Kapitel 33 – 🇴🇲 Oman

In der folgenden Expedition dreht sich vieles um Kamele 🐫. Wadi Wie? Wadi Was? Wadi Wer? Was zur Hölle sind all diese Wadis? Ich berichte euch von der kürzesten Tour meines Lebens … etwas über Kamele … und ihr werdet die schönsten Strände der Erde kennenlernen. Ich verrate euch die wunderbarsten Begrüßungsworte … eine schöne und zugleich traurige Geschichte eines Flugzeugwracks – und irgendwas mit Kamelen …

Oman for Dummies: Auf der arabischen Halbinsel liegt das Sultanat Oman. Flächenmäßig ist der Wüstenstaat fünfmal größer als Österreich – verfügt aber über gerade einmal die halbe Bevölkerungszahl. Die Amtssprache ist Arabisch, obwohl man mit Englisch erstaunlich gut überlebt. Die Hauptstadt heißt Muscat … Nationalsport ist Kamelreiten – und der Oman produziert die teuersten und exklusivsten Parfums der Welt. Es ist streng verboten, mit getönten Scheiben oder geschlossenen Vorhängen Auto zu fahren – warum auch immer 🤔 –, und es leben definitiv mehr Kamele als Menschen im Sultanat.

Armut, Bettler, Kriminalität und Obdachlosigkeit sind Fremdwörter. Die Omani sind äußerst gastfreundliche, offene und neugierige Menschen. Laufend musste ich für Selfies herhalten – vielleicht weil ich so sympathisch aussehe, oder weil ich doch etwas anders wirke? Sagen wir, die Wahrheit liegt irgendwo da draußen. Der Oman ist ein streng islamisches Land – man sollte sich daher an die geltenden Regeln halten. Dank der Öleinnahmen ist es ein hoch entwickelter Staat, der seine Prioritäten jedoch in Bildung, Wissenschaft und Gleichberechtigung setzt – und auf internationalen Bauwahnsinn vollständig verzichtet. Ach ja – und Kamele sind überall anzutreffen. Der Oman gehört zu den wenigen Ländern der Welt, die ein absolutes Dry-Country-Prinzip verfolgen. Es gibt schlicht keinen Alkohol – nicht hier, nicht dort, nicht da, einfach nichts. Gar nichts! Kein Augenzwinkern – es gibt wirklich nichts! Habe ich schon erwähnt, dass es Kamele gibt 😜?

Jetzt kann ich es verraten: Ich hatte keine Vorstellung, ob es klug sei, diesen unbekannten Staat allein mit einem Mietwagen zu erkunden. Informative Reiseführer sind Mangelware, der Roadtrip durch den Oman wurde scheinbar noch nicht erfunden – aber wisst ihr was? Dieses Risiko einzugehen war eine der klügsten Ideen, die mein verträumtes Gehirn je hervorbrachte. Ich möchte euch die Spannung nicht nehmen – aber würde mir jemand jetzt die Frage stellen, was mein bisher aufregendste Reiseziel war: Bye-bye Georgien 🇬🇪 – du wurdest soeben an der Spitze abgelöst.

War es Glück, Bestimmung oder Zufall? Wie auch immer – der perfekte Empfang mit den zwei schönsten kleinen Worten, die eine Reise vollkommen auf den Kopf stellen: „FREE UPGRADE“. Vorab überlegte ich lange: Sollte ich mir einen kostspieligen 4×4-Geländewagen gönnen, der mein Budget an den Rand des Abgrunds bringt – oder einen kleinen Lada, der meine finanziellen Ressourcen schont, aber mindestens 40 Prozent des Gebiets für mich unerreichbar macht? Schlussendlich entschied ich mich für den Lada – und betrat nach einem sehr anstrengenden 30-minütigen Flug die Mietwagenhalle. Der Flug von Dubai nach Muscat gehört zu den kürzesten der Welt – die Grenze darf von internationalen Reisenden jedoch nur per Flugzeug überschritten werden. Die junge Dame am Schalter erklärte mir, dass mein reservierter Wagen nicht mehr verfügbar sei 😱 – aber sie hatte ein bestimmtes Lächeln auf den Lippen, und ich wusste, was jetzt passieren würde. Die Engel tanzten bereits im Kreis, und ich wartete, hoffte und betete auf die zwei magischen Worte … und da sind sie: Free Upgrade! Noch einmal alle gemeinsam: Free Upgrade! Dieses Wort „Upgrade“ klingt wunderschön – und wenn es von dem Wort „free“ begleitet wird, grenzt es an Magie.

Meine bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Route konnte ich verbrennen – denn als Besitzer der Schlüssel eines 4×4-Jeep-Geländewagens eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Ein guter Moment für einen Island-🇮🇸-Vergleich: Die wenigen Hauptstraßen sind in einwandfreiem Zustand, die Verkehrsdichte ist gering – aber alle Seitenstraßen, die in die spannenden Regionen führen, sind mit einem normalen Wagen nicht zu bezwingen. Ein kleiner Unterschied zu Island: Der Liter Sprit kostet 25 bis 30 Cent ⛽.

Drei entscheidende Aspekte meines Roadtrips habe ich nicht kommen sehen. Sie brachten mich um den Verstand, raubten mir die Nerven – und schickten mich beinahe ins Grab.

Aspekt 1: Die Navigation durch den Oman als spannendes Abenteuer zu bezeichnen wäre untertrieben. Sowohl Google Maps als auch ähnliche Dienste funktionieren nur mit viel Fantasie. Auf einer endlos langen, geraden Strecke befiehlt einem die Navigationsstimme, die zweite Ausfahrt im Kreisverkehr zu nehmen 🤔. Wenn sie einen nach rechts schickt, meint sie wahrscheinlich links – und wer ihr blind vertraut, wird entweder zum Geisterfahrer oder stürzt die Klippen hinab. Aus taktischen Gründen besorgte ich mir eine klassische Landkarte – ihr wisst schon, so ein Teil aus Papier, das sich nie wieder zusammenfalten lässt 🙈. Da mein Talent, arabische Schriftzeichen zu lesen, sich leider in Grenzen hält, funktionierte auch dieser Plan nicht. Es gab Momente 😡 und Ehrenrunden, in denen ich Angst hatte, versehentlich bereits im Jemen 🇾🇪 gelandet zu sein. Mit viel Gespür fahren, Himmelsrichtungen erahnen, den Kompass nutzen – und sich so gut wie möglich durchfragen. Die kleineren Ortschaften verzichten auf jegliche Adressangaben oder Hausnummern. Ein Hotel ist gelegentlich gekennzeichnet – aber da ich ausschließlich Airbnb-Privatunterkünfte buchte, war die Suche wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Tipp: Bittet eure Gastgeber um Satellitenbilder – oder lasst sie Fahnen schwenken, Rauchzeichen geben oder was auch immer … vor allem wenn es dunkel wird 😳.

Aspekt 2: Alles, was flauschig ist und über gesunde Beine verfügt, entspannt liebend gerne auf heißem Asphalt. Der Straßenverlauf ist meist kurvenreich, die Sichtverhältnisse wechseln ständig mit der Höhenlage. Ziegen liegen bereitwillig herum – leider auch viele Kadaver 😪 –, was die Gefahrenstufe erhöht. Am ersten Abend wäre ich beinahe in eine Kamelherde gefahren. Nur um Haaresbreite trabten sie an meinem Wagen vorbei. Tagsüber sind sie gut zu erkennen – aber nach Einbruch der Dämmerung sollte man das Autofahren im Oman tunlichst einstellen. Kamele, Kamele, Kamele … überall Kamele! Die erste Begegnung ist natürlich fesselnd. Man beobachtet die Tiere und fährt langsam vorbei – Safari-Time. Ein paar Stunden später lässt die Aufregung nach – und irgendwann wird es schlicht lästig. Ziegen und Kamele sind die erste Herausforderungsstufe. Die Endgegner sind andere. Ich liebe sie, ich vergöttere sie – das wisst ihr alle –, aber die omanischen Esel haben den Begriff Sturheit neu definiert. Sie liegen einfach mittig auf dem heißen Asphalt und rauben einem die Nerven. Dem omanischen Esel ist es vollkommen egal, ob man ihn freundlich bittet aufzustehen – oder aggressiv hupt. Auf zweispurigen Straßen verfeinert man seine Slalomtechnik – aber auf engen, einspurigen Straßen, wo Ausweichen kaum möglich ist … Motor abstellen, aussteigen, umgekehrte Psychologie anwenden, Nettigkeiten austauschen, mit Streicheleinheiten verwöhnen … nichts hilft.

Aspekt 3: Die meisten Gebirgspässe sind nur mit einem Geländewagen befahrbar – an Checkpoints überprüft die Polizei die Fahrzeugtauglichkeit. Das passende Auto ist das eine – die richtigen Fahrqualitäten sind etwas anderes. Einmal befreite mich ein freundlicher Omani mit einem Abschleppseil aus dem tiefen Sand der Wahiba Sands – ein anderes Mal musste ich eine einspurige Gebirgsstraße rückwärts zurückschieben, weil der Gegenverkehr darauf bestand. Meine Knie zittern noch immer.

Zusammenfassung: Autofahren ist im Oman wunderbar einfach – aber nehmt euch dieser Themen an und fahrt vorausschauend. Sonst landet ihr früher oder später mitten in einer Kamelherde.

Ein schönes Kapitel, um euch diese kalte Jahreszeit etwas zu versüßen. Strände, Strände und nochmals Strände – so schön, dass es keine richtigen Worte dafür gibt.

Ein paar Namen und Beispiele, damit ihr die Begriffe einmal gehört habt: Yiti Beach 🥰, Al-Sifah Beach 🥰 oder der Azaiba Beach 🥰 – der Hausstrand von Muscat. Der Golf von Oman bietet so viele phänomenale Küstenabschnitte – und sie haben alle etwas gemeinsam: gänzlich naturbelassen, abwechslungsreich – kilometerlange Sandbänke wechseln sich mit steilen Klippen ab – keine Resorts, Hotels, Restaurants oder regulierten Badestellen.

Den Ras al-Jinz Beach möchte ich euch persönlich vorstellen. Dieser Abschnitt liegt an der Südküste des Landes, in unmittelbarer Nähe der wildromantischen Hafenstadt Sur. In meiner persönlichen „Top-3-Beaches – All Around the World“-Liste hat er seinen festen Platz. Dieser Strand gehört einer Tierschutzorganisation, die sich der Erforschung der Meeresschildkröten widmet – der Zugang ist daher streng reguliert, und man darf sich nur auf bestimmten Pfaden bewegen. Nach einer Registrierung vor Ort betritt man einen Bereich unserer unglaublichen Erde. Der Wanderweg führt entlang stark abfallender Klippen, man durchquert Höhlen und umrundet einzigartige Felsformationen. Die Spuren der Meeresschildkröten sind überall im Sand erkennbar. Die Nester sind zum Schutz markiert – und am Rand der Klippen erblickt man sogar diese magischen Tiere in ihrer wilden Umgebung. Im Laufe dieser Stunden kreuzte keine einzige Menschenseele meinen Weg. Hier ist er wieder – der Jäger des Augenblicks … im Sand liegend, die atemberaubende Natur genießend – diese Momente werden ewig in Erinnerung bleiben.

Die kleine Küstenstadt Sur muss ein Fixpunkt auf eurer Route sein. Das allererste Mal in meinem Leben, dass ich zu hundert Prozent in die Welt der arabischen Nächte eintauchen konnte. Ich hatte Glück, früh morgens habe ich ein norwegisches Paar kennengelernt, mit dem ich gemeinsam diesen Ort erkundete. Festungen, Moscheen, Wehranlagen, Verteidigungstürme, Fischerstrände, alte Holzboote, Souks, Leuchttürme, Flaniermeilen …- …alles, aber auch wirklich alles was das Aladdin Herz begehrt.

Wadi Wie? Wadi Was? Wadi Wer? Wadi Wo? Wer sich mit dem Oman beschäftigt, wird in erste Linie mit dem Begriff Wadi konfrontiert. Ein Wadi ist ein Tal, welches nach intensiven Regenfällen vorübergehend Wasser führt. Bei einer Küstenfahrt entlang dem Golf von Oman kreuze ich alle paar Kilometer ein neues Wadi. WICHTIG: Immer den Wetterbericht im Hintergrund behalten. Bei drohenden Unwetter sollte man den Besuch eines Wadis ausnahmslos vermeiden. Binnen weniger Minuten entwickeln sich Sturzfluten, die alles Erdenkliche mit sich reißen.

Heute scheint die Sonne und es wird im Laufe diese Woche kein Millimeter Regen erwartet, deswegen nutzen wir diese Schönwetterphase und erforschen unser erstes Wadi. Ich gehe einmal stark davon aus, dass ihr mich begleiten möchtet.

Unser Wadi Wahnsinn beginnt am Wadi Dayqah Dam. Dieses trocken liegende Flussbett liegt am größten Stausee Omans inmitten der beeindruckenden Gebirgslandschaft und sorgt für einen sagenhaften Ausblick und ein beängstigtes Gefühl der Isolation. Wadi Al Arbeieen ist unser zweites Ausflugsziel. Ebenso wunderschön anzusehen, allerdings ist die Straße kaum befahrbar, deswegen drehen wir auf halber Strecke wieder um. Allein wäre ich wahrscheinlich weiter gefahren, aber die Verantwortung für euch möchte ich nicht zur Gänze übernehmen 😉. Das Wadi Tiwi liegt nur wenige Kilometer weiter südwärts. Ein reißender Fluss kämpft sich durch das Gebirge. Hier wurden wir leider von zahlreichen, flauschigen Eseln gestoppt, die einfach nicht zur Seite gingen. (Okay, okay, der wahre Grund: Ich war mit dem Streicheln so beschäftigt, dass mir einfach der Tag ausgegangen ist 🤷‍♂️).

Heute Morgen steht das Wadi Bani Khalid auf unserer Agenda. Das bekannteste und meist frequentierte Wadi des ganzen Landes. Eine fahrbare Straße führt tief ins Tal hinein und endet bei den ersten Badestellen. Wir sind bereits den achten Tag im Oman unterwegs und das erste Mal treffen wir auf so etwas Ähnliches wie Touristenmassen. Ein kleiner Marsch mit herausfordernden Klettereinlagen führt unscheinbar ins Innere des Landes hinein.

So, aber jetzt: Endlich haben wir unser persönliches Lieblingswadi gefunden, das Wadi Shab. (Denkt ihr, dass es noch einen Menschen auf dieser großen, weiten Welt gibt, der über ein Lieblingswadi verfügt 🤔). Zum Glück begleitet ihr mich, denn Bilder oder Videos kann ich leider keine zur Verfügung stellen. Nicht weil es das einzige FKK-Wadi der Welt ist, oder das Fotografieren untersagt wäre, nein, dies hat einen anderen Grund.

Schön langsam spüren wir die alltägliche Hitze, das Thermometer klettert wieder auf 35°. Die Sonne zeigt sich von ihrer besten Seite und wir fahren aufmerksam die Küstenstraße entlang, damit mir einerseits keine Kamele crashen und andererseits unser Wadi nicht übersehen wird. Nach der gestrigen, etwas holprigen Exkursion durch das Wadi Al Arbeieen freuen wir uns auf Entspannung und eine lange Wanderung. Wir verfluchen kurzzeitig unser Navigationssystem wieder, da es einen wiederholten Mordanschlag auf uns plante und uns die Klippen abwärts schicken wollte 🤦‍♀️. Ein allzu rares Bild: Am Straßenrand stehen einige Fahrzeuge geparkt, die unter einer Brücke Schutz suchen. Die Neugier steigt, wir bedanken uns noch mal höflichst für das Free Upgrade und stellen unseren Jeep am steinigen Gelände ab. Einige Omanis sitzen am Ufer des Flusses und winken uns energisch zu. Auf ihre typisch freundliche Art erklären sie uns, dass wir am Wadi Shab angekommen sind. (Google Maps hätte uns noch dreißig Kilometer in den Ozean geschickt 🙈.)

Der Wanderweg in die Tiefe des Tales und zum abschließenden Wasserfall startet jedoch auf der anderen Seite des Flusses. Als wir gerade anfangen wollten, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, wie wir bei dem Hochwasser da hinüberkommen, sitzen wir bereits in einem kleinen Boot fest. Gegen eine kleine Spende bringen uns die Omanis auf ihren klapprigen und nicht wirklich vertrauensvollen Booten auf die andere Seite des Flusses. Eine knappe Stunde führt uns dieser einsame Trail immer tiefer in die Schlucht hinein. Der Pfad variiert ständig seinen Schwierigkeitsgrad und seine Außendarstellung. Wir schreiten durch ein breites, ausgetrocknetes Flussbeet, klettern in Smeagol Manier über Steine und Felsen, waten durch seichtes Wasser und kämpfen uns verbissen durch die dichte Vegetation des Dschungels. Verlaufen können wir uns nicht, denn die endlos hohen Steilwände sind auf beiden Seiten nicht zu übersehen. Gelegentlich treffen wir auf ein paar Esel, die in den Höhlen Schutz vor der Sonne suchen, und sogar ein paar Wanderer kommen uns entgegen. Jetzt stellen wir uns der ersten echten Herausforderung. Wir sind am ersten großen Becken angekommen, und da die Steilwände an den Seiten unüberwindbar sind, gibt es nur einen Weg zum Wasserfall …- … direkt hindurch! Wir legen alle Wertsachen und unnötige Gegenstände in die Rucksäcke und verstecken sie zwischen den Felsen. Uuuunnnnd …- … Sprung! Ab ins eiskalte Flussbecken. Wow!!! Was für ein geiler Moment. Die Hitze ist Geschichte, die Kleidung klebt an uns fest und wir schwimmen durch das klare Wasser …- … eine absolute Offenbarung. Das erste Becken scheint nicht allzu tief zu sein, deswegen gehen wir Schritt für Schritt weiter und können gerade noch so den Kopf aus dem Wasser strecken. Ein paar hundert Meter legen wir auf diese Art und Weise zurück. Stellenweise sind die Wege so eng, dass wir gerade noch hindurchpassen. Ich denke, erst jetzt realisieren wir, an welchem sagenhaften Ort wir gelandet sind: glasklares Wasser, Sonnenschein, kahle Felswände …- … umgebend von der Natur …- … wieder einer dieser Momente 😊.

Der erste Pool neigt sich dem Ende, deswegen klettern wir auf allen Vieren weiter. Vorwärts geht es über Felsen und Steine hinweg, bis wir in das nächste Becken eintauchen müssen. Als wir den Boden unter unseren Füßen nicht mehr spüren können, kommt ein etwas muffigeres Gefühl in uns hoch. Vollkommen durchnässt schreiten wir weiter, aber wir sind dermaßen endlos glücklich und frei. Becken Nummer drei erfolgreich durchschwommen und schön langsam hören wir den Klang des Wasserfalls. Jetzt heißt es noch einmal den ganzen Mut zusammennehmen, denn die Höhle steht uns bevor. Hallo Echo! Hallo Mario! Natürlich können wir es nicht lassen 😅. Das Sonnenlicht gibt uns den Weg vor und die letzten Schwimmzüge bringen uns zum ersehnten Ziel. Zugegeben, der Wasserfall ist mit seiner geringen Höhe nicht spektakulär, aber wen juckt es.

Was für ein unglaublich, sagenhaftes, geniales Gefühl, diesen zauberhaften Ort auf diesem Weg zu erreichen. Tief ausatmen, einige Augenblicke genießen, dankbar sein, dass wir die Chance haben, so etwas erleben zu dürfen. Der Rückweg verlief genauso anstandslos und spektakulär wie der Hinweg. Unser Rucksack war noch an Ort und Stelle und die Omanis brachten uns wieder zurück zu unseren Wagen. Mit einem Satz: ein perfekter Tagesausflug.

Al Jabal Al Akhdar ist kein Zauberspruch – sondern einer der schönsten Orte der arabischen Halbinsel. Das Gebiet befindet sich im Hadschar-Gebirge und beschenkt euch mit einer traumhaften Landschaft. Ein zweispuriger, aber brutal steiler Pass endet auf über 2.500 Metern Höhe. Der Zugang steht unter ständiger Kontrolle der omanischen Polizei – ohne mein Free Upgrade wäre mir dieses Paradies wohl entgangen. Am Bergkamm stehen Oliventerrassen, Dattelpalmen und Sträucher voller Granatäpfel. Das Privileg, die Datteln direkt vom Baum zu pflücken und zu essen, ist schon herrlich – aber diese Granatäpfel … ich sage es euch … dieser Geschmack ist unvorstellbar. Man zupft sie direkt von den Sträuchern, öffnet sie – und genießt ihren fruchtigen Inhalt. Die Umgebung ist geprägt von verlassenen Dörfern und deren Ruinen. Wieder einer dieser Jäger-des-Augenblicks-Momente: die angenehmen Temperaturen genießen, die Höhenluft einatmen, sich auf den abgenutzten Mauern ausruhen, die verlassenen Dörfer erkunden – und sich den Bauch mit frischen Granatäpfeln und Datteln vollschlagen. Spätestens in diesen Momenten bin ich dem Oman hoffnungslos verfallen. Ich würde euch noch so gerne von den Wanderwegen berichten, die Geschichten der letzten Überlebenden dieser Dörfer erzählen – oder von dem Moment, als ich feststellte, dass man eine Olive erst einlegen muss, bevor man sie isst 😅 … aber die Zeit fehlt mir einfach 😥.

Und zum Flugzeugwrack: Dem Geocaching sei Dank – wieder einmal. Ein Versteck führte mich zu einem Flugzeugwrack aus dem Zweiten Weltkrieg, das in den Bergen zerschellte. Als ich meinen Cache hob, gesellte sich ein Omani dazu und bot mir eine Tasse Tee an. Er organisiert geführte Wandertouren – sein Englisch war daher ausgezeichnet. Er erzählte: Ein britischer Pilot kam bei dem Unglück ums Leben. Es dauerte Jahre, bis er identifiziert und seine Witwe ausfindig gemacht wurde. Jedes Jahr, am Jahrestag des Unglücks, reist sie aus Großbritannien an diese Stelle – um ihres verstorbenen Mannes zu gedenken. Im Laufe der Jahre sprach sich diese Geschichte in der spärlich besiedelten Region herum. Die Einwohner erwarteten sie bereits – und immer mehr leisteten ihr Gesellschaft. Sie tranken gemeinsam den traditionellen Karaktee – sehr lecker –, aßen Datteln und unterhielten sich über alles Mögliche. Ich spürte den Stolz, den er ausstrahlte, als er mir von diesen jährlichen Treffen erzählte. Dann wurde er ganz still, seine Stimme leiser – und er sagte, dass er seit einigen Jahren vergeblich auf ein Wiedersehen wartet. Wann hat er sie zuletzt gesehen? Von welchem Jahr sprechen wir? Vielleicht war sie gesundheitlich verhindert – vielleicht streikten die Fluglinien? All diese Fragen schossen mir durch den Kopf – aber ich traute mich nicht, auch nur eine einzige laut auszusprechen.

Es gäbe noch so viel zu erzählen – und ich muss mich korrigieren: Ich bin dem Oman nicht verfallen. Ich habe mich vollkommen verliebt.

Birkat Al Mouz und Tanuf sind zwei Begriffe, bei denen jedes Abenteuerherz höher schlägt. Beides sind verlassene Siedlungen und Ruinenstätten. In vielen anderen Ländern wären sie wohl hinter Sicherheitszäunen oder in künstliche Museen verwandelt worden. Riesige Wohnsiedlungen aus dem 19. Jahrhundert – aus unterschiedlichen Gründen verlassen – stehen zur freien Erkundung bereit. Hat man den Standort erst einmal gefunden, gibt es keine Grenzen mehr. Ein einzigartiges Paradies für Abenteurer, Fotografen und Lost-Place-Fans. Auch hier würde ich euch so gerne erklären, wie aufregend diese Stunden waren – aber mir gehen die Superlative aus.

Seite 7 von voraussichtlich 10 – und erst jetzt kommen wir zum eigentlichen Hauptgrund meiner Oman-Reise 😊. Das sagt schon so viel über dieses Sultanat aus. Festungen, Burgen … Burgen und Festungen! Und ihr könnt nicht im Traum erahnen, wie außerordentlich gut erhalten sie alle sind, wie frei zugänglich – und wie viele es gibt. Ich schrieb mir eine Liste zusammen, berechnete ihre ungefähren Standorte – und entdeckte auf der Reise quer durchs Land noch ein halbes Dutzend neue. Da lohnten sich die fantasievollen Vorschläge meines Navis auf einmal 😅.

Insgesamt dürften es gut 15 verschiedene Burgen gewesen sein – die meisten ohne Eintritt und ohne Informationstafel. Keine Ahnung, was ich da erkundet habe, wie sie heißen und welchem Zweck sie dienten. Damit ich zumindest ein paar Namen wiedererkennen kann, eine kleine Liste: Nakhal Fort, Bahla Fort, Nizwa Fort, Al Rustaq Fort

Mit 600.000 Einwohnern ist Muscat die größte Stadt und zugleich die Hauptstadt des Landes. Bitte nicht mit dem Gewürz verwechseln – die beiden haben wenig gemeinsam. Obwohl die Metropole knapp mehr als eine halbe Million Menschen beherbergt, erstreckt sie sich über dreißig Kilometer entlang der Küste. Eingekesselt wird sie von einer 2.500 Meter hohen Gebirgskette. Diese besondere Lage – eingeschlossen zwischen Meer und Bergen – sorgt für eine ganz eigene Atmosphäre.

Egal, wo man sich in Muscat aufhält – die Sultan-Qabus-Moschee ist überall sichtbar. Sie ist das Wahrzeichen des Landes – und fällt ohne Wenn und Aber in meine Lieblingsrubrik: Gibt es dafür die richtigen Worte? Fleißige Leser kennen bereits meine Eindrücke über die Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi 🇦🇪. Die größte Moschee Omans muss sich vor ihr nicht verstecken. Ein bestimmter Umstand lässt sie für mich noch magischer erscheinen: Es gibt dort keinen einzigen Touristen. Der Besuch dieses Gotteshauses ist sagenhaft. Wenn man in den frühen Morgenstunden über den weißen Marmorboden spaziert, die Säulen und Inschriften bewundert – und der Imam sein Gebet beginnt –, dann ist das nicht mehr von dieser Welt. Schlicht nicht zu erklären. Die Moschee ist für alle Religionen und Besucher rund um die Uhr geöffnet. Allein der Gedanke an den Aufenthalt in der prächtigen Gartenanlage bereitet mir schon wieder Gänsehaut.

Das zweite imposante Bauwerk ist das Royal Opera House Muscat – ein Traum in Weiß. Ich liebe die Architektur von Opern und Theatersälen und wollte dieses Schmuckstück unbedingt von innen sehen. In Dubai hat es ja geklappt – also warum nicht auch in Muscat? Als ich die Oper betrat, stellte ich zu meiner völligen Überraschung fest, dass täglich im Zwanzig-Minuten-Takt Führungen angeboten werden. Das klingt für Menschen, die den Oman noch nicht besucht haben, vielleicht nicht außergewöhnlich – aber dieses Land ist meilenweit von geläufigem Tourismus entfernt. Daher hat mich dieser Umstand überrascht. Der Preis von zehn Euro für das Ticket war eine gnadenlose Frechheit – aber was soll’s, ich bin schließlich nur einmal hier. Ich musste jedoch sofort feststellen, warum diese Tour alle 20 Minuten angeboten wird: Sie dauert nicht einmal so lange. Ich betrete den Saal, werde kurz herumgeführt, höre: Österreich 🇦🇹, Österreich 🇦🇹, Österreich 🇦🇹 – und das war’s. Die kürzeste geführte Tour meines Lebens – aber zumindest kann ich ein weiteres Opernhaus abhaken. Ach ja – ihr fragt euch jetzt sicher, warum Österreich. Fast hätte ich es vergessen: Die Kronleuchter stammen aus Österreich, die gesamte Inneneinrichtung sind Spenden der Wiener Staatsoper, die ausgestellten Instrumente – richtig, ebenfalls aus Österreich. Nur der Marmor ist aus Italien 🇮🇹 – aber alles andere wurde offenbar von Wien in den Oman exportiert.

Noch ein paar Minuten für Muscat. Die Altstadt liegt direkt am Hafen – überragt vom Al Jalali Fort. Ich spaziere kilometerweit entlang der Küste und beobachte das bunte Treiben auf den Booten. Der umwerfend schöne Königspalast Qasr al-Alam, das mächtige Muscat Gate, das berühmte Bait Al-Zubair Museum – so ziemlich alles lässt sich in der Altstadt besichtigen.

Am Muscat Souk konnte ich meine neu erlernten Verhandlungskünste weiter schärfen – und mich von Düften und Gewürzen verführen lassen. Wer auf lebhafte Fischmärkte steht, sollte beim Fish Souk vorbeischauen. Die gefangenen Fische werden in kleinen Becken gehalten und auf Wunsch direkt zubereitet – Kopf ab, Haut abgezogen, frischer geht’s kaum. Die Markthalle ist nichts für empfindliche Gemüter – aber authentischer als jeder Souvenirladen.

Aus einem unbekannten Grund war es nicht meine Absicht, diesen Reisebericht auf diese Weise abzuschließen – aber der Flieger wartet … bitte verzeiht mir.

Mein Fazit: Um einen passenden Übergang zu finden: Eigenlob stinkt – und bei mir stinkt es gewaltig. Aber ich lass‘ es einfach stinken. Was für eine geniale Idee war es, den Oman auf die Liste zu setzen – und die künstlichen Golfstaaten Bahrain 🇧🇭 und Katar 🇶🇦 dafür zu opfern. Besucht ihn! Besucht ihn so bald wie möglich – bevor es alle wissen. Zum Glück liest das hier niemand 😅. Ihr könnt alles haben – wirklich alles: Traumstrände, Gebirgswanderungen, religiöse Einblicke in den Islam, eine wirklich schmackhafte Küche und freundliche Menschen. Zwei Wochen sind das Minimum – und gönnt euch einen Geländewagen, sonst kommt ihr nicht weit. Würde ich jemals Vater werden, würde ich meinen Sohn Roman taufen. Verflucht schlechter Witz 🤣 – aber wie soll ich diesen Staat sonst würdigen? Ach ja – habe ich euch schon erzählt, dass es im Oman von Kamelen wimmelt?

Sicherheit: Familien, frisch verliebte Pärchen, einsame Reisende – egal, jeder wird sich wohlfühlen. Respektiert die Religion, fahrt vorsichtig und meidet die heißen Sommermonate – dann ist alles gut. Und Finger weg vom Grenzgebiet zum Jemen – Warnstufe hoch sechs!

Kosten: Das tägliche Leben im Oman ist günstig – wirklich günstig. Mietwagen, Benzin, Lebensmittel, gut essen gehen … was auch immer.

Weiter geht die Reise nach: „Wir haben dich gewarnt – willst du wirklich dorthin?“ Wohl die größte Herausforderung meines Lebens: als Rucksackreisender durch Indien 🇮🇳.

 

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