Kapitel 36 – đŸ‡źđŸ‡© Indonesien

Die 34-Millionen-Einwohner-Metropolregion Jakarta eilt ein schlechter Ruf voraus – aber was ist wirklich dran? Wir begeben uns auf die Spuren der beiden grĂ¶ĂŸten Tempelanlagen im indonesischen Dschungel 
 besteigen einen Vulkan 
 und kommen zu dem Schluss: Bali ist die bezauberndste Insel unserer Erde (obwohl Julia Roberts dort gehasst wird).

Nach Tokio đŸ‡ŻđŸ‡” ist die indonesische Hauptstadt Jakarta das zweitgrĂ¶ĂŸte Ballungszentrum der Welt – mit anderen Worten: sehr viele Menschen auf engstem Raum. Leider eilt der Millionenstadt ein Ă€ußerst negativer Ruf voraus: unzumutbare Bevölkerungsdichte, indische VerkehrsverhĂ€ltnisse, hohe Armut kombiniert mit einer extremen KriminalitĂ€tsrate und enormer Luftverschmutzung. Sowohl meine Erwartungen als auch mein körperlicher Fitnesszustand waren am Siedepunkt 
 aber? 
 schaut, schaut – ich wurde positiv ĂŒberrascht.

Beginnen wir unsere Reise mit einer politischen SkurrilitĂ€t. Jahr fĂŒr Jahr strömen hunderttausende Indonesier nach Jakarta, um nach Arbeit, Ausbildung und Wohlstand zu suchen. Die Stadt platzt aus allen NĂ€hten – und das Resultat: Die Hauptstadt zieht um! Die RegierungsbĂŒros, die VerwaltungsĂ€mter, der PrĂ€sident mitsamt seiner ganzen Belegschaft werden zwangsumgesiedelt. In wenigen Jahren soll die neue Hauptstadt Indonesiens auf der Insel Borneo eröffnet werden. Man stelle sich vor: Unser Wien geht komplett unter – und unsere qualifizierten Politiker packen ihre sieben Zwetschgen zusammen und grĂŒnden eine eigene kleine Stadt im 
 sagen wir einmal Burgenland! In dieser Abgeschiedenheit können die Politiker unser Land besser kontrollieren – und der Pöbel kann ihnen nicht mehr tagtĂ€glich auf die Nerven gehen. Eine herrliche These – oder was denkt ihr? 😅 Durchaus vorstellbar bei uns.

Die ersten paar Tage pendelte ich zwischen Krankenbett und Sightseeingtour hin und her – aber ich war vom ersten Moment an positiv vom Bild Jakartas ĂŒberrascht. Klar, natĂŒrlich herrscht ein tĂ€gliches Verkehrschaos – und ja, natĂŒrlich ist die Luft in unseren Bergen hundertmal gesĂŒnder und angenehmer – aber es ist ein charmantes Chaos. Ein friedliches, ehrliches Durcheinander, in dem ich mich richtig wohlfĂŒhle. Den speziellen Charme dieser Stadt verdanken wir ihrer traurigen und brutalen Geschichte – bzw. dem Land, das Indonesien bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges beherrschte: KĂ€se, Holzschuhe, WindmĂŒhlen, Wohnwagen, Orange 
 voller Klischees 😅 
 aber es klingelt bei euch! Die KanĂ€le der Metropole erinnern an Amsterdam, der alte Hafen an Rotterdam – und die wunderschöne kleine Altstadt an Volendam. Der niederlĂ€ndische Einfluss đŸ‡łđŸ‡± ist allgegenwĂ€rtig. Die Inschriften sind auf NiederlĂ€ndisch, die Restaurants und Bars in Orange gehalten – und ĂŒberall kreuzen bunte, mit Tulpen verzierte FahrrĂ€der den Weg.

In Indonesien leben fast 270 Millionen Menschen (weltweit Nummer 4), die auf fĂŒnf großen Inseln verteilt sind: Borneo, Java, Sulawesi, Sumatra und Neuguinea. Dazu gesellen sich noch die touristischen Inseln Bali und Lombok, deren Namen ihr bestimmt schon gehört habt.

Außerdem stellt dieser Inselstaat mit 200 Millionen Muslimen die grĂ¶ĂŸte muslimische Bevölkerung der Welt dar. Der Islam begleitet mich nun schon seit einigen Monaten – aber jetzt zeigt er mir ein ganz neues Gesicht. Im Laufe meiner mehr als dreiwöchigen Reise durch Indonesien lerne ich viele liebenswerte Menschen kennen – und eines haben sie alle gemein: Sie interpretieren ihre Religion und den dazugehörigen Glauben als relativ „locker“ und facettenreich. Die bekannten Abayas, Burkas oder den Dschilbab sucht man vergebens. Der Indonesier hat die Freiheit, seine Religion selbst zu wĂ€hlen. Eine einfache Unterschrift beim zustĂ€ndigen Amt reicht aus, um zu einem anderen Glauben zu konvertieren. Eine Heirat quer durch Kulturen und Religionen stellt keine Herausforderung dar – ab einem gewissen Alter dĂŒrfen die Jugendlichen ihre bevorzugte Glaubensrichtung selbst bestimmen. Alkohol, ErnĂ€hrungsvorschriften, festliche GelĂŒbde und Feiertage, tĂ€gliches Beten 
 all diese Dinge werden locker und einfach geregelt – jede Religion wird akzeptiert und gleichwertig dargestellt. SelbstverstĂ€ndlich gibt es regionale Ausnahmen, in denen UnterdrĂŒckung und Diskriminierung dazugehören – aber das GrundverstĂ€ndnis und der gegenseitige Respekt funktionieren in diesem gebeutelten Land ausgezeichnet.

Warum erzĂ€hle ich euch das? Damit ihr verstehen könnt, dass Indonesien ein offenes, liberales, lebensfrohes und sicheres Reiseziel ist, das ihr nicht versĂ€umen dĂŒrft. Die aktuell friedliche Lage, die stabile Entwicklung, der wirtschaftliche Aufschwung – und dazu noch diese herzallerliebste Offenheit und LiebenswĂŒrdigkeit – beeindrucken mich auf ganzer Linie. Ein kleiner Auszug dessen, was dieser Inselstaat seit seiner UnabhĂ€ngigkeit 1945 alles ĂŒberstehen musste:

✔ Brutale TerroranschlĂ€ge auf Touristenhotels auf Bali.

✔ Die stĂ€ndige Bedrohung durch aktive Vulkane, die jedes Jahr komplette Siedlungen auslöschen.

✔ Die Flutwelle, die allein in Indonesien im Jahr 2004 170.000 Menschen getötet hat.

✔ Allein im letzten Jahr (2018) erschĂŒtterten mehrere Erdbeben den Inselstaat und forderten 5.000 Opfer.

✔ Der unfassbare Genozid, der in den 60er-Jahren mehr als eine halbe Million Menschen in den Tod fĂŒhrte. Dieses Ereignis ist bei uns kaum bekannt. Der US-amerikanische Regisseur Joshua Oppenheimer verfilmte diese Wahnsinnstat in dem Oscar-nominierten Dokumentarfilm đŸŽ„ „The Act of Killing“. Wer sich mit dem historischen Kontext dieses Massenmordes auseinandersetzen möchte, braucht ein dickes Fell – denn dieser Film sprengt jede optische Schmerzgrenze.

Ein interessanter Fakt zum Genozid: Der Kommunismus ist in Indonesien ein absolutes Tabuthema. Wer sich auch nur im kleinsten Detail positiv dazu Ă€ußert, landet direkt hinter schwedischen Gardinen. HĂ€tte ich meine sowjetischen T-Shirts und Souvenirs noch dabei gehabt, wĂ€re ich in ein ernstes Problem geraten und hĂ€tte eine politische Lawine ausgelöst.

Einige liebenswerte Indonesier, die ich kennenlernen durfte, interessierten sich fĂŒr meine Weltreise und meine vergangenen Ziele. Ich erzĂ€hlte ihnen vom ehemaligen Stalingrad đŸ‡·đŸ‡ș, von meinen Abenteuern in Belarus đŸ‡§đŸ‡Ÿ oder von meinen EindrĂŒcken aus Tschernobyl đŸ‡ș🇩. Sie bekamen meine Fotos mit den UdSSR-Flaggen zu sehen 
 die lösten bei ihnen Entsetzen und UnverstĂ€ndnis aus. Unser G-Adventures-Guide, den ich am Ende der Tour kennenlernen durfte, erklĂ€rte mir einen treffenden Vergleich: Das wĂ€re ungefĂ€hr so, als wĂŒrden wir in unserer Heimat einen Reisenden kennenlernen, der uns voller Stolz und Begeisterung von seinen Nazi-Abenteuern erzĂ€hlt und uns mit Bildern aus Konzentrationslagern „aufklĂ€rt“. Ein ganz dĂŒnnes Eis – und eine Welle der EntrĂŒstung, die ich bei der einen oder anderen Person ausgelöst habe, weil ich es einfach nicht besser wusste 🙁.

ZurĂŒck nach Jakarta – ihr wollt ja bestimmt auch ein paar Bilder sehen, oder habt ihr bereits runtergescrollt? Allzu viel gibt es offen gesagt nicht zu entdecken – aber einige interessante Orte möchte ich euch gerne mitgeben.

Ein wunderschönes Beispiel fĂŒr das Zusammenkommen der Religionen ist die Beziehung zwischen der katholischen Jakarta-Kathedrale und der muslimischen Istiqlal-Moschee. Diese Moschee gehört zu den grĂ¶ĂŸten der Welt und hat ein Fassungsvermögen von 140.000 Menschen. Unvorstellbar, oder? Ein Bauwerk, in dem 140.000 GlĂ€ubige Platz finden. Die Jakarta-Kathedrale ist ein niederlĂ€ndisches Abschiedsgeschenk – und muss sich mit ihrer schönen Architektur und ihrer Dominanz nicht vor den europĂ€ischen Klassikern verstecken. Die grĂ¶ĂŸte Moschee des Landes wurde bewusst direkt neben der Kathedrale gebaut, um die Religionen zu vereinen und zu verschmelzen. Sowohl an muslimischen als auch an christlichen Feiertagen finden in beiden GotteshĂ€usern Festakte statt. Man teilt sich dieselbe Infrastruktur, denselben Parkplatz, dieselben GrĂŒnflĂ€chen und die administrativen GebĂ€ude.

Wer ein Amsterdam-GefĂŒhl haben möchte – allerdings um 90 Prozent gĂŒnstiger – braucht nur den Fatahilla Square aufzusuchen. Der Platz liegt inmitten der Altstadt und ist das Herz des Zentrums. Man leiht sich ein knallbuntes, mit Tulpen geschmĂŒcktes Fahrrad aus und erkundet das wunderschöne Stadtgebiet mit seinen KanĂ€len und Grachten. Ein herrliches und gleichzeitig skurriles Bild – wenn sich unzĂ€hlige Indonesier mit den bunten RĂ€dern durch die engen Gassen kĂ€mpfen. Es ist tatsĂ€chlich ein Spiegelbild von Amsterdam – nur ohne Touristenmassen, bekiffte Jugendliche und Rotlichtmilieu.

Zwei kleine Anekdoten aus Jakarta, bevor wir unsere lange Zugreise durch die Insel Java starten. Das Wayang-Museum gehört zu den vielen interessanten Einrichtungen, die sich ĂŒber die Innenstadt verstreuen. Was in meiner Kindheit Nils Holgersson, die Ducktales (whooh ooh) oder unser belgischer Freund Niklaas waren, sind in Indonesien die Helden der Puppenspiele. Das Wayang-Museum ist Hollywoods Walk of Fame der Puppenspielindustrie. Alle neuen und beliebten Stars der Szene finden hier Platz. Ein Bediensteter erklĂ€rt mir, dass es sogar so etwas wie eine League of Legends gibt, wo die absoluten Weltstars der Szene abgebildet werden. Am Ende der FĂŒhrung werde ich mit einem originalen Puppenspieltheater belohnt. Erste Reihe, fußfrei 
 ich lehne mich gemĂŒtlich zurĂŒck und versuche dem bunten Treiben zu folgen. Das TheaterstĂŒck dauerte zwanzig Minuten – von dessen Handlung ich nicht einmal den kleinsten Ansatz hatte, worum es eigentlich geht. Irgendwas zwischen SpongeBob Schwammkopf und The Walking Dead – aber sinnvolle HandlungsstrĂ€nge werden allemal ĂŒberbewertet. Ich hatte meinen Spaß 😅.

Wenn ihr es organisieren könnt, versucht, einen Sonntag mitzunehmen. Am letzten Tag der Woche heißt es in Jakarta, die Reset-Taste zu drĂŒcken und alles herunterzufahren. GeschĂ€fte, Restaurants und sĂ€mtliche Einrichtungen werden geschlossen – und die Bevölkerung genießt ihren freien Tag. Die meisten Straßen werden fĂŒr den herkömmlichen Verkehr gesperrt – und die ganze Metropole kommt wortwörtlich zum Erliegen. Als wĂŒrde sich Rapunzel oder Dornröschen – oder wer auch immer – in den ewigen Schlaf legen.

Die Kinder ĂŒbernehmen die Herrschaft der Straßen, stellen ihre Fußball- und Landhockeytore auf – und verwandeln die Weltstadt in den grĂ¶ĂŸten Spielplatz des Globus. Fasziniert hat mich die erbarmungslose Leidenschaft fĂŒr Badminton. An jeder Straßenecke werden die Netze aufgespannt, mit Kreide die Linien gezogen – und der kleine Federball wird wie wahnsinnig hin und her gedroschen. Auch Laternen und Verkehrstafeln mĂŒssen als Netzhalter herhalten – ein herrliches Bild. Ich habe ein wenig ĂŒber diesen Badminton-Wahnsinn recherchiert und festgestellt, dass Indonesien bis heute 39 olympische Medaillen gewonnen hat – davon allein 21 im Badminton 
 vielleicht sollten wir uns ein Beispiel nehmen. Etwas spĂ€ter erfuhr ich, dass diese freien Sonntage primĂ€r dazu dienen, die Luft zu reinigen und das tĂ€gliche Verkehrschaos zu reduzieren.

Eigentlich eine richtig gute Idee – oder was haltet ihr davon? Sperrt doch sonntags die großen Straßen und lasst die Kids spielen.

Java ist eine naturverbundene, endlos große Insel, die sehr viel Zeit benötigt, um sie zu durchqueren. Vierspurige Hochgeschwindigkeitsautobahnen existieren nicht – deswegen bleibt nur eine Option: die bequeme, kostengĂŒnstige Fahrt mit dem Regionalzug, die allerdings ĂŒber eine Distanz von mehr als 1.000 Kilometern ein wenig Geduld erfordert.

Willkommen zu meinem dritten G-Adventures-Abenteuer – einmal quer mit dem Zug ĂŒber die indonesische Hauptinsel Java. Diese Tour ist perfekt vororganisiert – und dadurch halten sich die Überraschungen und spannenden Ereignisse in Grenzen. Aber nach neun Monaten reiner Selbstorganisation werde ich die nĂ€chste Woche einmal entspannt genießen. Keine spontanen Planungen, keine zweifelhaften UnterkĂŒnfte, keine panischen Bus- und Zugsuche-Aktionen – und ein paar NĂ€chte mit einem minimalen Ansatz von Luxus und Niveau (auch FrĂŒhstĂŒcksbuffet genannt 😅). Das bedeutet: Hirn aus, einfach nur Passagier sein und rein ins Abenteuer.

Da ich schon die BefĂŒrchtung entwickle, dass dieser Reisebericht wieder zu einem Roman werden könnte, werde ich versuchen, mich auf die spannendsten Java-ErzĂ€hlungen zu beschrĂ€nken. Ich ĂŒberprĂŒfe eure Aufmerksamkeit: Welche Insel hat die meisten Einwohner? A) Grönland, B) Großbritannien, C) Java oder D) die Faaker-See-Insel. Nicht wirklich schwierig, oder? Armin und GĂŒnther wĂ€ren stolz auf euch 😉! Antwort C ist korrekt!

Die indonesische Insel Java liegt inmitten des klimatischen TropengĂŒrtels. Mit anderen Worten: unfassbarer Monsunregen, brutale Luftfeuchtigkeit, einzigartige Flora und Fauna 
 eine körperliche Herausforderung! Oder einfach mit den Worten einer US-amerikanischen Hard-Rock-Band formuliert: „Welcome to the Jungle“. Die jĂ€hrliche Monsunzeit startet Mitte Dezember und begrĂŒĂŸt dich auf ihre ganz persönliche Art. Ein kleiner Spaziergang reicht – und die Kleidung haftet auf der Haut. Millionen ĂŒber Millionen Moskitos begleiten dich auf Schritt und Tritt: die tĂ€glichen Herausforderungen des TropengĂŒrtels.

„Walking on the Crater“ – so können wir den nĂ€chsten Abschnitt betiteln. Ein fehlerhafter Schritt – und du löst dich in Asche und Rauch auf. Am spĂ€ten Abend verlassen wir unser Luxushotel (also das mit FrĂŒhstĂŒcksbuffet 😉) und werden mit kleinen Jeeps Richtung Ngadas chauffiert. Ngadas ist ein 1.700-Einwohner-Bergdorf am Fuße des mĂ€chtigen Bromo. Die dreistĂŒndige Fahrt fĂŒhrt uns durch den Tengger-Semeru-Nationalpark – entlang einer kurvigen und teils richtig gefĂ€hrlichen Schotterstraße. Das kleine Bergdorf ist kein Touristenmagnet – aber die perfekte Ausgangslage fĂŒr eine mitternĂ€chtliche Wanderung zum Vulkan Bromo. Hotels oder moderne UnterkĂŒnfte sucht man hier vergebens. Mit UnterstĂŒtzung von G Adventures wurden die Anwesen saniert und modernisiert – und als Zeichen der Dankbarkeit nehmen uns die Bergbewohner fĂŒr eine Nacht auf. Mein Hintern stirbt bereits tausend Tode, mein Nacken lĂ€sst sich kaum noch wenden – und ich schwitze, was das Zeug hĂ€lt. Dieser Jeep verfĂŒgt weder ĂŒber eine Klimaanlage noch ĂŒber eine funktionierende Tankanzeige oder einen Geschwindigkeitsmesser. Die dreistĂŒndige Fahrt spĂŒre ich in jeder kleinen Rille meines Körpers – aber zum GlĂŒck sind wir heil und gesund angekommen. Am Zielort springe ich aus dem GelĂ€ndewagen und atme einmal ganz tief ein. In diesem Augenblick lerne ich unsere LuftqualitĂ€t wieder zu schĂ€tzen. Nach wochenlangem Aufenthalt in versmogten GroßstĂ€dten endlich wieder kĂŒhle Bergluft inhalieren. Hört sich ohne Frage merkwĂŒrdig an – aber obwohl ich zehntausende Kilometer von zu Hause entfernt bin, spĂŒre ich in dieser Sekunde die Heimat. Es ist stockdunkel – denn ElektrizitĂ€t gibt es hier nicht – eine absolute Totenstille und eine frische Brise Wind, die durch die Luft zieht 
 ein wenig wie Heimat 
 einatmen, ausatmen und genießen.

Meine Gastfamilie ist ein herziges Ă€lteres Paar, das fĂŒr mich ein Zimmer vorbereitet hat. Die ZimmergrĂ¶ĂŸe erinnert an einen begehbaren Wandschrank – und am Boden liegt eine Matratze mit Spider-Man-BettwĂ€sche 😅. FĂŒr zwei bis drei Stunden Schlaf völlig ausreichend. Als ich allerdings erfuhr, dass meine Begleitung im Nebenhaus Disneys Eiskönigin-BettwĂ€sche hatte, wurde ich ein klein wenig eifersĂŒchtig 😅 – ob sie vielleicht tauschen möchte?

Unsere Gastfamilie tischt uns ein Mitternachtsessen auf. Es gibt selbst gepflĂŒckte Kartoffeln – garniert mit anderen Kartoffeln – und als Zugabe weitere Kartoffeln. Teller, Besteck, Servietten? Nein – die benötigen wir nicht. Das 1-GĂ€nge-MenĂŒ wird in einem großen Topf auf dem Boden gestellt – und jeder bedient sich nach Lust und Laune. Wir sitzen auf dĂŒnnen Matratzen am eiskalten KĂŒchenboden – Hintern, Kreuz, Nacken 
 einfach alles schmerzt fĂŒrchterlich. Und trotz all der unkomfortablen UmstĂ€nde lieben wir diesen Abend 
 ein authentischeres GefĂŒhl als bei einer indonesischen Gastfamilie einquartiert zu sein, ist schier unmöglich.

Fließend Wasser? Nicht wirklich! ElektrizitĂ€t? Sporadisch! Toilette, Bad, Dusche? Vielleicht doch lieber raus in die Natur? Mir gefĂ€llt so etwas – ich liebe solche einfachen HeimstĂ€tten. Die 4-Sterne-LuxusĂŒbernachtungen wird man schnell vergessen – aber solche Erlebnisse begleiten einen durchgehend. In unserer kleinen G-Adventures-Reisegruppe waren ein paar Reisende dabei, denen der Schock so richtig ins Gesicht gezeichnet wurde 
 die kennen diese Art des Reisens wohl noch nicht đŸ€Ł. Obwohl das Englisch meiner Gastfamilie genauso ĂŒberragend ist wie mein Indonesisch, hatten wir herrliche GesprĂ€che – zum GlĂŒck wurden ja HĂ€nde und FĂŒĂŸe erfunden. Wenn ich daran zurĂŒckdenke, erinnern mich diese ersten Begegnungen an die Pocahontas-Filme (fragt bitte nicht, warum 🙈). Sie berichteten uns von ihren Kindern, die beide in einer grĂ¶ĂŸeren Stadt leben, von ihrer tĂ€glichen Arbeit (sie sind Kartoffelbauern 😉) – und prĂ€sentierten uns mit vollem Stolz verstaubte Fotos. Kennt ihr diese Situation? Im Kopf baut sich schon ein gewisser Druck auf – denn man weiß, es sind nur noch wenige Stunden fĂŒr den Schönheitsschlaf – aber man möchte auf keinen Fall unhöflich sein und die Party als Erster verlassen. Die letzten paar NĂ€chte verbrachte ich in Saus und Braus: heißes Wasser, Zimmerservice, Pool, Highspeed-WLAN, TV (đŸ“ș „The Voice of Indonesia“ – herrliche Sendung 😅) 
 und jetzt sind wir hier – endlich richtig in Indonesien angekommen.

Nach dem Dinner folgte noch eine kleine Gruppenbesprechung, in der wir unseren Schlachtplan fĂŒr die morgige Vulkanbesteigung aushandelten. Dank der MĂŒdigkeit und der Leiden meines ganzen Körpers hielt sich meine Aufmerksamkeit in Grenzen – allerdings blieben mir zwei Begriffe schmerzhaft in Erinnerung: „Abmarsch 02:30 Uhr“ und „sintflutartige RegenfĂ€lle“. Eine kurze, unruhige Nacht steht mir bevor. Ich wette, in der Eiskönigin-BettwĂ€sche hĂ€tte ich merklich gemĂŒtlicher geschlafen – aber nein 
 du wolltest ja nicht mit mir tauschen 😞.

Der Wecker prĂŒgelt mich aus Peter Parkers Anzug – im Nu, mit abgefĂŒlltem Wasser bei EiseskĂ€lte im Freien die ZĂ€hne putzen – und rein in den Jeep, der uns Richtung Aussichtsplattform bringt. WĂ€hrend dieser Zeit war ich der Eiskönigin nĂ€her als im Disneyland – denn auf dieser Höhe herrschten Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt. Und glaubt mir – darauf war ich nicht vorbereitet. Die wĂ€rmsten Stunden meines Lebens verbrachte ich aller Voraussicht nach auf der Festung Masada in Israel đŸ‡źđŸ‡± oder im Death-Valley-Nationalpark đŸ‡ș🇾 
 das hier war das Pendant dazu 
 mir war so unfassbar eiskalt đŸ„¶đŸ„¶đŸ„¶! HĂ€tte man sich besser vorbereiten können? NatĂŒrlich! Haben sich meine Mitreisenden besser darauf eingestellt? NatĂŒrlich! 
 aber wer mich kennt 
 🙈

Die Idee, den Sonnenaufgang am legendĂ€ren Vulkan Bromo zu genießen, hatten auch einige andere Touristen – und so sammelten sich hunderte Menschen aus allen Teilen der Welt an der Plattform. Die Jeeps standen reihenweise – und es herrschte ein unruhiges, unkontrolliertes Durcheinander. Ich wĂ€rmte mich mit Tee und heißer Instant-Nudelsuppe und hatte den perfekten Platz, um diesen traumhaften Moment zu genießen 
 theoretisch zumindest! Dieser Augenblick erinnerte mich an die SilvesternĂ€chte am Grazer Schlossberg – nur anstatt der Nudelsuppe und des Tees hatten wir anderes Zeug dabei. (Also Tee schon – nur eben anders. Ich denke, ihr wisst, was ich meine 😅.)

Aber, aber, aber 
 diese verfluchte, beschissene Wolkendecke 😡. Warum zur Hölle mĂŒsst ihr jetzt genau hier sein? Der Himmel ist so verdammt groß – und ihr könnt euch keinen anderen Platz aussuchen? In kleinen Schritten bricht der Tag heran, ich erkenne die ersten Umrisse des Gebietes und registriere, wie viele Menschen hier versammelt sind. Von Minute zu Minute kann ich die Naturlandschaft besser sehen und die Kontur des Vulkans ausmachen 
 aber der Sonnenaufgang đŸ€” 
 Fehlanzeige!

Ehrliche GefĂŒhlslage (jetzt lache ich darĂŒber): Ich war tieftraurig, vollkommen am Boden und endlos enttĂ€uscht. Millionen Fotos und Posts ĂŒber diesen sagenhaften Sonnenaufgang am Bromo. Das sollte ein absoluter Höhepunkt meiner Weltreise sein – und dann diese Niederlage. Ein schwarzes Wolkenparadies, das jeden Moment drohte, sich in sintflutartige RegenfĂ€lle zu verwandeln. F**k! Im Nachhinein ziemlich peinlich – aber ich war den TrĂ€nen nahe, hinterfragte alles und zweifelte zum allerersten Mal so richtig an dieser Expedition. „Nur“ hier zu sein, war mir zu wenig – ich wurde die letzten Wochen und Monate so verwöhnt, dass ich mit dieser EnttĂ€uschung nicht umgehen konnte. VerstĂ€ndlicherweise sind diese Emotionen fĂŒr euch schwer nachzuvollziehen. „Was jammert der herum?“, werdet ihr euch fragen.

Nach meinem persönlichen Fiasko folgte eine 60-minĂŒtige GelĂ€ndefahrt, um den Krater des Vulkans zu erreichen. Meine Motivation, meine Begeisterung und meine Laune passten sich der Temperatur an. Die Wolken wurden dunkler und dunkler – und ich wartete praktisch nur noch auf das Unwetter. Wir stoppten auf einer tiefschwarzen, ebenen FlĂ€che, um die Wanderung in Angriff zu nehmen. Mit winzigen Schritten lichtete sich der Himmel ein wenig – und ich konnte die schwarzen Aschewolken erkennen. Ein extremes und mulmiges GefĂŒhl, aus nĂ€chster NĂ€he zu beobachten, wie die Asche in den Himmel aufstieg. In den Jahren 2014 und 2016 ist der Bromo zuletzt ausgebrochen und hat fĂŒr reichlich Durcheinander gesorgt.

WĂ€hrend des staubigen Anstieges kitzelte mich aus heiterem Himmel etwas im Gesicht. Die Zeit der Eiskönigin nahm ihr Ende – und mein ganzer Körper spĂŒrte eine leichte VerĂ€nderung. Ich blickte in den Himmel: „Ah, schön, dass du dich auch noch blicken lĂ€sst – vielleicht ein klein wenig zu spĂ€t, oder? 🌞“ Statt Dankbarkeit und Enthusiasmus ĂŒber ihr verspĂ€tetes Auftreten empfing ich Frust und EnttĂ€uschung – nach dem Motto: Jetzt brauch‘ ich dich auch nicht mehr!

Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich dieses trostlose Tal in ein Paradies. Strahlend blauer Himmel, eine hochstehende Sonne – die Hitze brennt auf meiner Haut. Ich war im Glauben, der Sonnenaufgang sei der Gipfel dieser Reise – aber ich irrte mich. Was nun folgte, waren mitunter die wunderschönsten und genialsten Stunden meines ganzen Lebens 
 und ihr seid nun auch mit an Bord đŸ„°.

Der Trail vom Parkplatz zum Vulkan 🌋 ist eine trockene, staubige und stark frequentierte Angelegenheit. Leider ist auch hier das TierquĂ€len weitverbreitet. Menschen, die entweder zu faul oder zu bequem sind, lassen sich auf Pferden oder Eseln zu den steilen Stufen des finalen Anstieges bringen. (Aber ĂŒber dieses Dilemma rege ich mich jetzt nicht weiter auf.)

Ich klettere die brutal steilen Stufen hinauf und erreiche den Aussichtspunkt am Krater des feuerspeienden Bromo. Diese krasse Steigung fordert ihren Tribut – viele Besucher bleiben entkrĂ€ftet stehen und drehen wieder um. Nach kurzer Abstinenz wieder einer dieser JĂ€ger-des-Augenblicks-Momente. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich jemandem dieses geniale, unbeschreibliche GefĂŒhl jemals erklĂ€ren kann. Was nun folgt, ist die Wanderung entlang des Kraters. Je weiter man geht, desto ruhiger wird es – und nach einigen hundert Metern verschwindet jede Menschenseele aus der Sicht. Der Vulkan und ich sind vollkommen eins. Nie im Leben hĂ€tte ich mir gedacht, dass ich trotz meiner Höhenangst diesen schmalen Grat entlanglaufen kann. Ein falscher Schritt nach rechts, ein falscher Schritt nach links, eine unkontrollierte Bewegung – und mein Körper wird zu Asche und Staub.

Die Aussicht in das Tal ist nicht zu beschreiben – aber der Blick in den Krater ĂŒbertrifft alles Vorstellbare. Die Aschewolke steigt unkontrolliert empor und schwebt an meinen Augen vorbei. Keine Absperrungen, keine Schutzmaßnahmen, keine Grenzen 
 absolute Freiheit! Eine couragierte kleine Gruppe meiner G-Adventures-Truppe balancierte vorsichtig, aber mutig um dieses NaturphĂ€nomen herum – und ich war ein Teil von ihnen.

Abschließend legte ich mich auf den schmalen Pfad, starrte in den blauen Himmel und lĂ€chelte die Sonne an – mit diesem einen Gedanken: der perfekte Moment! Der, nach dem ich immer gesucht habe 
 In Wirklichkeit könnte ich alles zusammenpacken und wieder nach Hause fahren – das Ziel dieser Reise ist erreicht. Egal, was jetzt noch kommt – egal, was passieren wird – dieser Druck, den ich mir laufend gesetzt habe, ist weg. Ihr arbeitet aus Überzeugung auf ein Ziel hin, opfert dafĂŒr so vieles 
 und wisst nie, ob ihr es jemals erreichen werdet 
 Ja, und dann! Und dann habt ihr es geschafft! Der perfekte Moment.

ZurĂŒck in die Zivilisation! Wir fuhren mit dem Zug weiter nach Yogyakarta – eine 500.000-Einwohner-Stadt im Herzen von Java. Wir organisierten uns ein Fahrrad (oder so etwas Ähnliches) und erkundeten die landschaftliche Umgebung der Stadt. Das sind diese AusflĂŒge und Erfahrungen, in denen du schön langsam eins mit Indonesien wirst – es immer besser verstehst und lieben lernst. Meilenweit weg von Verkehr, LĂ€rm und Stress erforschten wir diese eindrucksvolle Gegend und tauchten in die Kultur und Tradition ein. Wir pflĂŒckten frische Bananen 🍌 und Avocados đŸ„‘ und schlugen uns die BĂ€uche mit SternfrĂŒchten und KokosnĂŒssen đŸ„„ voll. Meine erste Begegnung mit diesen fantastischen indonesischen WasserĂ€pfeln bleibt mir ewig in Erinnerung. (Ich habe noch nie etwas von dieser Frucht gehört – und ich wĂŒsste jetzt auch nicht mehr, wie sie wirklich heißt đŸ€Ł – aber sie waren dermaßen lecker.) Sprichwörtlich hĂ€ngen die sĂŒĂŸesten FrĂŒchte ja ganz weit oben. (Da gab es doch ein Lied, oder? 
 egal jetzt.) Zum GlĂŒck ist die einheimische Bevölkerung so nett – und hilft uns mit Körben, Greifarmen und Ă€ußerst talentierten Klettereinlagen, um an die köstlichsten SchĂ€tze zu kommen. Beim AbschĂ€len und Entkernen stellten wir uns wie blutige AnfĂ€nger an. (Die treue E-Card unterstĂŒtzte mich wieder einmal.) Wenn ihr das erste Mal eine Drachenfrucht in den HĂ€nden haltet, werdet ihr es verstehen. (Entweder hilft euch ein OrtsansĂ€ssiger – oder ihr sucht ein YouTube-Video mit der Anleitung „How to eat a dragon fruit“ 😅.)

Die Bewohner lehrten uns, wie man Ziegel produziert (anstrengend, aber machbar), wie man die Felder mit den BĂŒffeln umgrĂ€bt (wer dachte, ein Esel sei stur, lerne den indonesischen WasserbĂŒffel erst kennen) – und wie man traditionelle GemĂ€lde und Statuen entwirft. Drei engagierte Damen zeigten uns die Kunst des Reisanbaus – und wenige Augenblicke spĂ€ter standen wir knietief im Schlamm und versuchten, unsere angebotene Hilfe in die RealitĂ€t umzusetzen.

All dies und noch viel mehr geschieht auf Basis reinster Freundlichkeit und Höflichkeit. Niemand hĂ€lt die Hand auf oder erwartet eine Gegenleistung. Ein freundliches LĂ€cheln und ein ehrliches „terima kasih“ reichen.

Jetzt werde ich mich kurzfassen – obwohl es mir schwerfĂ€llt. Im Zuge der Java-Reise konnte ich zwei weltberĂŒhmte Tempelanlagen besuchen. Den buddhistischen Tempel Borobudur (der drittgrĂ¶ĂŸte der Welt) – und den grĂ¶ĂŸten hinduistischen Tempel der Welt: Prambanan. Das Lesen von Reiseberichten ĂŒber Tempelanlagen, die inmitten des indonesischen Dschungels liegen, ist offen gesagt nicht allzu spannend. Deswegen nur ein Satz: Die beiden unterschiedlichen Anlagen zweier verschiedener Weltreligionen können sagenhafter und beeindruckender nicht sein! Es tummeln sich tausende Touristen – aber der Umfang dieser Bauwerke wirkt so unendlich groß, dass man sich schnell einmal verliert und in absoluter Abgeschiedenheit der Kultur und Geschichte eintauchen kann. Kategorie GĂ€nsehaut am ganzen Körper 
 ich erstarre in Ehrfurcht – und es bleibt mir ein RĂ€tsel, wie die Menschheit solche Wunder erbauen kann. (Okay, das waren jetzt drei SĂ€tze 
 jetzt sind es sogar vier geworden 🙈 ⬇.)

Eine kleine amĂŒsante Randnotiz ĂŒber euren zukĂŒnftigen Aufenthalt auf Java möchte ich euch nicht verschweigen. Ihr werdet Elvis Presley, Marilyn Monroe und Arnold Schwarzenegger gleichzeitig sein 
 ihr werdet das GefĂŒhl haben, ihr seid OscarpreistrĂ€ger und Super-Bowl-Gewinner 
 im Minutentakt kommen Familien und Kinder auf euch zu und bitten euch um Selfies. Abseits der Touristenpfade startet dieses PhĂ€nomen in Jakarta und zieht sich bis zum östlichsten Teil der Insel – bis nach Malang – durch. Teilweise steht die einheimische Bevölkerung Schlange, um sich mit euch ablichten zu lassen. Nervt das? Vielleicht ein wenig! Aber sie sind höflich, akzeptieren auch ein Nein – und wie oft hat man schon die Gelegenheit, Weltstar zu spielen?

Über Bali hatte ich so meine Zweifel. Insgeheim hatte ich mich auf einen zweiten Hawaii-Effekt vorbereitet – eine vollkommen ĂŒberbewertete Touristeninsel ohne Natur und Charme. Spannung lasse ich jetzt keine aufkommen: Ich 💖 Bali! Ich liebe jeden einzelnen Quadratmeter dieses göttlichen Eilands. Bali ist eine kleine, dicht besiedelte Insel im Indischen Ozean – und gleichzeitig das Touristen-Mekka fĂŒr australische Partytiger. Trotz der geringen GrĂ¶ĂŸe (die halbe FlĂ€che des Bundeslandes KĂ€rnten) ist sie facettenreich und unberechenbar. Die Insel kann eure schönsten und intimsten TrĂ€ume erfĂŒllen – aber sie könnte ebenfalls ein lebendiger Albtraum werden. Vorbereitung, Planung, perfektes Timing und ein klein wenig GlĂŒck sind notwendig. An dieser Stelle muss ich mich einmal selbst loben (hier wĂ€re nun ein Emoji angebracht, das sich mit der Hand auf die Brust klopft 😅).

Ich bin noch immer am Überlegen, wie ich euch diese Insel vorstellen soll – ohne dabei den arroganten Klugscheißer heraushĂ€ngen zu lassen đŸ€”. Herkömmliche ReisefĂŒhrer gibt es wie Sand am Meer – eine Top-10-Liste „Things to do in Bali“ könnt ihr euch auf diversen Wegen selbst zusammenstellen. Da ich die ganze Woche tagtĂ€glich mit Einheimischen verbracht habe, traue ich mich zu behaupten, dass ich weiß, wie der Hase lĂ€uft – und vor allem wo er hinlaufen soll und wo er einen Haken schlagen sollte. Deswegen erzĂ€hle ich euch einfach etwas ĂŒber meine unterschiedlichen Erfahrungen.

(1) Bali Handara Tor: Dieser Spot wird medial als „Balis Gate of Heaven“ bezeichnet – und ist das perfekte Beispiel, wie unsere Gesellschaft aktuell tickt. Dieser berĂŒhmte Tempel ziert die Titelseite jedes zweiten ReisefĂŒhrers und ist die erste und wichtigste Anlaufstelle fĂŒr den modernen Instagram- und Influencer-Tourismus. Das perfekte Foto: Die Tore des historischen Tempels spiegeln sich im glasklaren Wasser – und im Hintergrund erkennt man den mĂ€chtigen Vulkan. (Foto von meiner kanadischen Begleitung.)

Um Teil einer perfekten Fotografie zu werden, mĂŒsst ihr euch durch die behördlichen Abteilungen durchkĂ€mpfen. Ihr erreicht den Tempel und werdet tausende von Touristen kennenlernen, die gelangweilt herumsitzen und in die Luft starren. Ihr sucht den offiziellen Schalter, zieht eine Nummer – und wartet mindestens zwei bis drei Stunden, bis diese aufgerufen wird. Wer hĂ€tte gedacht, dass ein Besuch des Passamtes in Klagenfurt solch eine große Ähnlichkeit mit Bali hat? Auf einer elektronischen Anzeigetafel wird frĂŒher oder spĂ€ter einmal eure magische Kennziffer aufscheinen. (Ihr mĂŒsst bedenken: Wir befinden uns mitten im Dschungel 
 die Themen Luftfeuchtigkeit, Moskitos, Hitze etc. lassen wir vorweg.) In der Hauptsaison betrĂ€gt die durchschnittliche Wartezeit zwischen vier und fĂŒnf Stunden – wĂ€hrend unserer Off-Season waren es immerhin „nur“ knappe zwei Stunden.

Wichtig! Konzentriert euren Blick auf die Anzeigetafel – denn wenn eure Nummer aufleuchtet, habt ihr genau 45 Sekunden Zeit fĂŒr das perfekte Foto 
 es wird stressig, das kann ich euch versprechen. Der Bereich rund um das Tempeltor gleicht einer Hochsicherheitszone – oder besser gesagt einer Großbaustelle. Abgeschirmt durch SicherheitskrĂ€fte und AbsperrzĂ€une 
 in diesen Momenten erreicht die Romantik ihren Höhepunkt. In den wichtigsten 45 Sekunden eures Lebens muss jeder Handgriff einwandfrei sitzen – denn die wartende Masse beobachtet jeden einzelnen Schritt. Ihr ĂŒbergebt euer Mobiltelefon einem „Angestellten“, der es mit einem zusĂ€tzlichen Objektiv manipuliert – Ă€h, verschönert natĂŒrlich – damit das klare Wasser fantasievoll gespiegelt wird. NatĂŒrlich ist der Boden bei den Toren des Tempels staubtrocken – aber hey 
 so sieht es natĂŒrlich viel besser aus.

Achtet darauf, dass euer GerĂ€t korrekt eingestellt ist – denn die Sekunden ticken 
 tick, tack 
 tick, tack 
 tick, tack! Der besagte Vulkan ist durch den Nebel nicht zu erkennen – aber auch dafĂŒr gibt es einen Trick, den ich offen gesagt nicht verstanden habe. In den folgenden 30 Sekunden werdet ihr in einen ZirkusbĂ€ren verwandelt. Zuerst reißt ihr auf Befehl die HĂ€nde in den Himmel – und anschließend folgt der Höhepunkt: das klassische Sprungfoto. Aber konzentriert euch! Ihr mĂŒsst in der richtigen Sekunde abspringen – denn ihr habt nur einen einzigen Versuch 
 tick, tack 
 tick, tack 
 tick, tack!

Mein Foto? Leider nein. Zum GlĂŒck waren in der nĂ€heren Umgebung ein paar Geocaches versteckt, die meine Aufmerksamkeit eroberten und mir die Wartezeit auf meine Begleitung verkĂŒrzten. Ihr bekommt das ideale Foto in einer manipulierten Welt 
 ihr verschwendet mindestens einen halben Tag – wenn ihr ebenfalls diese Perfektion genießen möchtet.

Wo der Hase seinen Haken schlagen soll:

(2) Mission Julia Roberts: Mit ihren Filmrollen đŸŽ„ aus „Pretty Woman“ und „Erin Brockovich“ eroberte sie unsere Herzen. Unter der Bevölkerung Balis zĂ€hlt Julia Roberts zu den meistgehassten Menschen der Erde. Die hochtalentierte und wunderschöne Schauspielerin kann persönlich logischerweise wenig dafĂŒr – aber ihre romantische Schnulze „Eat Pray Love“ versetzte die Insel in Angst und Schrecken. Bei strahlendem Sonnenschein streift Mrs. Roberts halb nackt durch die grĂŒnen Reisterrassen, sonnt ihren Luxuskörper an einsamen TraumstrĂ€nden und genehmigt sich ein exklusives Bad unter den WasserfĂ€llen der Insel. Die ganze Welt sieht ihr zu, die ganze Welt will wie Julia sein – und die ganze Welt bricht auf, um Bali zu stĂŒrmen.

Das traurige Beispiel eines Leidtragenden: der Tegenungan Waterfall. Bevor dieser Film ĂŒber den gesamten Erdball ausgestrahlt wurde, war dieser Wasserfall ein einzigartiges Naturschauspiel. Er befindet sich inmitten einer dichten Dschungellandschaft und konnte nur durch einen verwilderten Pfad erreicht werden 
 Idylle, AtmosphĂ€re, pure Romantik, wilde Natur, Abgeschiedenheit 
 alles, was ihr euch ertrĂ€umen könnt.

Nachdem ich schon langsam Herr ĂŒber meinen Scooter geworden war und die – sagen wir – sehr ĂŒberschaubaren Verkehrsregeln verstanden hatte – oder besser gesagt ignoriert hatte – fĂŒhrte mich einer meiner Wege zum Tegenungan-Wasserfall. Am Fuße des idyllischen Wasserfalls wurde ein asphaltierter Parkplatz gebaut. Die neu betonierte Zufahrtsstraße ist so breit, dass die mĂ€chtigen Reisebusse problemlos wenden können. Es drĂ€ngen sich kleine GasthĂ€user, diverse Kaufleute und drittklassige SouvenirlĂ€den aneinander. Sowohl auf der ParkflĂ€che als auch beim Eingang des Wasserfalls wird von selbst ernannten WĂ€chtern fleißig abkassiert. Der neue Weg fĂŒhrt ĂŒber Treppen und BrĂŒcken aus Stahl, die in den Boden und in die FelswĂ€nde gebohrt wurden. Von einer idyllischen AtmosphĂ€re oder einem Funken Romantik sind wir so weit entfernt wie ich gerade von SĂŒdamerika. Direkt neben den Fluten des Wasserfalls hat man ein luxuriöses Restaurant in den Dschungel gebaut – das die berĂŒhmte Riesenschaukel anbietet (inklusive einheimischer Fotografen und Passamt-Feeling).

Was will ich damit sagen: Auf Bali werden zigmal mehr „Bali Instagram Tour: The Most Famous Spots“-Touren angeboten als AusflĂŒge, bei denen euch regionale Guides die Kultur und Tradition der Insel nĂ€herbringen. Wichtig sind viele Likes, gestellte Fotos und Selbstdarstellung. Diese Entwicklung ist beĂ€ngstigend – und erzeugt in mir eine panische Horrorvorstellung, die Bali Schritt fĂŒr Schritt „zerstören“ wird.

Aber 
 warum liebe ich diese Insel so sehr – warum sollte sie jeder von euch zumindest einmal im Leben aufsuchen? So ziemlich alles spielt sich im SĂŒden der Insel ab. Die noblen Hotels, die luxuriösen Restaurants, die Anlegestellen der Kreuzfahrtschiffe, die trendigen Bars und Lokale 
 aber es gibt einen riesigen Unterschied zwischen der westlichen und der östlichen SĂŒdseite der Insel. Kuta Beach ist der Ballermann Balis: 24/7 Party ohne Ende, bevölkert von europĂ€ischen und australischen Sauftouristen 
 Sonnenuntergang und Surferparadies. Sanur ist der Ausgangspunkt der östlichen SĂŒdspitze. Ruhig, entspannt, gelassen – die regionale Bevölkerung dominiert die Lage 
 Magie, Mystik und heimische Rituale stehen an erster Stelle. Die östliche KĂŒste punktet nicht mit wilden Strömungen und spektakulĂ€ren SonnenuntergĂ€ngen – sondern schenkt euch diese mĂ€rchenhafte AtmosphĂ€re, die ihr garantiert nur auf Bali erleben könnt.

Überraschenderweise habe ich mich an der ruhigen SĂŒdostkĂŒste einquartiert und lernte ĂŒber meinen Gastgeber zwei wunderbare ReisefĂŒhrer kennen, die mich Tag fĂŒr Tag an die schönsten Orte der Insel brachten. Wayan und Kalu sind ihre Namen! Da ich sowohl den geografischen Überblick als auch die chronologische Reihenfolge verloren habe, folgt nun eine kleine Auflistung von Spots, die ihr wahrscheinlich nicht in jedem ReisefĂŒhrer finden werdet. Bevor ihr nach Bali fliegt, nutzt bitte die Chance und gebt mir Bescheid – ich werde euch mit Wayan oder Kalu verkuppeln. Ich garantiere euch: Die Jungs bringen euch sicher durch den hektischen Verkehr, erzĂ€hlen euch die spannendsten Geschichten und zeigen euch PlĂ€tze, die ihr nicht fĂŒr möglich haltet. Und wenn ihr euch gut versteht – wovon ich ausgehe 😉 – werdet ihr zu ihren Familien eingeladen und bekommt den liebevollsten Einblick in Mystik und Geschichte der Insel.

Pantai Beach & Sanur Beach: zwei wunderbare SandstrĂ€nde, die mit ihrer NatĂŒrlichkeit glĂ€nzen. Keine aufgeschĂŒtteten, fĂŒr Touristen prĂ€parierten Strandabschnitte. Der Wellengang ist ruhig, im Meer schwimmen Algen und Wasserpflanzen – und ihr benötigt eine gewisse Dichte der Hornhaut oder passendes Schuhwerk, um die ersten Schritte zu wagen. Absolute Idylle, traumhafte Einsamkeit und Bescheidenheit 
 kleine, lokale Restaurants tummeln sich am Abend an den StrĂ€nden 
 dieser Teil der Insel gehört den Einwohnern Balis – und ihr seid herzlich eingeladen und willkommen.

Obwohl der kleine Ort Ubud das touristische Herz der Insel darstellt, muss er auf eurer Agenda weit oben stehen. Viele interessante und sagenhafte Orte sind von Ubud aus auf kĂŒrzestem Wege erreichbar – am besten mit dem Scooter 😉.

Im Sacred Monkey Forest Sanctuary durchquert ihr tiefen Dschungel und beobachtet tausende Affen. Die Pfade sind vorgegeben: Die Routen fĂŒhren ĂŒber steinerne BrĂŒcken und an den lebendigsten Ficus-BĂ€umen vorbei – und geben euch das GefĂŒhl, ihr wĂ€rt in einem Tomb-Raider- oder Indiana-Jones-Film gefangen. Es ist eine spaßige Angelegenheit, die Affen bei ihren RevierkĂ€mpfen zu beobachten.

Die Tegalalang Rice Terrace ist bereits dem Julia-Roberts-Film zum Opfer gefallen. Man kann sich mit Seilen durch die Schluchten stĂŒrzen, sich auf der Dschungelschaukel ablichten lassen oder sich unzĂ€hligen anderen touristischen Attraktionen widmen. Aber trotz all dieser Vermarktung sind diese Reisterrassen ein sagenhaft wunderschöner und wildromantischer Schauplatz.

Weitere Ubud-Schlagwörter: Wasser, Tempel und Scheißkaffee! Ja – Scheißkaffee. Ihr habt richtig gelesen. Der Tirta Empul oder der Saraswati-Tempel sind zwei der vielen Tempel, die ihr besuchen könnt – aber ĂŒber das Thema Tempel unterhalten wir uns spĂ€ter. Also springen wir zum Scheißkaffee. Im Fachjargon heißt er Kopi Luwak (deutsch: Katzenkaffee) 
 ich nenne ihn einfach nur Scheißkaffee – und das hat zwei GrĂŒnde: 1⃣ Der Kaffee wird aus den Exkrementen der Luwak-Katze zubereitet. An jeder Ecke Balis wird der Wachmacher beworben – er gilt unter anderem als der teuerste Kaffee der Welt. Diese KĂ€tzchen sind kleine, flauschige Nagetiere, die im tropischen Regenwald leben und ausschließlich nachtaktiv sind. Und das bringt uns zu Grund 2⃣: Am Ubud Street Market werden die Tiere in kleinen KĂ€figen gehalten und tagsĂŒber bewusst wachgehalten, damit sie die Touristen belustigen. Die hirnlose Menge wartet, bis die Katze ihre Notdurft verrichtet – um anschließend den frischen Katzenkaffee zu testen. Fassen wir zusammen: Die gebildete Menschheit wartet, bis sich ein nachtaktives, verĂ€ngstigtes Tier am Tage anscheißt – um dann den teuersten (und miserabelsten) Kaffee der Welt zu trinken. 🙈 Ich denke, mehr muss ich dazu nicht sagen. Wer bereit ist, das zu unterstĂŒtzen und sein Geld dafĂŒr auszugeben – bitte schön 
 alle anderen, die ĂŒber Vernunft und ein Gewissen verfĂŒgen: Finger weg!

Der Platz droht knapp zu werden – also schmeiße ich nun einfach mit ein paar Begriffen um mich, deren Besuch es sich ausnahmslos und jederzeit auszahlt:

StrĂ€nde: 🏖 Virgin Beach, White Sand Beach 


Tempel: 🛕 Tirta Gangga, Satya Dharma Tempel, Pura Ulun Danu Bratan, Taman Ayun 


Sonstiges: Bamboo Tree Houses (Klettergarten aus Bambus), Water Palace (königliche Gartenanlage), Jatiluwih Rice Terrace (die schönste und stimmungsvollste Reisterrasse der Insel), Ujung Waterfall (ein seltener Ort, an dem noch einsame Idylle herrscht).

Bevor wir abschließend noch zu den zwei schönsten Kapiteln kommen (SpiritualitĂ€t und Flugzeugwracks 😉) – ein kleiner Tipp zum Thema: Wie kann ich Bali am einfachsten erkunden?

Wie ihr bereits gelernt habt, ist die Insel verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig klein – die Infrastruktur ist zum grĂ¶ĂŸten Teil hervorragend ausgebaut und dadurch optimal fĂŒr eine Selbsterkundung.

(+) Leiht euch einen Scooter aus. Die billigste und schnellste Möglichkeit, die Insel zu erkunden. In den Ballungszentren heißt es, vorsichtig zu sein – aber sobald ihr auf den Landstraßen unterwegs seid, könnt ihr es richtig krachen lassen. Bitte passt aber auf euch auf – es passieren bedauerlicherweise stĂ€ndig tödliche UnfĂ€lle im Straßenverkehr. Nehmt euch mein Motto zu Herzen: „Driving like a grandfather, feeling like a teenager“ 
 und wenn ihr das erste Mal eine lĂ€ndliche Tankstelle aufsucht đŸ€ŁđŸ€Ł 
 herrlich!

(+) Mietet euch einen Wagen samt Fahrer. Ich hĂ€tte da zwei herausragende Persönlichkeiten fĂŒr euch: Wayan und Kalu. Wenn ihr Wunschvorstellungen habt, stellt euch die Route selbst zusammen – die Jungs werden euch ĂŒberall sicher hinbringen. Und falls ihr flexibel seid: Lasst euch ĂŒberraschen 
 schnell kann es geschehen, dass auch eure WĂŒnsche in ErfĂŒllung gehen 😅.

(+) Grab-Motorbike: Treue Leser kennen die Wunderwaffe aus meinem Malaysia-Bericht.

(-) Mietwagen: Mietet euch kein Vehikel! Der Verkehr ist die Hölle – und in den StĂ€dten herrscht höchste Alarmstufe. ParkplĂ€tze sind so rar wie niveauvolle Songs auf Ö3. Vertraut mir – ihr wollt nicht den halben Tag und tausende Nerven damit verschwenden, freie Stellen zu suchen.

Das Beste kommt zum Schluss: SpiritualitĂ€t und Mystik sind die Hauptzutaten, die das Rezept Bali so unwiderstehlich werden lassen. Die Mehrheit der Bevölkerung folgt dem hinduistischen Glauben mit seinen Millionen verschiedenen Göttern. Über 3.000 Tempelanlagen existieren auf der Insel – und so ziemlich jede Familie hat zusĂ€tzlich noch ihren eigenen im Garten stehen. Ihr werdet Millionen mysteriöse Skulpturen und Wesen treffen. DĂ€monen und Geister sind allgegenwĂ€rtig. Einige beschĂŒtzen euch, andere bedrohen euch 
 manche lĂ€cheln euch zu, andere hingegen betrauern oder bemitleiden euch 
 das ganze Eiland ist ĂŒberzogen von Mystik und deren Zeremonien.

Das letzte Mal, dass ich mich mit den fĂŒnf Elementen des Lebens so detailliert auseinandergesetzt habe, war in meiner Hauptschulzeit. (đŸ“ș „Captain Planet, Held der Erde, kĂ€mpft damit die Umwelt sauber werde. Seine Kraft kommt von uns her, fĂŒr den Erdplaneten streitet er“ 
 zu insider-mĂ€ĂŸig, oder? đŸ€Ł.) Egal – die fĂŒnf Elemente sind das wichtigste Gut der Insel. Es wird bei offener Flamme gegessen, um so nah wie möglich am Feuer zu sein. StĂŒhle oder Sessel sucht man meist vergeblich – denn nur am Boden ist man dem Element Erde nahe. WasserfontĂ€nen sind omniprĂ€sent. Die Leute reinigen sich nicht nur aus hygienischen GrĂŒnden – sondern waschen sich vom Schmutz und schĂŒtzen sich vor Krankheiten. Ihr werdet Tempel besuchen, an denen dutzende natĂŒrliche Quellen aus der Erde schießen. Je nachdem, welche Buße ihr ablegen wollt oder welche Krankheit euch bedroht, sucht ihr euch die passende FontĂ€ne aus.

Fahrzeuge werden mit BlumenkrĂ€nzen geschmĂŒckt, um fĂŒr Sicherheit zu beten – vor den magischen Fabelwesen werden KokosblĂ€tter mit BlĂŒten verziert, um ein Opfer zu bringen. Auch wenn ihr genauso skeptisch seid wie ich – und nicht jede Folge von „Charmed – Zauberhafte Hexen“ verfolgt habt – werdet ihr die besondere SpiritualitĂ€t bis in die Zehenspitzen spĂŒren. Jedes Mal, wenn Wayan an einem kleinen Tempel vorbeifuhr, hupte er leiser – um damit die Erlaubnis zu bekommen, passieren zu dĂŒrfen.

Etwas absolut Einzigartiges ist der Silent Day. Der wichtigste regionale Ruhetag wird im MĂ€rz gefeiert. FĂŒr 24 Stunden kommt die komplette Insel zum Erliegen. Es herrscht vollkommener Stillstand 
 und wenn ich sage vollkommen, dann meine ich vollkommen. Den Touristen ist es streng untersagt, ihr Zimmer zu verlassen. Kein einziges GefĂ€hrt ist auf den Straßen unterwegs – der Flughafen wird fĂŒr diese 24 Stunden dichtgemacht. Es gibt kein Fernsehen, keine Internetverbindung, kein Radio 
 ich hoffe, ihr ĂŒberlebt diesen Tag – nehmt euch also ein gutes Buch mit.

Eines noch – dann ist aber gut. Aus der Kategorie „Orte, die nur Mario sehen will“. Der arme, arme Wayan musste so richtig leiden. Am dritten Tag unserer Expedition hatten wir bereits ein blindes Vertrauen aufgebaut – und ich hatte den Mut, ihn zu fragen, ob wir nicht ein verlassenes Flugzeugwrack suchen könnten, das irgendwo im tiefsten Dschungel liegt. Seit seiner Geburt lebt Wayan auf Bali und kennt jeden Quadratmeter – also fragte er sich bestimmt: Okay đŸ€” – ja genau, du seltsamer Österreicher, ein Flugzeugwrack. Dank der wunderschönen Plattform Atlas Obscura konnte ich den Standort des Wracks ungefĂ€hr ausfindig machen. (Voller Stolz muss ich bescheiden hinzufĂŒgen, dass ich selbst schon als Autor auf Atlas Obscura in Erscheinung getreten bin 😉.)

Seine anfĂ€ngliche Skepsis konnte ich mit meiner unaufhaltsamen Euphorie ĂŒbertreffen. (Freude, behaupten alle – aber das sind meine schlimmsten Momente: Daher der arme, arme Wayan.) Einfach herrlich – da kurvt dieser Guide zwanzig Jahre lang Reisende und Touristen zu den StrĂ€nden und Tempeln seiner Insel – und nun hatte er mich am Hals 😅. Ich hatte ungefĂ€hr die Koordinaten – und ich wusste, dass wir irgendwo halb schwindelig, halb illegal herumklettern mussten. Was nach einer recht sinnfreien, sinnlosen und leicht illegalen Aktion klingt – war eine recht sinnfreie, sinnlose und illegale Aktion 
 ja, bis wir das Teil gefunden haben. Der Legende nach landete dieser Airbus vor ungefĂ€hr zwanzig Jahren im Dschungel – allerdings auf dem Privatgrund eines Einheimischen. Zwanzig Jahre spĂ€ter liegt das Flugzeugwrack noch immer an derselben Stelle – denn der EigentĂŒmer beabsichtigt nicht, es herauszurĂŒcken. Nach dem Motto: Wer es findet, darf es auch behalten! Von dem dichten Dschungel ist heutzutage nichts mehr zu sehen. Der Inhaber hat sich den Weg zum Flugzeug freigerĂ€umt und will es frĂŒher oder spĂ€ter der Öffentlichkeit zugĂ€nglich machen – um ein paar Rupien zu verdienen 
 auf diesem Weg: Viel Erfolg! Wayans Reaktion war herrlich – als wir das Wrack gefunden hatten, mutierte er innerhalb weniger Minuten zu einer Selfie-Maschine đŸ€Ł.

Um seine Laune auf diesem Level zu halten, suchten wir noch den verlassenen Taman Festival Themepark auf. Vor zwanzig Jahren war es ein blĂŒhender Park nahe dem Strand und einem Hotelkomplex – wo Touristen ihre freie Zeit verbrachten. Die barbarischen TerroranschlĂ€ge im Jahr 2002 löschten diesen Teil der Insel vollkommen aus – und der Park verwandelte sich in eine lebendige Geisterbahn. So traurig und deprimierend die Geschichte dahinter auch ist – so ĂŒberwĂ€ltigend, schaurig und verlassen ist dieser Ort. Die Natur erobert sich jeden einzelnen Meter zurĂŒck. Der Bambus kracht unter meinen FĂŒĂŸen, der Wind lĂ€sst die verwahrlosten Ruinen tanzen – und Eidechsen und Schlangen laufen kreuz und quer. Die Affen, die in den Baumkronen herumklettern, sorgen fĂŒr viele drastische Schreckmomente. Es ist einfach nur unfassbar wunderschön und herrlich im Themenpark. Wer will da bitte nicht mit mir mitkommen? (Rhetorische Frage – ich weiß: wieder einer dieser GrĂŒnde, warum es besser ist, allein unterwegs zu sein.)

Mein Fazit: Abgesehen von den USA ist Indonesien das erste Land auf meiner Reise, das ich umgehend wieder besuchen möchte – und werde. Ich will einfach alles sehen! Ich will die Inseln Sumatra und Borneo erobern und an den StrĂ€nden von Lombok entspannen. Ich vergöttere diesen Staat 
 die Natur, die Kultur, die Kochkunst, die Historie, die Religion – und vor allem die Menschen. Ich befĂŒrchte, dass zur Hauptsaison die Orte deutlich stĂ€rker besucht sind, als ich sie vorgefunden habe. Eigentlich möchte ich mir gar nicht ausmalen, was dann los ist. Ich wĂŒrde jedem dieses Land ans Herz legen – aber plant gut, plant genau und vergesst die notwendigen Impfungen und Dokumente nicht.

Kosten: Jakarta ist nach Delhi die zweitgĂŒnstigste Millionenmetropole der Welt. Essen, Unterkunft, Fortbewegungsmittel 
 sagenhaft gĂŒnstig. Auf Java ist die Situation Ă€hnlich – und nicht vergleichbar mit europĂ€ischen Preisen. Auf Bali sieht die Sache schon ein wenig anders aus. Die Preise sind noch immer weit unter unserem Niveau – aber hier wird an jeder Ecke und Kante abkassiert.

Sicherheit: Entgegen all der Vorurteile und Reisewarnungen habe ich mich zu jeder Tages- und Nachtzeit sicher gefĂŒhlt. SelbstverstĂ€ndlich sollte man auf den chaotischen Verkehr Acht geben – und Naturkatastrophen können einen immer erreichen.

Heiligabend in Hongkong 🇭🇰, die Weihnachtsfeiertage auf Macao đŸ‡Č🇮, Silvester in Taiwan đŸ‡čđŸ‡Œ 
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