Lidice – das Denkmal der Unschuld 🇨🇿
Es gibt tragische Schicksale des Zweiten Weltkriegs, deren Namen weit über jede Grenze hinaus bekannt sind: Hiroshima, Pearl Harbor oder Stalingrad, das heute Wolgograd heißt und dessen Schlachtfelder die Geschichte für immer gezeichnet haben. Und dann gibt es Begebenheiten, deren Echo kaum über die Landesgrenzen ihres Ursprungsortes hinausreicht – Geschichten, deren Grausamkeit jedoch nicht minder erschütternd ist. Eine dieser stillen, zutiefst verstörenden Begebenheiten ist das Schicksal der Kinder von Lidice.
Rund 20 Kilometer westlich von Prag liegt ein unscheinbares Dorf, dessen Vergangenheit schwerer wiegt, als sein Anblick vermuten lässt. Im Jahr 1942 griff ein Stoßtrupp des tschechischen Widerstands den SS-Obergruppenführer und General der Polizei Reinhard Heydrich in Prag an. Er erlag kurze Zeit später seinen Verletzungen. Die Nationalsozialisten reagierten mit umfassenden Vergeltungsaktionen gegen die tschechische Zivilbevölkerung – und wählten willkürlich das kleine Dorf Lidice als Ziel ihrer Rache.
In der Nacht zum 10. Juni 1942 umstellte die SS das gesamte Dorf, riegelte alle Zugangswege ab und trieb die Bewohner zusammen. 173 Männer wurden ermordet, 195 Frauen exekutiert oder deportiert – Schicksale, die für sich genommen schon unfassbar sind und eigene Kapitel verdienen würden. Im Mittelpunkt steht hier das Schicksal jener 82 Kinder, deren Gedenkstätte ein tiefes, nur schwer zu beschreibendes Gefühl der Verletzlichkeit auslöst.
Mehr als 100 Kinder wurden in jener Nacht von ihren Eltern getrennt. Die SS entschied, einen kleinen Teil von ihnen in ein Kinderheim zu bringen – zur sogenannten Germanisierung: der Zwangsadoption durch deutsche Familien, um die Kinder als Deutsche umzuerziehen und ihre Herkunft auszulöschen. Für die übrigen 82 jungen Leben sahen die Nationalsozialisten keinerlei „Verwendung“. Sie wurden in das Vernichtungslager Kulmhof im besetzten Polen deportiert – eines der ersten Vernichtungslager des NS-Regimes, in dem bereits ab Ende 1941 Giftgas eingesetzt wurde – und dort unmittelbar nach ihrer Ankunft vergast. Die Täter beabsichtigten nicht nur die physische Auslöschung eines Dorfes, sondern auch die vollständige Tilgung seiner Identität, Geschichte und Zukunft.
Erst Anfang der 1950er-Jahre kehrten die ersten Überlebenden und Angehörigen nach Lidice zurück, um den Ort neu aufzubauen. Heute leben wieder rund 550 Menschen dort. Und dennoch erinnert jeder Schritt an die blutige Vergangenheit – sie ist allgegenwärtig, leise, aber unnachgiebig.
Die Gedenkanlage liegt abseits jeglicher Zivilisation, eingebettet in eine friedvolle, von sattem Grün geprägte Landschaft. Kurz vor neun Uhr morgens stand die Frühlingssonne bereits strahlend am Himmel. Der weitläufige Parkplatz war menschenleer – kaum überraschend bei einer Erinnerungsstätte, die selten touristisch besucht wird. Schauplätze wie dieser stehen nicht auf vielen Reiserouten – zu schmerzhaft ist für einige hier in der Region wohl der Blick zurück, den dieser Schauplatz abverlangt.
Von einem kleinen Museum auf einem Hügel aus bietet sich ein weiter Blick über das Gelände. Die Stille und Einsamkeit schaffen eine Atmosphäre, die die Vergangenheit nahezu greifbar macht. Mehrere Stunden lassen sich mit dem Durchwandern des Areals verbringen.
Viel zu sehen gibt es nicht – und womöglich ist genau das die wahre Kraft des Denkmals. Einige Kunstwerke, mehrere Statuen und die Überreste der Gebäude, die in jener Nacht niedergebrannt wurden. Auf einer schlichten Tafel steht: Dies sind die Ruinen der Scheune, in der am frühen Morgen des 10. Juni 173 Männer erschossen wurden.
Zuletzt erreicht man das Mahnmal für die Kinder von Lidice, das im Zentrum der Anlage steht. Die Blicke von 82 Kindern ruhen dort – ein Anblick, der nur bedingt auszuhalten ist. Der Versuch, ein Foto zu machen, erscheint fast wie ein Eindringen in etwas, das zu heilig ist, um es festzuhalten. Die Kamera bleibt stecken. Nur dastehen. Der Wind bewegt sich, die Bäume rauschen leise – und die Kinder schauen, als würden sie warten. Auf was, bleibt offen. Vielleicht nur darauf, dass jemand bleibt. Schmerz und Bewunderung begegnen sich ohne Schutz: der Schmerz über ihr unbegreifliches Schicksal, die Bewunderung für dieses außergewöhnliche Monument – eine der berührendsten Gedenkstätten, die es zu sehen gibt.
DENKMAL FÜR DIE KINDEROPFER DES KRIEGES
Know Before You Go:
Die Gedenkstätte und das angeschlossene Museum sind rund um die Uhr frei zugänglich, jedoch mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen. Am einfachsten gelangt man mit dem Bus ab den Prager Metrostationen Veleslavín oder Zličín dorthin – die Fahrt dauert rund 20 bis 30 Minuten. Für den Besuch von Museum und Gedenkanlage sollte man mindestens zwei Stunden einplanen. (https://www.lidice-memorial.cz)
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