Der Fluss Des Todes 🇰🇷
Wenn wir über den tödlichsten Fluss unserer Erde reden, werden wir vermutlich beim Nil, beim Amazonas oder beim Rio Tinto enden. Jedoch fordern weder Piranhas noch Krokodile – noch tödliche Chemikalien – eine so hohe Anzahl an Todesopfern wie der Imjin. Obwohl der Grenzfluss zwischen der Republik Korea und der Demokratischen Volksrepublik Korea – auch bekannt als Nordkorea – lediglich eine Länge von 274 Kilometern aufweist, stellt er seit über 75 Jahren eine der gefährlichsten Regionen der Welt dar.
Im Rahmen einer geführten Besichtigungstour der demilitarisierten Zone (DMZ) wurde mir eine außergewöhnliche Einsicht in das Grenzgebiet gewährt.
Seit der Teilung Koreas – und dem Ende des Koreakrieges 1953 – befinden sich die beiden Staaten in einem Zustand des Krieges. Es handelt sich hierbei nicht um eine gewöhnliche Landesgrenze – sondern vielmehr um eine militärische Sperrzone. Die genaue Durchführung dieser Touren – sowie deren tatsächliches Ziel – werden zumeist erst unmittelbar vor dem morgendlichen Aufbruch bestimmt – da eine vollständige Einschätzung der gegenwärtigen politischen Lage nicht immer gewährleistet ist. Und die Frage, inwieweit die Besichtigung derartiger Krisenherde unter moralischen Gesichtspunkten vertretbar ist – darf sich jeder selbst beantworten. Dieser Debatte entziehe ich mich – allein schon aus purer Bequemlichkeit.
Mein erster Aufenthaltspunkt befand sich unweit der südkoreanischen Grenzstadt Gimpo. Um die ersten neugierigen Blicke über den Fluss Richtung Norden werfen zu können, wurde hier ein Aussichtsdeck errichtet. Ich befinde mich in einer moralischen Kontroverse. Einerseits ist es extrem faszinierend und aufregend – andererseits aber äußerst umstritten, Touristen an diese Orte zu bringen. Vor Ort betrachte ich mithilfe eines hochauflösenden Fernglases die nordkoreanischen Grenztürme – die von Soldaten besetzt sind. Im Wesentlichen spioniere ich gerade das kommunistische Gebiet aus – was eine neuartige Form des Voyeurismus verkörpert.
Faszinierend: Die Aussicht über die friedliche Landschaft ist beeindruckend schön. Der tödlichste Fluss der Erde schlängelt sich in aller Seelenruhe durch ein bezauberndes Tal. Meine Augen erblicken klares, blaues Wasser – goldene Weizenfelder, grüne Wiesen und eine unberührte Hügellandschaft. Die unheilvolle Stille wirkt beklemmend. Weder Fahrzeuge noch Motorengeräusche waren wahrnehmbar – und weit und breit keine Menschenseele zu erblicken. Nur ich und dieses wundervolle Panorama. Mein Reiseführer zeigte mir eine Schule, eine Kirche sowie einige Bauernhäuser – die sich jenseits des Flusses befinden. Mithilfe des Fernglases verfolgte ich aufmerksam das ruhige Geschehen auf der gegenüberliegenden Seite.
Faszination Nordkorea! Die Gründe, warum derart viele Menschen weltweit diese Diktatur als so interessant erachten – kann ich euch nicht erklären. Meine Erwartungen lagen anderswo: hohe Stacheldrahtzäune, Militärfahrzeuge und Soldaten – keinesfalls aber ein kleines Dorf, das mich an meine Heimat erinnert. Ein Reiseführer unterbricht unverzüglich meine Tagträumerei. „Alles fake!“ ruft er. Diese friedvollen Dörfer werden künstlich errichtet – um eine irreführende Vorstellung zu erzeugen.
BLICK RICHTUNG NORDKOREA 🇰🇵
Wird das Fernglas in den nicht gekennzeichneten Bereich gerichtet, erscheint die Situation ungleich bedrohlicher. In einem Abstand von etwa 200 Metern sind Wachtürme aufgereiht – die von Soldaten besetzt sind. Der immense Zoom des Fernglases führt zu einer Überschreitung meiner moralischen Grenze. Ich fühle mich wie ein unbefugter Beobachter, der Soldaten ausspäht. Darf ich das eigentlich? Wer erlaubt es mir, diese Personen heimlich anzustarren? Können sie mich erkennen? Registrieren sie mich? Oder gehöre ich lediglich zu einer unüberschaubaren Anzahl Schaulustiger, die aus derartigen Situationen eine Befriedigung ziehen?
Nach meiner Einschätzung erreicht der Imjin eine Tiefe von zwei Metern – während das Flussbett eine maximale Breite von 200 Metern aufweist. Am Ufer angekommen, ermahnte mich mein Reiseführer wiederholt und eindringlich, keinesfalls einen Schritt zu weit vorzuwagen. Das Gefahrengebiet erstreckt sich hier über eine Breite von etwa zwei Kilometern – und ist durch unzählige Minen gesichert. Bereits die geringste Erschütterung könnte zu einer Explosion führen. Er berichtete mir, dass allein in den zurückliegenden Jahren mehr als 3.000 Personen bei dem Versuch, den Fluss zu überqueren, festgenommen worden seien. Obwohl deren Schicksal weitgehend unbekannt ist – macht das den Imjin zum gefährlichsten Fluss weltweit.
🇰🇵 Mein Reiseführer lebte aus beruflichen Gründen mehrere Jahre in Nordkorea – und gehörte zu den wenigen Südkoreanern, denen die problemlose Überquerung der Staatsgrenze gestattet war. Eines Tages beging er einen Fehler mit schwerwiegenden Konsequenzen. In Gegenwart eines Beamten faltete er eine nordkoreanische Banknote. Dass auf allen Geldscheinen das Porträt des Machthabers abgebildet ist, ist wohl selbsterklärend – aber dass dies ein Grund für einen dauerhaften Verweis war, hat selbst ihn überrascht. 🇰🇵
Mein zweiter Aufenthalt führte mich zur Gedenkstätte Imjingak. Dieser Park vermittelte mir einige schwer verständliche Fakten und Gegebenheiten. In den 1950er-Jahren erfolgte die Teilung des ehemals geeinten Korea. Den Einwohnern beider Staaten stand es frei, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden – es verblieben jedoch nur wenige Tage, um diese zukunftsweisende Entscheidung zu treffen. Die Errichtung eines Grenzzauns war bereits erfolgt – und die Sprengung der letzten Brücke stand unmittelbar bevor.
Die „Bridge of No Return“ stellt die letzte zugängliche Brückenverbindung über den Fluss dar. Gegenwärtig existieren lediglich noch einige Überreste – die den Besuchern zur Besichtigung zugänglich sind. Dieser Weg ist mehr als nur befremdlich und beängstigend. Auf der Brücke wird man Schritt für Schritt von einem Soldaten begleitet – da das Verweilen sowie das Blicken nach links oder rechts verboten ist. Am Brückenende befindet sich eine quadratische Bodenmarkierung – die es mir ermöglicht, mich an diesem Punkt umzusehen. Die Einschusslöcher an den Brückenpfeilern sowie auf dem Gelände sind durch rote Markierungen kenntlich gemacht. Tourismus trifft auf Kriegsgebiet – ein äußerst widersprüchliches Gefühl. Die Gedenkstätte umfasst zerstörte Züge, gesprengte Panzer, eine Vielzahl von Gedenktafeln – und selbstverständlich auch einen Souvenirladen. Ja – einen Souvenirladen, in dem Postkarten und militärische Schlüsselanhänger erhältlich sind. Über Sinn und Zweck dieses Ladens dürft ihr selbst entscheiden.
Know Before You Go:
Wer es moralisch verantworten kann – und sich mit der Geschichte des Konfliktes auseinandersetzen möchte – bucht eine Tagestour in Seoul. Ich nutzte einen regionalen Touranbieter – und war trotz der moralischen Bedenken von dessen professioneller Ausführung schwer beeindruckt. Visit Website!
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