Kapitel 40 – đŸ‡ŻđŸ‡” Japan

Tokio ist die grĂ¶ĂŸte Stadt der Welt – und gleichzeitig ist Japan das sicherste Land der Welt. Wie ist so etwas möglich? Wenn ihr bei der Suche nach dem perfekten Traumpartner Hilfe benötigt, hĂ€tte ich da eine Idee 
 ein Tempel mit tausenden Katzen, eine Kreuzung, die im Guinness-Buch der Weltrekorde steht 
 und der wahre Blick hinter die AnschlĂ€ge von Hiroshima. Langweilig wird uns in Japan garantiert nicht werden – das ist ein Versprechen.

Leicht angeschlagen vom taiwanischen Musikantenstadl landete ich am zweiten Tag des Jahres am internationalen Flughafen Tokio-Haneda. Der Winter zog ĂŒber die Insel, die Tage wurden kĂŒrzer – aber ich fĂŒhlte mich neu motiviert und perfekt vorbereitet. Bei all meiner detailgetreuen Planung und Recherche habe ich leider eine Kleinigkeit ĂŒbersehen, die meinen Tokio-Aufenthalt gĂ€nzlich auf den Kopf stellte.

Das Reich der aufgehenden Sonne hat jĂ€hrlich 16 staatliche Feiertage. Da strahlen die Augen, oder? 16 Tage zusĂ€tzlich frei! (Kambodscha 🇰🇭 fĂŒhrt das ruhmreiche Ranking mit 28 Tagen an 😉.) In den ersten Tagen eines neuen Jahres steht der Inselstaat praktisch still – genauer gesagt kommt die Bevölkerung an einem ganz spezifischen Ort zusammen. Ein kleines, aber wichtiges Detail, das ich ĂŒbersehen hatte. Als ich mittags am Flughafen landete, bewegte ich mich unverzĂŒglich in Richtung meines neuen Kapselhotels. FĂŒr diese Woche waren zwar eiskalte Temperaturen angesagt – dafĂŒr permanenter Sonnenschein – also wollte ich keine Zeit verlieren. Im urbanen Stadtbereich von Tokio leben knapp 37 Millionen (!!!) Menschen – was es zum am dichtesten besiedelten Ort der Welt kĂŒrt.

Die Fahrt zum Kapselhotel war ruhig und unspektakulĂ€r – und voller Tatendrang wollte ich ohne Verzögerung die nĂ€here Umgebung erkunden. Ich machte mich auf zum Asakusa-Tempel. 37.000.000 Personen – aber wo zur Hölle sind denn alle? Die ausgestorbenen Straßen erinnerten mich eher an eine Episode aus „The Walking Dead“ đŸŽ„ oder an einen Sonntagsspaziergang durch die Klagenfurter Altstadt als an eine Metropolregion.

Erdbebenwarnung? Tsunami? Dritter Weltkrieg? Seltsame Gedanken ĂŒbernahmen die Herrschaft ĂŒber meinen Geist – aber es fĂŒhlte sich wirklich sehr mysteriös an. Die GeschĂ€fte und GaststĂ€tten waren geschlossen – und Metro und Busse vollkommen leergefegt. Der Ă€lteste und wichtigste Tempel der Stadt war nur 15 Gehminuten von meinem Kapselhotel entfernt. Ich nĂ€herte mich dieser Anlage – und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis ich wie ein regungsloses, treibendes StĂŒck Holz von den strömenden Fluten der japanischen Gesellschaft erfasst wurde.

In der Zeitspanne zwischen dem 2. und dem 5. JĂ€nner pilgern fast alle Japaner zu ihren GotteshĂ€usern, um ihr Schicksal zu bestimmen. Ich war in einem Strudel gefangen und marschierte im Schneckentempo Richtung Asakusa-Tempel – ohne zu wissen, was mich dort erwartete. Es gibt keine Ausweich- oder Umkehrmöglichkeit – einfach nur geradeaus, mit dem Strom mitschwimmen. Klingt nach Hektik oder Stress – aber nein, es war das absolute GegenstĂŒck. Eine wahrhaftige Faszination und ein sagenhaftes GlĂŒck, von diesem Land so empfangen zu werden.

Als ich an den Toren des Tempels ankam, war ich zuerst vollkommen ĂŒberfordert. Man schleudert MĂŒnzen in einen HolzbehĂ€lter, zieht an einer großen Stahlglocke, verbeugt sich vor den Statuen 
 raschelt mit einem mysteriösen, sechseckigen Gegenstand, fĂŒllt anschließend winzige weiße Zettel aus und hĂ€ngt sie an verschiedene BĂ€ume. Gleichermaßen verwirrt wie eure bildliche Vorstellung nun ist, waren auch meine Gedankenströme. Anfangs stand ich verloren in der Menge und musste an Sofia Coppolas Meisterwerk đŸŽ„ „Lost in Translation“ denken 
 durch diese Erfahrung ergibt der Film auf einmal Sinn 😉. Ich versuchte, die Handlungen zu verfolgen – konnte aber den tieferen Zweck einfach nicht verstehen. Als meine dauerhafte Ratlosigkeit kombiniert mit leichter Verzweiflung nicht mehr zu verstecken war, lenkte ich die Aufmerksamkeit eines japanischen PĂ€rchens auf mich – und bekam als Folge meine persönliche Einschulung mit dem Titel: „How to use a Japanese temple“ 
 einfach nur herrliche, unbezahlbare Momente.

Kurze Lehrstunde: Wenn ihr das MĂŒnzen-Einwerfen – Glocke-LĂ€uten – Verbeugen – Holzschachtel-SchĂŒtteln – Wunsch-Äußern-Prozedere einigermaßen korrekt absolviert habt, folgt der spannendste Teil: Omikuji! Omikuji ist eine Art Lotterieorakel, auf das Wahrsagungen geschrieben werden. Am Ende zieht ihr einen kleinen weißen Zettel, der euch die zutreffende Holzbox anzeigt, in der eure Vorbestimmung auf euch wartet. Es dauerte einige Momente, bis ich meine korrekte Zuweisung bekam. (Japanische Schriftzeichen sind in Google Translate nicht so einfach zu ĂŒbersetzen.) Nun hatte ich meine Botschaft erhalten – irgendwo zwischen „Großem GlĂŒck“, „Beinahe-Kleinem GlĂŒck“ und „Großem Pech“. Dieser ganze Absatz klingt genauso verwirrt, wie es sich fĂŒr einen ahnungslosen EuropĂ€er auch anfĂŒhlte. Aber ich verspreche euch: Vor Ort werdet ihr es lieben – gebt nur Acht: Dieses Spielchen kann euer Leben umgehend verĂ€ndern. Ich kann mich noch genau erinnern – ein wunderbarer Augenblick, ihr werdet es nicht fĂŒr möglich halten 
 es war so aufregend – also mein Orakel sagte mir: Achtung! 
 Spannung – Spannung 
 Trommelwirbel 
 und 
 ach, wisst ihr was – schauen wir uns lieber in Tokio um 😛.

Die Prophezeiung spielt in Japan eine entscheidende Rolle. Außerdem sind die Inselbewohner ein gastfreundliches und hilfsbereites Volk. Wenngleich die sprachliche Barriere nicht zu unterschĂ€tzen ist – bleiben sie aufmerksam stehen, nehmen sich Zeit und versuchen, dir mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen zu helfen. Tokio ist eine Faszination an sich. Die grĂ¶ĂŸte Stadt der Welt – aber keine Armut, keine Obdachlosigkeit, keine Ghettos, keine Arbeitslosigkeit 
 kein HĂ€ufchen Abfall liegt auf den Straßen – und der Begriff KriminalitĂ€t wurde offenbar nie ins Japanische ĂŒbersetzt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist so gering wie wohl in keiner anderen Nation der Welt. WĂ€hrend in der westlichen Welt das Prinzip des StĂ€rkeren und MĂ€chtigeren zĂ€hlt, legt man in Japan die PrioritĂ€t auf Gemeinschaft. Kooperation statt Konkurrenz. Nur geschlossen sind wir stark – und gemeinsam können wir in Wohlstand und Frieden leben. Was sich wie eine politische Rede anhört, ist nichts anderes als die Grundvoraussetzung fĂŒr das japanische Miteinander.

In ganz Tokio gibt es ĂŒber 5.000 Schreine – eine namentliche Auflistung wĂŒrde den Rahmen sprengen. Die Meiji-Schreine oder der Nezu-Schrein sind nur zwei von vielen, die ich besucht habe und die euch einen weiteren Zugang zur Tradition und Kultur des Landes schenken werden.

Fernab von den Massen besuchte ich in völliger Abgeschiedenheit den kleinen Sengakuji-Tempel. Optisch nicht sehr imposant – dafĂŒr ist seine Hintergrundgeschichte einzigartig. Am Rande des Tempels befinden sich die GrĂ€ber der 47 Samurai. Anfang des 18. Jahrhunderts ereignete sich in Tokio ein historisches Ereignis, das allen bekannt sein dĂŒrfte. Die Geschichte der 47 Rƍnin erzĂ€hlt den Rachefeldzug dieser Samurai, die den Tod ihres Herrn rĂ€chten. Die Vorbereitung, der tatsĂ€chliche Angriff und die Folgen dieser Vorgehensweise könnten nicht spannender geschrieben werden. Die Taten der Rƍnin (= herrenlose Samurai) gelten in der japanischen Mythologie als vorbildliches Beispiel bedingungsloser Treue. Hollywood-Schönling Keanu Reeves versuchte 2013, die Heldengeschichte auf die Leinwand zu bringen. Der Erfolg des Streifens war ĂŒberschaubar – aber abgesehen davon: GĂ€nsehautfaktor bei 100 Prozent.

Um die grĂ¶ĂŸte Stadt der Welt aus der Vogelperspektive zu genießen, gibt es so viele verschiedene Möglichkeiten, dass ich sie gar nicht alle aufzĂ€hlen kann. Dank der frostigen Temperaturen war es mir möglich, einen traumhaften Überblick zu bekommen – der Smog und die Luftverschmutzung waren wie weggezaubert. Ich begab mich auf den Tokyo Skytree – mit seinen 634 Metern das zweithöchste GebĂ€ude der Welt. (Schön langsam sollte ich nachzĂ€hlen, wie viele mir von den Top Ten eigentlich noch fehlen.) Die Aussicht vom Wolkenkratzer ist unfassbar – ich bekomme ein kleines GefĂŒhl dafĂŒr, wie groß eine Stadt eigentlich sein kann. ZufĂ€llig wurde ich noch Zeuge einer Sumƍ-Demonstration. Herrlich, wenn die kleinen Kinder versuchen, diese gigantischen Monster auf die Matte zu legen 😅.

Der zweite Hochseilakt fĂŒhrte mich auf den berĂŒhmten Tokyo Tower. Ein unĂ€sthetisches GebĂ€ude – ihr könnt euch den Besuch auf jeden Fall sparen. Der Geheimtipp kommt aber zum Schluss: Roppongi Hills Mori Tower. Auf diesem Hochhaus verspreche ich euch die beste Aussicht auf die Stadt – und mit ein wenig GlĂŒck könnt ihr sogar die schneebedeckten Gipfel des Mount Fuji bewundern. WĂ€hrend ihr am Skytree und am Tokyo Tower hinter Glasscheiben gefangen seid, könnt ihr am Mori Tower direkt auf dem Dach stehen und die unendlichen Weiten dieser Millionenstadt erblicken – vorausgesetzt, der Helikopterlandeplatz auf dem Dach ist gerade nicht in Verwendung.

Japan gilt als technisch fortgeschrittenstes Land der Welt – und Tokio ist die Spitze des Eisberges. Das Mori Art Museum schickt dich ungefĂ€hr 20 bis 50 Jahre in die Zukunft und lehrt dich, was Schönes – und teilweise auch weniger Schönes – auf uns zukommen wird. KĂŒnstliche Intelligenz, Roboter, die meine GefĂŒhle erkennen können, selbstfahrende FahrrĂ€der đŸ€” – unzĂ€hlige technische Neuheiten und dutzende nicht nĂ€her definierbare GerĂ€te werden im Museum ausgestellt. Der aufsetzbare Nudelventilator 🙈 und die sprechende Waschmaschine waren meine persönlichen Höhepunkte.

Angst machten mir die kleinen, putzigen Spielzeuge, die so real aussehen und anhand meiner Mimik und Gestik meine Gedanken lesen können – und vor allem der Lovebot. (Ein Computer, der dir deinen Traumpartner in Form eines Roboters zusammenbaut.) Vor diesem Lovebot hatte ich wirklich eine Heidenangst. Eine gute halbe Stunde verbrachte ich damit, „Sie“ optisch nach meinen Vorstellungen zusammenzubauen. Da sich am Bedienungsfeld die englische Sprache in Grenzen hielt, wurde „Sie“ eine Mischung aus Danny DeVito, Alf und dem Grinch đŸ€Š. Im zweiten Teil durfte ich den gewĂŒnschten Charakter zusammenbauen. Ich scheiterte erneut an den japanischen Schriftzeichen – und dĂŒrfte eine kreative Variation aus einer sorglosen Seele, einem tyrannischen Diktator und einer Domina entworfen haben. Mit dem nötigen Kleingeld könnte man sein Werk nun in Auftrag geben und bekĂ€me es in ein paar Monaten portofrei nach Hause geliefert. Momentan finde ich diese Art der Partnersuche amĂŒsant und etwas merkwĂŒrdig – aber wer weiß, wie sie sich im Laufe der nĂ€chsten Jahrzehnte entwickeln wird.

Samurai, Ninja, Sumƍ, Harakiri, Kamikaze, Origami und so weiter 
 viele Begriffe verbinden wir mit der japanischen Kultur, Geschichte und Tradition – und ich ĂŒberlege gerade schwer, wie ich all diese Themen in einen Reisebericht unterbringen soll.

Ein Sumƍ-Turnier zu besuchen war leider nicht möglich. Sie finden nur an wenigen Tagen des Jahres statt und sind Ewigkeiten im Voraus ausgebucht. Als EuropĂ€er an Tickets zu kommen grenzt wohl an das Unmögliche – aber wenn ihr euch durch die Touristenzonen kĂ€mpft, werdet ihr garantiert ein paar Ringer und ihre dazugehörigen Showeinlagen sehen.

Im Herzen von Tokio befindet sich das Samurai Museum. Ungeachtet der Tatsache, dass es die Touristenanziehung Nummer 1 ist – unbedingt besuchen! Die FĂŒhrung startet mit der Entstehung und Geschichte der berĂŒhmten Krieger und endet mit einer wirklich coolen und actiongeladenen Show. Beim krönenden Abschluss durfte ich selbst als Samurai posieren (steht mir ĂŒbrigens hervorragend đŸ€Ł), ein paar Ninja-Sterne werfen (alle noch unverletzt) und meine KampfkĂŒnste zur Schau stellen 
 eine großartige Erfahrung.

Mindestens einen vollen Tag mĂŒsst ihr im Stadtteil Odaiba verbringen. Hier findet ihr den grĂ¶ĂŸten Roboter der Welt (Gundam-Statue), eine beeindruckende Kopie der Freiheitsstatue – und vollkommen verrĂŒckte Einkaufszentren. Ihr könnt das Hauptquartier von Toyota besuchen, auf einer der ersten E-Kartbahnen herumflitzen oder an den unwiderstehlichen SandstrĂ€nden entspannen. Ja – Tokio verfĂŒgt auch ĂŒber eine traumhafte KĂŒstenlandschaft.

Apropos Kart (kein Scherz): Meine erste Vermutung war, dass ich betrunken oder auf Drogen war, als ich diese Bilder sah 
 aber nein – ganz normaler Alltag in Tokio. Mario, Luigi, Toad und die Prinzessin dĂŒsen mit Elektrokarts durch die Straßen der Metropole đŸ•č. Ich recherchierte – und tatsĂ€chlich gibt es viele Veranstalter, die eine etwas andere Art einer Stadttour anbieten. Man zwĂ€ngt sich in die KostĂŒme seiner Nintendo-64-Helden und zieht von Spot zu Spot. Ein absolut herrlicher Anblick. Ob diese Agenturen die Rainbow Road auch im Repertoire haben?

Welche Idee steckt dahinter, durch halb Tokio zu fahren, um eine Straßenkreuzung zu besuchen? Warum sollte ich unter diesen Absatz ein Video von einer Kreuzung online stellen? Ganz einfach – weil es die Shibuya Crossing ist. Dieser Schnittpunkt war nicht nur Drehort zahlreicher Hollywoodfilme đŸŽ„ („Lost in Translation“, „The Fast and the Furious: Tokyo Drift“, „Resident Evil: Afterlife“) – sondern steht als „busiest pedestrian intersection“ im Guinness-Buch der Weltrekorde. Eine deutsche Übersetzung ist kaum möglich – aber zum GlĂŒck habe ich einen Weg gefunden, euch einen Blick auf dieses absurde Ameisen-Spektakel zu geben.

Bevor wir die Metropole schön langsam verlassen, möchte ich euch noch eine rĂŒhrende Geschichte ans Herz legen. Im Jahr 2009 verfilmte mein schwedischer Lieblingsregisseur Lasse Hallström die wahre Geschichte des japanischen Hundes Hachiko. Um die Kinokassen besser fĂŒllen zu können, ĂŒbernahm Richard Gere die Rolle des japanischen UniversitĂ€tsprofessors – und der Handlungsort wurde in den US-Bundesstaat Rhode Island verlegt 🙈. Die KreativitĂ€t Hollywoods ist grenzenlos – aber egal, die wahren Geschehnisse spielten sich in Shibuya, Tokio, ab.

In den 1920er-Jahren nahm der Professor einen Akita-Welpen bei sich auf. Jeden Tag holte Hachiko sein Herrchen vom Shibuya-Bahnhof ab, um mit ihm gemeinsam nach Hause zu gehen. Eines Tages erschien der Professor nicht mehr – er war an den Folgen einer Hirnblutung verstorben. Tage, Wochen und Monate vergingen – und der Akita-Hund wartete jeden einzelnen Abend auf sein Herrchen. Anfangs wurde Hachiko noch mit SchlĂ€gen von den Passanten vertrieben – aber mit der Zeit gewöhnte sich die Bevölkerung an den wartenden Vierbeiner. Im Laufe der Jahre wurde der Hund eine nationale und internationale BerĂŒhmtheit. Es wurden Artikel und BĂŒcher geschrieben – und Presseleute aus dem ganzen Land tauchten am Bahnhof auf.

Der UniversitĂ€tsprofessor kehrte niemals zurĂŒck – und Hachiko wartete ĂŒber zehn Jahre vergeblich auf sein Herrchen. An einem eisigen Wintertag fand man den Hund tot in den Gassen von Shibuya. Ein Staat trauerte – und hielt sogar eine nationale Schweigeminute ab. Der Name Hachiko wurde als Synonym fĂŒr Treue in die japanische Alltagssprache integriert. Wenn ihr heute den Bahnhof verlasst, lĂ€chelt euch diese treue Seele zu – in Form einer bronzenen Statue. Bereits beim Lesen eine herzzerreißende Geschichte – aber als ich direkt bei der Statue stand, hatte ich GĂ€nsehaut. Noch heute legen Menschen Geschenke in Form von Hundefutter oder Spielzeug ab, die anschließend von einer wohltĂ€tigen Organisation verteilt werden.

Was haben die Redewendungen „auf den Hund gekommen“ und „die Katze aus dem Sack lassen“ gemeinsam? Richtig – bei beiden verstehe ich den tieferen Sinn nicht. Und leider ist mir kein kreativerer Übergang vom Thema Hund zum Thema Katze eingefallen 🙈.

Der Besuch des Gotokuji-Tempels gehört in meine Lieblingskategorie: skurrile Orte, die die Welt nicht kennt. Der Legende nach ĂŒbernachtete ein wohlhabender FĂŒrst in der NĂ€he dieses Tempels. WĂ€hrend eines Unwetters suchte er Schutz unter einem Baum – und entdeckte eine weiße Katze namens Tama, die ihm fieberhaft zuwinkte. Trotz des starken Regens wurde der FĂŒrst neugierig und steuerte auf die Katze zu. Just in diesem Moment – (32 Reiseberichte hat es benötigt, bis ich endlich einmal das Wort „Just“ verwenden konnte 😅) – schlug ein Blitz ein und ließ den besagten Baum zu Boden krachen. Tama rettete das Leben dieses Mannes – und wie es in einem spirituellen Land wie Japan ĂŒblich ist, machte die Geschichte schnell die Runde und wurde zur Legende.

Hunderte Jahre spĂ€ter kommen Menschen aus allen Teilen der Welt und legen am Gotokuji-Tempel eine weiße „Winkekatze“ ab. Mittlerweile haben sich zigtausende Katzen angesammelt – und sorgen fĂŒr ein völlig verrĂŒcktes Bild. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich diesen Tempel gruselig oder einfach nur schön finden soll – was denkt ihr? (Memo an mich: Hier stellte ich einen persönlichen Rekord auf – wie lange kann man einen Geocache suchen, bis die Verzweiflung siegt? Der Hinweis „Katze“ war nicht allzu hilfreich 😅.)

Die Busfahrt von Tokio nach Kyoto dauert ca. 6 Stunden – mit dem Zug wĂ€ren es nur 1,5 Stunden gewesen. Die neuntgrĂ¶ĂŸte Stadt Japans ist das krasse Gegenteil der modernen und hoch entwickelten Hauptstadt. Kyoto ist Geschichte, Nostalgie, Kultur und Schreine 
 hunderte von Schreinen! UnabhĂ€ngig davon, in welchem Teil der Stadt ihr euch herumtreibt, werdet ihr minĂŒtlich an Schreinen vorbeigehen. Euer GlĂŒck ist es, dass ich meinen Schrein-Überblick verloren habe – sonst wĂŒrde euch jetzt eine ewig lange Liste mit kuriosen Namen drohen 
 und das interessiert wohl wirklich niemanden. Also schreiten wir voran und picken uns die zwei absoluten Meisterwerke heraus.

Der eine Schrein glĂ€nzt mit seiner atemberaubenden Ästhetik und Einzigartigkeit – ist tagsĂŒber aber völlig ĂŒberlaufen. Der andere Schrein ist tief im Wald versteckt, absolut unbekannt – und sorgt fĂŒr eine dĂŒstere, dunkle und mystische AtmosphĂ€re.

Fushimi Inari Taisha: Klingt nach einem japanischen Bandwurm – ist aber wohl der schönste und spektakulĂ€rste Ort auf der ganzen Insel. Ein vorbildliches Beispiel aus der Kategorie: Die passenden Worte wurden noch nicht erfunden. Das Augenmerk sind die Alleen aus Tausenden von orangen Torii (Eingangstoren), die auf die Spitze des HĂŒgels fĂŒhren. Ich versuche erst gar nicht, euch zu erklĂ€ren, welche GĂ€nsehaut ich hatte, als ich in den Morgenstunden – in aller Bescheidenheit und Einsamkeit – diese Tore durchquerte. Der Legende nach soll ein JĂ€ger Anfang des 8. Jahrhunderts einen gedĂ€mpften Reiskuchen gefunden haben, der an einem Baum hing. Er durchbohrte den Kuchen mit einem Pfeil – und das Teil soll sich in einen Schwan verwandelt haben đŸ€”. Dieser flog auf die Spitze des HĂŒgels und machte den Fushimi Inari Taisha zum legendĂ€ren Heiligtum.

Otagi Nenbutsu-ji: Dieser verborgene Ort ist garantiert in keinem ReisefĂŒhrer zu finden. Diese magische WeihstĂ€tte liegt unangetastet und verwahrlost in den WĂ€ldern von Kyoto. Es war keine einfache Sache, diesen Tempel im wild verwachsenen Wald ausfindig zu machen. Die KultstĂ€tte ist von Moos bedeckt – und die Natur holt sich dieses Gebiet in kleinen Schritten zurĂŒck. Die Besonderheit liegt bei seinen Bewohnern: Über 1.300 in Stein gemeißelte Statuen erzeugen eine dĂ€monische und gespenstische AtmosphĂ€re. Jede einzelne Skulptur symbolisiert ein anderes GefĂŒhl. Einige lachen, ein paar weinen – andere wirken betrĂŒbt oder Ă€ngstlich. Die eine Statue bietet dir ihren Schutz an, die andere sorgt fĂŒr Furcht und Bedrohung. Wenngleich mich dieser magische Ort in seinen Bann zog, hatte ich ein beĂ€ngstigendes und leicht panisches GefĂŒhl – denn die Totenstille und die Einöde beherrschten die Situation. Am liebsten wĂŒrde ich ein eigenes Fotobuch mit 1.300 hochaufgelösten Bildern erstellen – um jede einzelne Mimik der Skulpturen festzuhalten.

Ein herbstlicher Nachmittagsspaziergang gehört zu unseren Privilegien. Unsere Laub- und NadelwĂ€lder sind mitunter das Schönste, was Österreich zu bieten hat – und bestimmt kennt jeder von uns dieses GefĂŒhl der frischen Luft und der besinnlichen Ruhe. Ich hoffe, dass einige von euch schon einmal die Möglichkeit hatten, durch einen Regenwald zu wandern oder sich durch dichte Palmen zu kĂ€mpfen, um Schutz vor der heißen Sonne zu suchen. So wundervoll all diese SpaziergĂ€nge und Erlebnisse sind – so bescheiden wirken sie im Vergleich zu einem Bambuswald. Der Arashiyama Bamboo Forest ist zwar einerseits der feuchte Traum der Instagram- und Influencer-Welt – aber wenn ihr frĂŒhmorgens vor Ort seid, werdet ihr eine zauberhafte Kulisse vorfinden, die alles Mystische ĂŒbertrifft, was ihr jemals gesehen und erlebt habt. Als ich durch den Wald spazierte, fĂŒhlte ich mich irgendwo zwischen „Alice im Wunderland“ und „Pans Labyrinth“ gefangen. Unbedingt besuchen – aber bitte nicht vergessen: Kommt so frĂŒh wie möglich, sonst seht ihr vor lauter Menschen den Wald nicht mehr.

Ein Thema, mit dem ich mich offen gesagt noch nie wirklich beschĂ€ftigt habe, ist die Kunst des japanischen Comics. Das Kyoto International Manga Museum entfĂŒhrte mich in eine fesselnde und berauschende Welt der Manga-Kunst. Der Begriff Museum ist nicht ganz treffend – denn dieses GebĂ€ude beherbergt die grĂ¶ĂŸte Ansammlung japanischer Comics der Welt und lĂ€dt zum Lesen und Verweilen ein. Millionen von BĂŒchern sind in dieser Bibliothek gelagert – und es wĂŒrde wohl mehrere Leben benötigen, um sich durch alle Stockwerke und Regale durchzukĂ€mpfen. Die Entwicklung des Comics von ihrer Anfangsphase bis zum absoluten Kultstatus und unverzichtbaren Lebensinhalt der japanischen Gesellschaft wird Schritt fĂŒr Schritt erlĂ€utert. International bedeutet hier, dass die AusstellungsstĂŒcke zum Großteil auch auf Englisch erklĂ€rt werden – und somit jeder die Chance hat einzutauchen. Es ist einfach nur herrlich, aus dem Augenwinkel zu beobachten, wie sich die Japaner durch die Stapel an Comics kĂ€mpfen und mit ihrer Körpersprache die Geschichten miterleben.

Ich hoffe, ihr versteht, dass ich in dieser BĂŒcherei einmal die Orientierung verloren habe – und völlig zufĂ€llig und nur aus reinem Versehen in der Ab-18-Abteilung gelandet bin 😉. NatĂŒrlich wollte ich diesen Teil des GebĂ€udes umgehend wieder verlassen – aber ich habe den Ausgang nicht sofort gefunden. Ein paar kleine EindrĂŒcke blieben in meinem GedĂ€chtnis: đŸ˜±đŸ˜±đŸ˜±! Zu einem spĂ€teren Zeitpunkt landete ich schließlich in einer jugendfreien Abteilung, mischte mich unter das japanische Volk – und las zwei Klassiker. Na, wer kennt sie? VervollstĂ€ndigt bitte die beiden SĂ€tze:

đŸŽŒ Mila ist 12 Jahre alt und lebt im fernen Japan 
 Mila kann lachen, wie die Sonne ĂŒber 
?

đŸŽŒ Halt den Mondstein fest und spĂŒr die Kraft, du kannst es tun – Ohhhh 
?

Mein „japanischster“ Moment: Ich sitze in einer entspannten, gemĂŒtlichen Gesellschaft, meine Zunge schmerzt – weil ich sie mir am zu heißen grĂŒnen Tee verbrĂŒht habe – und kĂ€mpfe mich durch die Welt der japanischen Comics. Solltet ihr jetzt vermuten, ihr hĂ€ttet noch nie etwas mit Manga zu tun gehabt, muss ich euch belehren – oder voraussichtlich auch schocken: unsere Heidi (1971), Calimero (1972), Niklaas, ein Junge aus Flandern (1975) 
 alles Anime-Comics: Made in Japan đŸ‡ŻđŸ‡”.

Dass unsere flauschigen Mitbewohner 🐒 in allen asiatischen LĂ€ndern allgegenwĂ€rtig sind, habt ihr bestimmt schon mitbekommen. Der Iwatayama Monkey Park treibt das Geschehen allerdings auf die Spitze. Eigentlich sollte er Iwatayama Mountain Monkey Park heißen – denn er ist nur ĂŒber hunderte ansteigende Stufen zu erreichen. Der steile Aufstieg ist das eine – das andere sind die Makaken, genauer gesagt Schneeaffen, die der Wanderung einen erhöhten Schwierigkeitsgrad verleihen. So flauschig die kleinen Racker auch wirken – die japanischen Schneeaffen sind vom Aussterben bedroht, und das dĂŒrfte ihnen auch bewusst sein, denn ein freundlicher Empfang sieht anders aus. Fremdenverkehr trifft auf die Tierwelt – nicht gerade meine Lieblingskategorie – dennoch hatte ich durchwegs ein positives GefĂŒhl. Der Park liegt in einem der wenigen Bereiche der Welt, wo sich die Schneeaffen frei bewegen können. Wenn ihnen der Besucherandrang zu lĂ€stig wird, stehen ihnen tausende Wege frei, sich aus dem Staub zu machen. Mir fĂ€llt es um einiges leichter, diese faszinierenden Tiere in ihrer natĂŒrlichen Umgebung zu beobachten – als hinter Gittern in den Zoos dieser Welt. Also habt ihr meinen Segen.

FĂŒr westliche Reisende ist Japan ein Kabinett aus KuriositĂ€ten und MerkwĂŒrdigkeiten – einen kleinen Auszug gebe ich euch mit:

☑ Die InnenstĂ€dte sind voll von eigenen SchirmabstellstĂ€ndern (falls es diesen Begriff ĂŒberhaupt gibt 😅). Ähnlich wie bei uns die FahrrĂ€der werden die bunten Schirme mit einem Schirmschloss (???) vor Diebstahl gesichert.

☑ Verkehrte Welt: Rauchen ist in der Öffentlichkeit streng verboten 🚭 – dafĂŒr qualmt es in den Lokalen wie im ehemaligen Raucherraum meiner Firma.

☑ Verpackungswahnsinn: Jede kleinste Kleinigkeit wird unzĂ€hlige Male in Plastik verpackt – nennen wir es den Matroschka-Effekt đŸ‡·đŸ‡ș.

☑ Wie in Taiwan đŸ‡čđŸ‡Œ: Es gibt keinen einzigen Abfalleimer in diesem Land. Die StĂ€dte sind aber mitunter das Sauberste, was ich jemals gesehen habe – und der MĂŒll wird ausschließlich zu Hause entsorgt.

☑ UnzĂ€hlige (unnötige) Bodenmarkierungen sorgen fĂŒr Verwirrung. Ja – sogar auf dem Gehsteig herrscht Linksverkehr!

☑ Die Metro dient nebenbei als Schlafzimmer. Es gibt eigene Schlafwaggons – und selbst wenn die Fahrt nur wenige Minuten dauert, nutzen die Japaner jede freie Sekunde fĂŒr ein SchönheitsschlĂ€fchen.

☑ Schon erwĂ€hnt – aber der Gegenstand, den du nicht aus einem japanischen Automaten herausdrĂŒcken kannst, muss erst erfunden werden.

☑ Tattoos: TĂ€towierungen sind ein absolutes No-Go. Obwohl meine kaum sichtbar waren, wurde ich sogar zweimal von einem Schrein verwiesen.

☑ Der Endgegner aller KuriositĂ€ten und Herausforderungen: die Toilette đŸšœ! Betet, dass ihr einen WLAN-Zugang habt und ein passendes YouTube-Video findet – das kann euch sprichwörtlich den Arsch retten. FĂŒr die japanische Bevölkerung ist die Toilette der heiligste Ort von allen. Die WCs sind ausnahmslos sauber – und die Sitze sind immer schön vorgeheizt 😋. Gleichwohl erwarten euch ungefĂ€hr zwanzig verschiedene Knöpfe, die alle ihr Eigenleben besitzen. Ein Knopf dĂ€mpft das Licht, der andere sorgt fĂŒr entspannte Musik – und der dritte regelt die 🙄 
 ich habe keine Ahnung! Die restlichen siebzehn Knöpfe fallen in die Rubrik „Learning by doing“. So entspannt das Ambiente auch sein mag – in dem Moment, wo du dein GeschĂ€ft erfolgreich erledigt hast und aufstehen möchtest, steigt der Panikfaktor erheblich an. Weitere Details lasse ich aus Schutz der PrivatsphĂ€re weg – aber bei nicht korrekter Anwendung der Knöpfe könnte es eine feuchte oder ziemlich heiße Angelegenheit werden. Das richtig Fiese – und gleichzeitig Deprimierende – an der ganzen Thematik: Wenn du glaubst, du hast den Dreh heraus, begegnet dein Hintern einem anderen Modell – und der ganze Wahnsinn geht wieder von vorn los.

Eine persönliche Erfahrung möchte ich noch mit euch teilen: das japanische Friseurwesen. SpĂ€testens auf den SĂŒdkorea-đŸ‡°đŸ‡·-Fotos hat sich meine Haarpracht vollstĂ€ndig verabschiedet. Es bedarf einer gewissen Portion Mut und GlĂŒck, einen japanischen Friseur aufzusuchen. In einem abgelegenen Vorort von Kyoto habe ich – versehentlich – einen Kinderfriseur herausgesucht. Wir waren beide etwas ĂŒberrascht, als wir uns kennenlernten – und ich mit meiner rechten Hand die berĂŒhmte Schere symbolisierte, da die Sprachbarriere nicht ĂŒberwindbar war. Ich wartete eine halbe Stunde zwischen japanischen Kindern und ihren MĂŒttern und wurde schließlich von dem Ein-Mann-Betrieb an die Reihe genommen. Der Service und die Freundlichkeit waren unvergleichlich. Wir unterhielten uns – obwohl keiner den anderen auch nur im kleinsten Ansatz verstehen konnte. Allerdings unterlief mir zu Beginn ein Fehler: Er fragte mich nach meinem Wunsch – und ich packte wieder meine rechte Hand aus und formte eine 3–5 Zentimeter breite LĂŒcke mit der Angabe: Bitte nur so viel wegschneiden! Einen kurzen Moment spĂ€ter hörte ich bereits, wie der Rasierer ĂŒber mein Haupt fuhr đŸ˜±. Die Situation war nicht mehr zu retten – also erinnerte ich mich an die Friseure meiner frĂŒhen Kindheit oder meiner Zeit beim Bundesheer.

Ich wĂŒrde vorschlagen, ihr blĂ€ttert ein wenig durch die Galerie und macht eine Pause – denn eine halbwegs anstĂ€ndige Überleitung von japanischen Toiletten zu den Bombenangriffen auf Hiroshima ist mir leider nicht gelungen.

Nach meinem bizarren und verkĂŒrzten Aufenthalt in Pearl Harbor, Hawaii đŸ‡ș🇾 wollte ich um jeden Preis die zweite Seite dieser Leidensgeschichte kennen und verstehen lernen: Hiroshima. Bevor wir uns ĂŒber die Auswirkungen dieses dramatischen Angriffs unterhalten, nehmt euch einen kurzen Moment und ĂŒberlegt, wie diese Millionenstadt im Jahr 2020 aussehen könnte. WĂ€hrend der 7-stĂŒndigen Busfahrt von Kyoto nach Hiroshima dominierte diese Frage meine Gedankenwelt. Wie wĂŒrde eine Stadt aussehen, die vor 75 Jahren vollkommen von der Landkarte ausradiert wurde?

Heutzutage ist Hiroshima eine moderne Metropole, die sich auf den ersten Blick nicht wirklich von den ĂŒbrigen asiatischen GroßstĂ€dten unterscheidet. Viele Menschen, dichter Verkehr, bunte Einkaufszentren mit einer seltsamen Live-Show đŸ€” (dazu spĂ€ter mehr), moderne Einrichtungen usw. 
 also nichts wirklich Besonderes – bis man die Tore des Friedensparks durchschreitet.

Ein kurzer Augenblick, ein Wimpernschlag – und alles war zerstört. In einer einzigen Sekunde wurde das Leben von hunderttausenden Menschen beendet. Und in den darauffolgenden Tagen und Wochen kamen noch einmal mehr als zweihunderttausend Opfer dazu. Wie viele es am Ende tatsĂ€chlich waren – oder vielleicht noch werden – kann niemand genau feststellen. Aber keine Sorge – ich will auf keinen Fall auf die TrĂ€nendrĂŒse drĂŒcken. Denn genau das versucht die Bevölkerung Hiroshimas zu vermeiden.

Im Herzen der Stadt wurde der Friedensgedenkpark Hiroshima gegrĂŒndet, um der Opfer des Atombombenangriffs vom 6. August 1945 zu gedenken. Das GelĂ€nde umfasst ĂŒber 70 Monumente, die auf unterschiedliche Arten den Betroffenen gewidmet sind. Als ich die ersten Schritte durch den Park machte, fiel mir kein wesentlicher Unterschied zu einem herkömmlichen Stadtpark auf. Die einheimische Bevölkerung saß dick eingepackt auf den grĂŒnen Wiesen, die Kinder spielten auf den Anlagen – und die Hunde tollten herum. Auch auf den zweiten Blick konnte ich die tragischen Ereignisse nur anhand der Monumente und Gedenktafeln nachvollziehen.

Bedeutsam ist der Kenotaph – das Denkmal fĂŒr die Todesopfer. Das Monument an sich ist bereits beeindruckend – aber als ich registrierte, dass alle Namen (sofern die Angehörigen dies wĂŒnschen) auf einer Liste eingraviert sind, wurde mir ganz warm ums Herz. Fast 300.000 (!!!) Namen – und die Auflistung wird stetig erweitert. Die GedenkstĂ€tte ist gleichzeitig ein Mahnmal – denn folgender Satz ist in hunderten verschiedenen Sprachen in den Marmor eingraviert:

„Lasse alle Seelen hier in Frieden ruhen, denn wir werden das Böse nicht wiederholen.“

Angehörige besuchen den Friedenspark tĂ€glich – und Ă€hnlich wie am 9/11 Memorial haben sie eine weiße Rose angesteckt (bzw. Origami-Kraniche) und suchen den Kontakt zu den wenigen internationalen Besuchern. Auf die typisch japanische Art – freundlich, aber distanziert – werden mir die imposantesten Monumente erklĂ€rt. Ich steuerte unter anderem die Friedensorgel, die Ewige Flamme des Friedens und die Tore des Friedens an. Den ersten wirklich mulmigen Augenblick verspĂŒrte ich am Kinderfriedensmonument. Diese kleine GedenkstĂ€tte ist ĂŒbersĂ€t von Zeichnungen und Spielzeugen, die aus allen Teilen des Landes hergeschickt werden.

Das bekannteste Monument ist die Atombombenkuppel, die ihr bestimmt schon einige Male gesehen habt. Gerade einmal 150 Meter von dieser Ruine entfernt schlug die Bombe ein. Wie durch ein Wunder blieb das ehemalige IndustriegebĂ€ude stehen – und wurde als Wahrzeichen der Stadt 1996 ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Den ganzen winterlichen Sonnentag verbrachte ich im Park und sah mir vermutlich alle DenkmĂ€ler an. Trotz des tragischen Hintergrundes haben sie etwas gemeinsam: Sie verurteilen nicht – sie weisen niemandem die Schuld zu. Der Park dient primĂ€r als ErinnerungsstĂ€tte – aber noch viel mehr als Warnung fĂŒr die Zukunft.

Ich nutzte die ruhigen Tage, um mich in Hiroshima ein wenig umzusehen – unter anderem besuchte ich das wunderschöne Hiroshima Castle und die wildromantischen Shukkei-en-GĂ€rten. Überrascht von dem positiven GefĂŒhl, das ich stĂ€ndig in mir trug. Wie ihr bereits aus den vergangenen Berichten erfahren habt, gab es GedenkstĂ€tten in anderen LĂ€ndern, die mich emotional forderten und zu TrĂ€nen rĂŒhrten. Ich erwartete und befĂŒrchtete Ähnliches – aber dem war nicht so. Es wĂ€re unmoralisch zu sagen, dass ich vielleicht sogar ein klein wenig enttĂ€uscht darĂŒber war. Vermutlich waren es die sonnigen Tage, die Tatsache, dass der FrĂŒhling anklopfte – oder vielleicht ist meine Haut einfach dicker geworden – oder es war schlicht der positive Umgang mit den historischen Ereignissen, den die Stadt prĂ€sentierte.

Oder vielleicht war es einfach diese skurrile und lustige Art des Unterhaltungsprogramms, das einem in Hiroshima laufend ĂŒber den Weg lĂ€uft. Ein musikalisches Highlight fĂŒr euch 😅 ⬇.

Am letzten Tag meiner Hiroshima-Reise besuchte ich noch das Friedensmuseum, das den Atombombenabwurf im Detail dokumentiert. Gut gelaunt, glĂŒcklich und motiviert wollte ich noch ein paar Hintergrundgeschichten erfahren 
 doch dann schlug es ein! Wie eine Bombe, auf die ich nicht vorbereitet war. Dieses Museum – genauer gesagt diese Ausstellung – stellt den Abwurf und die dadurch entstandenen Folgen auf eine brutale und transparente Art und Weise dar, die ihresgleichen sucht und deine Seele vollkommen ĂŒberfordert.

Die AtmosphĂ€re als erdrĂŒckend, erschĂŒtternd und beĂ€ngstigend zu bezeichnen, wĂ€re eine herbe Untertreibung. Die wenigen Besucher gingen stillschweigend durch die Ausstellungshallen und trauten sich nicht einmal, richtig zu atmen. Die Veranschaulichung der Schadenswirkungen der Atombombenexplosion war so wahrhaftig – und obwohl das Fotografieren gestattet war, traute sich wirklich niemand, eine Kamera zu zĂŒcken und diese EindrĂŒcke festzuhalten. Derartige Momente habe ich noch nie erlebt.

Zerrissene KleidungsstĂŒcke, verkohlte Schuhe, zerschmolzenes Kinderspielzeug, verbrannte FahrrĂ€der, zerstörte Kinderwagen 
 ihr werdet Gesichter sehen, die entstellt, verbrannt und verstĂŒmmelt wurden. Und das nicht nur in Großaufnahmen – ein Teil der Angestellten, die euch durch das Museum begleiten, leidet sichtlich unter den Nachwirkungen der Strahlung. Das Betreten jedes einzelnen Raumes war fĂŒr mich eine wahre Folter und eine grenzenlose QuĂ€lerei. Ihr kennt diese grausamen Abbildungen von Menschen, deren strahlungsbedingte SchĂ€den gezeigt werden. Im Friedensmuseum sind es keine willkĂŒrlichen Bilder – die Opfer sind real und beobachten euch aus nĂ€chster NĂ€he. Nachdem ihr den letzten Ausstellungsraum besucht habt, fĂŒhrt ein langer, leerer Gang zurĂŒck zum Eingang. Hier sitzen die Besucher Seite an Seite und versuchen, das Gesehene einzuordnen und zu verarbeiten. Ihr mĂŒsst mir glauben: Hier war keine einzige Menschenseele, die nicht gegen die TrĂ€nen ankĂ€mpfte – oder die Emotionen einfach freilaufen ließ.

Eigentlich wollte ich die letzten zwei bis drei Tage meiner Japanreise in Nagasaki verbringen, um mir den zweiten Tatort ansehen zu können. Aber darauf musste ich verzichten – ich brauche ein wenig Erholung und Reflexion, um aus diesem Tief wieder halbwegs herauszukommen. Momentan weiß ich nicht, wie ich das Erlebte verarbeiten soll – in den letzten zehn Monaten hat sich schon einiges angesammelt.

Mein Fazit: Japan ist einzigartig und faszinierend, speziell und eigen 
 ich denke, jeder wird das Land der aufgehenden Sonne auf seine verrĂŒckte Art und Weise lieben. Kultur, Technik, Tradition und SchicksalsschlĂ€ge – alles vereint. Die Wintermonate sind extrem kalt – dafĂŒr halten sich die NiederschlĂ€ge in Grenzen. Die wunderbaren Parks mit ihren KirschblĂŒten könnt ihr im Winter natĂŒrlich nicht besuchen – deswegen solltet ihr eure Besuchszeit genau ĂŒberdenken.

Sicherheit: Tokio ist gleichzeitig die grĂ¶ĂŸte und sicherste Stadt der Welt – wie das auch immer möglich ist. Generell gilt Japan als eines der sichersten ReiselĂ€nder unseres Planeten – solange keine Naturkatastrophe unterwegs ist.

Kosten: Ja, Japan geht ins Budget. Das Preisniveau liegt ĂŒber dem europĂ€ischen Durchschnitt – aber mit der Zeit werdet ihr auch hier Sparmöglichkeiten finden, um halbwegs gĂŒnstig durch das Land zu reisen.


 das unbekannte SĂŒdkorea đŸ‡°đŸ‡· wartet auf mich! Ein Staat, der sich derzeit im Krieg befindet 


 

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