Kapitel 42 – 🇻🇳 Vietnam

… die ersten Anzeichen der Pandemie, leer gefegte Touristenorte und eine seltsame Art des Reisens … Ihr werdet die gewaltigen Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden des Landes kennenlernen. Wir statten der größten Touristenfalle einen kurzen Besuch ab – und reden über die Vorzüge einer 1.800 Kilometer langen Zugreise … kriechen durch Höhlen, erkunden Tempelanlagen – und kommen in den Genuss von Schlangenschnaps 🤮 …

Vietnam hat einen besonders hohen Stellenwert auf meiner Wunschliste. Die atemberaubende Küste mit dem Zug entlangzufahren war einer meiner größten Träume. Im Laufe dieser vierwöchigen Reise bemerkte ich den großen Unterschied, den der Vietnamkrieg hinterlassen hat. Die ehemalige Demokratische Republik Vietnam (Nordvietnam) und Südvietnam zeigen in vielerlei Hinsicht rundum unterschiedliche Gesichter. Auf die politischen Hintergründe möchte ich in meinem Reisebericht weniger eingehen. Ich werde euch zunächst meine Top-3-Themen erläutern, die diese zwei ehemals getrennten souveränen Staaten so unterschieden.

1⃣ Die Natur: Als ich in langsamen Schritten die Küste immer weiter Richtung Süden fuhr, erkannte man eine unwiderrufliche Veränderung. Der Norden des großen Landes ist von Gebirgen, Schluchten und steilen Küsten umgeben. Das Klima weist ein tropisches Wechselklima auf – in den Wintermonaten wird es verhältnismäßig kalt, die Niederschlagsmenge ist überdurchschnittlich hoch – und es kann sogar Schnee geben. Der südliche Teil erinnert mich an die tropischen Strandküsten, die wir aus den hochpolierten Reiseführern kennen. Das Hinterland wird von dichter Vegetation dominiert – und das Klima ist tropisch. Bedeutet: Tag ein, Tag aus … Hitze 🥵!

2⃣ Die Kulinarik: Je südlicher ihr kommt, desto eher benötigt ihr die Feuerwehr auf Kurzwahltaste Nummer 1. Während ich im Norden noch etliche Male mutig nachgebessert habe – was Schärfe und Würze betrifft – lernte ich im südlichen Teil meine Lektion. Anfangs waren mir diese regionalen Unterschiede nicht bekannt – und ich zweifelte ununterbrochen an meiner Leidensfähigkeit. Aber für alle sei gesagt: Je weiter ihr Richtung Äquator fahrt, desto schärfer wird die ganze Angelegenheit.

3⃣ Die Bevölkerung: Offiziell gilt Vietnam seit 1975 als vereint – aber es genügt ein kurzer Blick auf die zwei größten Städte (Hanoi und Hồ-Chí-Minh-Stadt), um diesen gravierenden politischen Unterschied zu spüren. Hanoi steht vollständig unter kommunistischer Flagge. Diese Hauptstadt mit ihren 8 Millionen Einwohnern hinterlässt mehr kommunistisches Flair als Moskau 🇷🇺 und Minsk 🇧🇾 zusammen. Die Bauten erinnern an die Sowjetzeit – und die Bevölkerung ist deutlich introvertierter als ihre Landsleute im Süden. Hồ-Chí-Minh-Stadt – unter dem Namen Saigon besser bekannt – könnte auch in jedes europäische Land hineinpassen. Während mich alle offensichtlichen Themen (Verkehrschaos, Sicherheit, Luftverschmutzung) in Hanoi an Delhi 🇮🇳 erinnern, punktet Hồ-Chí-Minh-Stadt mit modernen Bauten, asiatischer Hilfsbereitschaft und einer gewissen Form des koordinierten Chaos. Zwei durch und durch unterschiedliche Städte in einem vereinten Staat. Ich würde die mutige These aufstellen: 95 Prozent der gewöhnlichen Reisenden würden sich im ehemaligen Saigon wohler fühlen … natürlich gehöre ich zu den anderen 5 Prozent 😅 – und warum? … das erzähle ich euch gerne.

Bevor wir uns der Küste entlang südwärts kämpfen, stelle ich euch eine interaktive Karte mit meiner Route und den dazugehörigen Stopps zur Verfügung. Und ehe wir uns über die Anziehungskraft, die Kuriositäten und die Holzklasse der Zugfahrt unterhalten – entführe ich euch in die kommunistische Weltstadt Hanoi!

Vietnam Train Trip

Mittlerweile hatte ich mich wieder an ein zivilisiertes Verhalten, eine Struktur und eine gewisse Ordnung gewöhnt – Japan 🇯🇵 und Südkorea 🇰🇷 sei Dank! Als ich am internationalen Nội-Bài-Flughafen Hanoi landete, hatte ich nur einen Gedanken: Bitte nicht schon wieder 😱!!! Kennt ihr das, wenn ihr glaubt, ein Ereignis ein zweites Mal erleben zu können? Diese Erinnerungstäuschungen werden im Fachjargon Déjà-vu genannt. Die Fahrt vom Flughafen zu meinem Apartment in der Altstadt von Hanoi war die Königin der Déjà-vus – mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass es keine Einbildung war. Die ersten paar Begegnungen mit der Millionenstadt sorgten beinahe für eine niemals für möglich gehaltene Wendung. Stößt Hanoi das indische Delhi 🇮🇳 wirklich vom Thron? Hat die Menschheit wahrhaftig einen Ort erschaffen, der chaotischer und verrückter ist als die indische Hauptstadt?

Im Allgemeinen könnte ich hier einen Teil meines Indien-Reiseberichtes eins zu eins hineinkopieren, um euch den tagtäglichen Hanoi-Wahnsinn zu schildern. Eine Kurzform für die Bequemen unter euch, die meinen Indien-Bericht unverständlicherweise ignoriert haben 😉: Smog der höchsten Kategorie, mustergültiges Verkehrschaos, unerträgliche Lärmbelästigung – und eine Abfall- und Müllwirtschaft, die ihr ohne Zweifel weder sehen noch riechen wollt … ich befürchtete Schlimmes!

Nachdem ich den ersten Schock unbeschadet überstanden und einmal tief und fest darüber geschlafen hatte, nahm ich all meinen Mut zusammen und versuchte, das Chaos auf eigene Faust zu erkunden … und wisst ihr was? Abgesehen von einem schockierenden Moment (dazu später mehr) war dieses undurchsichtige Tohuwabohu von Charme und Leichtigkeit geprägt – und verzauberte mich vollständig. (Natürlich spielte auch der Faktor Delhi-Erfahrung mit: Wenn du Delhi überlebt hast, ist dir alles andere egal. Und die untypische Tatsache, dass ich eine kleine Vorliebe für kommunistische Regionen habe, würde ich ebenfalls als Vorteil ansehen 😉.)

Ihr kennt diese Bilder, oder? Da donnert ein endlos großer Personenzug durch die Wohngebiete – und die Bevölkerung spaziert in Seelenruhe auf den Gleisen herum und springt in letzter Sekunde zur Seite. Ich dachte immer, diese Videos und Darstellungen seien ein klein wenig dramatisch aufpoliert … aber hey! Nein! F**k ist das krass 😱! Dieses irre Schauspiel einmal live erleben zu dürfen … Wahnsinn … rette sich, wer kann. Die Bahntrasse läuft kilometerlang durch die Innenstadt von Hanoi – und der Zug fährt nur um Millimeter an den Hauswänden vorbei. Zweimal täglich kann man dieses Großereignis bewundern. Während des Tages bauen die Einheimischen ihre Lokale und Geschäfte auf den Bahngleisen auf – als wäre es die normalste Straße der Welt. Je nach Pünktlichkeit des Lokführers ertönt aus der Entfernung die Sirene des Zuges – und die Anwohner nehmen das einfach unkommentiert zur Kenntnis. Mir hingegen wird schon etwas mulmig – weil ich weder weiß, aus welcher Richtung er kommt, noch wann er auf mich zurast – und wo zur Hölle ich mich hinretten soll. Die Gasse ist so eng, dass man sich mit dem Gesicht zur Wand drücken muss, um nicht erwischt zu werden. Im Nachhinein erfuhr ich, dass diese Gleise als Touristenattraktion gelten – und die ansässige Polizei die Fremden vorzeitig aus der Gefahrenzone schafft, weil laufend Unfälle passieren. Wir schreiben Mitte Februar 2020. Das heißt: Die vietnamesischen Grenzen sind weitgehend gesperrt, das Virus übernimmt die Herrschaft – und Touristen sind kaum mehr zu sehen.

Ich vertraute auf die Routine der Vietnamesen und versuchte, ein entspanntes Gesicht zu machen. Es dauerte allerdings nicht lange – und das Signalhorn des Zuges wurde immer deutlicher erkennbar – und der Boden unter meinen Füßen begann zu vibrieren … aber auch das scheint niemanden zu interessieren. Erst als die Lokomotive um die Ecke bog und sich in unmittelbarer Sichtweite befand, begannen die Bewohner langsam, ihr Hab und Gut zusammenzupacken und an den Hauswänden oder in den kleinen Garagen zu verstauen. Kleine Anmerkung am Rande: Aus Versehen – oder Langeweile – habe ich mir einmal die Tetris-Weltmeisterschaft angesehen (herrlich, ich sag‘ es euch 🤣). Ich kann mich zwar an die Teilnehmer nicht mehr erinnern – aber ich würde wetten, dass es Vietnamesen gewesen sein müssen … so, wie die unter enormem Druck ihre Habseligkeiten auf wenigen Quadratmetern zusammenstellen … unglaublich.

… Ja, später donnerte der Zug dann vorbei – ich brachte mich in Sicherheit – und schön langsam ließ die Anspannung wieder nach. Man hinterfragt kurz seine geistige Zurechnungsfähigkeit, warum das so irrsinnig viel Spaß macht – erkundigt sich, wann die nächste Eisenbahn kommt – und freut sich schon auf eine Revanche.

Abgesehen von dieser Art der interessanten Begegnung hat Hanoi noch sehr viel Kommunistisches zu bieten. Insbesondere den gigantischen Ba-Đình-Platz, auf dem die Unabhängigkeit ausgerufen wurde – und an dem sich das Hồ-Chí-Minh-Mausoleum befindet, wo man – Lenin-like – den Leichnam des ehemaligen Staatsgründers besuchen kann. Die mächtige Zitadelle Thăng Long – 2010 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt – oder der Hoan-Kiem-See, in dem sich einige Tempel und Brücken befinden. Mitten im See liegt übrigens ein nostalgisches Bauwerk, das als Schildkrötenturm bezeichnet wird 🤔. Der kleine – leider völlig verdreckte – See wird als nationales Heiligtum angesehen. Die Legende lehrt uns, dass im 15. Jahrhundert eine goldene Riesenschildkröte aus dem See krabbelte und einem armen Fischer ein goldenes Schwert in die Hand drückte – mit der Bitte, er solle die chinesische Besatzung vernichten. Gesagt, getan! Der Fischer kümmerte sich um die Chinesen, brachte triumphierend das Schwert zurück – und die goldene Riesenschildkröte stieg samt Schwert zum Himmel empor und verwandelte sich in einen Drachen, der noch heute die Stadt beschützt. Wie ihr vermutet habt – weder eine Riesenschildkröte noch einen Drachen noch den Fischer konnte ich sehen. Aber ich mag die Geschichte – und spätestens wenn ein Hollywood-Regisseur meinen Blog liest, wird sie unter dem Titel „The Golden Turtle“ auf die Leinwand kommen.

Nie in diesem Leben – und wahrscheinlich auch nicht im nächsten – hätte ich es für möglich gehalten, dass mir in Hanoi einer der schönsten Orte über den Weg läuft, die ich jemals gesehen habe. Durch Zufall bin ich darauf gestoßen – und ich könnte euch nicht einmal verraten, wo er genau liegt oder ob dieser Ort einen speziellen Namen trägt. Die Straße wird von einem Lichtermeer aus Girlanden erhellt – und beherbergt die wunderschönsten Malereien, die ich je gesehen habe. Dieses Gebiet ist nicht nur ein Traum für die Augen – auch die Atmosphäre ist unbeschreiblich. Eine ruhige Nebenstraße, kein Verkehr, absolute Ruhe und Idylle … ein paar kleine, regionale Restaurants – und wenige Besucher oder Vietnamesen, die diese Gemälde für ein Fotoshooting nutzen. In Hanoi einen Ort zu finden, für den mir die Worte fehlen, um seine Ästhetik zu beschreiben 🤔 … nein – damit hatte ich weniger gerechnet.

An sich ist die vietnamesische Hauptstadt die erste von sechs oder sieben Stationen – aber sie sprengt bereits jetzt meine geplante Wörteranzahl 🙈. Ein Thema möchte ich euch aber nicht vorenthalten. Durch mein unorganisiertes Herumirren bin ich in einen Bereich geraten, vor dem ich lieber die Augen geschlossen hätte. Für mich persönlich ein schwieriges Thema – weil ich weder in einem österreichischen Schlachthof war noch jemals dorthin will – aber die Eindrücke, die ein asiatischer Tiermarkt hinterlässt, gehen tief in die Seele. Tausende kleine Schildkröten werden in winzigen Behältern gehalten und zum Verkauf oder zur Verarbeitung direkt ins kochende Wasser geworfen. Vögel und Reptilien sitzen in Käfigen, die so klein sind, dass sie sich keinen Millimeter bewegen können. Natürlich zählt jedes Tierleben gleich viel – aber wenn dann die ersten Blicke auf die zahllosen Hunde fallen, die bei brütender Hitze in mikroskopisch kleine Gehege gequetscht werden, ist meine persönliche Schmerzensgrenze überschritten. Der Blick in die Augen dieser Tiere … meine Lieben, das wirst du niemals aus dem Kopf bekommen. Ich habe keine Ahnung – genauer gesagt: Ich möchte es gar nicht wissen – was mit ihnen passiert oder was bereits geschehen ist, dass die Tiere so regungslos und halb tot in den Käfigen liegen. Ich spare euch weitere Details – und auch einen Großteil der Bilder. Allzu viele konnte ich ohnehin nicht machen – denn sobald ich die Aufmerksamkeit der Händler erregte, wurde ich unsanft des Marktes verwiesen … ich bezweifle, dass das einen legalen Hintergrund hatte.

Die berühmte Halong-Bucht ist die beliebteste Touristenattraktion in Vietnam – und damit haben wir schon das enorme Dilemma. Obwohl die Pandemie den Großteil der Touristen bereits zum Ausreisen motiviert hatte, ist dieses sagenhafte Stück Natur eine endlose Enttäuschung. Auf den vielen aufpolierten Bildern wirkt die Bucht wie ein magischer Traum – in der Realität wird dieses Naturphänomen von hunderten Booten belagert, die Küsten und Strände versinken im Dreck – und das aufgezogene Programm erinnert mich an meinen treuen Guide Jimmy (USA-Leser können mir folgen). Zusammengefasst: Schön, dass ich hier war … danke und auf (Nimmer-)Wiedersehen!

Bevor wir uns in den Zug setzen und die 1.800 (!!!) Kilometer lange Reise in das ehemalige Saigon starten – ein paar kleine Survival-Tipps, die euch diese Zugfahrt leichter überstehen lassen.

✔ Die Ticketpreise sind unfassbar günstig. Wenn ihr allerdings das erste Mal auf der Online-Plattform bucht, fallt ihr in Schockstarre: Ein vietnamesischer Dong = 0,000037 Euro!!! Umgerechnet: Ein Ticket, das 100.000 Dong kostet, sind das 3,70 Euro! Da fällt mir gerade ein, als ich das erste Mal am Automaten Geld abhob 😅! Da tippst du eine Zahl mit 6 Nullen in die Tastatur, zählst sicherheitshalber x-mal mit den Fingern am Bildschirm nach – und bekommst sage und schreibe 37 Euro … weil du einfach nicht mehr brauchst!

✔ Einmal täglich fährt ein reiner Touristenzug die gesamte Route entlang! VERGESST ES! Bucht bitte die regionalen Züge! Nur das hat Flair und Atmosphäre – und ihr könnt euch trotzdem in absoluter Sicherheit wiegen und jede Minute genießen.

✔ Vermeidet die Nachtzüge! Nicht weil es gefährlich ist – aber wenn ihr die Schluchten und Gebirgspässe sehen wollt, braucht ihr Tageslicht.

✔ Bucht wenn möglich zwei bis drei Wochen im Voraus. Wenn ihr euch nicht festlegen wollt, bucht zwei oder drei verschiedene Abfahrtszeiten. Lieber ein paar Euro – genauer gesagt ein paar hunderttausend Dong mehr – investieren, als auf halber Strecke liegenzubleiben.

✔ Es gibt drei unterschiedliche Komfortkategorien. Für eine kürzere Distanz (kurz bedeutet alles unter 4 bis 6 Stunden … teilweise fährt der Zug mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/h 🥱) ist auch die mittlere Preisklasse völlig ausreichend. Wenn ihr eure Bandscheiben nicht früher als nötig kennenlernen wollt – vermeidet die Holzklasse.

✔ Um die richtige Endstation zu erkennen, braucht es ein klein wenig Glück, ein bisschen Geschick und eine gute Menschenkenntnis. Die klassischen Durchsagen des ÖBB-Zugbegleiters 🇦🇹 – der neuerdings mit perfekten Englischkenntnissen auftrumpft – gibt es in Vietnam nicht. Den Standort über GPS zu verfolgen 🤔 – eher weniger. Am besten: höflich, aber direkt das Begleitpersonal um Hilfe bitten. Oder ihr versucht, die Dörfer und kleinen Städte den Fensterscheiben zuzuordnen. Ein kleines Station-für-Station-Beispiel: Nam Bình, Ninh Khánh, Ninh Phong, Ninh Phúc, Ninh Tiến, Ninh Nhất 🤣.

✔ Zeit! Zeit! Zeit! Natürlich kann man die komplette Küste in 10 bis 12 Tagen absolvieren – aber ihr werdet so unfassbar viel versäumen. Mindestens drei Wochen würde ich euch ans Herz legen – damit ihr an den interessantesten Dörfern und Städten jeweils ein paar Tage verweilen könnt.

In der Welt des freien Internets werdet ihr einige hilfreiche Blogs finden, die euch bei der Ticketsuche unterstützen – deswegen beschränke ich mich auf die Grundlagen. Und wie ihr bestimmt schon wisst: Bei Fragen einfach melden!

✔ Entschuldigung! Das Wichtigste hätte ich fast vergessen. Ihr braucht euch kein Lunchpaket zusammenzupacken. Regionale Händler springen bei Station A in den Zug, versorgen euch mit köstlichen Leckereien – und steigen bei Station B wieder aus. Gefällt euch das erste Menü weniger (obwohl das bei der vietnamesischen Küche praktisch unmöglich ist) – wartet einfach ab. Zwischen Station B und Station C bekommt ihr die nächsten Köstlichkeiten serviert.

Mein erster Stopp war die Kleinstadt Ninh Bình. (Notiz für meine nächste Vietnam-Reise: Schreib dir deine Ziele ganz genau auf. Der Bahnhof davor hieß Ninh Dinh 🤦. Zum Glück sind die Zugfrequenzen relativ hoch.) Das Prinzip jedes Aufenthaltes war gleichartig: Vorab eine Unterkunft buchen (wenn ihr für eine Nacht mehr als 300.000 Dong ausgeben müsst, habt ihr etwas falsch gemacht) … recherchieren, welche Unternehmungen in der Umgebung möglich sind. Beim Check-in dann alle Pläne über den berühmten Haufen werfen – die hilfsbereiten Gastgeber zeigen euch die wunderbarsten Ausflugsziele und organisieren alles Weitere. So einfach funktioniert Vietnam.

Die Gastgeber organisieren euch ein Fahrrad oder einen Roller … oder sie tun sich mit anderen kleinen Gastbetrieben zusammen – und ihr teilt euch einen privaten Guide. Das ist alles! Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich diesen Satz einmal sagen und schließlich auch umsetzen werde – aber: Geld spielt für uns Westeuropäer in Vietnam keine Rolle. Was kann ich in Ninh Bình alles tun? Recherchiert einfach selbst – oder lasst euch von euren Gastgebern etwas vorschlagen. Kleines Beispiel: Bootstour durch die Trang-An-Grotten – touristisch, aber unfassbar schön und ein klein wenig gefährlich für das hübsche Köpfchen

Mein nächstes Ziel war die 100.000-Einwohner-Stadt Đồng Hới. (Auch hier heißt es höllisch aufpassen – die darauffolgende Stadt trägt den Namen Đông Hà.) Der perfekte Ort, um ein paar ruhige Tage am Strand zu entspannen. Kein berühmter Touristen-Hotspot – aber eine herzliche und liebenswerte Kleinstadt, in der ihr in die vietnamesische Welt eintauchen könnt. Spektakuläre Ziele sucht ihr in Đồng Hới vergebens … außer ihr steht auf die größten und aufregendsten Höhlen unserer Welt. Euer Gastgeber organisiert euch eine Tour (oder einen Roller 😉) – und ihr startet zur nahegelegenen Paradise Cave (eindrucksvoll, gigantisch, sagenhaft) und/oder zur Phong-Nha-Cave (und wieder: eindrucksvoll, gigantisch, sagenhaft).

Als ich das gigantische Höhlensystem Vietnams schön langsam überblickt hatte, lernte ich ein paar Niederländer kennen, die mir die Hang Tối Cave (auch Dark Cave genannt) empfahlen. Während ihr durch die anderen Höhlen in Ruhe spazieren könnt oder mit einem Ruderboot chauffiert werdet – erfordert die Dark Cave eure gänzliche Aufmerksamkeit. Eine wirklich großartige, geführte Abenteuertour mit Taschenlampe, Sicherheitshelm und Schwimmweste. Es wird geklettert, gekrochen, geschwommen, getaucht – um schließlich in einem Schlammbecken zu verweilen.

Nächster Stopp: Huế! Die 350.000-Einwohner-Stadt ist der absolute Pflichtaufenthalt für alle Vietnam-Zugreisenden. Würde ich eine Auflistung der sehenswertesten Orte und Objekte einbinden – sie würde kein Ende nehmen. Tempel über Tempel … endlos große Grabmäler von Kaisern aus vergangenen Dynastien … eine kolossale Zitadelle mit der Verbotenen Stadt – eine Kopie jener aus Peking 🇨🇳. Huế ist euer erster Kontakt mit dem ehemaligen Südvietnam – denn die Grenze befindet sich nur wenige Kilometer nördlich. Sobald ihr den ersten Spaziergang durch die Küstenstadt unternehmt, werdet ihr diese gewaltige Diskrepanz zwischen Norden und Süden erkennen. Die kommunistischen Bauwerke sind zum größten Teil Geschichte – die Stadt ist übersät von Anlagen, die tausende Jahre alt sind. Das Thema Pandemie möchte ich in diesem Bericht so gut wie möglich vermeiden – gleichwohl mir in Huế zum ersten Mal bewusst wurde, dass sich die Welt verändert hat. In einer normalen Welt wären diese Ziele stark überlaufen. Deshalb wollte ich die Stadt ursprünglich meiden – aber wegen eines verlassenen Freizeitparks (🤣) musste ich doch einen Stopp einlegen. Als ich vollkommen allein und in absoluter Abgeschiedenheit über den Verbotenen Platz lief und keinen einzigen Menschen weit und breit sah, fing mein Kopf an zu arbeiten. Tag für Tag neue Reisewarnungen, die Androhung geschlossener Flughäfen – und der ständige Aufruf, nach Hause zu fliegen. Einerseits wollte ich einfach nicht – andererseits hatte ich es noch nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit gesehen … aber egal jetzt – keine Pandemiegeschichten …

… lasst uns lieber über verlassene Freizeitparks sprechen: Hồ Thuỷ Tiên. In einem kleinen See der zerfallenen Anlage erstreckt sich der bedrohliche Kopf eines Drachen. Wegen Desinteresse und Misswirtschaft wurde der Park vor gut fünfzehn Jahren geschlossen – und verwahrlost nun zu einer absoluten Schönheit. Die Atmosphäre ist sagenhaft – und da der Zugang ständig kontrolliert wird und patrouillierendes Sicherheitspersonal die Besucher vertreibt, erhöht das den Adrenalinfaktor um einiges. Mit einem befreundeten Finnen schnappten wir uns einen Roller und suchten das Schmuckstück inmitten des Dschungels auf. Gänsehaut am ganzen Körper. Die Idylle ist das eine – die Möglichkeit, in jeder Sekunde verscheucht zu werden, etwas anderes. Ein selbst ernannter Wächter verfolgte und jagte uns mehrmals – bis wir uns dazu entschlossen, ihm eine kleine Spende auszuhändigen. Zwar hatten wir dann ein paar Augenblicke Ruhe – um Fotos zu machen und die Gegend zu erkunden – aber nur wenige Minuten später tauchte der nächste Jäger auf … und der nächste!

Haltestationen 4 und 5 fasse ich in einem Absatz zusammen – da ich selbst ein wenig den Überblick verloren habe, was genau wo stattgefunden hat: Đà Nẵng und Hội An.

Ersteres ist eine 1-Millionen-Einwohner-Stadt, die im Laufe der letzten Jahrzehnte zu einer klassischen Industriestadt umgebaut wurde. Der Begriff „Industriestadt“ ist selten einladend – aber Đà Nẵng bestätigt grundsätzlich die Ausnahme 🤔. Wolkenkratzer, lebendige Stadtviertel und ein schrilles Nachtleben … hunderttausende Affen und Miss Buddha … so lässt sich Đà Nẵng zusammenfassen. Da ich euch die Sightseeing-Tour durch die Metropole wieder ersparen möchte, springen wir zu der einen oder anderen Vietnam-Geschichte, die euch hoffentlich mehr interessieren wird.

Okay – Miss Buddha verdient eine Erwähnung. Euer erster Weg aus dem Zentrum Đà Nẵngs führt euch zur Halbinsel Sơn Trà. Wenn ihr die Fahrt mit dem Roller durch das Getümmel der wahnsinnigen Affen überlebt, begrüßt euch eine 67 Meter hohe, weiße Buddhastatue – genauer gesagt eine Bodhisattva-Statue. Ein herrlicher Anblick, am Fuße der größten weiblichen Buddhaskulptur des Landes zu verweilen. Neben den traumhaften Stränden und der berühmten Drachenbrücke packt ihr die Statue samt Halbinsel bitte ganz weit oben auf eure Vietnam-Liste.

Etwas zum Schmunzeln und Nachdenken: Mit der Zeit fiel mir auf, dass die Dörfer und Städte nicht nur ähnliche Namen haben – sondern auch die Vietnamesen selbst. Nach ein wenig Recherche vor Ort konnte ich feststellen, dass mehr als ein Drittel der Bevölkerung denselben Nachnamen trägt: Nguyễn – was so viel wie „schöner Wohlstand“ bedeutet. Das würde in Österreich wohl für Verwirrung sorgen, oder? 😅 Kurze Side-Story von meiner einzigen und wahren Liebe 🇸🇪: Die Schweden hatten ein ähnliches Dilemma. Ihr kennt sie alle: Andersson, Larsson, Johansson, Svensson usw. – „son“ bedeutet „Sohn von jemandem“. Eines Tages wurde es unübersichtlich – und der Staat im hohen Norden hatte eine glorreiche Idee: „So, meine lieben Bürgerinnen und Bürger – wenn ihr alle gleich heißt, sorgt das für Verwirrung. Wir haben vier neue Namensendungen erfunden, die wir euch per Zufall aufzwingen werden:“ 1⃣ Quist/Qvist = Zweig (Henrik Lundqvist, Andreas Granqvist). 2⃣ Gren = Zweig/Grün (Astrid Lindgren, Dolph Lundgren). 3⃣ Ström = Strom/Fluss (Ronnie Hellström, Sarah Sjöström). 4⃣ Berg = Berg (Anita Ekberg, Stefan Edberg). Zum Teil hat es geholfen – aber solltet ihr einmal in Stockholm sein, besucht eine Telefonzelle und blättert im Telefonbuch. Die Seiten sieben bis sechsunddreißig werden von den Anderssons dominiert 🤣.

Zurück zu Vietnam: Hội An – das Touristen-Mekka Nummer 1 am Südchinesischen Meer. Das war wohl meine erste Stadt, bei der ich Eintritt zahlen musste, um sie zu betreten. (Venedig hat ähnliche Ideen, oder?.) Die 75.000-Einwohner-Stadt ist ein Überbleibsel der französischen Kolonialzeit 🇫🇷 – und eine fantastische Märchenwelt aus chinesischen Tempeln, farbenfrohen Gebäuden und prächtigen Steinbrücken. Wenn die Dämmerung anbricht, erstrahlt die Küstenstadt im Licht tausender Girlanden – die an kleinen Ruderbooten befestigt durch die Kanäle gleiten. Ich wage mir kaum vorzustellen, wie überlaufen dieser Ort in einer normalen Welt ist – aber wie auch immer … ein sagenhaftes Paradies

Aus zeitlichen und taktischen Gründen überspringe ich Stopp Nummer 6: Nha Trang und berichte euch vom krönenden Abschluss einer erstklassigen, aber bizarren Vietnam Reise: Hồ-Chí-Minh-Stadt.

Bis zum Jahr der Wiedervereinigung 1976 trug die 9.000.000-Einwohner Metropole den bekannten Namen Saigon und war gleichzeitig die Hauptstadt des Landes. Wie ihr bereits in der Einleitung lesen konntet, ist Ho-Chi-Minh-Stadt mit einer modernen, europäischen Stadt vergleichbar. Wolkenkratzer, internationale Konzerne, so was Ähnliches wie eine strukturierte Verkehrsplanung und sehr offene, hilfsbereite und neugierige Menschen zieren das Stadtbild. Wer trotzdem noch das absolute Chaos von Hanoi vermisst, braucht nur die Altstadt aufsuchen. Hier spielt sich das Leben so richtig ab und der berühmte Bär steppt rund um die Uhr.

Ihr kennt das Prozedere dieses Vietnamberichtes: Wir schenken uns einen Sightseeing-Flug durch die Metropole und reden über vier Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein können.

(Sollten ihr diesen Reisebericht einer minderjährigen Person vorlesen, damit er/sie vielleicht besser einschlafen kann: STOP! Überspringt diesen Teil bis zum Fazit!)

Krasser Übergang, aber irgendwann möchte ich dieses Thema anbringen: Prostitution. Als ich es lebend vom Bahnhof Hồ Chí Minh-Stadt in Richtung meines Hotels geschafft hatte (vorab auf Booking.com gebucht), musste ich feststellen, dass dies ein Fake-Hotel ist. Ja, so etwas gibt es! Die Unterkunft existiert seit Monaten nicht mehr, aber trotzdem lässt sie sich noch fein buchen. Nun stehst du da, mitten in der Nacht, verzweifelt auf der Suche nach einer Unterkunft in dieser chaotischen Welt. Dank der Pandemie sind Touristen kaum vorhanden, was gleichzeitig bedeutet: Du bist Frischfleisch – und dies in jeder Hinsicht. In aller Ruhe in den lebhaften Gassen zwischen den unzähligen Menschen am Mobiltelefon eine andere Unterkunft zu organisieren, ist nicht möglich. Die Einwohner wissen genau, dass du vor einem nicht vorhandenen Hotel stehst, also bist du die perfekte Beute. Anfangs habe ich zwar die freundlich wirkende, aber sehr aufdringliche Hilfe abgelehnt, trotzdem war es aussichtslos, allein eine Alternative zu finden. Es werden gut bewertete Hotelzimmer in der Nähe vorgeschlagen, aber du hast nicht den Hauch einer Chance, sie zu finden. Straßennamen existieren nicht und eine halbwegs nachvollziehbare GPS Unterstützung ist in den engen Gassen nicht gegeben.

Schlussendlich warf ich den Fehdehandschuh und ließ mich von der, von mir für am vertrauensvollsten wirkenden Person, zu einem Hotel bringen. Für alle, die diese chaotischen, asiatischen Metropolen nicht kennen: Das ist wie ein Spießrutenlauf in einem Labyrinth zwischen Gassen, in denen du einfach nur völlig blind und verloren bist. Beim Hotel angekommen, wirkte es sehr niveauvoll und gepflegt. Ich war sowohl von der Optik der Ausstattung als auch vom Ein-Frau-Personal positiv überrascht und buchte gleich alle vier Nächte im Vorhinein. Mir war bewusst, dass sie mich nach Strich und Faden abgezockt hatte, aber die 18 bis 20 Euro für alle Nächte waren okay. Ich lief hoch in den zweiten oder dritten Stock, legte den Rucksack ab und ließ mich, wie in diesen Hollywoodfilmen, rückwärts ins Bett fallen. Ich war einfach todmüde und etwas verunsichert, weil das lustige Fiebermessen im Zug und am Bahnhof bereits losgegangen war.

Kurz darauf klopfte es …- … ich vermutete, dass die Hausherrin noch etwas vergessen hat …- … ich öffnete die Türe und da war sie schon eingetreten. Wirklich schwer zu schätzen, aber alles über 15 oder 16 Jahre hätte mich überrascht. Ich lehnte höflich und bestimmend ab, aber sie reagierte nicht. Das Mädchen gab mir einen Zettel, auf dem tatsächlich Dienstleistungen und die dazugehörigen Preise aufgelistet waren. Das etwas untypische Werbeblatt war in vietnamesischer und in englischer Sprache aufgeführt. Den Großteil konnte ich übersetzen …- … die Palette der Dienstleistungen überraschte mich einerseits wegen der Kreativität, andererseits schockte mich dies auch.

…so was tut Man(n)jetzt? Mehrmals dankend abgelehnt, aber das Mädchen geht einfach nicht. Kannst du sie hinauswerfen? Was würdet ihr tun? Regungslos sitzt sie am Bett und wartet auf ihre Ansage. Ich bin zuerst zur Rezeption hinuntergelaufen (hab vorher dreimal überlegt: Nehme ich den Schlüssel mit? Oder lasse ich das Zimmer offen? Was passiert mit meinen Wertsachen? Ich kann sie ja nicht einsperren, oder doch?). Keine Ahnung, wie ich mich entschieden habe, schlussendlich war die Rezeption natürlich nicht besetzt. Während des Rückweges hat man so eine kleine Hoffnung, dass das Zimmer wieder leer ist …- …die Hoffnung starb aber umgehend. Ein seltenes Bild, aber mir riss der Geduldsfaden, vielleicht fluchte ich auch ein klein wenig, schnappte meinen Rucksack und kämpfte mich wieder durch die Straßen von Saigon, um eine Alternative zu finden.

Im Gegensatz zu Thailand 🇹🇭 ist die Prostitution in Vietnam illegal und wird als schweres Vergehen deklariert. Vor allem in den Großstädten begleitete mich dieses Phänomen ständig. Der Tatsache geschuldet, dass kaum noch internationale Touristen und …- … sagen wir einfach einmal geradeaus, wie es ist: Sextouristen das Land aufsuchen konnten, herrschte natürlich ein irres Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Und nein, es hat nicht den kleinsten Charme und stärkt in keiner Form dein Ego, wenn du alle 50 Meter von Frauen und natürlich auch Männern angesprochen wirst, die nur einen Hintergedanken haben.

Die Hintergrundgeschichte des Vietnamkrieges hat mich schon immer fasziniert. Aller Voraussicht nach kennt ihr alle diese typischen Bilder, von rotierenden Hubschrauberblättern, die nur wenige Meter über den Dschungel fliegen, oder von den heimischen Soldaten, die durch hautenge Tunnelsysteme kriechen und als Tunnelratten bezeichnet werden. Viele Hollywoodfilme, viele Dokumentationen, viele Berichte und Geschichten …- … aber wie sehen diese Schauplätze heutzutage aus? Unweit von Saigon (verzeiht mir bitte, dass ich die Stadt so nenne, aber es klingt einfach tausendmal schöner) liegt das Tunnelsystem von Củ Chi. Selbstverständlich ist diese ehemalige Tunnelanlage touristisch aufgezogen, aber erst vor Ort und an der Stelle wird einem bewusst, wie hoch entwickelt und vielfältig dieses System war. Ich bekomme Hintergrundgeschichten über den Nutzen und das tägliche Leben der Anlage präsentiert und werde Zeuge, wie die getarnten und äußerst raffinierten Fallen funktionieren. Abschließend wird die Chance angeboten, ein 90 Meter langes Stück durchzuklettern. Das klingt jetzt vermutlich nicht allzu anstrengend, aber ihr seid nicht im Bilde darüber, was ich geflucht, geschwitzt und gelitten habe. Der Tunnel ist 0,80 Meter breit und 1,20 Meter hoch und hat eine gefühlte Innentemperatur von 50°. In diesen Momenten wurde mir klar, wie unbegreiflich anstrengend, das Leben unter der Erde sein muss und wie flink und trainiert die Soldaten waren, um hier hindurchzulaufen.

Im Zentrum der Stadt befindet sich eines der besten Museen, die ich jemals besucht habe. Allein der Gedanke daran lässt meine Atmung wieder schneller werden und sorgt für einen kalten Schauer, welcher über meinen Rücken hinunterfährt. Das Kriegsopfermuseum ist nichts für schwache Nerven. Generell halte ich solche Einrichtungen für bedeutungsvoll, um der Opfer zu gedenken und um zu verstehen, welches Leid dieses Land erfuhr. Diese drei bis vier Stunden Aufenthalt sind nur schleppend zum Verdauen.

Im Jahre 1965 setzte die US-amerikanische Armee ein chemisches Entlaubungsmittel mit dem Namen Agent Orange ein. Ziel war es, die Tarnung durch den dichten Dschungel zu zerstören und gleichzeitig die Nahrungsversorgung stillzulegen. Der toxische Großangriff war militärisch gesehen ein großer Erfolg, aber er löste immense Schäden an Mensch und Natur aus. Die Ausführung dieses Giftangriffes war mir bekannt, aber von den Auswirkungen wusste ich nichts. Im Museum sind zahlreiche Bilder der Opfer in Schwarz-Weiß-Fotografien ausgestellt, deren Missbildungen ich euch nicht näher schildern möchte. Was aber weit über meine emotionale Schmerzgrenze hinweggeht, waren die Angestellten, die euch in den verschiedenen Räumen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie gehören zu den mehr als 4.000.000 Vietnamesen, die unter den Folgen des Angriffes leiden. Agent Orange ist eines der giftigsten Dioxide der Welt und eine minimale Menge reicht aus, um Fehlbildungen am menschlichen Körper auszulösen. Hauptkennzeichen ist eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, die genauso erschreckend aussieht, wie sie klingt. Versteht mich bitte nicht falsch, aber es ist nicht einfach, den Guides im Museum zu folgen, sie anzusehen und ihnen zuzunicken, wenn ihre Gesichter und ihre Körper rundum entstellt sind. In der obersten Etage ist eine große Gedenkhalle eingerichtet, in der Bilder von den Opfern ausgestellt sind. Der Raum ist stockdunkel gehalten und wird laufend von Klaviermusik begleitet. Anfangs dachte ich, die Musik würde über die Lautsprecher kommen, aber durch Zufall bin ich an das Klavier angestoßen, welches in der Mitte des dunklen Raumes stand. Ich erschrak auf und blickte in das Gesicht des Pianisten. Es hört sich beschämend und rücksichtslos an, aber ich habe mich noch nie in meinem Leben so erschrocken. Die Füße waren amputiert und der größte Teil einer Gesichtsfläche vollends entstellt.

In der näheren Umgebung von Tschernobyl 🇺🇦 sind mir bereits einige Menschen mit den Nachwirkungen des Reaktorunfalls aufgefallen, in Hiroshima 🇯🇵 musste man gar nicht lange suchen, aber im südlichen Teil von Vietnam nimmt es kein Ende. Wie ein Schaulustiger fühlte ich mich jedes einzelne Mal, als ich die entstellten Personen gesehen habe. Ich weiß nicht wie man richtig reagiert, aber wenn ihr kleine Kinder mit verkrüppelten Armen oder missgebildeten Gesichtern sieht …- … na ja, ich will nicht ins Detail gehen. Welche Folgen dieser toxische Terror der US-Amerikaner wirklich hat, weiß wohl niemand. Unzählige Menschen leiden noch heute darunter, werden ihre Gene wohl ewig weitergeben und Millionen von Millionen Quadratmetern Land sind im Süden Vietnams noch immer verseucht und gesperrt.

Wieder einer dieser Übergänge. Nicht unweit von Saigon besuchte ich einen Ort, der in dieser Faszination und Ästhetik einmalig ist: das Mekong Delta. Dieser Ausflug war definitiv einer der schönsten Tage meiner kompletten Weltreise. Ich will gar nicht zu viel erzählen, denn diese Momente werde ich ohnehin niemals vergessen. Einfach ein paar Stichwörter: der Besuch einer Kokosnussfarm. Wohl das geilste und genialste kulinarische Erlebnis. Wir lieben ja hoffentlich alle den Geschmack und den Geruch der Kokosnussmilch, aber wenn ihr die direkt von den Palmen pflückt, mit einem Samuraischwert halbiert, um sie dann zu vernichten …- …(viele sabbernde Emojis). …- …dazu gab es noch Heerscharen von anderen Früchten und Süßigkeiten, mit denen ich versorgt wurde.

Notiz an mich: mein sarkastischer Unterton wird in der englischen Sprache nicht registriert. Als wir durch den Pfad im Dschungel laufen entdeckte mein Guide eine gigantische Schlange. Er sagte, er kenne die Schlange, sie sei praktisch sein Haustier und da das Reptil nicht allzu hungrig aussieht, könnte er sie einfangen und mir geben. Ich grinste ihn leicht verwirrt und zugegangen etwas schockiert an und erwiderte in die Richtung: Klar, warum nicht! Ich wollte immer schon eine 3 Meter lange Python um meinen Hals haben …- …die Folgen dieses Missverständnisses waren ziemlich heiße und leicht feuchte Minuten (und die Feuchtigkeit kam nicht nur von der Schlange). Apropos Missverständnis: Wenn euch jemand ein alkoholisches Getränk anbietet, fragt vorweg, um welchen Schnaps oder um welchen Wein es sich handelt. Der berühmte vietnamesische Schlangenschnaps (welcher mit Giftschlangen zubereitet wird) schmeckt genauso wie er aussieht …- … 🤮

Mein Fazit: Vietnam ist ein gebeuteltes Land – aber es zählt zu den beliebtesten Reisezielen für Rucksacktouristen. Ich war selten in einem Staat unterwegs, wo alles auf so charmante Art und Weise unkompliziert umgesetzt wurde. Für Vietnam braucht ihr eines: Zeit – sehr viel Zeit! Die perfekte Nation, um einsam und allein von Küstendorf zu Küstendorf zu reisen. Im Laufe dieser vier Wochen habe ich mehr Reisende kennengelernt (die alle so ticken wie ich) als im gesamten Jahr zuvor. Es gibt so viel zu sehen – aber auch sehr viel zu beachten … wenn ihr dieses südostasiatische Land erobern wollt, meldet euch bitte. Dieser Bericht ist vielleicht auf die Hälfte meiner Erfahrungen gekürzt … es gäbe noch so viel zu erzählen.

Kosten: Das günstigste Reiseziel der Welt. Auch wenn die Chance besteht, dass ihr gelegentlich abgezockt werdet – ihr werdet es verkraften. Und nicht vergessen: Mit knappen 37 Euro könnt ihr euch als Dong-Millionär fühlen 💰.

Sicherheit: Wenn euch noch eine gewisse Reiseroutine fehlt – was Chaos und Desorganisation betrifft – werdet ihr in Hanoi bestimmte Hürden überwinden müssen. Je südlicher ihr fahrt, desto einfacher und unkomplizierter wird es. Die großen Städte schlafen niemals – deswegen hatte ich zu keiner Tageszeit irgendwelche Bedenken.

Zum Glück konnte ich noch nach Kambodscha 🇰🇭 einreisen – um mir ein paar Tage den Angkor Wat anzusehen …

 

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