🇪🇪 Estland ’21

Nach sechzehn Monaten Abstinenz starte ich sehnsüchtig in mein nächstes Abenteuer. Im Jahr 2019 habe ich Litauen 🇱🇹 genauer kennengelernt und mich daraufhin entschlossen, Estland und Lettland zu erkunden. Wir reisen gemeinsam zu einer historischen Brücke, die wir nicht betreten dürfen – reden über faszinierende verlassene Gebiete und kuriose Museen, über eine einzigartige Landschaft, skurrile Friedhöfe und eine unglaubliche Begegnung der dritten Art. Wir erkunden Burgen, Schlösser und Ruinen, lernen zwei völlig verrückte Gefängnisse kennen – und ich erzähle euch, wie es sich in den ehemaligen sowjetischen Wohnblöcken lebt. Ich verrate euch mein absolutes Lieblingsdorf – das sogar mein heiß geliebtes Nynäshamn 🇸🇪 übertrifft –, zeige euch Videos vom spektakulärsten Strand der Welt und erkläre euch, wie sich ein Elchtest in der Realität anfühlt 😱. Erhöht euren Gemütlichkeitsfaktor – das könnte eine längere Reise werden

Da die Grenze der beiden baltischen Nationen überschritten wird, werdet ihr in der Mitte dieses Berichts nach Lettland 🇱🇻 weiterreisen – um am Ende wieder in Estland zu landen. Was ich damit sagen will: Keine Sorge, ihr versäumt rein gar nichts.

Bevor wir unsere geografische Reise durch den nördlichsten Staat des Baltikums starten, gebe ich euch noch einige interessante – und höchstwahrscheinlich auch weniger interessante – Fakten über Estland mit. Klugscheißerfaktor: 100 Prozent 😉.

✔ Der Begriff Estland 🇪🇪 bedeutet übersetzt „Einheimischer“ – und die Hauptstadt Tallinn heißt „dänische Stadt“ beziehungsweise „dänische Burg“.

Estland verfügt über die längste Eisstraße Europas. Während der warmen Monate – warm bedeutet maximal 10 bis 15 Grad 🥶 – wird die 25 Kilometer lange Distanz zur Insel Hiiumaa per Fähre überbrückt. Im Winter friert das Meer zu – und man hat die einmalige Chance, über das blanke Eis zu fahren. Yeah 😅! Ein echtes Kimi-Räikkönen-Feeling 🏎.

✔ Das im Süden gelegene Dorf Otepää mit rund 4.000 Einwohnern ist das Wintersport-Mekka des Landes. Neben Langlauf, Skispringen und Eislaufen findet hier einmal jährlich die Sauna-Weltmeisterschaft statt. Teams aus aller Welt treffen aufeinander und müssen mehr als zwanzig Saunas am Stück absolvieren. Nähere Details zu den Regeln konnte ich leider weder erfahren noch begreifen – aber ich denke, das olympische Motto „Dabei sein ist alles“ trifft auf Otepää vollkommen zu.

✔ Apropos Sport: Im Laufe der letzten 20 Jahre hat Estland den Finnen 🇫🇮 den Rang als führende Nation im Ehefrauenweittragen abgelaufen. Während die Finnen ihre Frauen traditionell im Huckepack-Stil tragen, hängt die Geliebte des Esten kopfüber auf dessen Rücken.

✔ Apropos Sport, die Dritte: Wer durch dieses Land fährt, wird auffällig viele Riesenschaukeln sehen. Kiiking wurde als moderner Nationalsport ausgerufen – eine spezielle Art des Extrem-Schaukelns.

✔ Die Esten sind äußerst stolz darauf, die sauberste Luft der Welt zu atmen. Diese These wurde wissenschaftlich mehrfach bestätigt – unter anderem deshalb, weil das baltische Land zu über 60 Prozent aus Wäldern 🌲 und Moorlandschaften besteht. Und ja – diese frische Luft ist eine einzigartige Offenbarung.

✔ Auf der Insel Kihnu – der siebtgrößten Insel des Landes – leben fast ausschließlich Frauen, die auf sowjetischen Motorrädern herumkurven 🤔. Estland war und ist das einzige Land, in dem alle Wahlen online stattfinden – und es beherbergt den mächtigsten Meteoritenkrater Europas. Aber darüber philosophieren wir etwas später.

Nach all diesen Fakten habt ihr es mehr als verdient, Passagier eines einmaligen Roadtrips durch das Baltikum zu werden. Für Trittbrettfahrer habe ich eine „Cool and Unusual Things to Do“-Karte zusammengestellt

Estand 🇪🇪 / Lettland 🇱🇻 Road Trip

Trotz der strengen Einreisebestimmungen war der Flug 🛫 von Wien-Schwechat nach Tallinn keine große Herausforderung – und die Vorfreude auf dieses lang ersehnte Abenteuer konnte endlich in die Tat umgesetzt werden. Nach dieser langen Durststrecke waren die einfachsten Dinge bereits ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit. Am späten Abend holte ich den Mietwagen ab und kämpfte mich durch finstere Kälte und Dunkelheit Richtung russische Grenze. Der Kombination aus Nebensaison, Abgelegenheit und den Auswirkungen der Pandemie war es geschuldet, dass der nordöstliche Teil Estlands gewissermaßen leergefegt war. Um passende Unterkünfte zu finden, musste ich einige Zeit recherchieren – und praktisch jedes Museum und jeden Ort mit geregelten Öffnungszeiten vorab kontaktieren, um nicht vor verschlossenen Türen zu landen.

Die erste Nacht in einem fremden Land gut überstanden – und bereits vor Sonnenaufgang überkam mich eine Motivation und Lebensfreude, die ich so sehr vermisst hatte. Allein der erste Tag schenkte mir Einblicke in die estnische Natur und Geschichte, die meine Erwartungen in jeder Hinsicht übertrafen. Schnallen wir uns an und erleben diesen Tag gemeinsam. Die ganze Woche erwartete uns regnerisches Wetter und frostige Temperaturen – aber das hinderte uns nicht daran, die Tolsburg anzusteuern. Diese massiven Burgruinen aus dem 15. Jahrhundert liegen direkt am Finnischen Meerbusen. Allein der Anblick dieses gewaltigen Bauwerks versetzte mich sofort wieder in meinen geliebten Explorer-Modus und erzeugte jene unbesiegbare Energie und Motivation, nach der ich mich so sehr gesehnt hatte. Meine ersten Gedanken: beeindruckend, gigantisch, bombastisch. Hätte eine solche Burg bei uns eine Chance gehabt zu überleben? Entweder wäre sie zerstört worden – oder als Privatbesitz hinter Zäunen und Barrikaden verschwunden und nicht mehr zugänglich. Die Tolsburg war nur der Anfang eines Burgen- und Ruinenmarathons, der seinesgleichen sucht.

Bevor wir uns den ersten zwei typischen Mario-Gebieten nähern, durchqueren wir die sagenhafte Moorlandschaft des Lahemaa-Nationalparks. Die Sonne hat noch nicht einmal ihren Höchststand erreicht – und schon ringe ich um die passenden Worte, um euch dieses Phänomen zu beschreiben. Der Lahemaa-Nationalpark ist der älteste der ehemaligen Sowjetunion – ein vielschichtiges Phänomen aus Küste, Moor und tiefen Wäldern. Obwohl das Schutzgebiet die Heimat der größten Elchpopulation Estlands ist, blieb mir eine persönliche Begegnung verwehrt – aber aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben.

Ein Moment für die Ewigkeit: Einsam wandere ich die schmalen Holzpfade der Moorlandschaft entlang und verfalle dem Orchester der vielfältigen Tierwelt. Wer Lust auf einen naturverbundenen Balanceakt hat – einfach mitkommen. Video

Dies wird nicht unser letzter Schritt zurück in die jüngste Vergangenheit sein. Der Hara-Sadam war ein ehemaliger Atom-U-Boot-Stützpunkt. Für den Besuch dieses verwahrlosten Ortes solltet ihr das richtige Schuhwerk – und eine gewisse Ehrfurcht und Sorgfalt – mitbringen. Der Spaziergang über den Kai der Anlage und das Erkunden der einsturzgefährdeten Relikte haben eine Faszination, die wohl nur wenige nachvollziehen können. Aber da dies hoffentlich nicht euer erster 500days-Reisebericht ist, wisst ihr ja bereits, worauf ihr euch bei mir einlasst 😉.

Schreiten wir fort zu einem Museum – oder besser gesagt zu einem Friedhof, den es garantiert nur einmal auf diesem Planeten gibt. Diese Ausstellung – offizieller Name: Järva-Jaani Vanatehnika varjupaik ja vanatehnika muuseumide keskus 🙈 – ist die mit Abstand größte und skurrilste Sammlung ausrangierter sowjetischer Fahrzeuge. Ja, ich weiß: Skepsis – was wollen wir dort eigentlich? Nein, nein und nochmals nein! Werft die Zweifel über Bord und widmen wir uns diesem märchenhaften Ort. Hunderte Fahrzeuge aus den 1960er und 1970er Jahren stehen bestens erhalten bereit. Die sonderbare Ausstellung schenkt euch ein Gefühl von Nostalgie und Faszination. Kommt schon – wer wollte noch nie in einem Meer voller Trabis schwelgen? Übrigens: Den vollen Namen des Museums solltet ihr euch aufschreiben – denn nur so findet euer Navigationssystem das gewünschte Ziel. Theoretisch gibt es so etwas wie geregelte Öffnungszeiten – aber so ziemlich alles, was ich in dieser Gegend besucht habe, verfügt über eine Art Ticketautomaten. Das heißt: einfach die erbetene Spende in den zuständigen Behälter werfen – und das Gelände erkunden. Spätestens jetzt hatte ich das baltische System verstanden und ignorierte jegliche angeführte Öffnungszeit.

Um den ersten Tag gebührend abzuschließen, steuern wir noch die Kleinstadt Rakvere an. Über der 15.000-Einwohner-Stadt – was für estnische Verhältnisse durchaus als Metropole durchgehen kann – thront die zauberhafte Burg Wesenberg. Was soll ich dazu noch viel sagen? Den Sonnenuntergang auf einer der schönsten Burgen Europas zu genießen … ja, das nenne ich einen perfekten Start in ein neues Abenteuer.

Weiter geht es Richtung Osten – zu einer Brücke, die es vermutlich nur einmal auf dieser Erde gibt, einem Fluss, der zwei vollkommen entgegengesetzte Welten trennt – und einer stillgelegten Fabrik, die alles sprengt, was ich jemals gesehen habe. Also, meine Lieben: Anschnallen und festhalten.

Die drittgrößte Stadt Narva 🇪🇪 bildet eine Zwillingsstadt mit Iwangorod 🇷🇺. Diese zwei Städte trennen zwar nur wenige Meter – aber gleichzeitig auch eine der am strengsten bewachten Brücken Europas. Bis 1991 waren Narva und Iwangorod praktisch eins. Zurück in die jüngste Vergangenheit: In dieser Grenzregion sind über 90 Prozent der Bevölkerung Russen – und es machte keinen wesentlichen Unterschied, ob sich die Einwohner auf der west- oder der ostseite des Flusses Narva aufhielten. Freude, Familie, Arbeit, Schulen, Freizeitaktivitäten – alles, was zum Alltag zählte, verteilte sich auf beide Seiten. Bis 1991: Die Sowjetunion verschwand von der Landkarte – und Estland erhielt seine Unabhängigkeit. Die Brücke, die diese beiden Länder seit jeher verbunden hatte, wurde zur streng bewachten Grenze. Familien wurden getrennt, Arbeitsplätze unfreiwillig aufgegeben – die Menschen mussten sich praktisch für eine Seite entscheiden. Zwischen 1991 und 2004 war es noch möglich, die Grenze halbwegs unkompliziert zu überwinden – doch mit dem EU-Beitritt Estlands änderte sich alles. Es dauerte einige Jahre, bis eine halbwegs vernünftige Vereinbarung gefunden wurde, die es zumindest den Anrainern gestattet, die Staatsgrenze zu überqueren. Ohne die notwendigen Dokumente – und jeder, der schon einmal ein Russland-Visum beantragt hat, weiß, wovon ich spreche – ist es schlicht unmöglich, diese Brücke zu passieren.

Wie skurril diese politische Abgrenzung ist, lässt sich mit dem folgenden Foto erklären. Auf der östlichen – rechten 😉 – Seite seht ihr die gigantische russische Festung Iwangorod 🇷🇺 – und auf der gegenüberliegenden Seite thront die estnische Hermannfeste 🇪🇪. Ein unvergleichliches Gefühl, in den Sandbänken am Ufer des Flusses zu sitzen, die seltenen Sonnenstrahlen zu genießen – und dabei auf zwei Nationen zu blicken. Auf dem Foto wohl nur schwer erkennbar: An beiden Festungen weht die jeweilige Nationalflagge – und auf den Mauern stehen Menschen, die mit dem Fernglas auf das gegenüberliegende Land blicken und sich gegenseitig zuwinken.

Unweit des Zentrums von Narva bildet der Fluss eine kleine Insel, auf der die Krenholm-Manufaktur beheimatet ist. Die Produktionsstätte ist eine estnisch-russische Textilfabrik und gehört zu den größten Betrieben weltweit. Sie wurde gewissermaßen im Niemandsland zweier Staaten errichtet – und beschäftigte zu ihrer Glanzzeit knapp 20.000 Menschen. Warum reden wir eigentlich über eine Baumwollfabrik? Weil sie vor vielen Jahren in Konkurs ging – und damit mutmaßlich zum größten Lost Place unseres Kontinents wurde. Das gigantische Fabrikgelände kann nur im Rahmen einer organisierten Tour besichtigt werden.

Diese Führungen werden maximal einmal wöchentlich angeboten – also informiert euch vorab und kontaktiert den Veranstalter frühzeitig. Was – kein großes Interesse daran, eine leere Fabrik zu besuchen? Vertraut mir: So etwas habt ihr noch nie gesehen. Sonntagmittags traf ich mich mit meinem Guide am Eingang des Firmengeländes – und war überrascht, nicht der einzige Besucher zu sein. Ehrlich gesagt hatten sich vor den Toren gut und gerne zwanzig Interessierte versammelt – was gleichzeitig die größte Menschenmenge war, die ich seit Ewigkeiten gesehen hatte 😅. Um das Publikum halbwegs sicher durch das riesige Firmengelände zu führen, wurden wir in drei Gruppen aufgeteilt. Ich hatte die Qual der Wahl: russische, estnische oder finnische Führung. Wie hättet ihr euch entschieden 🤔? Da ich mich zumindest auf Finnisch vorstellen konnte, die Zahlen eins bis zehn beherrschte – und noch ein paar Vokabeln in meinem Repertoire hatte, die mir bei dieser Tour allerdings weniger geholfen hätten –, entschied ich mich für Tür Nummer 3 🇫🇮. (1) Yksi – (2) Kaksi – (3) Kolme.

Was wie ein chronologischer Schluckauf klingt, war das sehnsüchtige Vergnügen, endlich wieder zwei Stunden lang von finnischen Wörtern und Phrasen bombardiert zu werden. Nach der beliebten Parole „This is Finnish but not the end“ sammelte ich anschließend alle Hintergrundinformationen im Internet zusammen. Aber vollkommen egal – es war ein großartiges Gefühl, über zwei Stunden diese vollkommen verwahrlosten Fabrikhallen zu besuchen, die sich die Natur Schritt für Schritt zurückgeholt hatte.

Bevor wir wieder zurück in die Zivilisation starten und dem blauen Himmel für längere Zeit Goodbye sagen, legen wir einen Stopp am Peipussee ein – und reden über seine flauschigen Landbewohner. Zugegeben: Obwohl dieses Gewässer zu den fünf größten Seen Europas zählt und als natürliche Grenze zwischen Estland und Russland gilt, hatte ich diesen Namen noch nie gehört. Wie geht’s euch damit? Auch nicht, oder? Willkommen im Club. Ich fuhr bis zur nördlichsten Spitze, um die Ruinen der Burg Neuschloss zu erkunden – ein schaurig schöner Ort. Hier mündet der Fluss Narva in den See – und der Blick fällt unweigerlich auf die russische Staatsgrenze.

Die Sandbänke entlang des Ufers haben ozeanischen Charakter. Ich liebe diese Art von Stränden. Der See ist ruhig, die Sonne glitzert auf der Wasseroberfläche, die Küsten sind leer und verlassen – und ein märchenhafter Nadelwald umringt das gesamte Gebiet. Die tiefen, dichten Wälder entlang der Küstenstraße des Peipussees gehören zu den malerischsten Strecken, die ich je gefahren bin. In regelmäßigen Abständen musste ich anhalten, um das vielschichtige Ufer zu erkunden. Der bezaubernde Kauksi-Strand und das hinreißende Amphitheater im Kulturzentrum Kasepää sind mir besonders in Erinnerung geblieben.

Ich habe zwar schon einige tausend Meilen Roadtrip durch Skandinavien 🇸🇪🇳🇴🇫🇮🇩🇰 auf dem Buckel – aber diese Begegnung blieb mir bislang verwehrt. Die ersten 50 bis 100 Kilometer verlaufen teils einspurig durch dichte estnische Wälder. Gegenverkehr ist kaum vorhanden – ich konnte mich also ganz auf die Natur konzentrieren. Aus der Distanz erblickte ich einen fremdartigen Gegenstand, der inmitten der engen Straße lag. Ich steuerte gemächlich darauf zu – und stellte fest: Wow, du bist es tatsächlich! Ein flauschiger Vierbeiner nutzte den warmen Asphalt für sein Verdauungsschläfchen. Ich wusste zwar, dass Elche farbenblind und äußerst scheue Lebewesen sind – weshalb mich dieses Treffen sehr überraschte. Ich rollte ganz langsam auf ihn zu – und erst als ich anhalten musste, registrierte mich unser Freund, sprang wie elektrisiert auf und versuchte zu flüchten. Da ich diese Tiere so sehr bewundere, will ich mich nicht allzu sehr über sie lustig machen – aber ich musste laut lachen. Nach dem Motto „Ein Elch und seine fünf verschiedenen Gedanken“ wusste er nicht, wohin er fliehen sollte. Wie eine aufgescheuchte Billardkugel schwenkte unser Freund von rechts nach links und tanzte wie von der berühmten Hummel gestochen vor mir herum. Das arme Tier wirkte heillos überfordert – und brauchte seine Zeit, um sich zu beruhigen und unverletzt in den Wald zu flüchten. So leid es mir auch tut, mein lieber Elch – aber ich wünschte, ich hätte diesen Tanz für die Nachwelt festgehalten. Der enormen Größe und Masse dieser Tiere ist es zu verdanken, dass man auf skandinavischen und baltischen Straßen Geduld mitbringen muss. Nur sporadisch sind mehr als 100 km/h erlaubt – denn glaubt mir: Diesen tierischen Zusammenstoß möchtet ihr nicht erleben.

Nun erwarten uns sieben Tage voller Regen und Finsternis – also fassen wir uns etwas kürzer und legen einen raschen Boxenstopp in Tartu ein. Mit knapp 100.000 Einwohnern ist Tartu die zweitgrößte Stadt des Landes – und gilt als die Universitätsstadt schlechthin. Selbst ein verregneter Spaziergang durch die bezaubernde Altstadt hinterlässt einen unwiderstehlichen Eindruck. Die wunderschöne Domkirche zu Tartu, das Rathaus mit dem Brunnen der „Küssenden Studenten“, die nostalgischen Gassen und die humanen Bierpreise führen mich zu einem Beschluss: Im nächsten Leben verbringe ich mein Auslandssemester in Estland 🥰. Für alle Leser, die sich gerade erst immatrikuliert haben oder es noch vorhaben: Merkt euch – Tartu, Universitätsstadt Nummer eins.

Aktuell befinden wir uns irgendwo auf den Straßen zwischen Tartu 🇪🇪 und Rēzekne 🇱🇻 – und überqueren die lettische Landesgrenze. Estland: Wir sehen uns in gut zehn Tagen wieder – jetzt erkunden wir den baltischen Mittelstaat Lettland.

 
Hier geht’s weiter: Reisebericht Lettland 21 🇱🇻

Willkommen zurück! Wie hat euch die Exkursion gefallen? Ein paar interessante Orte und Geschichten waren dabei, oder? Auf jeden Fall erwarten uns jetzt noch eine Expedition durch ein versunkenes Gefängnis, eine einsame vernebelte Insel, das liebevollste Fischerdorf der Welt – und die mutmaßlich am meisten unterschätzte Hauptstadt Europas. Diese Einleitung ermutigt euch hoffentlich zum Weiterlesen. Es wäre mir eine Freude, wenn ihr mich weiterhin begleiten würdet.

Estland verfügt über 2.000 Inseln – und die zwei größten haben es auf meine Liste geschafft. Saaremaa und Hiiumaa liegen unweit voneinander im Rigaischen Meerbusen. Beide Inseln sind unkompliziert und günstig mit der Autofähre zu erreichen. Es gibt einige Dinge, die die Nutzung dieser Fähren komplizierter machen könnten als nötig – also informiert euch vorab online: Tickets, Route, Abfahrtszeiten, Kosten.

Pro Tag wollte ich je eine der beiden Inseln erkunden – doch das Wetter spielte in der gesamten Woche nicht mit. Regen 🌧, Regen 🌧, Regen 🌧 – kombiniert mit dunklen Wolken, orkanartigem Wind und tiefen Temperaturen. Zumindest einen Versuch habe ich unternommen und mich für die größere Insel Saaremaa entschieden. Memo an mich: Das nächste Mal, wenn ich einen Mietwagen auf einer Fähre parke – herausfinden, wie man die Alarmanlage abstellt 🙈. Allzu viele lichte Momente kann ich euch leider nicht anbieten – aber für einen verregneten und kühlen Rundkurs reicht es allemal. Im Sommer gilt die Insel als Ausflugsziel schlechthin – im Oktober jedoch waren die Straßen so leer, wie ich sie noch nie erlebt habe. Ein Teil der Bilder der leeren Parkplätze wurde auf Saaremaa aufgenommen … nur damit ihr euch vorstellen könnt, wie trostlos und einsam es in dieser Zeit war.

Der erste Punkt auf der Tagesordnung war die Katharinenkirche in Muhu – die wie die Eemu-Windmühlen dem Nebel und Regen zum Opfer fiel. Inmitten der Insel befindet sich der bereits erwähnte größte Meteoritenkrater weit und breit. Allein die Vorstellung seiner Entstehung lässt den Kaali-Krater zu einem geologischen Phänomen werden. Obwohl die konsequente Einsamkeit und die melancholischen Bedingungen einen gewissen Akte-X-Faktor versprühen, habe ich weder Aliens 👽 noch andere unheimliche Wesen gesehen. Auch wenn Mulder und Scully heute Besseres zu tun hatten – der Besuch des gigantischen Lochs in der Erde lohnt sich auf jeden Fall 😉.

In Arensburg – der inoffiziellen Hauptstadt der Insel – befindet sich eines der größten Schlösser, das ich je gesehen habe. Für den Besuch des Kuressaare-Schlosses solltet ihr einiges an Zeit einplanen. Es ist kaum zu fassen, wie viele Schlachten und Eroberungen dieses Bauwerk bereits überlebt hat. Der wohl bekannteste Ort des Eilands liegt an der südlichsten Spitze. Der imposante Leuchtturm Sörve überlebte ebenfalls eine schier endlose Anzahl von Schlachten und Dramen. Es fällt mir schwer, diesen Ort in Worte zu fassen. Das riesige Bauwerk, die geisterhafte Ruhe, die kompromisslose Vergangenheit, die sich hier abspielte – all das sorgte für eine ganz eigentümliche Atmosphäre. Den ganzen Tag begleitete mich die Enttäuschung über die widrigen Verhältnisse – aber aus einem mir unerklärlichen Grund genoss ich jede einzelne Minute an der Seite des Leuchtturms und der dazugehörigen Bunker aus beiden Weltkriegen.

Auf dem Weg zum höchsten Kliff des Landes kreuzt man unter anderem den Angla-Windmühlenpark. Windmühlen haben mich schon immer fasziniert – und zu meinem Glück hatte das Museum geöffnet, sodass ich die überdimensionalen Mühlen in aller Abgeschiedenheit erklettern konnte. Enttäuschend und zugleich skurril wurde es am Panga Cliff. Der absolute Touristen-Hotspot – das Kliff ist der perfekte Ort zur Beobachtung von Robben und Vögeln und bietet darüber hinaus eine sagenhafte Aussicht auf das offene Meer. Als ich am großen asphaltierten Parkplatz ankam, stand kein einziges Auto vor Ort. Diese Tatsache ließ mich erstmals an meiner Planung zweifeln. Für alle, bei denen die estnische Inselwelt auf der Bucket List steht: Am besten zwischen Mai und August besuchen – bevorzugt an halbwegs regenfreien Tagen.

Was wie ein Andreas-Gabalier-Song 🎶 klingt, ist das zauberhafteste Fischerdorf, das ich je gesehen habe. Der magische Name lautet: Haapsalu! Um diesen Teil des Berichts zu verfassen, brauchte ich einige Anläufe – denn ich möchte euch um jeden Preis vermitteln, wie allerliebst dieses 12.000-Seelen-Dorf ist. Aber seien wir ehrlich: Allein der Name Haapsalu lässt das Dorf sympathisch klingen. Und wen das noch nicht überzeugt: Der berühmte Beiname lautet „Venedig des Nordens 🇮🇹“ – nur ohne Touristenmassen und Kreuzfahrtschiff-Terror, dafür mit angenehmen Preisen und einer zauberhaften Atmosphäre.

Zuerst versuche ich euch mit meiner Methode zu überzeugen. Unweit des Zentrums liegt Schloss Ungru – zumindest das, was davon übrig geblieben ist. Ein mächtiges, verlassenes Gebäude, das euer Entdeckerherz zum Explodieren bringt. Die mystischen Ruinen sind ein einzigartiger Ort zum Erkunden und Fotografieren – vollkommen frei zugänglich und obendrein Schauplatz einer kleinen, wildromantischen Geschichte. Schloss Ungru ist eine punktgenaue Kopie von Schloss Merseburg in Deutschland 🇩🇪. Ein wohlhabender Graf verliebte sich Hals über Kopf in die Tochter des Schlossherrn von Merseburg. Die Angebetete hatte jedoch einen Eid abgelegt – sie versprach, das Schloss niemals zu verlassen. Liebe kennt ja sprichwörtlich keine Grenzen – und unser Graf rieb sich in Wickie-Manier an der Nase und sagte: „Ich habe eine Idee! Ich baue schlicht und einfach eine exakte Nachbildung des Schlosses irgendwo in der estnischen Provinz – und wenn es fertig ist, zieht sie zu mir.“ Sowohl die Umworbene als auch ihr Vater stimmten der kreativen Idee des verliebten Grafen zu. Unser Baumeister begann mit seinem Versprechen und konnte die Ankunft seiner Geliebten kaum erwarten. Wenige Wochen bevor sein Meisterwerk vollendet war, starb seine junge Geliebte eines natürlichen Todes. Der ganze Aufwand war umsonst – Schloss Ungru wurde niemals fertiggestellt und verwahrlost seitdem wunderschön vor sich hin.

Okay – das Geisterschloss hat euch mutmaßlich weniger überzeugt. Am stillgelegten Bahnhof Haapsalu gibt es ein kostenloses Eisenbahn- und Fernmeldemuseum. Was – das klingt nicht spannend? Auf dem Bahnhofsgelände sammeln sich zahlreiche Waggons und Lokomotiven aus der Sowjetzeit. Die Exponate des Raudtee- ja Sidemuuseum verwildern magisch vor sich hin. Traumhaft, bezaubernd, mysteriös und einzigartig 🥰.

Gut – nächster Versuch: Die mittelalterliche Bischofsburg Haapsalu gehört zweifellos zu den schönsten Burgen, die je erbaut wurden. Ästhetik, Architektur, die exponierte Lage am Meer und die beeindruckenden Ausmaße sind beispiellos. Aber spätestens wenn ihr die Legende der Weißen Frau lest – deren Geschichte überall an der Burg erzählt wird –, habe ich gewonnen. Während der Herrschaft des Bischofs war es jedem Kanoniker untersagt, sich zu verlieben. Sie durften die Burg nicht verlassen und mussten ein Leben in Keuschheit führen. Ein Geistlicher verliebte sich dennoch in ein einheimisches Mädchen, das er durch die Tore beobachten konnte. Er schmuggelte sie still und heimlich in die Burg – und sie lebte jahrelang als Chorknabe verkleidet Seite an Seite mit ihrem Geliebten. Eines Tages flog der Schwindel auf – der Kanoniker wurde zur Strafe grausam verhungert. Das estnische Mädchen wurde bei lebendigem Leib in die Wände der Burgkapelle eingemauert – mit einem Brotlaib und einem Krug Wasser. Ihre Hilferufe waren noch tagelang in der Bischofsburg zu hören – bis sie irgendwann verstummten. Ihr Körper starb eines fürchterlichen Todes – doch ihre Seele geistert noch heute durch die Kapelle. Diese Legende genießt in Estland einen hohen Bekanntheitsgrad und gilt als tragisches Symbol unsterblicher Liebe. Konnte ich die Hilferufe hören? Was hat mir die Weiße Frau erzählt? Wer die Antworten auf diese Fragen wissen möchte, hat nur eine Chance: auf nach Haapsalu!

Über die liebevolle Altstadt mit ihren engen Gassen, den verführerischen Duft der traditionellen Bäckereien, das traumhafte Panorama mit Meeresblick, den wunderschönen Spaziergang am Pier entlang … nein, davon werde ich heute nicht mehr schwärmen – das müsst ihr selbst erleben. Also – wer ist dabei? Auf nach Haapsalu!

Erhöhen wir das Tempo ein wenig und steuern den Hauptgrund unserer Estland-Rundreise an. Aus Zeitgründen überspringen wir die Details der zauberhaften Klosterruine Padise, des märchenhaften Herrenhauses in Lemmura (Vasalemma Manor), des gigantischen Klippenwegs entlang des Pakri-Leuchtturms, der Begegnung mit dem reißenden Keila-Wasserfall – und des Erkundens der verlassenen Relikte des Zweiten Weltkrieges (Peeter Suure merekindlus – Seefestung Peter des Großen) am gespenstischen Ninamaa Cape.

Seinerzeit hörte ich von einer Legende – einem Geocache, der in einem kleinen See versenkt wurde, eingeschlossen zwischen zwei verfallenen Haftanstalten. Die notwendige Recherche stellte keine große Herausforderung dar – und so stieß ich auf einen einzigartigen Ort namens Rummu Prison.

Zur Geschichte: In den 1930er-Jahren wurde in der kleinen estnischen Ortschaft Rummu ein Marmorsteinbruch angelegt. Da diese Arbeit brutal und kräftezehrend war, wurden direkt am Steinbruch zwei Haftanstalten gebaut. Während des gesamten 20. Jahrhunderts – bis zur Auflösung der Sowjetunion – wurde diese schwere Arbeit den ansässigen Häftlingen aufgetragen. Im folgenden Jahr stellte man alle Arbeiten ein – was unter anderem bedeutete, dass das wiederkehrende Grundwasser nicht mehr abgepumpt wurde. Innerhalb weniger Monate stieg der Grundwasserspiegel enorm an und formte diesen kristallblauen See. Die Wassermassen rissen zahlreiche Gebäude und Maschinen mit sich – und damit war die Geburtsstunde dieses modernen Weltwunders besiegelt. Die Gefängnisse wurden dennoch weitergeführt – und erst 2012 für immer geschlossen.

Als der norwegische 🇳🇴 DJ Alan Walker diesen Steinbruch für den Videodreh seines Welthits „Faded“ nutzte, erlangte der Ort internationale Bekanntheit – und ist heute ein Paradies für Naturfotografen und Taucher. In den letzten Jahren ereigneten sich leider tödliche Tauchunfälle – was dem freien Besuch ein Ende setzte. Dennoch hat jeder Interessierte die Möglichkeit, diesen unglaublichen Ort mitsamt einem Gefängnis im Rahmen einer geführten Tour zu besichtigen. In den Sommermonaten dient der See als Schauplatz für Rafting und Tauchen – und kann nur gegen Eintritt besucht werden. In den Herbst- und Wintermonaten sind die Tore geschlossen und das gesamte Areal samt den Haftanstalten abgeriegelt. Aber wie konnten wir dennoch unser Lieblingsfoto schießen?

Ganz einfach – anrufen! Wer den See außerhalb der Hauptsaison besuchen möchte, wartet an den Eingangstoren und ruft die hinterlegte Telefonnummer an. Anschließend überweist man ein paar Euro – moderne Tickettechnik 😅 – und schon beginnt das wahnwitzige Abenteuer. Aus Sicherheitsgründen, mangels Taucherausrüstung und Erfahrung – sowie den niedrigen Wassertemperaturen geschuldet – blieb mir der Geocache leider verwehrt. Dennoch muss ich festhalten: Dieses Phänomen aus Natur und Geschichte ist einer der aufregendsten Orte, die ich je gesehen habe. Wer Lust auf eine kleine Expedition hat: Video

 

Der krönende Ausklang dieser Reise führt uns in die estnische Hauptstadt Tallinn. Bereits 2017 durfte ich Tallinn zum ersten Mal kennen – und gleichzeitig lieben lernen. Auch damals versuchte ich mich bereits als hoffnungsloser Berichterstatter – und da mein Talent in diesem Bereich nicht gerade ausgeprägt war, beschloss ich, meine ersten Eindrücke für mich zu behalten. Weil ich es so amüsant finde, präsentiere ich euch einen Auszug. Achtung: Tallinn 2017!

Ein kleines historisches Juwel am Finnischen Meerbusen – ja, er heißt wirklich so. Tallinn sollte man zur richtigen Zeit besuchen – und damit meine ich nicht die Jahreszeit, sondern die Uhrzeit. Mit Sonnenaufgang geht es ab in die wunderbare Altstadt, um ihren lieblichen Charme und ihre Romantik zu genießen. Es empfiehlt sich, die Zeit gut einzuteilen – bevor SIE kommen. Tallinn ist gewissermaßen der Dreh- und Angelpunkt unzähliger Kreuzfahrtschiffe, die einen Tagesstopp einlegen. Man hört SIE bereits aus weiter Ferne … die anstürmende Touristenlawine. Wie von einer galoppierenden Büffelherde verursacht, vibriert der Boden unter meinen Füßen.

Die Altstadt und der Hafen sind nur durch einen 30-minütigen Spaziergang getrennt. Allerdings wird den geschätzten Tagestouristen nicht zugetraut, diese Strecke zu Fuß zu überwinden – also strömen Reisebusse im Minutentakt Richtung Zentrum. Nun ist es Zeit, schleunigst den brodelnden Kessel zu verlassen – sonst läuft man Gefahr, Opfer eines verirrten Selfie-Sticks zu werden. Während der Besetzung durch die Eintages-Touristen empfiehlt es sich, die vielschichtige Umgebung abseits des Zentrums zu erkunden. Am späten Nachmittag lächelt Tallinn wieder. Man erkennt zwar in den Gassen die Spuren der täglichen Verwüstung – aber schnell bekommt man wieder das Gefühl, in einer der schönsten Städte Europas zu sein.

Die Altstadt Tallinn – bevorzugte Besuchszeiten: 7:00 bis 11:00 Uhr und ab 17:00 Uhr. Herumspazieren, staunen, genießen. Vor allem der Rathausplatz ist mit seinen abwechslungsreichen Gebäuden atemberaubend schön. Hier sollte man sich einfach in die Mitte stellen, die Arme ausbreiten – und eine langsame 360-Grad-Drehung machen.

Wir schreiben Anfang Oktober 2021 – und befinden uns mitten in einer Pandemie, die auch vor Estland keinen Halt macht. Meine Erfahrung von 2017 muss ich revidieren: In diesen Tagen zählt Tallinn zu den drei schönsten und attraktivsten Städten Europas. Ja – bevor ihr euch die einzig wahre Folgefrage stellt: Was sind die anderen beiden? Sankt Petersburg 🇷🇺 und Kiew 🇺🇦. Treue Leser wissen: Alles, was mit Schweden 🇸🇪 und Stockholm zu tun hat, läuft selbstverständlich außer Konkurrenz 😉.

Wie machen wir das jetzt am besten? Spazieren wir gemeinsam durch Tallinn – oder gehen wir die TripAdvisor-Top-10-Liste durch? Diesmal bevorzugen wir den visuellen Weg. Ich stelle eine kleine Galerie zusammen, damit ihr die beliebtesten Orte und Sehenswürdigkeiten zumindest einmal gesehen und gehört habt.

Drei Brüder
Kiek In De Kök
Alexander-Newski-Kathedrale
Rathausplatz
Patkuli Aussichtsplattform
Lehmpforte
Freiheitsplatz
Toompea-Burg
St. Catherine's Passage
Tallinner Ratsapotheke
Saiakäik
Tallinner Dom
Tallinner Dom

Zum Abschluss noch ein paar Anekdoten, warum jeder von euch dieser Stadt einen Besuch abstatten sollte. Und bitte – bitte nicht mit einem Kreuzfahrtschiff! Tallinn hat es verdient, dass ihr euch ausreichend Zeit nehmt – für ein beidseitiges Kennenlernen.

Während Riga einen modernen und fortschrittlichen Weg einschlägt, fühlt man sich in der estnischen Hauptstadt wie im Mittelalter. Und die Bürger wollen ihren Besuchern genau dieses Bild vermitteln – und das gelingt ihnen brillant. Alles Sehenswerte lässt sich unkompliziert zu Fuß erkunden. Innerhalb der dicken Burgmauern taucht ihr in die Vergangenheit ein. Das ständige Gefühl der Schnelllebigkeit legt man ab – und flaniert ruhelos durch die Gassen. Die bunten, einzigartigen Gebäude, die Atmosphäre der Tore und Burgen, die estnische Kulinarik – Stichwort: SOLJANKA 😛 –, die humanen Preise und die zwar vorsichtige, aber freundliche Art der Esten werden euch verzaubern.

Dies wäre aber nicht mein persönlicher Reisebericht, wenn wir abschließend nicht über einen vollkommen durchgeknallten und äußerst fragwürdigen Ort sprechen würden – den ich faktisch nur durch puren Zufall entdeckte. Zuvor jedoch noch meine Top 3 der – plus/minus – geheimen Sehenswürdigkeiten in direkter Umgebung der Hauptstadt.

Linnahall: Auch wenn Estland noch nie Austragungsstätte der Olympischen Spiele war – wie ist so etwas möglich? Stichwörter: Kommunismus und Sowjetunion. Die Linnahall ist ein ehemaliger Sportpalast am Hafen. Für die Olympischen Sommerspiele 1980 nutzte die UdSSR diese Anlage für ihre Segelwettbewerbe. Das Besondere: Seit dem Zerfall der Sowjetunion verwahrlost die Sportstätte augenscheinlich vor sich hin – und ergibt einen bildhübschen Lost Place.

Schloss Katharinental: Der Palast wurde von Peter dem Großen errichtet und gilt als schönstes Bauwerk der gesamten Nation.

St. Brigitten: An der Mündung des Flusses Pirita verbergen sich die kolossalen Ruinen eines ehemaligen Klosters – eine der schönsten und am besten erhaltenen Kirchenruinen, die ich je gesehen habe. Die Form des Gebäudes wurde bewusst einem Schiff nachempfunden. Unbedingt besuchen!

Gemeinsam verlassen wir die Normalität – und runden unsere Visite in Tallinn mit einem glücklichen Zufallsfund ab: dem Maarjamäe-Palast. Der Palast dient als estnisches Museum für Geschichte und Kultur. Durch Zufall entdeckte ich dieses relativ nette, aber unspektakuläre Gebäude – und wagte einen kurzen Abstecher. Auf historische Ausstellungsstücke hatte ich weniger Lust – also erkundete ich die Umgebung und zufällig auch den versteckten Hinterhof. An der Rückseite des Palastes verbirgt sich eine sensationelle Sammlung ausrangierter sowjetischer Statuen. Ein überdimensionaler Josef Stalin grinst einem entgegen – und ein gigantischer Kopf von Wladimir Lenin liegt seelenruhig im Gras. Dazu lassen sich Skulpturen weiterer berühmter und berüchtigter sowjetischer Feldherren und Diktatoren bewundern. Die Monumente wurden vor ihrer Zerstörung gerettet – und fanden einen liebevollen Platz im Hinterhof eines kleinen Palastes. Sozusagen mein ganz persönlicher historischer Lieblingsort: der Secret Soviet Statue Graveyard

Mein Fazit: Estland und Lettland gehören zu den am meisten unterschätzten Ländern unserer Erde. Eine berauschende und vielfältige Landschaft mit einer einzigartigen Vergangenheit … Reiseherz, was willst du mehr? Überspringt einmal den wiederholten Italien 🇮🇹- oder Kroatien 🇭🇷-Urlaub – und schnappt euch einen Mietwagen, um dieses europäische Juwel zu erkunden.

Kosten: Seit dem EU-Beitritt sind die Preise kontinuierlich gestiegen. Tallinn und Riga sind bereits kurz davor, sich dem österreichischen Preisniveau anzugleichen – die peripheren Gebiete sind noch deutlich günstiger.

Sicherheit: Das Thema können wir getrost überspringen. Achtet bitte nur auf die Elche!

… Von wo aus lesen wir uns wieder? Ich habe keine Ahnung – lasst uns einfach alle überrascht werden …