Kapitel 29 – 🇨🇦 Kanada (British Columbia)

Erfolgreich gelandet im zweitgrößten Staat unseres Planeten 🇨🇦. Kanada ist das klassische „Da will ich unbedingt mal hin“-Land. Aber hält dieses Land im hohen Norden das, was es verspricht? Auf jeden Fall habe ich eine Todesangst überwunden und weiß, was der Begriff Shootout bedeutet. Starten wir die Mission Kanada in Vancouver, British Columbia.

Angeblich betritt man eine neue Epoche, sobald man die Staatsgrenze Kanadas überschreitet und die Vereinigten Staaten hinter sich lässt. Aber sind die Unterschiede wirklich so eklatant? Ein kurzer Spaziergang genügte, um diese Frage zu beantworten. Natürlich sind diese Eindrücke etwas oberflächlich und subjektiv – aber so lässt sich die andere Epoche am einfachsten erklären.

Vancouver verfügt über viele kostenlose Shuttlebusse, um den Verkehr zu entlasten.

✔ Wer zu einem Konzert, einer Sportveranstaltung oder einer Messe fährt, bekommt die Kosten für die öffentlichen Verkehrsmittel abgezogen – damit das Auto zu Hause bleibt.

✔ Plastik wird so gut wie möglich vermieden. Einwegbeutel, Einwegbecher und Co. gehören der Vergangenheit an.

✔ Viele günstige, teils kostenlose Leihfahrräder stehen zur Verfügung. In zehn Minuten in Vancouver habe ich mehr Radfahrer gesehen als in drei Monaten USA.

✔ Auch Vancouver hat eine hohe Obdachlosenrate – aber hier stehen zahlreiche Hilfsorganisationen bereit, die die Menschen mit Essen und Kleidung versorgen.

✔ Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn ich sehe, wie artig und zivilisiert sich die Kanadier an der Bushaltestelle anstellen: in einer Reihe, mit perfektem Abstand. Als Italiener würde man das wohl nicht überstehen 😅.

✔ Wechselgeld ist rar – man muss die Münzen genau parat haben. Sollte das aber nicht der Fall sein, ist es völlig egal: Jeder hilft jedem mit dem fehlenden Kleingeld aus.

✔ In den ersten Stunden haben sich ungefähr zehn Kanadier bei mir für irgendetwas entschuldigt. Warum? Keinen blassen Schimmer – aber die Menschen sind so höflich und hilfsbereit, dass sie sich für alles entschuldigen.

✔ Und nicht wundern, wenn euch wirklich jeder – Ticketverkäuferin, Kassiererin, Busfahrer … – mit „How are you doing?“ begrüßt.

✔ Wichtig! Wenn ihr den Bus, das Schiff, den Flieger oder was auch immer verlasst – bedankt euch freundlich für die sichere und gute Fahrt.

Fazit: ein freundliches, hilfsbereites, umweltbewusstes und zivilisiertes Volk – außer wenn es ums Eishockey geht 😅. Aber dazu später mehr.

Als die erste Coca-Cola über den Ladentisch ging, existierte Vancouver scheinbar nur auf dem Reißbrett. Durch sein geringes Alter verfügt Vancouver weder über nostalgische Schauplätze noch über spektakuläre Architektur oder eine bewegte Vergangenheit. Die 650.000-Einwohner-Stadt besticht durch ihre Lage am Stillen Ozean, wunderbare Sandstrände, schneebedeckte Berge, farbenfrohe Wälder und lebendige Grünanlagen. All das krönt Vancouver zu einer der schönsten, sichersten und attraktivsten Städte der Welt.

Der Stanley Park ist der größte städtische Park auf dem amerikanischen Kontinent – und der geografische Mittelpunkt zwischen der modernen Innenstadt und der wilden Natur. Wer diesen Park erleben möchte, sollte sich mindestens einen vollen Tag Zeit nehmen – er ist nur per Fahrrad oder zu Fuß zu erkunden. Die zehn Kilometer lange Vancouver Seawall umrundet den Park entlang der Küste. Langweilig wird es im Stanley Park garantiert nicht. Ihr könnt die Totem Poles besuchen – eine Ansammlung spektakulärer Totempfähle –, das mehrfach als bestes Aquarium der Welt ausgezeichnete Vancouver Aquarium erkunden, an den zahlreichen Stränden entspannen – etwa an der English Bay oder am Third Beach – oder die Umgebung des glasklaren Beaver Lake durchwandern. Egal, wo ihr euch im Park aufhaltet – ihr habt stets einen spektakulären Blick auf die Lions Gate Bridge, deren Überquerung sich auf jeden Fall lohnt.

Was für Österreich 🇦🇹 der Skisport ist, für die US-Amerikaner 🇺🇸 Football – oder für die Neuseeländer 🇳🇿 Rugby –, ist für die Kanadier das Eishockey. Eishockey ist für Kanada weit mehr als eine Sportart – es ist eine eigene Religion. Die Vancouver Canucks tragen ihre Heimspiele in der hochmodernen Rogers Arena aus – und ich war einer der 18.000 glücklichen Karteninhaber. Schon Stunden vor dem eigentlichen Spiel kann man die Faszination des kanadischen Eishockeys aufsaugen. Hockey ist Leidenschaft, ein Familienerlebnis – und der wahre Stolz dieser Nation. Die Ticketpreise werden bewusst auf einem moderaten Niveau gehalten, damit wirklich jeder die Möglichkeit hat, sich einmal ein Spiel seiner Canucks anzusehen. Was den frenetischen Empfang der Teams und das leidenschaftliche Mitsingen der Nationalhymne betrifft, stehen sie ihren südlichen Nachbarn in nichts nach. 18.000 Anhänger erheben sich, legen die Hand aufs Herz und stimmen an: „Oh Canada! Our home and native land!“ … Gänsehaut!!! Auch in puncto Show, Unterhaltung, Action und Nationalstolz sind die Kanadier auf demselben Level wie die US-Amerikaner. Eingangs erwähnte ich, dass die Kanadier ein freundliches und zivilisiertes Volk sind … ja, bis … bis der Puck durch die Halle schießt.

Mein Sitznachbar erzählte mir: „Wir Kanadier sind das fairste Sportvolk der Welt. Wenn das andere Team besser ist, vergönnen wir ihm den Sieg – außer es geht gegen ein amerikanisches Team. Dann gibt es weder Anstand noch Regeln.“ Interessanter Hintergrund: In der NHL spielen 32 Profi-Teams – 25 davon stammen aus den USA 😅! Ich besuchte das Spiel gegen die Philadelphia Flyers, das im Shootout – so etwas Ähnliches wie ein Elfmeterschießen – gewonnen wurde. Die Entscheidung habe ich für euch aufgenommen.

Ein Beiname Vancouvers ist „Hollywood of the North“ – begründet dadurch, dass hier die zweitmeisten Filme und Serien auf dem nordamerikanischen Kontinent gedreht werden, logischerweise nach Hollywood in Los Angeles. Zwei meiner absoluten Lieblingsserien wurden in Vancouver produziert – und an einige Drehorte konnte ich mich sogar noch erinnern.

Flashback: Montagabend, 20:15 Uhr auf SF 1 – so hieß damals einer der Sender, auf dem ich die Serie verfolgte. Lange bevor Netflix und Co. die Welt eroberten, waren wir noch von festen Sendezeiten und bestimmten Kanälen abhängig. Kurz vor Sendestart sperrte ich mich in mein Zimmer ein und steckte sogar das Festnetztelefon ab, um ja nicht gestört zu werden. In wenigen Augenblicken starteten die wöchentlich wichtigsten 45 Minuten meiner Jugend. Völlig weggetreten und fasziniert saß ich im Schneidersitz, 80 Zentimeter vor dem Bildschirm – und wartete auf die magische Melodie.

👽👽 🎶 „da da da da daaaaa, dadadadadada … da da da daaaaaa, dadadadadada“ 👽👽 … endlich diese Melodie, endlich die Vorstellung der beiden Hauptcharaktere … was für eine geniale Zeit das war.

Unzählige Bücher – ich glaube, die einzigen, die ich je gelesen habe –, Poster und VHS-Kassetten lagen in meinem Kinderzimmer verstreut. Das Thema hatten wir ja schon einmal 😉. Die Wahrheit ist irgendwo da draußen! Immer wenn Agentin Dana Katherine Scully und Agent Fox William Mulder durch die Straßen liefen, waren es die Straßen Vancouvers. Wenn sie in der Dunkelheit Aliens im Wald verfolgten, waren es die Wälder des Stanley Parks. Hattet ihr auch so eine intensive Akte-X-Phase wie ich 😅?

Meine zweite Serie führte mich in die Marina Bay auf der Suche nach einem bestimmten Boot. Es dauerte eine Weile, bis ich es ausfindig machen konnte. In diesem Hafen liegt das Hausboot von Richard Dean Anderson. In den Staffeln drei bis fünf lebte Angus MacGyver auf diesem Hausboot. Ja – in der letzten Folge wird sein Vorname enthüllt: Angus 🙈. So gut wie jede MacGyver-Folge wurde in und um Vancouver gedreht – und eine bestimmte Brückenszene blieb mir deutlich in Erinnerung.

Wie ihr bereits wisst, habe ich ein Problem mit Höhe und Brücken – weshalb es nach einer vielversprechenden Idee klang, die Capilano Suspension Bridge zu besuchen. Der Umstand, dass mein Held der 1990er-Jahre in der 15. Folge der 4. Staffel minutenlang einhändig an dieser Brücke hing – und währenddessen höchstwahrscheinlich mit einem Bleistift, einem Kaugummi, einem Kondom und einer Haarspange einen Fallschirm bastelte – gab mir die nötige Motivation, diese Brücke aus der Nähe zu betrachten.

Vielleicht sollte man noch hinzufügen, dass die Capilano Suspension Bridge eine der längsten und höchsten freischwingenden Hängebrücken der Welt ist. Die Tatsache, dass sie bereits im 19. Jahrhundert errichtet worden war, half mir nicht unbedingt bei der Bekämpfung meiner Höhenangst. In Zahlen: Das Teil ist 140 Meter lang, schwebt in 70 Meter Höhe, wurde 1888 erbaut – und schwingt wie verrückt 😱. Die MacGyver-Brücke liegt nördlich von Vancouver im Capilano Regional Park. Bevor die Tore sich öffneten, wartete ich bereits ungeduldig darauf, diese absolute Herausforderung zu überqueren. Zum Glück war noch niemand in Sichtweite – und so konnte ich mich gaaaaaanz laaaaangsaaaam auf die andere Seite hinüberkämpfen. Schritt für Schritt für Schritt … die Hände zitterten, die Knie wippten wie verrückt – und der Herzschlag spielte völlig verrückt … aber wisst ihr was? A) Ich habe es geschafft. B) Auf unerklärliche Weise hat es sogar Spaß gemacht.

Was mir allerdings nicht bewusst war: Die Brücke ist eine Einbahnstraße – sprich, nachdem ich den Capilano Park abgelaufen hatte, musste ich wieder zurück. Nur diesmal war es vorbei mit Einsamkeit und Ruhe. Wie ich das trotzdem geschafft habe, behalte ich aus Gründen des Selbstschutzes für mich 😅.

Die Suspension Bridge ist dabei nur ein kleiner Teil des Parks. Seit einigen Jahren gibt es den Capilano Cliff Walk – ein Weg aus Stahl und Glas entlang einer Felswand durch die tiefen Schluchten des Tales. Ein weiteres Highlight – das Wort „high“ passt hier wie die berühmte Faust – sind die Treetops. Über sieben gigantische Hängebrücken schwingt man sich in 30 Meter Höhe von Fichte zu Fichte.

Den nächsten Tag nutzten wir für einen Ausflug zum Grouse Mountain – gewissermaßen die Mugel Vancouvers. All diese Naturschönheiten, die uns beim Gedanken an Kanada in den Sinn kommen, werden hier greifbar. Vom Stadtzentrum aus nehmen wir den kostenlosen Shuttlebus zur Talstation des Grouse Mountain Skyride. Jetzt wird es etwas kompliziert – aber anhand dieses Beispiels lässt sich erklären, wie Kanada tickt. Um auf den Grouse Mountain zu kommen, gibt es zwei Möglichkeiten:

Die einzige Ticket-Option buchen. Diese beinhaltet Berg- und Talfahrt, weitere Fahrten mit dem Panorama Lift und Scenic Chairlift, Zugang zur Holzfällershow, Zutritt zum Grizzlybär-Habitat und vieles mehr – für umgerechnet schlappe 65 Euro. Eine günstigere Alternative gibt es nicht.

Der Grouse Grind Trail: Laut Beschreibung ein einfacher bis moderater Wanderweg, der zur Bergstation führt. Oben angekommen kann man sich eine einfache Rückfahrkarte kaufen – 8 Euro –, in der alle anderen Attraktionen inkludiert sind. Körperliche Betätigung wird also finanziell belohnt.

In den USA bedeuteten moderate Wanderwege: im Notfall auch mit Badeschlappen, Kinderwagen und implantierten Selfie-Sticks bezwingbar. In Kanada bedeutet „einfacher bis moderater Wanderweg“: 1.000 Höhenmeter, knapp 3.000 Stufen – in eineinhalb bis zwei Stunden zu bewältigen. Während dieser Wanderung wäre ich gefühlt beinahe dreieinhalb Mal gestorben. Über zwei Stunden quälte ich mich diese 3.000 Stufen hinauf. Ein Umkehren wäre nicht möglich gewesen – der Pfad ist aus Sicherheits- und Platzgründen nur in eine Richtung begehbar. Als ich vollkommen durchnässt und klinisch tot oben ankam, fühlte ich mich wie ein König. Mit Superkräften ausgestattet – und wer weiß, was ich aus einem Radiergummi, einem Nagellackentferner und einer Rolle Klopapier hätte basteln können 🤣.

Am Grouse Mountain trennte mich dann nur noch ein dünner Zaun von den Grizzlybären. Gemütlich lagen sie nur wenige Meter entfernt und faszinierten mit ihrer Schönheit und ihrem flauschigen Fell. Kaum vorstellbar, dass uns so ein kuscheliger Riese mit wenigen Bewegungen zerfetzen kann. Eine Comedyshow der feinen Art ist die Lumberjack Show: Zwei chaotische Holzfäller liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Duell in verschiedenen Disziplinen. Wie rasend schnell man einen Baum hochklettern kann, seht ihr unten im Video.

Um diesen perfekten Tag ausklingen zu lassen, fahren wir mit dem Scenic Chairlift über die Berge und Wälder dieser traumhaften Landschaft – und genießen den Sonnenuntergang mit Blick auf die Stadt.

Und was gibt es sonst noch in Vancouver zu entdecken? Vieles – sehr, sehr vieles. Auf der Granville Island liegt der größte Markt der Stadt: der Granville Island Public Market. Ebenfalls auf der Insel lohnt sich ein Besuch der Liberty Distillery. Ich bekam eine exklusive Führung in die kanadische Welt des Wodkas und Whiskys – sowie eine nicht näher nachvollziehbare Anzahl verschiedener Ginsorten zum Verkosten … dieser Besuch lief wieder einmal etwas aus dem Ruder 🤢.

Das imposanteste Gebäude der ganzen Stadt ist der Canada Place. Das markante Bauwerk dient als Messehalle – und es werden laufend kostenlose Ausstellungen angeboten. Die beste Aussicht über die Stadt ergattert man am Vancouver Lookout. Das Ticket gilt glücklicherweise für den ganzen Tag – man sollte also einmal bei Tageslicht und einmal nach Einbruch der Dunkelheit hinauffahren.

Wer Lust auf Skispringen oder Bobfahren hat, dem sei das BC Place Olympic Experience empfohlen. Die Olympischen Winterspiele 2010 sind noch allgegenwärtig. Diese Einrichtung verfügt über Simulatoren, die einen echten 200-Meter-Sprung oder eine Bobfahrt erlebbar machen. Das Trainingsgelände wird von kanadischen Olympioniken genutzt – und ich durfte den Profis beim Eiskunstlauf zusehen. Trotz meines großen Respekts für diese athletische Disziplin finde ich sie noch immer erstaunlich langweilig.

Und abends? Die walisische Sängerin Marina – bekannt als Marina and the Diamonds – sowie Creedence Clearwater Revival-Gitarrist und -Sänger John Fogerty schenkten mir unvergessliche Momente.

Mein Fazit: Die Lebensqualität in Vancouver gehört zu den besten der Welt – und ich kann das absolut nachvollziehen. Sauber und modern, hilfsbereite und freundliche Einwohner, zahlreiche Sport- und Musikevents – aber diese wunderbare Natur direkt vor der Haustür toppt alles.

Sicherheit: Kanada gehört zu den sichersten Ländern der Welt – und die Großstädte bilden hier keine Ausnahme.

Kosten: Das tägliche Leben in Vancouver ist definitiv teurer als bei uns. Aber hey – ich habe noch immer die Hawaii-Preise im Blut. Also – was soll’s?

Est-ce que tu parles français? Ich spreche leider kein Wort Französisch – mal sehen, wie wir uns durch Montréal kämpfen.

 

Hier geht’s zu Kapitel 30 Montreal 🇨🇦