Nebengeräusche

Stalins Spielplatz 🇧🇾

Ein Freilichtmuseum mit abenteuerlichen Panzerfahrten, ein Familienfreizeitpark mit fröhlichen AK-47-Schießübungen – oder ein Verteidigungsmuseum, in dem authentische Kriegsspiele zu erleben sind. Auf unserem Planeten existieren zwar einige bizarre und kuriose Orte – doch die besagte „kulturelle Ausstellung“ in Belarus kreiert eine ganz eigene Dimension der Absurdität und des Irrsinns. Willkommen im Josef-Stalin-Freizeitpark.

Einige Menschen mögen sie – andere hassen sie: Freizeitparks. Persönlich gehöre ich zur zweiten Kategorie. Möglicherweise eine Runde mit dem Riesenrad für die Verliebten – oder eine Achterbahnfahrt für die Tapferen?

Den Kleinen ist es erlaubt, das Karussell zu benutzen – und sofern alle brav und artig waren, gibt es Zuckerwatte oder ähnliche ungesunde Süßigkeiten. Dazwischen schießen wir auf ein paar Luftballons – und stimmen einer fröhlichen Musik zu, die uns allerdings bald wieder gehörig auf die Nerven geht. Das ist meine klischeehafte Vorstellung eines typischen Familienfreizeitparks. In Belarus ticken die Uhren jedoch ein klein wenig anders.

Bevor wir die ersten Eintrittskarten für die Attraktionen einlösen, begeben wir uns auf eine Reise in die Vergangenheit. Unweit von Minsk – der Hauptstadt von Belarus – liegt ein einzigartiges Militärmuseum. Der vollständige Name lautet: The Historical and Cultural Complex „Stalin Line“. Es handelt sich um ein komplexes System diverser Befestigungsanlagen, das in den 1920er-Jahren zum Schutz der Westgrenze errichtet wurde. Die Stalin-Linie erstreckte sich über Hunderte Kilometer entlang der Westgrenze – von der Küste des Schwarzen Meeres bis zur finnischen Grenze 🇫🇮 –, um potenzielle Angriffe aus dem Westen abzuwehren. Die Sowjetunion verschlief jedoch die fristgerechte und flächendeckende Fertigstellung der Verteidigungslinie – wodurch die Wehrmacht die sowjetische Außengrenze nahezu widerstandslos überschreiten konnte.

Die Regierung errichtete diesen Freizeitpark zum Gedenken an den 60. Jahrestag des Großen Vaterländischen Sieges – also des Krieges der Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland – und widmete ihn Josef Wissarionowitsch Stalin, ihrem großen Helden und Diktator. Zahlreiche Utensilien aus der Kriegsära wurden erworben, um über die damalige Demütigung hinwegzutäuschen. Die enormen Bunkeranlagen wurden fertiggestellt, Schützengräben neu ausgehoben und modernisiert – und sämtliches imposante Kriegsgerät in den Park verbracht.

Dass sich dieser Freizeitpark irgendwo in der belarussischen Pampa befindet, erklärt sich wohl von selbst. Wusstet ihr übrigens, dass es die Pampa wirklich gibt? Eine Grassteppe in Südamerika – aber das ist eine andere Geschichte. Statt eines Riesenrads besteigt man einen sowjetischen Bomber – und anstatt einer Achterbahnfahrt buchen die Besucher eine abenteuerliche Panzerfahrt.

Während man in gewöhnlichen Vergnügungsparks Pfeile zum Werfen auf Luftballons erhält, kann man in der Stalin-Linie eine geladene AK-47 ausleihen – und damit exzessiv auf rostige Autowracks schießen. Keine Sorge – auch die Kleinsten kommen auf ihre Kosten. Die Kinder haben die Möglichkeit, sowjetische Uniformen anzuziehen – um in den Bunkeranlagen Fangspiele wie „Capture the Flag“ zu spielen. Um das Gemeinschaftsgefühl und die familiäre Atmosphäre noch ein wenig aufzupolieren, dröhnt ununterbrochen sowjetische Militärmusik durch die Lautsprecher 🙈.

Touristische Panzerspiele @ Stalin Line
Quelle: http://stalin-line.museum.by/en

Wer eine dringende Ruhepause braucht, kann sich auf den Bänken ausruhen – oder sich anstellen, um mit den imposanten Stalin-Statuen ein Selfie zu machen. Ein wahres Vergnügen für Jung und Alt!

Kleine Anmerkung: Es ist weltweit untersagt, Joseph-Stalin-Denkmäler und -Plakate zu errichten oder zu erhalten. Selbst in seinem Heimatland Georgien 🇬🇪 – oder Russland 🇷🇺 – ist das ein Verstoß gegen das Gesetz. Aber hey – wir sind in Belarus 🇧🇾. Gedankenspiel: Irgendwo im Burgenland gibt es einen Adolf-Hitler-Erlebnispark – und die Kids posieren mit seinem Bildnis.

Meine aufrichtige und ehrliche Meinung: „The Historical and Cultural Complex Stalin Line“ ist so kurios, bizarr, verrückt, einzigartig und von Propaganda durchdrungen – dass es mir schwergefallen ist, die tragische Geschichte dahinter ernst zu nehmen.

Know Before You Go:

Der historische Komplex liegt dreißig Kilometer außerhalb von Minsk. Die Öffnungszeiten beschränken sich auf Freitag bis Montag (10:00 bis 18:00 Uhr). Wer Lust auf eine Panzerfahrt oder eine wilde Schießerei verspürt, kann dies unkompliziert vor Ort buchen. Visit Website!

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