Kapitel 19 – 🇺🇸 USA (Texas)
„Everything is Bigger in Texas!“ Ich musste mich zwischen San Antonio, Houston und Austin entscheiden, um dann schlussendlich in Dallas zu landen ob das klug war? Pass auf die Schlangen auf! Verlasse die markierten Wanderwege nie! Jetzt bin ich schlauer. Ihr werdet schockierende Eindrücke über das texanische Rodeo erfahren und lesen, wieso die Route 66 die geilste Straße der Welt ist.
J.R. ließ Dallas in den 1970er- und 1980er-Jahren zur Berühmtheit werden. Gerade einmal 800.000 Menschen leben in der texanischen Metropole, die mitten in der Prärie liegt. Der Grund meines Besuchs war ein historisches Attentat, das sich am 22. November 1963 in den Straßen von Dallas ereignete und die Welt für immer veränderte.
Viele Straßen, Plätze und Gebäude tragen seinen Namen – Gedenktafeln und Monumente lassen ihn ewig in Erinnerung bleiben … ich denke, ihr wisst, von welcher Persönlichkeit wir sprechen. Das Sixth Floor Museum am Dealey Plaza erzählt eine faszinierende und fesselnde Geschichte über das Leben von John Fitzgerald Kennedy. Schritt für Schritt taucht man in das Leben dieses Mannes ein. Die Ausstellung, die sich am Tatort des Attentats befindet, ist keine patriotische Heldengeschichte – sie präsentiert sachlich die Daten und Fakten seines Lebens. In ruhiger und nüchterner Form lernen wir den Menschen und ehemaligen Präsidenten J. F. K. kennen. Auf den biografischen Hintergrund möchte ich hier nicht eingehen – dafür findet man genug Material in der digitalen Welt … nur dieses Gefühl möchte ich mit euch teilen.
Ich stelle mich ans Fenster, blicke hinunter auf die Elm Street – und kann mir ganz genau vorstellen, was an jenem Novembertag geschah. Ich sehe den Schützen mit der Waffe vor mir und höre die Schüsse: Bang! Bang! Bang … die dadurch ausgelöste Panik muss unbeschreiblich gewesen sein. Diese Bilder – als JFK in seiner schwarzen Limousine erschossen wurde – gingen um die Welt. Und nun stehe ich exakt an jener Stelle, von der aus diese tödlichen Schüsse abgefeuert wurden. Durch die Augen des Täters blicke ich auf die Elm Street und erlebe diese Tragödie noch einmal mit. Ein bedrückendes, tief ergreifendes Gefühl – wie ich es zuvor noch nie empfunden habe.
War Lee Harvey Oswald wirklich der Täter? Warum wurde Oswald direkt nach seiner Festnahme von Jack Ruby erschossen? Handelte Oswald tatsächlich allein? Steckt die Mafia, die CIA oder der KGB dahinter? Fragen, die wohl ewig unbeantwortet bleiben werden.
Kommen wir von einem ehemaligen US-Präsidenten zu einem anderen. Diese Bibliothek war eines der absoluten Highlights meiner USA-Reise. Relativ unbekannt, von regionalen Reiseführern ignoriert und etwas außerhalb von Downtown Dallas gelegen, findet man die George W. Bush Library. Die Bezeichnung „Library“ täuscht über diesen Gebäudekomplex hinweg – mit einer gewöhnlichen Bibliothek hat sie wenig zu tun. Die Einrichtung ist vielmehr eine wunderbare, informative und selbstironische Hommage an den 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.
Stellt euch vor, euer Leben neigt sich langsam dem Ende zu – und ihr wollt der Menschheit euer Lebenswerk präsentieren. Wie würdet ihr es darstellen? Persönliche Gegenstände, private und berufliche Fotos? Besondere Einblicke in euren Alltag? Eure tiefsten Geheimnisse? Die schönsten und dunkelsten Momente eurer Geschichte? All diese Fragen hatte sich G. W. Bush offensichtlich gestellt – und daraus ein historisches Meisterwerk erschaffen.
Die Räume sind persönlich und liebevoll gestaltet. Keine Spur von heldenhafter oder patriotischer Selbstdarstellung. Es werden Filme gezeigt, in denen Präsident Bush im Kreise seiner Familie offen über seine Erfolge und Niederlagen spricht. Er berichtet über den Irakkrieg, über seine Wahlkämpfe, über die Jagd nach Osama bin Laden – und natürlich über 9/11. Er sei gerade in einer Schule gewesen, als man ihn über den Terroranschlag in New York informierte. Bush realisierte zunächst nicht, was gerade geschehen war, und reagierte nicht sofort. Innerhalb weniger Minuten erhielt er Dutzende widersprüchliche Informationen – und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Heute hat er die Möglichkeit, seine Handlungen und Entscheidungen frei und transparent zu hinterfragen – ohne sich noch rechtfertigen zu müssen.
„Habe ich Fehler gemacht? Natürlich! Warum habe ich diese falschen Entscheidungen getroffen? Einerseits, weil ich auf die falschen Leute gehört habe – andererseits, weil ich schlichtweg überfordert war. Wie hättet ihr reagiert, wenn euer Land so angegriffen worden wäre?“
Diese ehrliche und kritische Selbstreflexion rückt diesen Charakter in ein ganz anderes Licht. Es war außerordentlich spannend, seinen Geschichten und Gedanken zu lauschen.
Zwei besondere Exponate möchte ich euch näher vorstellen. In einem Schaukasten befindet sich ein bemerkenswertes Relikt aus unserer österreichischen Heimat. Als die US-Soldaten Saddam Hussein verhafteten, fanden sie einen besonderen Gegenstand auf seinem Schreibtisch. Im beschaulichen Kärntner Rosental produziert ein Familienunternehmen Schusswaffen, die in die ganze Welt exportiert werden. Offiziell werden sie unter anderem an Israel 🇮🇱 oder die USA 🇺🇸 geliefert – in diesem Fall landete eine jedoch in den Händen eines Terroristen und Massenmörders. Saddam Husseins Glock wurde Präsident George W. Bush als persönliches Geschenk überreicht – als Symbol des Sieges über den Diktator. Diese Waffe gehört zu Bushs wichtigsten und persönlichsten Besitztümern.
Eine Debatte darüber, wie sinnvoll es ist, dass ein neutrales Land Schusswaffen produziert, die in die Hände von Terroristen gelangen, ersparen wir uns hier. Was mich mehr schockierte, war die Tatsache, dass ich den Bibliotheksangestellten erklären musste, dass wir Österreicher nicht einfach dienstags vormittags zum Hofer oder Lidl gehen können, um uns eine Schusswaffe zu kaufen. Der Bundesstaat Texas ist das Mekka der Waffenlobby – es gibt keinen anderen Staat in den USA, wo der Erwerb einer Schusswaffe so einfach ist. Waffengeschäfte und Waffenausstellungen prägen das alltägliche Stadtbild in Texas.
Das zweite Exponat war gleichzeitig eine wunderbare Überraschung, die Präsident Bush gewissermaßen für mich bereitgehalten hatte – und ich muss jedes Mal laut lachen, wenn ich daran denke 😅.
Die Inneneinrichtung des Oval Office gestaltet jeder neu gewählte Präsident selbst: Möbel, persönliche Fotos, Porträts, Gemälde, internationale Geschenke und vieles mehr. Am Ende einer Amtszeit werden die meisten Gegenstände auf verschiedene Museen aufgeteilt – aber nicht so bei Mr. Bush. Der gute George hatte eine andere Idee: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion packte er alles, was nicht niet- und nagelfest war, zusammen und ließ es nach Texas bringen. Und mit „alles“ meine ich wirklich alles. George W. Bush räumte das komplette Oval Office aus und richtete es eins zu eins in seiner Library nach. Seine internationalen Geschenke stehen im Büro verteilt, die Familienfotos hängen an der Wand, und der Schreibtisch ist voll mit originalen Relikten aus seiner Präsidentschaft. Und wisst ihr, was das Geniale daran ist? Kein „Don’t touch“-Schild! Ich betrete das Oval Office und werde aufgefordert, mich minutenlang hinter den Schreibtisch zu setzen und es mir gemütlich zu machen. Für zehn Minuten durfte ich Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein … wie cool ist das denn bitte?
Vor wenigen Wochen kreuzten sich die Wege von Wladimir Wladimirowitsch Putins 🇷🇺 Hintern und meinem – und jetzt durfte ich den Platz von Präsident Bush einnehmen. Das macht ihn wahrscheinlich nicht attraktiver, aber doch um einiges interessanter, oder? Also meinen Hintern meine ich, nicht Bush 😅.
Abgesehen von den Präsidentengeschichten gibt es in Dallas nicht allzu viel Aufregendes zu entdecken. Den besten Ausblick bietet der Reunion Tower, und der schönste grüne Fleck ist der Klyde Warren Park. Dallas ist eine Businessstadt: viele Hochhäuser, viele Anzugträger – leider weder Charme noch Flair.
Außerhalb von Dallas befindet sich noch ein absolutes Highlight moderner Sportstättenarchitektur. Das AT&T Stadium ist das Heimstadion der Dallas Cowboys und zählt mit einem Fassungsvermögen von rund 100.000 Sitzplätzen zu den größten Sportarenen der Welt. Und wie bereits bekannt – Sport ist für die Amerikaner zum Anfassen: Besucher dürfen den heiligen Rasen betreten und ein paar Bälle werfen.
Wer an Texas denkt, hat sofort das Bild reitender Cowboys mit ihren Pferden vor Augen. Fort Worth ist eine gute Fahrstunde von Dallas entfernt – das Mekka des texanischen Reitsports. Dieser Besuch hat jedoch ein äußerst schockierendes und flaues Gefühl in meiner Seele hinterlassen.
Die Stockyards in Fort Worth waren genau der Ort, den ich auf meiner Texas-Reise gesucht hatte. Im Nachhinein wäre ich froh gewesen, ihn nie entdeckt zu haben. Ein historischer Distrikt, der mich zurück in den Wilden Westen versetzt. Als ob man durch die Filmsets eines modernen Hollywood-Westerns spaziert. Die Leute tragen Cowboyhüte und karierte Hemden und reiten auf ihren Pferden durch die sandigen Straßen. Ein Saloon reiht sich an den nächsten – und in den Läden wimmelt es von Cowboy-Utensilien. Die Preise für einen Cowboyhut starten bei 200 US-Dollar, bei Cowboystiefeln findet man unter 500 US-Dollar kaum etwas Qualitatives. In den Saloons werden Whiskey und Bier serviert – und auf dem Markt kann man sich durch die Welt der Chilis testen. Warnung: „A little bit spicy“ bedeutet hier, dass man gerade die Pforten der Hölle betritt – Stufe vier der zehnteiligen Scoville-Skala … 4 von 10, das wird schon nicht so schlimm sein, dachte ich. Alter Verwalter, so sieht also die Hölle aus! 🥵
In jedem Saloon gibt es Live-Performances von eher weniger begabten Sängerinnen und Sängern – und sogar der berühmte Cattle Drive, der Viehtrieb der Cowboys, findet in den Straßen der Stockyards statt. Im Prinzip fehlten nur noch eine Kneipenschlägerei und ein Rodeo. Und tatsächlich – heute Abend findet im berühmten Cowtown Coliseum das Stockyards Rodeo statt, mit Cowboys und Cowgirls aus allen Teilen des Landes … da sind wir natürlich dabei, oder? Ich freute mich auf coole Lasso-Shows, fettiges Essen und traditionelle Countrymusik … bekommen habe ich einen Schock fürs Leben!
Viele US-Bundesstaaten haben klassische Rodeos bereits verboten oder auf halbwegs tierfreundlichere Bewerbe umgestellt – aber nicht Texas. Texas ist anders … hier geht es voll zur Sache! Es wundert mich nicht, dass das Fotografieren und Filmen dieser Veranstaltung untersagt ist – trotzdem habe ich einige kurze Videos aufgenommen, um euch zu zeigen, wie ein Rodeo wirklich funktioniert
Das Rodeo wurde im 19. Jahrhundert in Brasilien 🇧🇷 erfunden und schildert den Kampf zwischen Mensch und der wilden Natur. Heutzutage geht es um Show, Unterhaltung, Business, Nationalstolz und pure Brutalität. Seinerzeit wurden wilde Tiere eingefangen, um sie als Nutztiere zu zähmen. In der heutigen Zeit ist es ein reiner Showkampf zwischen Mann vs. Mann oder Frau vs. Frau. (Ja, auch die Damenwelt ist bei diesem schaurigen Spektakel gut vertreten.)
Wie funktioniert ein Rodeo? Es gibt verschiedene Disziplinen, in denen es darum geht, entweder der Schnellste zu sein oder der, mit der höchsten Punktezahl. Dieser Event zieht sich über mehrere Stunden und wird ständig von wahnwitzigen Pausenprogrammen unterbrochen. Das Coliseum verdunkelt sich, die Show beginnt und die Masse erhebt sich. Ein Cowboy reitet mit hohem Tempo durch die Halle und schwingt die amerikanische Nationalflagge 🇺🇸. Wir erheben uns, legen die Hand aufs Herz und singen euphorisch mit „God Bless The U.S.A. – Proud To Be An American … und die Masse tobt: USA! USA! USA! Die Spiele sind eröffnet.
Disziplin No. 1 Bull Riding: Das Ziel ist es, acht Sekunden auf dem Rücken eines Bullen zu überleben. Kaum jemand schafft es, und je brutaler der Abwurf wird, desto mehr tobt die Menge in der Manege. Die Bullen werden vorher „gefügig“ gemacht, damit sie vollkommen durchdrehen. Mehrere Sekunden nach dem Abwurf randalieren die Tiere in der Halle und können nur mit viel Risiko wieder beruhigt werden. Ich würde einmal behaupten, könnten diese Bullen vor Panik und Schmerzen schreien, würden wir sie in allen Landesteilen hören.
Disziplin No. 2 Stier Wrestling: Das Jungtier sprintet in voller Panik davon, der Cowboy hinterher, und wirft sich bei Geschwindigkeiten bis zu 40 km/h auf das verängstigte Tier, um es auf den Boden zu reißen und in den Sand zu drücken, bis es sich nicht mehr bewegt. Brutal? Unmenschlich? Na dann, wartet mal ab!
Disziplin No. 3 Break Away: Nun rennt ein junges Kalb um sein Leben, der Cowboy jagt hinterher und versucht, es mit dem Lasso einzufangen. Das Lasso umschließt den Hals und durch den heftigen Rückstoß fliegt das junge Kalb unkontrolliert durch die Luft. Unser Cowboy springt vom Pferd und knebelt das halbtote Tier an den Beinen zusammen. Vollkommen verstört liegt das Kalb im Sand, die Augen weit geöffnet, ringt nach Luft und bewegt sich keinen Millimeter. WOW! Unter neun Sekunden! Neuer Rekord, vermeldet uns die Anzeigetafel, die Masse randaliert und der Cowboy verneigt sich stolz und kann gefeiert werden. Und das Kalb? Das liegt weiterhin regungslos am Boden und wartet, bis es befreit wird. Ohne Worte!
Disziplin No. 4 Team Race: siehe Disziplin 3, nur diesmal stürzen sie sich zu zweit auf das hilflose Tier.
Obwohl die Veranstaltung nicht einmal zur Hälfte vorbei war, verabschiedete ich mich von dieser beispiellosen Tierquälerei. Ihr fragt euch vielleicht, was ich mir von einem Rodeo erwartet habe? Zumindest nicht diesen blanken Wahnsinn. Aber wisst ihr, was mich am meisten schockiert hat? Das Pausenprogramm: In jeder Pause werden kleine Kinder auf die Bildfläche geschickt, damit sie schon in jungen Jahren lernen, wie man mit den Tieren richtig umgehen muss (Sarkasmus Off 😡). Diese Kinder dürfen nicht älter als sieben Jahre sein und ihre einzige Aufgabe ist es, die verängstigten Tiere einzufangen. Diese Schafe haben einen Zettel auf den Kopf getackert bekommen und die Kids müssen mit allen verfügbaren Mitteln diesen Zettel erbeuten, um den Stolz ihrer Eltern zu bekommen.
Wer kennt sie nicht – die berühmteste Straße der Welt: die Route 66. Wer davon träumt, sie einmal vollständig zu erleben, sollte einiges an Lebenszeit einplanen. Über 4.000 Kilometer führt die Route vom Nordosten der USA – Chicago, Illinois – bis in den Südwesten nach Kalifornien. Der Bundesstaat Texas ist das geografische Herz der Route 66.
Um diesem Traum etwas Charakter zu verleihen – ein paar aktuelle Fakten: Um die originale Straße zu entlasten, wurde ein breiter, moderner Highway gebaut, der größtenteils parallel zur Originalstrecke verläuft. Genau das macht den Roadtrip über die 66 so einmalig – ihr könnt die Abgeschiedenheit und Ruhe in vollen Zügen genießen. Ich bin teilweise stundenlang einsam durch ruhige Landschaften gefahren, passierte kleine, verträumte Orte und Dörfer. Das Verkehrsaufkommen ist sehr gering – maximal ein paar Touristen oder eine Gruppe Harley-Davidson-Fahrer kamen mir entgegen. Einfach perfekt, um dieses nostalgische Gefühl aufzusaugen – die Route lässt sich in aller Ruhe und vollkommen stressfrei genießen.
Die kleinen Orte, die man durchquert, nehmen euch mit in die Vergangenheit. Sie schmücken sich mit ihrer Berühmtheit und präsentieren voller Stolz ihre Zugehörigkeit zur kultigsten Straße der Welt. Kleine Restaurants im Stil der 1960er- und 1970er-Jahre, Tankstellen mit einzigartigem nostalgischem Flair, Bewohner, die ihre privaten Relikte und Fahrzeuge zur Schau stellen – und so gut wie jeder kleine Ort verfügt über ein eigenes Route-66-Museum. Ihr müsst wirklich sehr viel Zeit einplanen – ihr werdet alle zehn Meilen stehenbleiben wollen, um die Umgebung zu erkunden.
Ein paar Pflichtstopps für den texanischen Teil der Route 66:
✔ Conoco Service Station (Shamrock) ✔ Phillips 66 Station (McLean) ✔ Cadillac Ranch (Amarillo) ✔ Buggy Ranch (Conway) ✔ Giant Cross (Groom) ✔ Leaning Water Tower (Groom) ✔ The Big Texan Steak Ranch (Amarillo)
Im Laufe der nächsten zwei Monate werde ich mich noch durch Kansas, Oklahoma, New Mexico, Arizona und Kalifornien kämpfen, immer wieder die Route 66 kreuzen – und euch hoffentlich noch mehr über dieses kultige Phänomen erzählen.
Auf dem 400 Kilometer langen Teilstück zwischen Abilene und Amarillo – ja genau: „That’s the way to Amarillo … sha la la la la …“ – besuchte ich in Lubbock die letzte Ruhestätte des legendären Musikers Buddy Holly. Außerdem durfte ich im Silent Wings Museum einem Vortrag von Veteranen lauschen, mich anschließend mit ihnen unterhalten – und mich über das beste Buffet meines Lebens hermachen. Aber das ist eine längere Geschichte 😉.
Weil ich die Gefahren der Natur unterschätzt – oder um ehrlich zu sein: schlicht ignoriert – hatte, wurden zwei Erlebnisse spannender als unbedingt notwendig.
Immer wieder hörte ich von den Giftschlangen 🐍 und Skorpionen 🦂, die einem in der texanischen Wüste auflauern können. Als Mitteleuropäer nimmt man diese Gefahr möglicherweise nicht ganz ernst – man denkt: „Wie groß kann die Chance schon sein, erwischt zu werden?“ … bis es dann tatsächlich passierte.
Abseits einer einsamen Schotterstraße besuchte ich einen verlassenen Friedhof, um einen Geocache zu heben. Keine Sorge – Friedhofsgeschichten sind in den USA nicht so spannend 😅. Ich fuhr die sandige Straße einige Meilen entlang, stellte das Fahrzeug mitten in der Landschaft ab und erkundete den verlassenen, gruseligen Ort. Meinen Geocache erfolgreich geloggt. Die texanische Sonne brannte bereits wieder intensiv auf meiner Haut – ich wollte schnell zurück in den klimatisierten Wagen. Als ich mich auf die Beifahrerseite setzte, um meine Schuhe zu wechseln, schnappte sie zu 🐍.
Das Biest hatte den kühlen Schatten meines Fahrzeuges genossen und sich seelenruhig darunter versteckt. Als ich das Schuhwerk wechselte, nutzte sie ihre Chance und biss zu. Es ging so schnell, dass ich es anfangs kaum realisierte und eher an einen Insektenstich dachte. Die rechte Wade brannte und juckte ein wenig – aber ich dachte: „Wird schon nicht so schlimm sein“ – und setzte meinen Roadtrip fort.
Keine zehn Minuten später hatte sich die Größe meiner Wade verdoppelt und eine regenbogenfarbige Kontur angenommen – das beunruhigte mich dann doch ein klein wenig. Der nächste größere Ort war noch hundert Meilen entfernt, und über ein funktionierendes Handynetz müssen wir hier nicht reden. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ich wäre nicht in Panik geraten – oder anders formuliert: F**k! 😱 Was jetzt?! Ich fuhr etwas zügiger Richtung Stadt, in der Hoffnung, dass sich der stechende, brennende Schmerz von selbst beruhigen würde. Nach dem Motto „Ich gehe erst zum Zahnarzt, wenn ich mich vor Schmerzen kaum noch bewegen kann“ änderte ich jedoch meinen Plan und versuchte, irgendwo Hilfe zu bekommen. Ihr habt keine Ahnung, wie verdammt schmerzhaft ein Schlangenbiss sein kann 😲.
Rechts und links zweigten immer wieder kleine, ungekennzeichnete Wege in die trockene Wüstenlandschaft ab. Am Horizont erkannte ich eine Ranch – und forderte mein Glück heraus. Eigentlich braucht man einen Geländewagen für diese Straßen – aber meine Alternativen hielten sich in Grenzen, also riskierte ich es.
Entweder war es die beste Entscheidung meines Lebens – oder ich hatte schlicht pures Glück. Wenige Augenblicke später erkannte ich bereits ein paar Menschen, die mir sofort halfen. An die genauen Details dieser Hilfeleistung kann ich mich kaum noch erinnern – der Schmerz war höllisch und nicht mehr auszuhalten. Der Farmer beruhigte mich, erklärte mir, dass so etwas öfter vorkommt, und holte zur Sicherheit einen Arzt, um mein Bein zu untersuchen – der sich anschließend als Tierarzt herausstellte 😅.
Er stocherte in der Wunde herum, kühlte sie und teilte mir mit, dass ich verdammtes Glück gehabt hatte – denn es handelte sich nicht um eine Giftschlange. Sonst wäre ich wohl kaum so weit gekommen 😱. Ob ich in dieser Situation wie ein kleines Kind herumheulte oder den starken, souveränen Helden spielte – das behalte ich für mich. Aber eines sage ich euch: Diese hilfsbereiten, herzlichen Texaner haben mir vermutlich den Hintern gerettet.
Der Tierarzt gab mir etwas gegen die Schmerzen, erklärte mir, wie ich die Wunde versorgen soll – und versicherte mir, dass ich in den nächsten drei bis vier Tagen nicht allzu viel unternehmen würde. Die folgenden 72 Stunden waren die Hölle auf Erden. Zum Glück haben die Motels in den Staaten ein fettes Queensize-Bett, Pay-TV und eine Eiswürfelmaschine – die zu meinem besten Freund wurde. Das war mir eine Lehre – das kann ich euch versprechen.
Nachdem ich wieder laufen konnte, setzte ich meine Reise zum atemberaubenden Palo Duro Canyon fort – dem zweitgrößten Canyon der USA und einem der bedeutendsten National Monuments des Landes. In früheren Berichten habt ihr bereits über die State Parks gelesen – die National Monuments sind die höchste Kategorie dieser Naturschutzgebiete. Sie sind deutlich größer, spektakulärer, mit fixen Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und reguliertem Besucherzugang. Strenge Regeln werden von den ansässigen US-Rangern kontrolliert. Passendes Schuhwerk, ausreichend Wasser, Sonnenschutz, schnittfeste Handschuhe und eine Orientierungsmöglichkeit sind Pflicht.
Obwohl diese Landschaften eine faszinierende Schönheit bieten, sollte man die Gefahren nie unterschätzen. Ich empfehle daher ausnahmslos, sich im Besucherzentrum zu informieren und von den Rangern eine Route vorschlagen zu lassen. Gefährliche Tierwelt, drohende Sturzfluten oder Dehydrierung sind nur einige Risiken – man denke nur an die wahre Geschichte von Aron Ralston: 🎥 127 Hours. Die Nationalparks in den USA fordern jährlich mehr als 600 Todesopfer, rund 3.000 Verletzte und Millionen von US-Dollar an Rettungskosten – deswegen versuchen die Ranger, jede mögliche Gefahr zu minimieren. Damit sie euch nicht herausholen müssen.
Der Palo Duro Canyon ist ein schier endloses Netzwerk aus Wanderwegen, die sich kreuz und quer über das National Monument verteilen. Mein Ziel war der Lighthouse Trail – ein zehn Kilometer langer Rundweg, der über einige hundert Höhenmeter zu einer faszinierenden Felsformation führt. Ausrüstung gecheckt: Wasser, Schuhwerk, Sonnenschutz, Handschuhe, Wanderkarte – los geht’s. Da der Canyon etwas abgelegen liegt und wir uns mitten in der Nebensaison befinden – Sommer in Texas bedeutet wahnwitzige Hitze 🥵 –, begegneten wir während der gesamten Wanderung keiner einzigen anderen Person. Nicht ein einziges Auto stand auf dem Parkplatz. Dennoch starteten wir unsere Mission.
Nach gerade einmal zehn Minuten brannte die brutale Hitze bereits auf unserer Haut. Die fantastische Landschaft vermittelte das Gefühl, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein. Rote und gelbe Felsformationen, mysteriöse Kakteen und abgestorbene Bäume prägten das Bild. Mit jedem Schritt staubte der rote Sand unter uns auf – und durch die Erschütterungen wirbelten unzählige kleine Eidechsen und Schlangen um unsere Füße. Inmitten dieser tödlichen Wüstenlandschaft herrschte erstaunlich viel Leben zwischen den Felsen. Die Wasserreserven mussten gut eingeteilt werden. Vier Liter hatten wir dabei – aber die ersten vier Kilometer des Trails verliefen flach und sorgten durch die fehlende Luftbewegung für unerträgliche Hitze und Trockenheit. Mehrmals durchquerten wir ein ausgetrocknetes Flussbett – und es bedurfte viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass hier eine Sturzflut entstehen kann. Aus der Ferne erkannten wir bereits unser Ziel: den Lighthouse Rock, eine Felsformation, die an eine Filmkulisse erinnert.
Die letzten paar hundert Meter verlangten uns alles ab. Im Vierpunkt-Klettern – mit Händen und Füßen – erklommen wir die Felsen und mussten dabei sowohl den markierten Weg im Auge behalten als auch aufpassen, uns nicht an den glühend heißen Felswänden zu verbrennen. Schweißgebadet und völlig außer Atem erreichten wir schließlich die Felsplattform. Großartiges Gefühl! Wir befanden uns zwischen den beiden Leuchttürmen und blickten in die endlose Weite der kargen Landschaft. Am Fuße des Leuchtturms suchten wir uns einen schattigen Platz und genossen diese sagenhafte Kulisse. Wieder ein Jäger-des-Augenblicks-Moment! Genau für solche Momente haben wir Freunde, Job und Wohnung hinter uns gelassen – genau wegen solcher Emotionen haben wir diese Reise gestartet.
Der Rückweg sollte eigentlich reine Formsache sein – bis wir rasch bemerkten, dass wir auf der falschen Seite der Leuchttürme hinuntergeklettert waren. Ein Zurück war nicht mehr möglich – und plötzlich waren wir von dichtem Gebüsch, stacheligen Kakteen und vollständiger Orientierungslosigkeit umgeben. F**k! Uns war sofort klar: Wir hatten uns verlaufen und waren wohl einige hundert Meter am Pfad vorbeigeklettert. Selbst unser Kompass half nur bedingt weiter – ein liebevolles Abschiedsgeschenk meiner Arbeitskollegen … Danke! 😉 Die markanten Leuchttürme waren nicht mehr zu sehen – zu dicht das Zusammenspiel aus abgestorbenen Bäumen, Gebüsch, Kakteen und herumliegenden Felsen. Nicht nur Hitze und Staub wurden unerträglicher – langsam begann auch der Kopf mitzuarbeiten. Noch um diesen Felsen herum? Hochklettern, um etwas zu sehen? Oder doch umkehren? In dieser Situation einen kühlen Kopf zu bewahren ist leichter gesagt als getan.
Auf gefährliche Tiere und unerträgliche Hitze waren wir vorbereitet – die Gefahr der Desorientierung hatten wir unterschätzt. Für alle, die noch nie durch eine solche Wüstenlandschaft gewandert sind: Diese Hilflosigkeit lässt sich kaum vorstellen. Kein Zentimeter Schatten, trockene Luft, klirrende Hitze – und dazu absolute Stille. Nach gut einer Stunde des Umherirrens stießen wir auf ein breites, ausgetrocknetes Flussbett, das wir auf dem Hinweg mehrmals durchquert hatten. Normalerweise wäre es eine 50/50-Chance gewesen – aber dank des Kompasses wussten wir in etwa, welche Richtung die richtige war.
Ich bin dieses Flussbett Schritt für Schritt entlanggegangen und habe jede Wegmarkierung an den Uferseiten genau im Auge behalten. Herumliegende Bäume und Felsen machten den Weg alles andere als angenehm – und mit jeder erfolglosen Minute stieg der innere Panikpegel. Aber irgendwann kreuzte das Bett meinen Trail – und ich konnte den Rückweg zum Parkplatz antreten. Aus dieser Situation nehme ich sehr viel mit. Ich glaube, es hätte auch ganz anders ausgehen können.
Mein Fazit: Texas ist größer als jedes europäische EU-Land – und vielfältiger, als man es sich vorstellen kann. Die karge Landschaft der Wüsten und Canyons hat mich fasziniert, auch wenn ich sicher bin, dass viele von euch die weißen Sandstrände Floridas oder die grünen State Parks Georgias bevorzugen würden. Texas ist anders – die Einwohner würde ich als eher konservativ und nostalgisch bezeichnen. Die erlebte Tierquälerei und der alltägliche Waffenwahn dämpfen meine Sympathie für diesen Bundesstaat allerdings erheblich.
Kosten: Der Süden der USA gehört zu den günstigsten Teilen des Landes. Benzinpreise sind sehr niedrig – und die AK-47, die ich mir im Walmart gekauft habe, war ein Schnäppchen. Scherz 🤣.
Sicherheit: Die texanischen Großstädte gehören zu den sichereren der USA. Dallas musste ich mehrmals nachts durchqueren – alles verlief problemlos. Die eigentlichen Herausforderungen liegen in der Natur selbst; mit vernünftiger Vorbereitung sollte es jedoch keine bösen Überraschungen geben.
Aus der Kategorie im Nachhinein schlauer: Es macht immer weniger Sinn, einen Roadtrip durch die Staaten im Voraus zu planen – man weiß schlicht nicht, was einen erwartet. Ich wollte eigentlich Richtung Arkansas und Missouri weiterreisen, traf dann aber ein paar Leute, die mich nach New Mexico und Colorado schickten – und genau dort geht es jetzt weiter …
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