Kapitel 41 – 🇰🇷 Südkorea

Tragische Geschichten aus einem Land, das sich aktuell im Krieg befindet – eine geografische Grenze zwischen zwei Nationen, die in jüngster Vergangenheit noch vereint waren. Warum Seoul die vielfältigste Metropole meiner bisherigen Reise ist … skurrile und schaurige Kämpfe gegen die Orientierungslosigkeit … und der Beginn einer Pandemie, die die Welt noch lange in Atem halten wird …

Für viele Reisende fällt Südkorea in die Rubrik: Bestimmt interessant – aber vielleicht im nächsten Leben! Leute – obwohl die drohende Epidemie meine Freiheit bereits enorm eingeschränkt hatte, konnte ich dennoch einiges erleben. Und ich muss euch mitteilen: Ihr werdet so unfassbar viel versäumen. Eine Woche reicht nicht einmal ansatzweise aus, um nur einen Hauch dieses Staates kennenzulernen. Aber bereits nach dieser kurzen Zeitspanne verkünde ich: Südkorea ist facettenreich und spannend – wie ich es mir nicht erträumt hätte.

Von westlichen Touristen kaum belagert – und dank des Virus bereits von den chinesischen Touristenmassen befreit – hatte ich die optimale Phase erwischt. Obwohl es eine eiskalte 🥶 Jännerwoche wurde, nutzte ich jede freie Minute, um diesen Staat besser kennenzulernen. Ich würde sagen: Wir starten unverzüglich mit dem politischen Brennpunkt – dem Koreakonflikt.

Wenn wir statistisch gesehen über den tödlichsten Fluss unserer Erde sprechen, landen wir wahrscheinlich beim Nil 🇪🇬, beim Amazonas 🇧🇷 oder beim Rio Tinto 🇪🇸. Aber weder die Piranhas noch die Krokodile noch die tödlichen Chemikalien verursachen so viele Todesopfer wie der Imjin. Gerade einmal 300 Kilometer lang ist der Grenzfluss zwischen der Republik Korea und der Demokratischen Volksrepublik Korea – a.k.a. Nordkorea. Im Zuge einer geführten Tour besuchte ich die demilitarisierte Zone Koreas (DMZ) – und wurde mit einem der seltenen Blicke auf die Grenzregion belohnt.

Seit der Spaltung Koreas (1950 bis 1953) befinden sich diese beiden Staaten offiziell im Kriegszustand – wir sprechen also nicht über eine Landesgrenze, sondern über eine militärische Sperrzone. Ob diese Touren wirklich stattfinden können und wohin sie tatsächlich führen, wird meist erst kurz vor der Abfahrt in den frühen Morgenstunden entschieden – da man die aktuelle politische Situation nie hundertprozentig einschätzen kann. Wie weit es moralisch vertretbar ist, solche eskalierten Brennpunkte als Tourist zu besuchen? Dieser Debatte entziehe ich mich – allein schon aus purer Bequemlichkeit.

Mein erster Stopp lag in der Nähe der südkoreanischen Grenzstadt Gimpo, wo ein Aussichtsdeck errichtet wurde, um die ersten neugierigen Blicke über den Fluss Richtung Norden werfen zu können. Ich befinde mich gerade in einem Zwiespalt: Einerseits ist es hochinteressant, elektrisierend – und lässt das Adrenalin in den Adern kochen. Andererseits ist es äußerst diskussionswürdig, Touristen an diese Stellen zu führen. Schließlich blicke ich soeben durch ein hochauflösendes Fernglas – und sehe die nordkoreanischen Grenztürme, die von Soldaten besetzt werden. Im Prinzip spioniere ich gerade das kommunistische Territorium aus – eine neue Form des Voyeurismus.

Das Faszinierende: Die landschaftliche Umgebung ist traumhaft schön. Der tödlichste Fluss der Erde mäandert seelenruhig durch ein zauberhaftes Tal. Ich erblicke himmelblaues Wasser, gelbe Weizenfelder, grüne Wiesen und eine naturbelassene Hügellandschaft. Die mörderische Stille ist erdrückend – keine Fahrzeuge, keine Menschenseele weit und breit – nur dieses wunderbare Panorama und meine Wenigkeit. Es ist etwas mühsam, hochkonzentriert durch dieses Fernglas zu sehen – aber ich möchte so viel wie möglich auf der anderen Seite des Flusses erkennen. Mein Guide berichtet mir von der Schule, der Kirche und den älteren Bauernhäusern, die sich jenseits der Sperrzone befinden. Mit konzentriertem Blick erkenne ich das bunte Treiben – und kann die Gebäude inklusive der nordkoreanischen Bevölkerung zuordnen. Faszination Nordkorea! Warum so viele Menschen auf der ganzen Welt diese Diktatur so interessant finden, kann ich euch nicht erklären. Ich hatte etwas anderes erwartet: hohe Stacheldrahtzäune, militärische Fahrzeuge und patrouillierende Soldaten – aber bestimmt nicht ein kleines Dorf, das mich an meine Heimat erinnert.

Verschiebt man das Fernglas in die nicht markierten Richtungen, wirkt die ganze Angelegenheit um einiges bedrohlicher. In 50 bis 100 Metern Abstand reihen sich nordkoreanische Wachtürme, die von Scharfschützen besetzt sind. Durch den enormen Zoom wird jegliche moralische Grenze überschritten … ich fühle mich wie ein illegaler Spanner – ein perverser Voyeur, der die Soldaten ausspioniert. Darf ich das eigentlich? Wer erlaubt es mir, diese Soldaten so heimlich anzustarren? Können die mich erkennen – registrieren sie mich? Oder bin ich nur einer von unzähligen Schaulustigen, die sich an solchen Situationen aufgeilen? (Bitte verzeiht meine Wortwahl – aber ich denke, ihr wisst, was ich meine.) Ich blicke gerade über den tödlichsten Fluss der Welt auf das unbekannteste Land der Erde – und niemanden interessiert es. (Hoffe ich zumindest.)

Ihr werdet euch bestimmt noch fragen, was es nun mit dem Fluss auf sich hat. Ich würde den Imjin auf maximal zwei bis drei Meter Tiefe schätzen – und das Flussbett ist höchstens 200 Meter breit. Mein Guide klärte mich auf und warnte mich wiederholt, nur einen einzigen Schritt zu weit zu gehen. In der insgesamt zwei Kilometer breiten DMZ liegen hunderttausende scharfe Tret- und Tellerminen, die bei der kleinsten Detonation in die Luft fliegen. Außerdem wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte eine hohe – aber unbekannte – Zahl illegaler Grenzübergänger von Scharfschützen beider Seiten erschossen. Mein Guide erzählt mir, dass erst vor wenigen Wochen wieder ein neuer Tunnel entdeckt und vom südkoreanischen Militär gesprengt wurde. Im Laufe des letzten Jahres wurden mehr als 3.000 Bürger beim Versuch, die Grenzlinie zu überschreiten, aufgegriffen. Was mit ihnen geschehen ist, weiß wohl niemand so genau – aber man macht sich selbstverständlich seine Gedanken über deren Verbleib.

Kleine Notiz am Rande: Wenngleich ganze Familien durch die Spaltung noch immer getrennt sind, gilt es als schwere Straftat, wenn Südkoreaner Kontakt mit Nordkoreanern aufnehmen – vollkommen egal auf welche Art und Weise. Der verpflichtende Wehrdienst beträgt in Nordkorea für alle Männer 11 (!!!) Jahre. Seit 2015 sind auch Frauen wehrpflichtig – und dieser dauert unfassbare 7 (!!!) Jahre. Da sind die 24 Monate auf der südlichen Seite fast wie ein Kurzurlaub.

Mein Guide lebte aus politischen Gründen mehrere Jahre in der Demokratischen Volksrepublik Korea – und war einer der wenigen Bewohner, die die Staatsgrenze problemlos passieren konnten. Eines Tages unterlief ihm ein folgenschwerer Irrtum: Er faltete vor den Augen der Grenzbeamten einen nordkoreanischen Geldschein zusammen. Dass auf allen Banknoten das Foto des Diktators verewigt ist, ist wohl selbsterklärend – aber dass dies ein Grund für einen dauerhaften Verweis war, hat selbst ihn überrascht.

Unser zweiter Halt führte uns zum Imjingak – der offiziellen Gedenkstätte für die vielen Opfer beider Seiten. Dieser Park lehrte mich einige unbegreifliche Fakten und Tatsachen, die ich nicht in Worte fassen kann. Kurzes geschichtliches Update: In den 50er-Jahren wurde das ehemalige Korea gespalten. Die Bewohner beider Länder hatten die freie Wahl, für welche Seite sie sich entscheiden möchten. Allerdings blieben nur wenige Tage, um diese lebensentscheidende Wahl zu treffen – denn die Zäune und Absperrungen waren bereits errichtet – und die allerletzte Brücke, die wir gerade besuchen, war kurz vor der Sprengung.

Einfach formuliert: Die Steiermark und Kärnten liegen im Krieg – und ihr habt nur wenige Stunden Zeit, eure wichtigsten Habseligkeiten einzupacken und euch für eine Seite zu entscheiden. Wir leben allerdings in den 50er-Jahren – das heißt, ihr habt keine Möglichkeit, euch mit euren Familien und Freunden über eine WhatsApp-Gruppe abzusprechen. Welchen Weg würdet ihr wählen?

Die Bridge of No Return ist die letzte Verbindungsbrücke über die DMZ, die für die Öffentlichkeit zugänglich war. Heutzutage sind nur noch ihre Überreste vorhanden – die man dennoch als Besucher entlangspazieren kann. Dieser Weg ist mehr als befremdlich und beängstigend. Schritt für Schritt wird man von einem Soldaten begleitet – da es verboten ist, auf der Brücke stehenzubleiben oder nach links und rechts zu blicken. Am Ende der zerstörten Überführung angekommen, gibt es eine quadratische Bodenmarkierung, die mir anzeigt: Hier darf ich stehenbleiben – nach rechts und links blicken – und Fotos machen. Der Aufseher bittet beinahe darum, dass man ein Erinnerungsbild aufnimmt. Auf den Brückenpfeilern und am Gelände sind die Einschusslöcher mit roten Kreisen markiert. Tourismus trifft auf Kriegsgebiet – ein äußerst paradoxes Gefühl, das sich in mir bereits angestaut hat.

Ab jetzt wird es bedenklich. Im Gedenkpark entdeckt man zerschossene Züge, gesprengte Panzer, unzählige Gedenktafeln – und einen Souvenirshop (!!!). Ja – einen Souvenirshop, wo man Ansichtskarten und militärische Schlüsselanhänger erwerben kann … das ist ziemlich heftig!

Die Hintergrundgeschichte einer Gedenktafel möchte ich euch näher erklären – damit ihr versteht, wie vollkommen durchgeknallt die Beziehung zwischen den beiden Ländern ist. Diese Erzählung ist so unglaubwürdig, dass ich zuvor einige Zeit im Internet recherchiert habe, um ihre Wahrheit zu bestätigen. (Die Filmdatenbank IMDb löste meine letzten Zweifel.)

Ungefähr dreißig Jahre nach der Spaltung starteten die beiden verhassten Nationen eine gemeinsame TV-Show. Das Motto war es, Familien über beide Grenzen hinweg zusammenzuführen. Unzählige Bewerbungen wurden an den Sender verschickt – und durch Zufall wurden Familien ausgewählt, die live im TV ihre Geschichte erzählten und Bilder sowie Namen ihrer vermissten Verwandten präsentierten. Die Personen wurden in der Demokratischen Volksrepublik Korea ausfindig gemacht – und in der darauffolgenden Sendung ins TV-Studio eingeladen. Auf der Gedenktafel sind Bilder dieser Personen abgebildet, die sich weinend in den Armen liegen – nachdem sie sich das erste Mal seit 30 Jahren gesehen haben … und das vor laufender Kamera. Die Geschichte klingt herzzerreißend, tränenreich und unheimlich menschlich.

Die brutale Realität: Vielen Teilnehmern wurde vor laufender Kamera mitgeteilt, dass ihre Lieben bereits verstorben oder nicht auffindbar waren. Die wenigen Verwandtschaften, die wirklich zusammengeführt wurden, durften sich nur unter ständiger Beobachtung ein paar Stunden unterhalten – und wurden anschließend wieder getrennt. Die letzte Folge wurde erst vor einigen Jahren im südkoreanischen Hauptabendprogramm ausgestrahlt. Ich habe einmal von einer niederländischen TV-Show gehört, wo die Sieger-Familie als Preis das benötigte Spenderorgan bekommen sollte. Das stellte sich Gott sei Dank als Fälschung heraus – aber was sich im südkoreanischen Abendprogramm abgespielt hat, ist kaum in Worte zu fassen.

Mit dieser unfassbaren Hintergrundgeschichte verlassen wir die DMZ – und ihr könnt euch eure eigene Meinung zu dieser Art von Ausflügen bilden.

Wie ihr eventuell schon bemerkt habt, bin ich ein glühender Anhänger von skurrilen Orten und Museen – und die südkoreanische Hauptstadt Seoul ist gewissermaßen der Mount Everest des Wahnsinns. Mitten im Zentrum der Metropole befindet sich das wohl weltweit einzige Kacke-Museum unseres Planeten. Ja, ihr habt richtig gelesen – ein Kacke-Museum 💩, im Fachjargon auch Poo Poo Land genannt. Bitte legt für den folgenden Absatz jegliche Form von Nahrungsmitteln beiseite – denn es wird ein klein wenig unappetitlich. Die Scheiße wird in allen unterschiedlichen Formen und Farben dargestellt. Ausstellungsstücke, Comics, Bildbände, bunte Figuren usw. … alles, was man aus anderen Museen kennt – nur eben in Scheiße. Das Poo Poo Land bietet einen äußerst interaktiven Teil, dessen Umsetzung ihr mir einfach glauben müsst 🤣. In Form eines Labyrinths kämpft man sich durch mehrere Räume hindurch und muss bestimmte Hürden meistern. Man durchschreitet ein Tor, das sich als Mund herausstellt – schwimmt durch ein Meer von „Bällen“, klettert und kriecht durch … ich weiß nicht, was das war 🤢 … um am Ende durch eine Art Anus herausgespült zu werden. Dieses interaktive Meisterwerk symbolisiert den Weg der Scheiße. Nach dem Motto: „Follow your own shit… 🤣“ … haha, ich kann nicht mehr 🤣🤣🤣! Wer tiefer in die Materie des Darmtraktes eintauchen möchte (was für eine geniale Wortwahl 🤣) und sämtliche Hinter(n)grundinformationen zum Thema Kacke & Co erfahren möchte, ist im Poo Poo Land perfekt aufgehoben. Da ich auf meiner Homepage doch noch ein letztes Niveau erhalten möchte, verzichte ich auf eine bildliche Darstellung und eine Videodemonstration. Poo Poo Land in Seoul, Südkorea – Prost und Mahlzeit 🤣!

Seoul bietet auch ein unnachahmliches, romantisches Museum an, das sich mit Gegenständen zerbrochener Beziehungen und dramatischen Liebesgeschichten auseinandersetzt. Da die Orientierung in der 10-Millionen-Metropole reines Glück ist, die englische Sprache kaum vorhanden ist – und Google Maps sowie gleichartige Programme nicht funktionieren – konnte ich nur mit viel Ehrgeiz, Fantasie und einem starken Willen das gewünschte Museum ausfindig machen. Über Umwege landete ich im Love Museum.

Folgender Teil ist für Leser unter 18 Jahren nicht geeignet!

Geübte und auch weniger geübte Pornogucker wissen, dass der Umgang mit Sexualität, Prostitution und Pornografie in Südkorea so offen und transparent ist wie wohl in keinem anderen Land der Welt. Willkommen im Love Museum! Leider musste ich prompt feststellen, dass dieses „Museum“ verhältnismäßig wenig mit Beziehung, Romantik und Liebe zu tun hatte. Spätestens bei der Tatsache, dass der Eintritt nur ab sechzehn Jahren gestattet ist, hätte ich mir vielleicht nähere Gedanken darüber machen können. Im Love Museum geht es richtig zur Sache. Wenn ihr mal sehen wollt, wie Minnie Maus für einen … xxx … posiert – oder wie Arielle nach Strich und Faden der … xxx … ge/ver … xxx … wird – dann seid ihr richtig aufgehoben.

Nach diesem Besuch weiß ich, wofür man sämtliche Küchengeräte noch verwenden kann – und dass Fahrzeugteile sehr flexibel einsetzbar sind. Wegen diverser FSK-Regeln verweigere ich auch hier einen detaillierten Bilder-Upload. Bei näheren Interesse-Fragen – was mir zugegebenermaßen Sorgen machen würde – stehe ich gerne zur Verfügung.

Was für normale Menschen der Eiffelturm in Paris 🇫🇷 oder das Kolosseum in Rom 🇮🇹 ist, sind für mich stillgelegte, trostlose Freizeitparks. Dank Geocaching konnte ich am Stadtrand von Seoul den Yongma Theme Park ausfindig machen. Auch diesen magischen Ort holt sich die Natur Stück für Stück zurück. Mystisch, dämonisch, totenstill … ich liebe und vergöttere solche Schauplätze. Allein durch diese Gegend zu streifen, sorgt für eine gesunde Mischung aus Adrenalin und Ehrfurcht. Ein wahrhaftiges Paradies zum Erforschen, Erkunden und Fotografieren … bitte mehr davon!

Trotz der zehn Millionen Einwohner gehört die südkoreanische Hauptstadt zu den grünsten Städten der Welt. Es spielt kaum eine Rolle, für welche Himmelsrichtung ihr euch entscheidet. Sobald ihr den Stadtkern verlassen habt, taucht ihr in ein allumfassendes Paradies aus Bergen, Wäldern und Wiesen ein. Mir kommt momentan keine andere Weltstadt in den Sinn, wo es so einfach ist, das stressige Stadtzentrum binnen weniger Fahrminuten zu verlassen – und auf allen Vieren über Felsen und Steine den Berg hochzuklettern. Der Umstand, dass Seoul von Nationalparks eingezäunt ist, beschert der Stadt eine überdurchschnittlich geringe Luftverschmutzung – die sie zu einem der lebenswertesten Plätze der Welt macht.

Die lange Wanderung entlang der ehemaligen Seoul City Wall zu den Gipfeln des Namsan und des Inwangsan zählt zu den schönsten Pfaden, die ich jemals abgelaufen bin. Wir befinden uns im tiefsten Winter – bei Temperaturen um den Gefrierpunkt – und trotzdem ist diese karge Landschaft eine undefinierbare Schönheit. Wenn man sich vorstellt, wie Bäume und Blumen aus ihrem Winterschlaf erwachen, muss dieses Bild noch wildromantischer werden.

Der nächste Wandertag führte mich auf den N Seoul Tower – einen 250 Meter hohen Fernsehturm, der mir den nächsten magischen Moment inklusive eines traumhaften Ausblicks über die 11-Millionen-Metropole bescherte. Leider kann ich euch an dieser Stelle relativ wenig über die Bevölkerung erzählen – da die Sprachbarriere schlicht und einfach nicht überwindbar war. Ähnlich wie die Japaner wirken auch die Koreaner freundlich und hilfsbereit – allerdings immer mit einem gewissen Sicherheitsabstand.

Der aktuelle Platz 5 des weltweiten Rankings wäre nun auch abgearbeitet. Der Lotte Tower erreicht eine Höhe von 555 Metern und spendiert mir die nächste sagenhafte Aussicht über die Metropole. Im Unterschied zu vielen anderen Wolkenkratzern unseres Planeten ist der Besuch dieses Hochhauses ein entspanntes und wohltuendes Erlebnis. Der Eintrittspreis ist günstig – man kann sich so lange, wie man möchte, auf der Aussichtsplattform aufhalten und in Ruhe verweilen. Zeitweise hatte ich den Turm exklusiv für mich – was die Atmosphäre natürlich einzigartig machte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mehrere Runden drehen musste, bis ich endlich eine Menschenseele fand, die mir bei meinem obligaten „Ich schau‘ aus dem Fenster des höchsten Gebäudes des Landes“-Foto geholfen hat. (Update Juli 2020: Zu dieser Zeit wusste ich nicht, dass die Pandemie in Südkorea bereits die Grenzen schließen ließ – und sich dadurch nur noch wenige Ausländer in Seoul aufhielten.)

Um die nähere Umgebung des Lotte Tower zu erkunden, braucht ihr bestimmt einen vollen Tag. Am Fuße des Wolkenkratzers liegt ein bombastischer Freizeitpark (Lotte World) – und nur wenige Gehminuten entfernt könnt ihr den Olympic Park ablaufen – den Hauptaustragungsort der Olympischen Sommerspiele 1988. Verschiedene Sportstätten, Wanderwege, Erholungsmöglichkeiten und diverse Erinnerungsstücke – inklusive des noch immer brennenden olympischen Feuers – sorgen für einen kurzweiligen Besuch.

Um wieder einen Blick zurück in die zermürbende Vergangenheit des Landes zu werfen, möchte ich euch noch drei Wesensmerkmale kurz näherbringen.

Seodaemun-Gefängnis: Bis zum Ende der 80er-Jahre diente dieser schaurige Ort als Haftanstalt für Folterungen und Exekutionen. Heute dient es als Museum und erzählt die deprimierenden und dramatischen Geschichten seiner Insassen.

War Memorial of Korea: Die Namen aller Opfer des Koreakrieges sind in die Granitwände gemeißelt. Ich kann nur erahnen, wie viele es sein müssen – wohl Hunderttausende. Das lehrreiche Museum ist kostenlos zugänglich und erklärt zweisprachig die vollständige Hintergrundgeschichte des Krieges. Im Außenbereich werden ergreifende Denkmäler und eine große Sammlung ausrangierter und zerstörter Fahrzeuge, Schiffe, Flugzeuge und Helikopter ausgestellt.

Seoul National Cemetery: Teilweise zweifle ich persönlich an meiner Normalität – da mich diese Orte einerseits magisch anziehen und ich sie andererseits auch noch unglaublich schön und harmonisch finde. Der Militärfriedhof ist mit Millionen weißer Grabsteine übersät und zählt zu den größten der Welt. Unabhängig davon, wo man sich gerade aufhält und in welche Himmelsrichtung man blickt – bis weit hinter den Horizont sammeln sich Gräber über Gräber. Es braucht mehrere Stunden, um diesen zauberhaften – aber auch gespenstischen – Ort aus allen Blickwinkeln zu betrachten. Die Grabsteine sind einfach gehalten, mit kleinen, bunten Blumenkränzen geschmückt und mit der Nationalflagge ausgestattet. Wenn der Wind durch den hügeligen Friedhof rauscht, erhebt sich ein Meer voller Fahnen – das das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es ist wohl moralisch bedenklich – aber solche Schauplätze, kombiniert mit dieser Totenstille und Abgeschiedenheit, lassen mich wundersam lebendig fühlen.

Dieser kurze Auszug soll euch einen kleinen Einblick in diese facettenreiche Millionenstadt geben. Skurrile Museen, moderne Hochhäuser, schaurige Drehorte, atemberaubende Natur … alles ist hier möglich. Und ich habe euch noch rein gar nichts über die sündhaft leckeren Streetfood-Märkte erzählt – das schrille Nachtleben mit Millionen von Lichtern und Reklametafeln – die historischen Tempelanlagen – oder das Karaoke-Singen. (Definitiv kein Klischee – das ist wohl wirklich die beliebteste Randsportart der Koreaner.)

Okay – noch ein ganz kurzer Auszug aus der Welt der Dynastien. Während der Joseon-Dynastie wurden in Seoul fünf überdimensionale Palastanlagen erbaut. Ich werde sie nun aufzählen – und vielleicht könnt ihr euch den einen oder anderen merken. Sie eignen sich perfekt zum Hangman-Spielen 🤣: Gyeongbokgung, Changdeokgung, Changgyeonggung, Deoksugung und Gyeonghuigung! Sollten wir uns im Herbst wiedersehen, werde ich euch abprüfen. Ich setze voraus, dass ihr alle diese Namen fehlerfrei aufzählen könnt 😉.

Ich vermute, dass ich zwei oder drei dieser Paläste besucht habe. (Bitte habt Nachsicht – aus Gründen der Verwechslungsgefahr müsste ich raten, welche es waren, und könnte wohl nicht einmal meine eigenen Bilder richtig zuordnen 🙈.) Aber Palast hin oder her – die Anlagen sind weitläufig, erstklassig zum Erkunden – und pro Herrschaftshaus braucht ihr mindestens einen halben Tag, um das gesamte Areal zu untersuchen. Ich hoffe, ihr habt ebenfalls ein klein wenig Glück – oder seid einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort – dann könnt ihr sogar noch die traditionellen Wachablösungen aus der ersten Reihe verfolgen.

Grundsätzlich wäre hier noch ein Absatz über das Coronavirus geplant gewesen – das bei euch noch als utopische Fantasievorstellung gilt. Durch meine aktuellen Erlebnisse und Erfahrungen – ständige Kontrollen auf der Straße, Fiebermessen beim Betreten bestimmter Gebäude, leere Touristenorte, eingeschränkte Reisemöglichkeiten und ein ständiger Aufruf mit der Bitte, das Land umgehend zu verlassen – überspringe ich diesen Teil. Zum einen will ich euch keine Angst machen (was mir bei meinen engsten Freunden leider bereits gelungen ist 🙈). Und zum anderen nervt mich das Thema jetzt schon so sehr – weil ich fürchte, dass mein nächstes Reiseziel zwangsläufig mein letztes sein wird.

Mein Fazit: Eine komplette Woche in Seoul und mir wurde nicht eine Sekunde langweilig. Ursprünglich wollte ich die nähere Umgebung erkunden, aber wegen der eisigen Kälte und der drohenden Pandemie beschränkte ich meinen Aufenthalt auf Seoul. Mit einem Satz: Ich bin vollkommen fasziniert von diesem Staat, vor allem davon, wie sich die Bevölkerung aus der dunklen Vergangenheit herausgezogen hat und zu einem der modernsten und sichersten Länder der Welt geworden ist. Wenn, diese ganze Virus-Scheiße ihr Ende nimmt, werden wir uns wiedersehen. Jetzt, wo ich weiß, wie Südkorea „funktioniert“, freue ich mich umso mehr auf die zweite Runde.

Sicherheit: Südkorea gehört wie Japan 🇯🇵 zu den sichersten Reiseländern der Welt. Kriminalität ist ein Fremdwort, man kann sich zu jeder Tageszeit überall frei und sicher bewegen. Allerdings sollte man immer die politische Situation im Auge behalten, denn schließlich befindet sich dieses Land im Krieg. Und individuelle Gefahren, wie aktuell das Coronavirus, kann man nicht vorhersehen.

Kosten: Unterkunft, Transport, das tägliche Leben, Essen und Getränke, Unterhaltung und Eintrittsgebühren sind weit unter dem europäischen Durchschnitt. Das ganze Land ist gut mit Japan vergleichbar, aber deutlich günstiger.

Wenn es die Grenzen noch zulassen, folgt eine vierwöchige Zugreise durch den Vietnam 🇻🇳. Obwohl ich meinen Optimismus verloren habe, hoffe ich, dass mir die Pandemie diese Erfahrung noch möglich hält.

 

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