Kapitel 9 – đŸ‡ș🇩 Ukraine

Stand Mai 2019: Aktuell befindet sich die Ukraine im Kriegszustand. Derzeit werden acht Prozent der LandesflĂ€che (also in etwa die GrĂ¶ĂŸe des Burgenlandes) von der Russischen Föderation đŸ‡·đŸ‡ș besetzt. FĂŒr die Ukraine gibt es eine partielle Reisewarnung – aber bedeutet das gleichzeitig Gefahr? Sieht und fĂŒhlt man die Unruhe und Unsicherheit der Einwohner? Mit einem Wort: Nein! Ein wunderbares, lebhaftes, offenes und freundliches Volk. Ich berichte euch von meinen LieblingsplĂ€tzen und vom wohl sĂŒĂŸesten Museum der Welt (mit der kompetentesten und herzigsten Mitarbeiterin ĂŒberhaupt). Abschließend sprechen wir noch ĂŒber die Ereignisse des 26. April 1986 – die die Welt fĂŒr immer verĂ€nderten.

„Lost in Kiew“ könnte man diesen Bericht ebenso betiteln. Vorweg allerdings drei entscheidende Survival-Tipps, die das tĂ€gliche Leben und Überleben in der 2,5-Millionen-Einwohner-Metropole deutlich einfacher gestalten.

✔ Organisiert euch unbedingt eine ukrainische Prepaid-Karte. Diese Lebensversicherung bekommt ihr an jeder Ecke – und sie ist erschwinglich. Euer Smartphone, eure Nerven und euer Zeitmanagement werden es euch danken 
 ohne Navigation seid ihr sprichwörtlich „verloren“ in dieser lebhaften, wunderbaren, aber völlig chaotischen Stadt.

✔ Nie hĂ€tte ich mir gedacht, dass kleine grĂŒne MĂŒnzen das wichtigste Gut sein könnten. Die Metro wird euer allerliebster und allerbester Freund werden. (So ziemlich das Einzige, was auf Englisch ausgeschrieben ist – und die Chance, dass man in den richtigen Zug bzw. in die richtige Richtung einsteigt, liegt immerhin bei 50 Prozent 😅.) Schnappt euch am Schalter gleich eine Handvoll dieser kleinen MĂŒnzen – vertraut mir, ihr werdet es mir ewig danken.

✔ Stramme Waden (oder Wadeln – wie auch immer 😉), perfekte Schuhe und eine gewisse Grundkondition sind Voraussetzung. Alle wichtigen Sightseeing-Spots sind zu Fuß erreichbar – allerdings liegt die ukrainische Hauptstadt ĂŒber mehrere HĂŒgel verteilt. Und mit HĂŒgeln meine ich nicht Grazer Schlossberge, sondern eher Mount-Everest-artige ZĂŒge (na ja, vielleicht ein klein wenig ĂŒberspitzt formuliert – aber die Waden brennen immer noch).

Wer unseren litauischen Giedrius đŸ‡±đŸ‡č in sein Herz geschlossen hat, wird den ukrainischen Max ebenfalls lieben. Vor meiner Abreise habe ich Max ĂŒber eine „Underground“-Plattform kennengelernt. Max bezeichnet sich selbst als „Digger“ – und seine SpezialitĂ€t ist es, private Touren zu veranstalten, die eine etwas andere Geschichte ĂŒber Kiew erzĂ€hlen. Wie legal oder illegal das alles eigentlich ist, möchte ich nicht beurteilen (die Dokumente, die ich vorab unterschreiben musste, machten einen sehr seriösen Eindruck 😅). Ja, ihr dĂŒrft mitkommen! Nein, ich ĂŒbernehme nicht die Verantwortung fĂŒr euch. Jeder ist fĂŒr sein Handeln selbst verantwortlich. Eure Entscheidung! Die Mutigen zu mir – der Rest springt bitte einen Absatz weiter.

Wir treffen uns mit Max in den frĂŒhen Morgenstunden an einer abgelegenen U-Bahn-Station. Ein britisches PĂ€rchen ist auch mit von der Partie – wir beschnuppern uns gegenseitig ein wenig, was unsere Ideen und Erwartungen fĂŒr diese Tour betrifft. Max springt aus einem klassischen 80er-Jahre-Lieferwagen und gibt uns eine Sicherheitsschulung. 30 Sekunden spĂ€ter 😅 kennen wir uns aus (eigentlich nicht – aber egal 😅), wir sind zu aufgeregt fĂŒr sinnvolle Fragen zum Thema Sicherheit und wollen endlich loslegen.

AusrĂŒstungscheck: Wir bekommen eine Taschenlampe, schnittfeste Handschuhe, Schutzstiefel und so eine Art Strampelanzug. Startbereit und vollgepackt geht es Richtung Einstieg. Das Thema „Einstieg“ muss ich kurz erlĂ€utern: ein einfacher, verrosteter, dubioser Gullydeckel irgendwo zwischen verlassenen HĂ€usern, der nur mit voller Manneskraft angehoben werden konnte. Runter mit euch! đŸ€” Das Thema „Runter“ muss ich ebenfalls kurz erlĂ€utern: eine finstere, klapprige, verrostete Leiter hinunter, die von einem aromatischen Geruch đŸ€ą begleitet wird und deren Ende man nicht kommen sieht. Nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit endlich wieder Boden – oder irgendeine schwammige, flĂŒssige Masse – unter den FĂŒĂŸen zu spĂŒren. DurchzĂ€hlen: 1–2–3–4, alle da! Nicht mit der Lampe ins Gesicht blenden! 😡 Riecht ihr das? Das sind 
 ah, lassen wir das lieber 😅. Nachdem sich das Adrenalin etwas gelegt hat, kurz ein paar nĂŒtzliche Informationen: Das komplette Tunnelsystem ist schĂ€tzungsweise 190 Kilometer lang und wird von den Diggern laufend neu erforscht. Obwohl Max sein halbes Leben bereits in diesen Tunneln verbracht hat (leider sieht man ihm das an 🙈), konnte er erst einen Bruchteil erkunden. Er verfĂŒgt ĂŒber eigenes Kartenmaterial, in dem er die versteckten RĂ€ume und Utensilien markiert – und hoffentlich auch die NotausgĂ€nge.

Der Großteil der Tunnel wird heute nicht mehr fĂŒr das Abwassersystem verwendet – der eklige Geruch hat also andere GrĂŒnde, die wir lieber nicht nĂ€her erlĂ€utern. Unser Tunnel wird immer enger, die Menge des Wassers, das uns entgegenströmt, immer mehr – und wir kriechen bereits auf allen Vieren durch die Dunkelheit. Wir gewöhnen uns langsam an die Stille und die völlige Abgeschiedenheit. Wir vertrauen Max und folgen ihm blind durch die finstere Unterwelt. Gute zwei Stunden dauert unser erstes Abenteuer. Wir kriechen, robben, klettern Leitern empor, spielen mit dem Echo und spĂŒren die kontinuierlich stĂ€rker werdenden Schmerzen in den FĂŒĂŸen und im Kreuz.

Kurz bevor wir wieder das Licht erblicken, hat Max noch eine Überraschung fĂŒr uns parat. Wir verweilen in einem grĂ¶ĂŸeren Raum und Max baut sein mitgebrachtes Equipment auf – ein Stativ, eine Kamera und einige Leuchtraketen 
 und nun startet ein einzigartiges, sensationelles Fotoshooting mit uns als Hauptdarstellern. One of the greatest moments in my life.

WĂ€hrend wir die Leiter zum Ausgang emporklettern, stellen wir uns die alles entscheidende Frage: Warum zur Hölle tun wir uns so etwas ĂŒberhaupt an – und wieso haben wir dabei einen unglaublichen Spaß? Wenn ihr jetzt glaubt, das Abenteuer sei damit abgeschlossen, irrt ihr – denn jetzt kommt der wirklich geniale Teil. Max lĂ€sst uns von seinem Chauffeur abholen und wir fahren in einen verlassenen Hinterhof. Wir folgen unserem Guide durch dieses zerstörte und verwahrloste Industriegebiet, bis wir eine dicke StahltĂŒr erreichen, die durch ein Eisenschloss gesichert ist. Wie sollen wir da bitte hineinkommen? đŸ€”

Ah – Max hat einen SchlĂŒssel! Diese ZugĂ€nge werden von Polizei und MilitĂ€r versperrt. Die Digger knacken diese Schlösser und tauschen sie gegen ihre eigenen aus. Unser Digger beichtet uns, dass er seine Route oft spontan planen muss, da dieser Schlosstausch nicht selten rĂŒckgĂ€ngig gemacht wird. Was hinter dieser massiven StahltĂŒr auf uns wartet, ist der absolute Inhalt meiner intimsten TrĂ€ume. Wir folgen ihm quer durch dieses Schlachtfeld – immer tiefer und tiefer in das GebĂ€ude hinein. Max hat vor wenigen Wochen diesen ehemaligen KGB-Bunker entdeckt und versichert uns: Hierher fĂŒhre ich nur Leute, die nicht aus der Ukraine stammen und keine politischen Absichten haben. (Er möchte dieses SchmuckstĂŒck so lange wie möglich geheim halten.)

Ab jetzt ist alles blanker Wahnsinn. Die verlassenen RĂ€ume sind voll von Utensilien aus dem Kalten Krieg. Massenweise sammeln sich Holzkisten an, die wir öffnen können. Es ist vollstĂ€ndig dunkel und unheimlich ruhig – aber mithilfe unserer Taschenlampen stöbern wir eine Kiste nach der anderen durch. BĂŒcher, Zeitschriften, Landkarten, Alarmsysteme, FunkgerĂ€te, Medizinkoffer, Atemschutzmasken etc. – alles, aber auch wirklich alles, was das Herz begehrt. Ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt so frei gefĂŒhlt habe. Ja, frei – frei in einem ehemaligen KGB-Bunker unter den Straßen von Kiew. Vandalismus – Fehlanzeige! Vollkommen unberĂŒhrt, alles im Originalzustand 
 ohne Worte, einfach nur ohne Worte. Es kommt leider öfter vor, dass ein Digger von den Behörden erwischt wird und die ZugĂ€nge anschließend gesperrt werden – deswegen versucht Max immer wieder, neue Wege zu entdecken.

Ich besuchte Museen in Polen đŸ‡”đŸ‡±, Litauen đŸ‡±đŸ‡č oder Belarus đŸ‡§đŸ‡Ÿ, die sich mit dem Thema KGB und Kalter Krieg auseinandersetzen – aber hier, in der Unterwelt der Ukraine, war Geschichte fĂŒr mich noch nie so nah wie in diesem Moment. Ich weiß, ich bin ein wenig verrĂŒckt und meine Vorlieben sind definitiv gewöhnungsbedĂŒrftig – aber ihr mĂŒsst zugeben: Das war ein unfassbarer Trip durch die Vergangenheit.

Kiew beherbergt unzĂ€hlige Kunst-, Kultur- und andere berĂŒhmte Museen – aber in Erinnerung geblieben ist mir nur eines. Wegen der Einzigartigkeit (es ist im Guinness-Buch der Weltrekorde vertreten), wegen der seltsamen AusstellungsstĂŒcke und vor allem wegen dieser herzigen und kompetenten Mitarbeiterin, die mich durch das kleine, aber feine Museum fĂŒhrte. Ich durfte noch nie einen Menschen kennenlernen, der so leidenschaftlich ĂŒber seine AusstellungsstĂŒcke referiert hat. Willkommen im einzigen historischen Toiletten-Museum der Welt.

Ja, so etwas braucht die Welt! Es ist phĂ€nomenal skurril, informativ und interaktiv. (Es beinhaltet ein eigenes Kino, wo man u. a. die Top 21 der seltsamsten Toiletten der Welt prĂ€sentiert bekommt.) Wusstet ihr, dass man fĂŒr eine Weltraummission eine eigene „Sch**ß-Schulung“ bekommt? Apropos Schulung: Meine leidenschaftliche Vortragende erklĂ€rte mir sehr detailliert, wie man die richtige Sitzposition einnimmt, damit man keine bleibenden SchĂ€den erleiden kann 😅. Laut ihr kann Schßen tödlich sein! Unsere Welt hat auf ein Museum gewartet, in dem Alt und Jung richtig sch**ßen lernen! Oh mein Gott, wie sehr liebe ich meine Weltreise đŸ„°.

Kiew ist eine zauberhafte Stadt mit vielen sauberen Parkanlagen und freien PlĂ€tzen. Die Einwohner sind glĂŒcklich, weltoffen und neugierig. Obwohl die Sprachbarriere nicht zu unterschĂ€tzen ist, kommt man mit den Einheimischen einfach in Kontakt. WesteuropĂ€ische Touristen sind relativ selten – deswegen kommt man sich als Österreicher schon etwas Besonderes vor. Das ukrainische Volk ist enorm Song-Contest-besessen – deswegen war unsere C. Wurscht das meistdiskutierte Thema. (2017 war Kiew Austragungsort.)

Entlang des Dnepr habt ihr die Möglichkeit, die Flaniermeile Riverside kennenzulernen. Hier tobt das Leben: traditionelle StĂ€nde, einheimische Musik, kleine KaffeehĂ€user, KĂŒnstler und HĂ€ndler 
 eine wunderbare, authentische Gegend, um in die ukrainische Welt einzutauchen. (Bonus: das Essen! Das ukrainische Essen đŸ„°. Eigentlich mĂŒsste ich einen eigenen Artikel schreiben, nur wegen der ukrainischen Kulinarik. Stichwort „Soljanka“!)

Der Besuch des UnabhĂ€ngigkeitsplatzes (Majdan Nesaleschnosti) – ein beispielloser, historischer, prachtvoller Platz, der aber seine Blutspuren hinterlĂ€sst. Gerade einmal sechs Jahre sind vergangen, als das MilitĂ€r die AufstĂ€nde auf brutale Art und Weise niederschlug. Es wurde wahllos in die Menge geschossen und getötet. Umringt ist der Platz von BlumenkrĂ€nzen und Gedenktafeln, die an die Opfer dieser Tragödie erinnern.

Ich könnte jetzt noch vom Olympischen Stadion schwĂ€rmen (traumhafte Anlage – fĂŒr kleines Geld habe ich mir ein Spiel von Dynamo Kiew angesehen) oder von der Nationaloper (ja, ich war in der Oper 
 das erste Mal in meinem Leben! Tendenz: höchstwahrscheinlich das letzte Mal 😅). The Sleeping Beauty stand auf dem Programm – die Tickets am Vorabend fĂŒr einen unschlagbaren Preis von 5 Euro organisiert und meine erste Ballettveranstaltung genossen. Ich könnte euch noch von so vielen anderen SehenswĂŒrdigkeiten erzĂ€hlen 
 kurze Feststellung: I ❀ this city!

Weiter geht’s im Text! Kiew – wow, ich sage es euch, noch ein Kapitel.

Monumente, Kirchen und Klöster – klingt langweilig, oder? Nein, nein und noch mal nein. Nicht in Kiew. Überragend ist die Mutter-Heimat-Statue. Sie zĂ€hlt weltweit zu den grĂ¶ĂŸten Statuen der Erde – dominant und mĂ€chtig steht sie auf einem hundert Meter hohen HĂŒgel und lĂ€sst alles ringsum in Ehrfurcht erblassen. Wenige hundert Meter entfernt liegt die schönste Klosteranlage Europas. Das Kiewer Höhlenkloster ist nicht umsonst ein UNESCO-Weltkulturerbe. Genug Zeit fĂŒr die Erkundung der Anlage mitnehmen – sie ist Ă€ußerst groß und ĂŒber den ganzen HĂŒgel verteilt. Auch hier hielt sich der Touristensturm in Grenzen – deswegen war es möglich, dieses magische GefĂŒhl in aller Ruhe aufzusaugen. Ordensschwestern und Mönche zeigen euch dieses moderne Weltwunder. Begegnet ihnen mit Abstand und Respekt, haltet euch an die Kleidervorschriften – und ihr werdet mit einem absoluten Höhepunkt belohnt: dem Höhlensystem. Mit einer Kerze geht es hinab in die unterirdischen Tunnel, die ihr auf eigene Faust erkunden könnt. Wieder einer dieser „JĂ€ger des Augenblicks“-Momente. Allein, im flackernden Licht der Kerze, die ein besonderes Aroma verströmte, die unterirdischen Grabkammern zu erkunden – GĂ€nsehaut.

Die nĂ€chsten Faszinationen warten auf uns. Diese wunder-, wunder-, wunderschöne, gelbe Sophienkathedrale (unbedingt ein Ticket lösen und rauf auf den Glockenturm – sagenhaft!). Diese zauberhafte, grĂŒne Andreaskirche 
 dieses magische, blaue St.-Michaels-Kloster 
 und so weiter. Ihr spĂŒrt es, oder? Diese Stadt ist mĂ€rchenhaft – und ich habe gerade einmal angefangen, von Kiew zu schwĂ€rmen.

Das Kyiv Academic Puppentheater bietet stĂ€ndig AuffĂŒhrungen der besonderen Art. HĂ€nde hoch – wer war noch nie in einem Puppentheater? Ein weiterer Grund fĂŒr euren Besuch in Kiew. Die Holodomor-GedenkstĂ€tte (nein, diesmal keine traurigen Geschichten ĂŒber Massenmord etc.) – aber am Rande dieses Denkmals steht die Statue eines kleinen MĂ€dchens. Diese Augen, dieser Blick – sie hat mich so in den Bann gezogen und fasziniert. Das Museum der Mikrominiaturen liegt direkt im Kiewer Höhlenkloster. Hier gibt es das kleinste Buch, die kleinste Statue oder die kleinste Zeichnung der Welt zu sehen – und das alles nur durch ein Mikroskop. Und dieses unscheinbare, weiße GebĂ€ude, das ihr in der Galerie sehen könnt – das ist das Krematorium (nein, keine Angst, keine Friedhofsgeschichten – diesmal verschone ich euch), aber dieses „unwiderstehliche“ ehemalige SowjetgebĂ€ude verdient eine ErwĂ€hnung.

Am 26. April 1986 ereignete sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Wie kam dieses UnglĂŒck zustande? Welche Auswirkungen hatte es auf Natur und Mensch? Wer war dafĂŒr verantwortlich? Viele dieser Fragen werden in unzĂ€hligen Dokumentationen und Berichten beantwortet – deswegen beschrĂ€nke ich mich auf meine EindrĂŒcke und die dadurch entstandenen Emotionen. (Vorweg: Niemand muss hier meiner Meinung sein, und jeder kann diese Art von Tourismus hinterfragen und kritisieren – aber ich versuche, offen und transparent mit meinen EindrĂŒcken umzugehen.)

Wie komme ich in die Kernzone? Um den UnglĂŒcksreaktor herum wurde eine 30 Kilometer breite Sperrzone errichtet. Diese kann man nur im Zuge einer gefĂŒhrten Tour passieren. Die Anbieter sind begrenzt – deswegen heißt es, zeitig eine Tour zu buchen. (Diverse Dokumente mĂŒssen vorher eingereicht werden.)

Welche Arten von Touren gibt es? Ein-, zwei- oder Mehrtagestouren. Tschernobyl ist nur gut 100 Kilometer von Kiew entfernt. Die StraßenverhĂ€ltnisse sind aber gefĂ€hrlich – deswegen dauert die Fahrt mindestens zwei Stunden. Die Kontrollen und der Sicherheitscheck dauern noch einmal mindestens eine Stunde – also zahlt sich eine Eintages-Tour ĂŒberhaupt nicht aus.

Welche Sicherheitsmaßnahmen gibt es? Vor Ort unterschreibt man einige Dokumente und garantiert damit, sich an die Verhaltensregeln zu halten – was unbedingt notwendig ist, denn alles andere fĂŒhrt zu ernsthaften Konsequenzen. Zum Beispiel: Immer bei der Gruppe bleiben, die Haut schĂŒtzen (lange Hose, langes Shirt), nichts anfassen, nichts auf den Boden stellen, nicht rauchen, nichts entwenden, keine GebĂ€ude betreten usw.

Wie ist die Strahlung? Die Strahlung begleitet einen stĂ€ndig – aber sie ist fĂŒr diesen kurzen Zeitraum nicht gefĂ€hrlich. Man muss pausenlos einen GeigerzĂ€hler mit sich fĂŒhren, um die Lage besser einschĂ€tzen zu können. Nicht erschrecken, wenn die GerĂ€te auf einmal völlig ausschlagen – es gibt immer noch einige Passagen, die deutlich stĂ€rker verstrahlt sind. SpĂ€testens dann sollte man allerdings schleunigst das Weite suchen.

Massentourismus oder exotisches Abenteuer? Zugegeben – als wir am ersten Checkpoint warteten, dachte ich mir: Oh mein Gott 🙈. Ein Dutzend Kleinbusse mit Touristen an Bord, aufgeregte Guides, die umherlaufen, und mehr Sicherheitspersonal und MilitĂ€r als am Ground Zero in New York đŸ‡ș🇾. Allerdings verliert sich das alles in der Sperrzone. In den kompletten zwei Tagen (die maximale GruppengrĂ¶ĂŸe betrĂ€gt sechs Personen) haben wir keine andere Menschenseele mehr gesehen.

Gibt es noch normales Leben in der Sperrzone? Es leben noch eine Handvoll Menschen in dieser Zone – es gibt ein Restaurant und ein Hotel. Einige hundert Arbeiter sind noch immer im Kernkraftwerk beschĂ€ftigt. Am auffĂ€lligsten ist aber die hohe Anzahl an Hunden. Die Tiere werden als Messgehilfen genutzt – sie tragen einen Transponder um den Hals, der ihre GPS-Daten und gleichzeitig die Strahlung misst. Sie sind Ă€ußerst verspielt und bedanken sich fĂŒr jede kleine Streicheleinheit. Obwohl dies nicht gerne gesehen wird, kann man einfach nicht Nein sagen.

Wie ist das GefĂŒhl, in dieser Geisterstadt herumzugehen? Bitte verzeiht mir meine Ausdrucksweise – aber das ist meine eigene Meinung: irre, genial, abartig, aufregend, atemberaubend und was weiß ich noch. Der Anblick der verlassenen GebĂ€ude und der verwilderten Straßen ist auf eine eigenwillige Art wunderschön. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Natur diese Region zurĂŒckholt. Die Chance, diese Geisterstadt zu besuchen, wird es wohl nicht mehr allzu lange geben. Viele GebĂ€ude sind bereits eingestĂŒrzt – weshalb sie NICHT MEHR BETRETEN werden dĂŒrfen! Einige Wege und Pfade sind praktisch nicht mehr passierbar. Bezeichnet mich als verrĂŒckt, wahnsinnig oder wie auch immer – dieser Ort hat etwas MĂ€rchenhaftes.

Was gibt es innerhalb der Kernzone alles zu entdecken?

Duga-2-Radarstation (Woodpecker): Das Monster der Radaranlagen – diese Stahlkonstruktion reicht bis in den Himmel hinauf. Sie ist 120 Meter hoch und wurde mitten in den WĂ€ldern gebaut. Hintergrundgeschichte: Sie war eine geheime Abhöranlage der Sowjetunion, die jahrzehntelang unentdeckt betrieben wurde und im Laufe des Kalten Krieges eine wichtige Rolle spielte. Erst nach der Evakuierung der Sperrzone wurde diese Anlage entdeckt. Einige Quellen vermuten, dass diese Konstruktion mit ein Grund ist, warum man versucht hat, das UnglĂŒck zu vertuschen. Es ist einfach nur irre, wie klein man sich fĂŒhlt, wenn man dieses Monstrum aus der NĂ€he betrachtet.

Der Freizeitpark von Pripyat: Das Bild dieses verwahrlosten Riesenrades ist der symbolische Inbegriff dieser Katastrophe. Der Anblick ist gespenstisch und fesselnd zugleich. Der VergnĂŒgungspark wurde nie in Betrieb genommen – die Eröffnung war fĂŒr den 1. Mai 1986 geplant, fĂŒnf Tage nach dem UnglĂŒck.

Pripyat: Pripyat war eine vorbildliche und moderne Stadt – mit mehreren Schulen, einem Rathaus, einem modernen Krankenhaus, einer Veranstaltungshalle und vielen modernen Wohnblöcken. Den Großteil der Zeit verbringt man damit, die Überreste dieser Stadt zu erkunden. Offiziell geht man in kleinen Gruppen von GebĂ€ude zu GebĂ€ude, um sie von außen zu betrachten. Inoffiziell wĂŒnschte mir mein Guide viel VergnĂŒgen! Viel VergnĂŒgen bedeutet:

✔ Sollte eine Patrouille kommen: ruhig verhalten, verstecken und hoffen, dass sie einen nicht findet. (Kein Scherz – es wird laufend kontrolliert, man muss durchgehend auf der Hut sein.)

✔ Versuchen, die Orientierung zu bewahren. (Das klingt einfach – aber wir sprechen hier von 14- bis 18-stöckigen HochhĂ€usern oder riesigen Krankenhauskomplexen.)

✔ Nichts angreifen und nichts mitnehmen. (Und damit ist der Spaß vorbei: Die 30-Kilometer-Sperrzone ist in mehrere Zonen unterteilt, die man nur durch laufende Sicherheitschecks durchqueren kann. Das bedeutet, man wird wiederholt durch Messanlagen geschickt, die die RadioaktivitĂ€t messen.)


 also, fassen wir zusammen: Es ist nicht erlaubt, die GebĂ€ude von innen zu betreten – geschweige denn auf das Dach eines 18-stöckigen Hochhauses zu laufen, um sich die Auswirkungen der Nuklearkatastrophe von oben anzusehen. Ich kann euch bedauerlicherweise nicht verraten, welche Quelle mir die folgenden Videos und Fotos zur VerfĂŒgung gestellt hat.

Ich denke, diese Videos erzĂ€hlen mehr als tausend Worte – deswegen lasse ich sie einfach einmal auf euch wirken.

Interessant ist der Vorher-nachher-Vergleich: Unser Guide hatte alte Schwarz-Weiß-Fotos dabei, die vor der Katastrophe aufgenommen worden waren. Ich denke, erst durch diesen optischen Vergleich wurde mir langsam bewusst, was hier alles passiert ist.

UnglĂŒcksreaktorblock Nummer 4: Ich stehe direkt davor, den Blick auf die SchutzhĂŒlle gerichtet. Hier dreht sich der GeigerzĂ€hler wie wahnsinnig – deswegen können wir nicht lange bleiben. Optisch nicht wirklich aufregend, aber historisch unfassbar 
 die Geburtsstation der Katastrophe.

Kinderferiendorf: Es ist ein lĂ€ngerer Fußmarsch durch dichtes GestrĂŒpp notwendig, um zu einem verlassenen Kinderferiendorf zu gelangen. Beeindruckend und beĂ€ngstigend zugleich. Kein Vogelgezwitscher, keine Kinderlaute, absolute Totenstille. Das einzige GerĂ€usch, das mich stĂ€ndig begleitet, ist das Klirren der am Boden liegenden Glasscherben.

Kindergarten von Pripyat: Es spielt keine Rolle, was ihr vorher gesehen und gelesen habt. Der Streifzug durch den verlassenen Kindergarten ist das BeĂ€ngstigste, was meine Augen je gesehen haben. Keine Worte, keine Superlative 
 stĂ€ndig kreist nur eine Vorstellung in meinem Kopf. Wie war es damals hier? Die spielenden Kinder, die ĂŒberforderten PĂ€dagogen, die wartenden Eltern 


Mein Fazit: Wunderbares Land, das umgehend mein Herz erobert hat. Bedauerlicherweise ist ein Ausflug nach Odessa nicht mehr möglich gewesen – das steht aber ganz weit oben auf meiner Liste. Die Ukrainer sind weltoffen, neugierig und freundlich. Architektur, Religion, Geschichte, Kunst, Kulinarik, Unterhaltung 
 ich bin mir sicher, hier ist fĂŒr jeden etwas zu finden.

Sicherheit: Auf der Website des österreichischen Außenministeriums (https://www.bmeia.gv.at/) könnt ihr die aktuelle Lage ĂŒberprĂŒfen. Innerhalb der Ukraine fĂŒhlte ich mich zu jeder Zeit vollkommen sicher.

Kosten: Die Preise sind in den letzten Jahren stark angezogen – aber fĂŒr mitteleuropĂ€ische VerhĂ€ltnisse noch immer sagenhaft gĂŒnstig: Fußball-/Opernticket 5 Euro, Fahrt mit der Metro 30 Cent, essen gehen (Puzata Hata) maximal 5 Euro 


Aus der Kategorie „Im Nachhinein schlauer“: Eine SIM-Karte holen und öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Auch geringe Distanzen können hier viele Höhenmeter bedeuten – deswegen die VorzĂŒge der perfekten Infrastruktur nutzen.

Das nĂ€chste Ziel hat einen eigenen Staat im Staat und gehört laut Lonely Planet zu den Top 10 der am wenigsten besuchten LĂ€nder der Welt. Moldawien đŸ‡ČđŸ‡© Calling.

 
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