agra und auf dem langen Weg nach Jaipur besuchten wir noch einige interessante und weniger interessante Orte â aber fassen wir es zusammen: Smog, MĂŒll ⊠heruntergekommen oder renovierungsbedĂŒrftig.
Schreiten wir schön langsam zum Ende meiner Indienreise und besichtigen die zauberhafte Stadt Jaipur. Die 3-Millionen-Einwohner-Metropole (was fĂŒr indische VerhĂ€ltnisse eine Kleinstadt ist đ) wird als âPainted City“ bezeichnet und zĂ€hlt zu den schönsten StĂ€dten des ganzen Landes. (Gut â die Latte ist auch nicht besonders hoch.) BezĂŒglich des chaotischen und völlig verschmutzten Delhi oder Agra sind die Unterschiede minimal. Aber spĂ€testens nach unserer Jaipur-Sightseeing-Tour hĂ€tte ich genĂŒgend Material, um einen eigenen Bildband zu erschaffen â mit dem Titel: âIndia: Instagram vs. Reality!“
Instagram: Der Hawa Mahal ist ein riesiges Luftschloss aus rosaroten und orangen Marmorsteinen. Er wurde im 18. Jahrhundert errichtet und trĂ€gt den Beinamen âPalast der Winde“. Wow â wie schön klingt das? Und dazu noch diese traumhaften Google- und Wikipedia-Bilder ⊠da mĂŒssen wir hin!
Reality: Der Hawa Mahal liegt direkt an einer hochfrequentierten, vierspurigen StraĂe â die aber als sechsspurige genutzt wird. Die Abgase schweben in der Luft, der LĂ€rm ist unertrĂ€glich â und vor Ort lauern aufdringliche Kaufleute und HĂ€ndler. Dazu kommen noch Schlangenbeschwörer, die den Tieren đ auf brutalste Art und Weise die GiftzĂ€hne herausschneiden, damit sie sich diese hirnÂlosen Touristen um den Hals hĂ€ngen können.
Instagram: Der berĂŒhmte Monkey-Tempel liegt am Rande der Stadt auf einem HĂŒgel und bietet einen traumhaften Ausblick ĂŒber Jaipur. Die Affen tollen herum und warten darauf, von Besuchern gefĂŒttert zu werden. Die Tempel sind in wunderschönen Farben gehalten (daher auch der Beiname âPainted City“) â und das gespeicherte Wasser glitzert in strahlendem Blau.
Reality: Durch den Smog kann man die Stadt kaum erkennen. Der Aufstieg zum Tempel gleicht einer Wanderung ĂŒber eine MĂŒllhalde. Die hunderten Affen springen unkontrolliert herum und knabbern an Plastikflaschen. Die Reinheit des Wassers wĂŒrde ich als Sumpf bezeichnen â und wer fotografieren möchte, wird von nervigen VerkĂ€ufern und selbst ernannten Guides zur Kasse gebeten. Ich fĂŒhlte mich weniger an einem heiligen Ort als vielmehr in einen Teil der Planet-der-Affen-Trilogie zurĂŒckversetzt âŹ.
Da ich dieses Prozedere nicht unzĂ€hlige Male wiederholen möchte, springen wir abschlieĂend zum Höhepunkt jedes Jaipur-Besuchs vor: dem Amber Fort. Aus der Entfernung betrachtet ist diese riesige Burg nicht nur in der Instagram-Welt verblĂŒffend schön anzusehen. Unser klappriger Bus bleibt am FuĂe des HĂŒgels stehen â und wir springen in einen Jeep, der uns durch die engen Gassen des Dorfes hinauf zur Burg chauffiert. Der Himmel zeigt sich von seiner blauen Seite â und sogar die Sonne kommt hinter der Nebelschicht zum Vorschein. Das wird doch nicht noch ein wirklich schöner Tag in Indien werden, oder? Wir betreten die Innenseite der mĂ€chtigen Festung â und mit einem Wimpernschlag höre ich ein mir vollkommen fremdes GerĂ€usch. Ein Krachen? ⊠ein Knistern? ⊠ein seltsames Klirren? ⊠was zur Hölle? (Wir wurden bereits von unserem Guide vorgewarnt â aber es traf mich trotzdem wie ein Blitzschlag.)
đ! An Ketten gefesselt, in ihrer Sicht stark beeintrĂ€chtigt, stehen sie da und starren mit toten Augen in ihr Elend. Sie warten auf den nĂ€chsten hirnÂlosen Touristen, der ihnen Qualen zufĂŒgen möchte. Ein zwanzigminĂŒtiger Ritt, der die Tiere einmal die Festung hinunter- und hinauffĂŒhrt. Unsere gestörte Gesellschaft sieht diese Giganten und denkt sich: Ach, das wird fĂŒr die wohl kein Problem darstellen, oder? Dass auf ihren Ohren die groĂe Nummer 37 klebt, dass ihre Köpfe wie verrĂŒckt hin und her schwingen â und dass die Reiter die Tiere mit ihren Stecken weiter prĂŒgeln â kann ja keine Herausforderung darstellen, oder? Seit ich denken kann, vergöttere ich Elefanten genauso wie Wale â und verfolge stets den Traum, sie einmal in freier Wildbahn sehen und erleben zu können. Ich beobachte diese Sklavenhalter aus sicherer Entfernung und traue mich kaum in ihre NĂ€he. Dieses mysteriöse GerĂ€usch, von dem ich anfĂ€nglich erzĂ€hlt habe, war ĂŒbrigens mein Herz â das nun endgĂŒltig in StĂŒcke brach.
Nein, ich bin keine Dramaqueen â und nein, ich ĂŒbertreibe hier nicht. Seht euch diesen Wahnsinn sonst einfach selbst an. Derzeit werden am Fort Amber ĂŒber 100 Elefanten gefangen gehalten und als Touristenattraktionen missbraucht. In jungen Jahren werden sie von ihrer Familie getrennt, durch massive SchlĂ€ge gefĂŒgig gemacht â und laufen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sinnlos im Kreis. Ihre gigantische GröĂe ist gleichzeitig auch ihre gröĂte SchwĂ€che. Die paar zusĂ€tzlichen Kilo âMensch“ auf ihren RĂŒcken werden sie nicht beeintrĂ€chtigen â aber das stĂ€ndige Bergauf- und Bergablaufen zerstört ihre Knie, weil sie fĂŒr Höhenwanderungen nicht geschaffen sind. Den psychischen Druck können sie nicht verarbeiten â deswegen wackeln ihre Köpfe unkontrolliert hin und her. Und wofĂŒr? Warum gibt es diesen hirnrissigen Tiertourismus? Genau â fĂŒr zwanzig Minuten SpaĂ, ein paar tolle Selfies und viele đ!
Mittlerweile stehe ich unmittelbar neben den Elefanten und beobachte, wie sie sich im GĂ€nsemarsch an mir vorbeischleppen. Ist er einen Schritt zu schnell, wird er mit dem Stecken geschlagen ⊠einen Schritt zu langsam, wird er mit dem Stecken geschlagen ⊠tanzt er aus der Reihe ⊠wird er mit dem Stecken geschlagen. Wisst ihr, was mich am meisten traurig macht? Ich dachte, meine Generation und die Generation nach mir wĂ€ren klĂŒger. Sie werden besser aufgeklĂ€rt und bekommen ein GefĂŒhl fĂŒr Ordnung und Gerechtigkeit. Die Personen, die diese Tiere quĂ€len, sind zum gröĂten Teil sogar viel jĂŒnger als ich. Junge verliebte PĂ€rchen, Familien mit ihren Kindern â die meisten aus der westlichen Welt. In diesen Momenten starb meine Hoffnung, dass sich mit der Zeit etwas Ă€ndern könnte. Sie reiten auf den Tieren â und fotografieren und filmen sich dabei noch selbst ⊠sagt mir bitte: Wie hirnrissig, bescheuert und krank muss man sein? (Sollte von euch jemand schon Teil dieses Spielchens gewesen sein, fĂŒhlt euch gerne auf den Schlips getreten â und ihr dĂŒrft mir gerne erklĂ€ren, was euch geritten hat.)
An den restlichen Teil der mehrstĂŒndigen Amber-Fort-Tour kann ich mich nicht mehr erinnern â es interessierte mich auch nicht weiter. Mir ist bewusst, dass das kein indisches Problem ist, sondern ein gesellschaftliches. Dieselben Szenen spielen sich Tag fĂŒr Tag in Thailand đčđ, Myanmar đČđČ, Sri Lanka đ±đ° oder wo auch immer ab ⊠wahrscheinlich auf der ganzen Welt.
G Adventures verurteilt jegliche Form des Tiertourismus â mit ein Grund, warum ich die Agentur jedem nur ans Herz legen kann. Internationale Tierschutzorganisationen haben dieses tĂ€gliche Treiben auf der Festung Amber stark verurteilt â und es wurden vor Jahren bereits Gesetze erlassen, die vorschreiben, dass die Tiere z. B. nur zwei Stunden tĂ€glich laufen mĂŒssen. AuĂerdem dĂŒrfen sie keine Höhenmeter mehr absolvieren und mĂŒssen sich in ânatĂŒrlicher Umgebung“ aufhalten ⊠was auch immer das bedeuten soll: 1⣠Es interessiert in Indien niemanden â und 2⣠solange es Menschen gibt, die einfach zu bescheuert sind, es zu verstehen, wird es kein Ende nehmen.
Was kann man von der österreichischen Couch aus unternehmen? Einiges: Ihr könnt euch ein Versprechen geben, niemals daran teilzunehmen. Ihr könnt diese Geschichte euren Freunden, Familien und Kollegen erzÀhlen, damit auch sie Bescheid wissen. Und ihr könnt die PETA-Online-Petition unterschreiben.
Bei unserem Abschlussdinner (zumindest die, die es gesundheitlich geschafft hatten ⊠die HĂ€lfte lag mit dem berĂŒhmten indischen Souvenir im Bett đ€ź) diskutierten wir ĂŒber diese Erlebnisse. Diese GesprĂ€che retteten mir förmlich den Hintern â weil ich meine EindrĂŒcke und Erfahrungen aus diesen drei Wochen sonst mit niemandem teilen konnte, der es versteht.
Zum Abschluss ein sensibles Thema, nach dem ich öfter gefragt wurde: Ist Indien fĂŒr alleinreisende Frauen ein sicheres Reiseziel?
Das kann ich schwer beantworten. Fakt ist: Indische MĂ€nner dĂŒrfen indische Frauen kaum ansprechen â bei internationalen Damen verlieren sie ihre Hemmungen. MĂ€nner dominieren das Gesamtbild des Landes. Ich musste einmal zwei italienische MĂ€dels aus einer kniffligen Situation befreien â wobei ich selbst ĂŒber meinen Schatten springen musste. Im Laufe der Zeit lernte ich doch einige alleinreisende Frauen kennen. Ihre ErzĂ€hlungen decken sich. Der SĂŒden des Landes ist weniger problematisch â aber Mittel- und Nordindien wĂŒrden sie niemandem ans Herz legen.
Obwohl wir eine kleine Gruppe waren, mussten die MĂ€dels bei uns schon einiges aushalten. Obszöne Blicke, aufdringliche Selfie-Attacken â und die Halbstarken haben gerne einmal versucht, zuzugreifen. Wenn man es schafft, diese Blicke als Kompliment anzusehen und den Rest hartnĂ€ckig zu ignorieren, sollte das kein Thema sein. An alle anderen: Es gibt noch 193 Staaten dieser Erde, wo ihr vielleicht besser behandelt werdet.
Busse, ZĂŒge, Taxis, die Metro ⊠alle haben separate Abteile â an die sich die meisten MĂ€nner auch halten. Es gibt eigene Restaurants und GeschĂ€fte, die nur von Frauen betreten werden dĂŒrfen. Wenn ich allerdings Aufkleber sehe mit der Botschaft âWe also respect women“ â hinterfrage ich schon einiges in diesem Land.
Mein Fazit: Was soll ich sagen? Bestimmt die schlimmsten â aber gleichzeitig auch lehrreichsten â Tage und Wochen meines Lebens. Diese emotionale Achterbahn werde ich hoffentlich nach meiner RĂŒckkehr richtig aufarbeiten können. Vielleicht fĂŒge ich einmal ein Update ein. Jetzt ist es fĂŒr ein ResĂŒmee noch zu frĂŒh.
Sicherheit: KriminalitĂ€t, Terrorismus etc. â darĂŒber mĂŒsst ihr euch weniger Sorgen machen. Die gröĂte Gefahr ist die Gesundheit. Gut die HĂ€lfte der Rucksackreisenden, die durch Indien wandern, wird krank. So vorsichtig kann man gar nicht sein. Besorgt euch eine perfekte Krankenversicherung â und habt immer die nötigen Unterlagen bereit ⊠im nĂ€chsten Reisebericht (Malaysia đČđŸ) wisst ihr, was ich damit meine.
Kosten: Indien kann ein preiswertes Reiseland sein â aber man sollte auf die Preise achten. Du kannst fĂŒr 50 Cent oder auch fĂŒr 5 Euro essen gehen. Meistens steht der Preis nicht unbedingt fĂŒr QualitĂ€t â aber er kann etwas aussagen. Eine Fahrt mit der Metro: 20 Cent, einmal beim Friseur: 90 Cent, eine Flasche Wasser: 5 Cent usw. â unglaublich gĂŒnstig, aber meist in Ă€uĂerst mieser QualitĂ€t.
Aus der Kategorie âIm Nachhinein schlauer“: Wenn ihr allein durch Indien reisen wollt â bereitet euch gut vor, lernt die Tricks, studiert die Abzockermethoden, achtet auf die Hygiene und lest am besten viele Reiseberichte. Keine ReisefĂŒhrer mit aufpolierten Postkartenfotos â sondern Berichte und Blogs, die ehrliche Erfahrungen teilen und nicht aus 5-Sterne-Hotels verfasst wurden. WĂ€hrend dieser Zeit habe ich einige solcher Berichte gelesen â und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich noch gut davongekommen bin ⊠đ€·
Von Smog Country geht es jetzt fĂŒr einen kurzen Abstecher in den malaysischen Dschungel đČđŸ. Da ich bezweifle, dass wir uns vor Weihnachten noch einmal lesen werden â Merry X-mas Everyone đ !
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Hier gehtâs zu Kapitel 35 Malaysia đČđŸ























































































