Kapitel 18 – 🇺🇸 USA (Georgia)

Ich hatte den raffinierten Plan, mir in Atlanta (Bundesstaat Georgia) einen Mietwagen zu nehmen und zwei Wochen durch den Bundesstaat zu fahren. Jetzt bin ich durch South Carolina gewandert, aus North Carolina geflüchtet, habe den angeblich hässlichsten Wasserfall in Tennessee besucht – und weiß, wie es sich anfühlt, „Sweet Home Alabama“ zu singen, wenn man über die Staatsgrenze fährt. Ach ja – und in Georgia habe ich meinen absoluten Lieblingsort entdeckt 🥰 … aber dazu später mehr.

Vor Atlanta wurde ich ständig gewarnt. Die Metropole in Georgia gehört zu den gefährlichsten Städten der USA. Die Heimat von Martin Luther King? Der Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 1996? Standort der größten und bekanntesten Konferenzen der Welt? Kann eine solche Stadt wirklich so gefährlich sein?

Eine Frage, die ich nur schwer beantworten kann. Aus Sicherheitsgründen habe ich mich ausschließlich in Downtown aufgehalten. Allerdings gibt es auch hier kaum eine freie Bank oder freie Fläche, die nicht von Obdachlosen oder Drogenabhängigen besetzt wird. So herzlos es klingt – irgendwann gewöhnt man sich an diese Bilder. Nur wirkten die Menschen hier deutlich aggressiver als in anderen US-Metropolen. Es gibt kaum ein Fenster ohne Schutzgitter – und bei der kleinsten Erschütterung springen die Alarmanlagen der Autos an. Als ich abseits des Zentrums einen Geocache heben wollte, stoppte mich eine Polizeistreife mit den Worten: „Hey, dort hast du nichts zu suchen – dreh um!“ Also forderten wir unser Glück nicht heraus und widmeten uns meiner Top 5 von Downtown Atlanta.

Centennial Olympic Park: Die Schlauen unter euch haben es bestimmt geahnt – dieser Park widmet sich den Olympischen Sommerspielen 1996. Eine wunderbare Anlage für Sportbegeisterte und Geschichtsinteressierte. Ihr habt die Möglichkeit, diverse Sportarten auszuprobieren, und könnt euch anhand von Informationstafeln, Skulpturen und Installationen über die Spiele informieren. Hochinteressant: Während eines Eröffnungskonzertes im Jahr 1996 wurde im Park ein Bombenanschlag verübt, der mehrere Todesopfer forderte. Der Wachmann Richard Jewell, der die Bombe entdeckt hatte, wurde von Medien und Polizei vorverurteilt. Obwohl er nie gerichtlich verurteilt wurde, löste die Berichterstattung eine Hexenjagd aus, die ihn schließlich in den Tod trieb. Erst sieben Jahre später wurde der wahre Täter gefasst – er legte ein Geständnis ab und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Fall Richard Jewell gilt als einer der größten Justizskandale der USA und als erschreckendes Beispiel dafür, wie Presse und Medien ein unschuldiges Leben zerstören können. Filmtipp: 🎥 Der Fall Richard Jewell – Regie: Clint Eastwood.

CNN Studios: Eine interessante Tour führt durch die Räume und Studios des bekanntesten Nachrichtensenders der Welt. Der Blick in den großen Newsroom ist absurd und faszinierend zugleich – mindestens fünfzig Mitarbeiter rennen wie aufgescheuchte Hühner mit Notizblöcken und Tablets umher. Wahrscheinlich wieder ein kluger Trump-Tweet – oder doch der normale Tagesablauf? CNN ist Donald Trump ein Dorn im Auge, und er unternimmt keinen Versuch, diesen Umstand zu verschweigen. Serientipp: 🎥 The Newsroom mit Jeff Daniels – eine mitreißende Serie über den Alltag eines Nachrichtensenders, lose basierend auf den CNN Studios.

Georgia Aquarium: Zum Zeitpunkt der Eröffnung 2006 war es das größte Aquarium der Welt. Auch hier werden Meeressäuger, Walhaie und Belugas gehalten und für Shows eingesetzt – angeblich im Dienst der Arterhaltungsforschung. Gründer Bernard Marcus – der immerhin 250 Millionen US-Dollar Startkapital investierte – arbeitet eng mit Umweltschutzorganisationen zusammen. Also glauben wir an den guten Willen hinter dem Projekt. Die erklärte Hauptaufgabe des Aquariums ist es, verletzte, vernachlässigte oder bedrohte Tiere zu rehabilitieren und anschließend in die Freiheit zu entlassen. Wie imposant das Hauptbecken ist, könnt ihr anhand eines Videos sehen.

Der Bundesstaat Georgia hat die doppelte Fläche Österreichs 🇦🇹 und ist deswegen in vierzehn Tagen kaum zu bezwingen. Hier verfalle ich wieder einmal in meinen Roadtrip-Modus. Das bedeutet: Ich plane gewissenhaft meine Tour, entdecke unterwegs unzählige interessante – und weniger interessante – Dinge und lande schließlich meilenweit abseits meines erhofften Ziels irgendwo in der Botanik. So passierte es, dass ich mich irgendwann zwischen den zwei Carolinas, Alabama und Tennessee verirrt hatte. Trotz all des geografischen Chaos kann ich euch ein paar bemerkenswerte Eindrücke aus Georgia mitgeben.

Warum ich mir ausgerechnet Georgia als Ziel gesetzt hatte, hatte nur einen einzigen Grund. Irgendwo im Nichts liegt ein historischer Stein, den ich unbedingt sehen wollte. Ja – ein Stein! Klingt spannend, oder? Dieser besagte Stein befindet sich in einem State Park und trägt den kreativen Namen Stone Mountain.

Stone Mountain ist der größte Granitfelsen unseres Planeten und der zweitgrößte Monolith überhaupt – Australien 🇦🇺 lässt grüßen. Der Anblick ist traumhaft, die Umgebung und das Flair fesselnd – dafür ist der Aufstieg von der übelsten Sorte und der historische Hintergrund inakzeptabel und schockierend.

Bevor das drohende Sommergewitter aufzog, wollte ich diesen Felsen unbedingt erklommen haben. Schließlich fand ich den Pfad zur Spitze. 120 Minuten ging es unter der gnadenlosen Sonne den Granitfelsen hinauf – ohne Schatten reflektierte die Hitze vom Stein, und der Aufstieg war die reinste Hölle. Ich zweifelte an meiner Zurechnungsfähigkeit und meiner körperlichen Verfassung – vor allem, weil mir immer wieder Wanderer entgegenkamen, bei denen ich mich fragte: „Wie zur Hölle sind die auf diesen Berg gekommen?“ Schweißgebadet und völlig erschöpft oben angekommen – nur um festzustellen, dass eine Seilbahn auf den Felsen führt 🙈. Super Mario! Wäre schonender gegangen – aber der Blick über den State Park war die Mühe wert.

Der Stone Mountain State Park wurde vom Ku-Klux-Klan gegründet – der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet „geheimer Kreis“ – und dient als bedeutendster Tempel der White Supremacy, der weißen Vorherrschaft. Das 30 Meter hohe Relief im Stein erinnert an den Mount Rushmore im Bundesstaat South Dakota. Es zeigt Generäle und Politiker, die sich für den Sklavenhandel und die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung einsetzten. Bis in die heutige Zeit finden hier noch Zeremonien des Ku-Klux-Klans statt.

Hände hoch – wer kennt die Simpsons? Okay, blöde Frage 🙈. Aber kennt ihr auch Otto – den bekifften, metallsüchtigen Busfahrer? Ich habe anscheinend seine geheime Sammlung zerlegter Schulbusse entdeckt. Der Schoolbus Graveyard ist ein idyllischer, hochromantischer Ort, der eine Reihe ausgemusterter Schulbusse präsentiert. Dutzende alte Fahrzeuge warten auf euren Besuch – für mich der perfekte Ort für ein sinnliches Hochzeits-Shooting.

Georgia gilt in den USA als Natur- und Wanderparadies. Innerhalb einer Woche bin ich diverse Trails abgewandert, um dieses Naturjuwel zu genießen. Eine vollständige Auflistung der Wanderrouten interessiert vermutlich niemanden – daher nur eine kleine Liste als persönliche Erinnerung: Toccoa Falls, Anna Ruby Falls und River Falls sind nur drei der vielen wunderbaren Wasserfälle, die man auf diesen Wanderungen besuchen kann.

Der Umgang mit und die Präsentation dieser Naturjuwelen sind in Georgia herausragend. Sämtliche Ziele befinden sich – wie bereits im Florida-Reisebericht erwähnt – in State Parks. US-amerikanische State Parks verfügen über ein Visitor Center, wo man von den freundlichsten Menschen überhaupt empfangen wird. Die US-Ranger – liebevoll „Heroes of Nature“ genannt – sind die fachkundigsten und kompetentesten Menschen, die ich auf meiner Reise kennenlernen durfte.

Der Zugang zu den Besucherzentren ist kostenlos und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geöffnet – was zu Verwirrungen führen kann 😅. Man wird mit offenen Armen empfangen und bekommt eine persönliche Beratung. Die Ranger versorgen einen mit Wanderkarten und empfehlen die beste Route – je nach Interesse, Zeit und Fitnesszustand stellen sie einen persönlichen Trail zusammen. Mit Leidenschaft erzählen sie die historischen Hintergründe der Parks, erklären welche Tiere und Pflanzen einen erwarten, geben Tipps für die besten Fotospots und Rastplätze – und versorgen einen mit reichlich Trinkwasser. Ein Service und eine Freundlichkeit, die ihresgleichen suchen. Mein absoluter Traumjob für das nächste Leben: US-Ranger in einem State Park 🥰.

Ihr kennt bestimmt diese Freundschaftsbücher aus der Volksschule. Gott, wie habe ich sie gehasst – vor allem jene, wo es keine offenen Fragen gab und jeder einen kreativen Text hineinschreiben musste 🤢. „Ich schreibe dir aufs letzte Blatt, weil ich dich am liebsten hab“ … bla bla bla … oder in meiner Version: Ich schreibe dir aufs siebtletzte Blatt … na ja, ihr wisst schon. Wo wollte ich eigentlich hin? Ah ja – genau! Bei den meisten gab es diese eine Frage: Was möchtest du einmal werden, wenn du groß bist? Bei mir gab es nur zwei Antworten: MacGyver oder Ranger. Wie war das bei euch?

Zurück zum Text: Der Tallulah Gorge State Park – „Gorge“ bedeutet Schlucht – war mein persönliches Highlight. Ein tiefer Canyon, umgeben von traumhafter Landschaft mit unzähligen Wasserfällen und Hängebrücken – wie sehr hasse ich Hängebrücken 😱. Ihr werdet mich auslachen – aber ich war wirklich stolz, diese wackeligen Holzbretter wie ein Superheld ohne Angst zu überqueren.

Ein allgemeiner Reisetipp für die Kommunikation mit der amerikanischen Bevölkerung: Verzichtet auf jegliche Form von Sarkasmus und Ironie!

Mario: Which trail would you recommend?

Miss Ranger: The yellow one is the most beautiful trail, but you will pass about 1,500 stairs!

Mario: It is fine – we Austrians love stairs 😉

Miss Ranger: Why do you love stairs? Nobody loves stairs. (Es bedurfte einiger Momente, um das Missverständnis aufzuklären 😅.)

Ich habe Gold gefunden! Ein herrliches Gefühl, wenn man seinen ersten Goldklumpen aus dem Waschbecken zaubern kann. Die Consolidated Gold Mine in Dahlonega schenkt jedem die Möglichkeit, selbst nach Gold zu suchen – und man darf es sogar behalten! Gerade einmal eine halbe Stunde habe ich mich als Goldwäscher betätigt und diesen Moment in vollen Zügen genossen. Zugegeben, die Goldklumpen sind mikroskopisch klein – aber wen interessiert das: Gold ist Gold!

Diese großartige Mine ermöglicht es nicht nur, den Profis beim Suchen und Waschen zuzusehen – sie bietet auch eine Tour durch die Tiefen der Erde an. Eine der wenigen Minen in den USA, die noch in Betrieb sind und einen 200 Meter unter die Erde bringen. Stufe für Stufe hinunter – und anschließend wieder hinauf 🥵 –, aber die Besichtigung war die Mühe wert. Zugegeben, das Ganze ist etwas touristisch – aber es hat wahnsinnig Spaß gemacht, und man kehrt vollkommen durchnässt, verdreckt und steinreich zurück. Okay – zwei der drei Attribute stimmen. Aber welche? 😅

Die bereits erwähnten State Parks können auch auf historischen Ereignissen basieren. Voller Vorfreude fuhr ich zum Kennesaw Mountain National Battlefield Park. Dieser Park markiert die Schlachtfelder des Amerikanischen Bürgerkriegs. Was erwartet einen dort? Imposante Kriegsrelikte, zerstörte Gebäude oder Ruinen? Einfach erklärt: nichts! Ich habe einige historische State Parks besucht – sie sind alle fast identisch aufgebaut. Leere Felder, grüne Wiesen und ein paar kostümierte Soldaten, die Kriegsgeschichten erzählen … vermutlich wirklich nur etwas für absolute Geschichtsbegeisterte 🥱.

Ein paar Mal jährlich finden in den historischen State Parks besondere Veranstaltungen statt. Die Teilnehmer werfen sich in ihre blauen und roten Kostüme, polieren ihre Klingen und spielen die Schlachten nach. Den Kalender vorab unbedingt prüfen – 2017 in Arizona wurde ich zufällig Zeuge eines solchen Spektakels … es war der absolute Wahnsinn!

🤣 🤣 Helen 🤣 🤣 – Asterix würde sagen: Die spinnen, die Amerikaner!

Als ich quer durch Georgia fuhr, traute ich meinen Augen nicht, als ich das idyllische Bergdorf Helen durchquerte. Der Bürgermeister hatte eine kreative und skurrile Idee, die das Dorf vor dem Aussterben retten sollte. Helen war eine ehemalige Holzfällerstadt und wurde beinahe zur Geisterstadt – bis sich der Bürgermeister in bester Wickie-Manier an die Stirn tippte und sagte: „Ich habe eine Idee!“ Da sich Helen in den Appalachen befindet, einem Gebirgszug im Osten Nordamerikas, nutzte er die Verwechslungsgefahr mit den Alpen – und ließ Helen in eine bayerische Alpenstadt umbauen.

Übernachten kann man im Heidi Hotel oder im Hofbräu Riverfront Hotel, dinieren im Bodensee Restaurant, im Hofbräuhaus Germany Pub oder im Heidelberg German Restaurant. Shoppen lässt es sich in einem ganzjährig geöffneten Weihnachtsladen oder in kleinen traditionellen Bäckereien, die Brezeln und Weißbier verkaufen. Jedes Wochenende finden Oktoberfeste statt, die Angestellten laufen in Sound-of-Music-Outfits herum – und vermitteln den Besuchern das Gefühl, in Bayern gelandet zu sein.

Wenn man als Österreicher durch nordamerikanische Gebirgszüge fährt, erwartet man einiges … aber das bestimmt nicht. Natürlich weckte es mein Interesse – und ich musste das Alpendorf näher unter die Lupe nehmen. Ich lief durch die Ortschaft, begutachtete die Läden und konnte mich vor Lachen kaum zurückhalten. Vor zwei kleinen Restaurants hingen sogar österreichische Flaggen 🇦🇹 – und ich musste mir einfach das Erlebnis einer Brezel gönnen. Die folgende Konversation beruht auf wahren Begebenheiten – und ich bin mir nicht sicher, ob ich sie lustig oder beängstigend finden soll.

Mario: What’s going on with this special village?

Waitress: We are a German alpine village.

Mario: There are Austrian flags around this area – why?

Waitress: Austria – what? 🤔

Mario: Red-White-Red – the flags on your building!

Waitress: Ahh, Austria – yes, that’s a part of Germany!

Mario: 🤔🤔🤔 🙈🙈🙈 🤣🤣🤣

Der Vorhang fällt, das Geheimnis wird gelüftet. Der genialste, aufregendste und gruseligste Ort mit einer wahrhaft romantischen Geschichte. Ein Ort, so sagenhaft schön, dass er in keinem Reiseführer erwähnt wird … mein persönlicher Himmel auf Erden.

Alles begann in den 1930er-Jahren, als ein einfacher Mann seiner Leidenschaft nachging. Er fuhr mit seinem Truck durch die Bundesstaaten und sammelte alte Fahrzeuge ein, die am Straßenrand abgestellt worden waren. Er kaufte sich ein Grundstück in den Wäldern Georgias – und stellte seine Funde dort ab. 80 Jahre später konnte ich seinen Enkel kennenlernen, der den Traum seines Großvaters weiterführt. Aktueller Stand: Diese Familie hat über 4.500 Fahrzeuge gesammelt, die im Wald vor sich hinvegetieren. Die Rede ist von der Old Car City – dem größten Autofriedhof der Welt.

Der Pfad durch diesen dunklen Wald ist über zehn Kilometer lang – ein absoluter Irrgarten, quer durch hügeliges, dicht bewachsenes Gelände, in dem es nahezu unmöglich ist, die Orientierung zu behalten. Die Fahrzeuge sind teils noch erstaunlich gut erhalten – andererseits so vollständig überwuchert, dass man sie kaum noch erkennen kann. Schritt für Schritt holt sich die Natur diesen Friedhof zurück – und verleiht ihm eine einmalige Atmosphäre. Im Zuge meiner halbtägigen Wanderung entdeckte ich Oldtimer aus den 1930er- und 1940er-Jahren, modernere Fabrikate aus den 1970ern und 1980ern sowie einige Schulbusse und Trucks. Absolute Totenstille, eine bedrückende und beängstigende Stimmung, wie ich sie noch nie erlebt habe. Die einzigen Geräusche, die mich begleiten, stammen entweder von kleinen Tieren – hoffe ich zumindest 😱 – oder vom Klirren der Scherben, wenn man versehentlich auf eine alte Scheibe tritt. Der Wind sorgt für Schockmomente, wenn er die alten Türen der Wracks in Bewegung setzt. Ich liebe – nein, ich vergöttere diesen Ort. Aber ich bin auch völlig verrückt und vermutlich der Einzige, der hier stundenlang herumstreifen kann … zumindest dachte ich das, bis ich ein älteres Pärchen kennenlernte. Bevor ich euch ihre Geschichte erzähle, könnt ihr einen Blick in diesen Wald werfen. Leider spiegeln diese Videos die Atmosphäre nicht im Ansatz wider – mit Originalkommentar des Kameramanns – auf eigene Gefahr anschauen 🙈.

Als ich zwischen den Fahrzeugen umherirrte, lernte ich ein älteres Paar aus Florida kennen. Jim und Rose sind seit fünfzig Jahren verheiratet und eigens den langen Weg nach Georgia gefahren, um diesen Autofriedhof zu besuchen. Während Jim ständig ausschwärmte, um die Suche nach einem bestimmten Fahrzeug fortzusetzen, erzählte mir Rose ihre Geschichte.

Jims erstes Auto stammte von der amerikanischen Firma Kaiser Motors – und mit eben diesem holte er Rose zum ersten Date ab. Ihr erster Ausflug führte sie zum Spring-Break-Festival nach Palm Beach. Das erste Date zum Spring Break 🤔 … ich gehe essen oder spazieren … 🙈🙈. Kaiser Motors produzierte von dieser speziellen Reihe genau 100 Exemplare – und dieses Paar ist seit Jahrzehnten auf der Suche nach ihrem Fahrzeug. Sie erfuhren von diesem Friedhof, kontaktierten den Besitzer, der ihnen bestätigte, dass sich möglicherweise einige dieser Autos in seiner Sammlung befinden könnten. In diesem Dschungel aus Autowracks das richtige Fahrzeug zu finden grenzt an die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen – oder der Nadel im Nadelhaufen, was den Schwierigkeitsgrad noch einmal erhöhen würde.

Bereits den dritten Tag verbrachten sie gemeinsam an diesem mystischen Ort – in der Hoffnung, ihr Erinnerungsstück ausfindig zu machen. Während Jim hochmotiviert die Gegend erkundet, gesteht mir Rose, dass sie selbst kaum Hoffnung hat, den Wagen zu finden – aber das spielt für sie auch keine Rolle. Es geht ihr um die gemeinsame Zeit, die sie auf diese Weise verbringen, die neuen Orte, die sie entdecken, und die Menschen, die sie auf ihrer Suche kennenlernen. Ich hätte ihnen so wahnsinnig gerne geholfen – aber ich habe nicht den leisesten Schimmer, wie ein Wagen von Kaiser Motors überhaupt aussieht 🙈.

Irgendwie eine rührende Geschichte, oder? Inmitten eines düsteren Ortes taucht dieses verliebte ältere Paar auf – auf der Suche nach seiner Vergangenheit. Von ganzem Herzen wünsche ich den beiden alles erdenklich Gute – und mögen sie ihren Kaiser irgendwann wiederfinden.

Zum Abschluss noch ein kurzer Abstecher in die beiden Carolinas. Allzu weit bin ich durch South Carolina nicht gekommen – und der Grund ist simpel: diese wunderbaren, verträumten State Parks. Weitere Geschichten über Wasserfälle, atemberaubende Schluchten mit ihren Flüssen und einzigartige Felsformationen erspare ich euch. Dieses phänomenale Gefühl, in Isolation und Stille mit der Natur eins zu sein, lässt sich kaum erklären. Egal, welchen State Park ihr besucht – ihr werdet stundenlang allein durch die Natur wandern. Der einzige Mensch, dem ihr begegnen könnt, ist höchstens ein US-Ranger, der sein Wissen und seine Geschichten mit euch teilt.

Von einer dieser Begegnungen möchte ich kurz erzählen. Im Settle Creek State Park hatte ich das Glück, einen fachkundigen Ranger kennenzulernen. Da wir beide die Natur lieben und der Österreicher-Bonus wieder funktionierte – Deutsche gibt es wie Sand am Meer, aber als Österreicher ist man interessant 😉 –, nahm er mich zu einer privaten Exkursion mit. Innerhalb einer Stunde sah ich mein erstes Stachelschwein, mein erstes Opossum und unzählige Waschbären. Die meisten Tiere sind scheu – aber mit etwas Ruhe, Geduld und einem echten Fachmann an der Seite ist es keine große Herausforderung, sie in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Wisst ihr eigentlich, wie süß, neugierig und manchmal richtig nervig diese Waschbären sein können? 😅

Der Table Rock State Park ist das natürliche Zuhause unzähliger Schildkröten. In Österreich braucht es eine Ewigkeit, um eine Schildkröte in freier Natur zu sehen. Im Table Rock State Park sitzen sie wie die Möwen aus Findet Nemo – Seite an Seite auf ihren Seerosen aufgereiht.

Zum Abschluss noch ein echter Mario-Ort. Der Stumphouse Tunnel ist Teil einer stillgelegten Eisenbahnstrecke, die nie fertiggestellt wurde. Mitten im Walhalla State Forest verbirgt sich dieses Juwel für Lost-Place-Freunde – das unter anderem als Drehort der Serie The Walking Dead diente. Zum Glück lenken die reißenden Wasserfälle des umliegenden Parks die wenigen Besucher bestens ab – so konnte ich die gruselige Atmosphäre des verlassenen Tunnels vollkommen allein genießen.

Weltweit gehöre ich wohl zu den Menschen mit der kürzesten Aufenthaltszeit in North Carolina. Ich wollte die Staatsgrenze über den Pine Mountain Pass überqueren – bis wieder eines dieser bedrohlichen Unwetter einsetzte. In den Sommermonaten kann man die Uhr nach den Gewittern stellen, aber dieses Mal überraschte mich das Spektakel völlig. Im strömenden Regen schaffte ich es gerade noch zum „Welcome to North Carolina“-Schild, um einen Geocache zu loggen 😅. 30 Sekunden Aufenthalt in North Carolina – darf ich den Bundesstaat nun von meiner Liste streichen? Sagen wir einfach: Ja, darfst du! 😅

Im Bundesstaat Tennessee verbirgt sich einer der wohl einzigartigsten Wasserfälle der Welt. Durch die typisch amerikanische Art, alles in eine Show verwandeln zu müssen, wird dieser mystische Wasserfall jedoch zur Touristenfalle Nummer 1!

Zuerst die Fakten: Der Ruby Falls ist ein 150 Meter hoher unterirdischer Wasserfall im Lookout Mountain – einem Gebirgszug in Tennessee. Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte der Ingenieur Leo Lambert dieses Schmuckstück und benannte es nach seiner großen Liebe. Um den Wasserfall zu erreichen, wurde ein schmaler Schacht gegraben, der durch eine hunderte Meter lange Tropfsteinhöhle führt.

Fassen wir zusammen: unterirdischer Wasserfall, nach der Liebe des Lebens benannt, Lookout Mountain, Tropfsteinhöhle. Da werden die Augen ganz glasig, wenn man sich diese romantischen Bilder vorstellt. Für alle, die diese Bilder behalten möchten: Überspringt bitte das nächste Kapitel. Für alle anderen: Willkommen im Haus des Grauens!

Die Eintrittskarten – die ein Vermögen kosten – müssen vorab online gebucht werden und verpflichten zu einer exakten Besuchszeit … regt schon zum Nachdenken an. Im Besucherzentrum wird man von einem Guide begrüßt, der eindeutig zu viele Kasperletheater-Sendungen gesehen hat. „You want to see the waterfall?“ Yes! Yes! Louder! You want to see the waterfall? Yes! Yes! Yes! Diese gequirlte Scheiße – verzeiht den Ausdruck – geht ungelogen zehn Minuten so, bis der Weg endlich frei ist.

Dann starten wir unseren Weg zur Tropfsteinhöhle … mit dem Aufzug 🤔! Meine Gruppe besteht aus rund 50 Leuten – der Aufzug bietet Platz für maximal zehn normal große Menschen. Was gleichzeitig sechs durchschnittlichen Amerikanern entspricht … ich weiß, das ist fies, aber ich bin richtig grantig 😡. Dass dieser Prozess etwas Zeit in Anspruch nimmt, kann man sich denken. Nun starten wir unseren Weg durch die Tropfsteinhöhle zum romantischen Ruby Falls. Der Weg ist eng, feucht und rutschig – und theoretisch durchwandert man eine märchenhafte unterirdische Höhle. Wie gesagt: theoretisch. Der Betreiber hatte nämlich die glorreiche Idee: „Wir statten jeden Meter der Höhle mit bunten Neonlichtern aus!“ Gesagt, getan. Ein grauenhafter Anblick. Das Einzige, was von den ständigen Augenschmerzen ablenkte, war der Lärm in meinen Ohren. Nicht nur der Guide, der alle 20 Meter stehenblieb um zu rufen: „You want to see the waterfall?“ – nein, zusätzlich waren neben den Neonlichtern auch noch Lautsprecher installiert, aus denen grauenhafte Musik dröhnte 🙈. Tropfsteinhöhlen zeichnen sich eigentlich durch ihre mystische Akustik aus – man atmet leise, um das tropfende Wasser und sein Echo zu verfolgen … wie gesagt: eigentlich.

Der Schacht zum Wasserfall verläuft als Einbahnstraße – das bedeutet, dass uns im Zehn-Minuten-Takt weitere Besuchergruppen à 50 Personen entgegenkommen. Ab jetzt wird es skurril und schlicht lächerlich. Vorbeiquetschen, Vorbeizwängen – und dann: „Don’t touch the wall!“ Alter, ja wie denn bitte? Stellt euch die Bilder einfach vor 🙈🙈 … Twister ist ein Kindergarten dagegen.

Unser Guide – nennen wir ihn an dieser Stelle einfach Jimmy – war weiterhin sehr aufmerksam und ließ uns alle zehn Meter wissen, dass es nicht mehr weit sei, und fragte höflich, ob wir uns darauf freuten 😡😡. Willkommen zum absoluten Höhepunkt der Show! Wir betreten einen stockfinsteren Raum, stellen uns in Ölsardinendosen-Manier auf und lauschen einem leisen Geräusch, das mich mit viel Fantasie an einen tropfenden Wasserhahn erinnert. Unser hochmotivierter Jimmy schaltet das Licht ein – und dann startet eine ultimative Lasershow, die mich an meine besten Bollwerk-Zeiten erinnert – und zwar die ab 04:00 Uhr morgens. Die ohrenbetäubende Musik erreicht ihren Höhepunkt, und wir haben genau fünf Minuten Zeit, diesen Wasserfall zu bestaunen. Jimmy kündigt die letzte Minute im Fünf-Sekunden-Takt an – was zu purer Panik führt, da noch nicht jeder sein Wasserfall-Selfie hat. Jetzt aber schnell: Ellbogen gegen Ellbogen, Schulter an Schulter – die Spiele sind eröffnet.

Hut ab, Tennessee! Was für eine Art, dieses Naturwunder zu präsentieren. Leider haben sich meine Enttäuschung und mein Ärger noch nicht vollständig gelegt – deswegen überspringen wir Tennessee im weiteren Bericht und nehmen Alabama als Kollateralschaden gleich mit. Nur eines dazu: Wenn ihr die Staatsgrenze nach Alabama überquert, begrüßt euch tatsächlich ein Schild mit der Aufschrift „Sweet Home Alabama„.

Mein Fazit: Die Vielfalt und Abwechslung der Bundesstaaten sind schon etwas Einmaliges. Georgia ist ein ruhiger, naturverliebter Bundesstaat mit wunderbaren Geschichten und Momenten – vielleicht der meistunterschätzte Staat der USA. Dieser Roadtrip war jeden Tag eine neue Geschichte wert.

Kosten: So romantisch die Vorstellung von Spontanität auch ist – ein Roadtrip lässt sich deutlich günstiger gestalten, wenn man gewisse Dinge vorab bucht: Mietwagen, Unterkünfte, eventuell auch die Flüge. Georgia und die angrenzenden Bundesstaaten gehören eindeutig zu den günstigeren Vertretern ihres Landes. Der Spritpreis liegt bei rund 60 Cent pro Liter, und eine halbwegs vernünftige Unterkunft findet man bereits ab 20 US-Dollar.

Sicherheit: Atlanta ist derzeit ein großer Brennpunkt – man sollte die Randbezirke meiden und sich ausschließlich im Stadtkern aufhalten. Alles abseits der Großstädte ist in den gesamten USA als vollkommen sicher einzustufen.

Der nächste Abschnitt führt mich durch die Bundesstaaten Texas, New Mexico und Colorado

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