Kapitel 39 – đčđŒ Taiwan
Tripel-Feature im Pazifik, Teil 3: Von chinesischen Micky-MĂ€usen đ ĂŒber skurrile WeihnachtstĂ€nze đ bis hin zu Wasserwerfern und Schlagstöcken ⊠Hongkong đđ° zeigt mir alle seine Facetten. Obwohl ich zehntausende Kilometer entfernt bin, fĂŒhle ich mich, als wĂŒrde ich durch die schönsten StĂ€dte Europas spazieren ⊠Macao đČđŽ â ein heimeliger Ort mitten in Asien. Warum hier jeder zum MillionĂ€r đ° werden kann â und warum bestimmte Fahrzeuge singen ⊠dieses völlig bekloppte, aber liebenswerte Taiwan đčđŒ.
Um die Trilogie erfolgreich abzuschlieĂen, besuchte ich die Republik Taiwan. Im Gegensatz zu Macao und Hongkong ist Taiwan (noch) kein chinesischer AuĂenposten â aber dieser Status wird sich wohl im Laufe der nĂ€chsten Jahre Ă€ndern. Eine ganze Woche hatte ich zur VerfĂŒgung, um dieses wahre Naturwunder kennenzulernen. Die im Westpazifik gelegene Insel ist berĂŒhmt fĂŒr eine unnachahmliche Landschaft. Mein makelloser Plan wĂ€re es gewesen, die Silvesterparty zu ĂŒberleben, das ehemalige gröĂte GebĂ€ude der Welt zu besichtigen â und in den verbleibenden Tagen die Schluchten, Seen, Berge und StrĂ€nde zu erkunden. Ihr ahnt es sicherlich schon â der Konjunktiv hat sich abermals in die Textpassage eingeschlichen.
Wohl nicht der hellste Satz, den die Menschheit je hervorgebracht hat â aber dennoch möchte ich gerne einen prominenten Sportler zitieren: âHast du ScheiĂe am FuĂ, dann hast du ScheiĂe am FuĂ.“ So banal diese Worte auch sind â besser könnte ich die UmstĂ€nde nicht beschreiben. Willkommen in der Regenzeit! Und mit Regenzeit meine ich nicht leicht einsetzenden Nieselregen â sondern niagaraartige RegenfĂ€lle, die pausenlos von allen Seiten auf mich herniederprasselten.
Aber bevor wir jetzt auf höchstem Niveau zu jammern beginnen â einmal das Allerwichtigste zuerst:
HAPPY NEW YEAR FROM TAIPEI đ!
Ihr kennt dieses spektakulĂ€re Feuerwerk aus Taipei, oder? Der letzte Tag des Jahres neigt sich dem Ende zu â nach dem ausgiebigen Mittagessen sĂŒndigt ihr ein wenig auf der Couch und stöbert am Fernseher oder im Internet herum. Die ersten Aufnahmen des Silvesterfeuerwerks gehen durch die mediale Landschaft â und schon schimmert der Taipei 101 auf euren Bildschirmen. Ich bin derart dankbar, dieses unglaubliche Schauspiel live gesehen zu haben. Bis ins Jahr 2010 war der Taipei 101 das höchste GebĂ€ude unseres Planeten. Umso verwunderlicher, dass seine 508 Meter im Jahr 2020 nicht einmal mehr fĂŒr die besten Zehn der höchsten GebĂ€ude der Welt reichen. Dieser Wolkenkratzer ist Faszination und Ăsthetik in einem. Auf dem Aussichtsdeck genieĂt man den Panoramablick auf die Stadt â sowohl am Tag als auch nach Einbruch der DĂ€mmerung. Das dazugehörige Einkaufszentrum toppt den Wahnwitz der arabischen Konkurrenz đŠđȘ. Im Taipei 101 könnt ihr euch unter anderem im gröĂten PokĂ©mon Store oder im mĂ€chtigsten Hello-Kitty-Warenhaus der Welt austoben.
ĂuĂerst interessant ist der Besuch des gröĂten Schwingungstilgers der Welt. Schwingungs-was đ€? Was fĂŒr Tilgung? Tim Schweiger? Schweiger Till? Was will er? ⊠Diese kolossale goldene Kugel, die gewissermaĂen zwischen den WĂ€nden in der Luft schwebt, gleicht die starken Schwankungen des Hochhauses aus. Anders formuliert: An der Spitze des Taipei 101 schwingt eine goldene Kugel freischwebend hin und her â um zu verhindern, dass das Bauwerk einstĂŒrzt. Wie so etwas technisch möglich ist? Ganz ehrlich â ich habe es nicht wirklich kapiert. Aber zum GlĂŒck hat man die Chance, dieses Schwing-Ding-Bums zu besichtigen und anhand von Dokumentationen und Videos einen Einblick in das komplexe System zu bekommen. Mir hat es trotzdem nichts geholfen â es schaut zwar ziemlich cool aus, aber verstehen tue ich es nicht. đ
Wie war eure Silvesternacht? GemĂŒtlich im Kreise der Familie gefeiert â oder einen romantischen, zweisamem Abend erlebt? Oder spĂŒrt ihr noch die Nachwirkungen der intensiven Feierlichkeiten? Solltet ihr nicht ausgeflogen sein: Ich bin stolze sieben Stunden vor euch in das Jahr 2020 gerutscht â und ich muss euch sagen: 2020 fĂŒhlt sich bis jetzt ziemlich gut an. (Update Juni 2020: đđđ.)
Am FuĂe des Taipei 101 findet die gröĂte Silvesterparty des Landes statt. Hunderttausende Menschen treffen sich, um ins neue Jahr zu feiern. Im ersten Moment klingt das etwas stressig und laut â und gehört nicht zu meiner Vorstellung eines schönen Abends, da ich gigantische Menschenansammlungen tief verabscheue. Aber ihr werdet ĂŒberrascht sein. In ganz Taipei wurde kein einziger Tropfen Alkohol ausgeschenkt oder konsumiert. Keine einzige Rakete, kein einziger Böller wurde in den StraĂen gezĂŒndet. Das empfand ich als Ă€uĂerst angenehm â und angesichts dessen hat sich diese untypische Art, Silvester zu feiern, als groĂes GlĂŒck erwiesen. Ich konnte mich frei und sicher durch die tanzenden Menschenmassen bewegen, ohne mir irgendwelche Sorgen zu machen. Gegen 19:00 Uhr startete das groĂe Unterhaltungsprogramm auf der PartybĂŒhne â und was ich dort gesehen habe, könnt ihr euch nicht einmal mit tiefstem Suff zusammenreimen.
Von rappenden PokĂ©mons ĂŒber tanzende Hello Kitty bis zu volkstĂŒmlichen Bands, die europĂ€ische Klassiker auf Mandarin singen â war alles dabei. Mit groĂer Gewissheit: die verrĂŒcktesten fĂŒnf Stunden meines Lebens. Eine asiatische Adaption des Musikantenstadls. Ich habe euch ein Best-of zusammengestellt. (Laut Paragraph § 17 des 500days.at-Gesetzbuches ĂŒbernimmt der/die Betreiber keine Verantwortung fĂŒr bleibende SchĂ€den, die beim Betrachten dieses Videos entstehen können.) Anspieltipp: Video (1) â die taiwanische Antwort auf âLemon Tree“. đ€Ł
Spulen wir einmal nach vorn und starten das verregnete Abenteuer Taiwan. Jammern verboten: Neben der skurrilen Silvesternacht stand mir ein einziger halbwegs regenfreier Tag zur VerfĂŒgung, der mir einen tollen Einblick geschenkt hat. In den Vorberichten erzĂ€hlte ich euch, wie wunderbar einfach und unkompliziert der Umgang mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Hongkong đđ° war. Taipei đ€. Wer kennt den berĂŒhmten Passierschein A 38? (Exakt â die Gallier lassen grĂŒĂen đ.) Die Route, die Asterix hinter sich bringen musste, ist ein kleines, gelbes Reclam-BĂŒchlein im Vergleich zum brockhausartigen Dschungel in Taipei. Trotz all meiner Routine scheiterte ich am Einmaleins des organisierten Ăberlebens: Metro- oder BusfahrplĂ€ne kapieren, Fahrkarten kaufen und entwerten, sich an StraĂennamen orientieren, den Geldautomaten bedienen, eine SIM-Karte kaufen â und vor allem AKTIVIEREN đĄ ⊠unlösbar. Das EntschĂ€rfen einer Fliegerbombe aus dem Ersten Weltkrieg oder das Dechiffrieren der Enigma-Maschine wĂ€re einfacher gewesen. Die komplette Woche benötigte ich, um festzustellen, dass ich noch immer nicht den Ansatz einer Idee hatte, wie all diese Dinge funktionieren. Einmal klappte es mit der Busfahrt â dann war meine Karte wieder ungĂŒltig, bisweilen blieb die Metro stehen, dann fuhr sie wieder in die falsche Richtung. Was vielleicht etwas mĂŒhsam und anstrengend klingt, war einfach nur ein herrlich verrĂŒcktes Spiel, eine lehrreiche Erfahrung â und eine gute Vorbereitung auf den Dschungel, der in wenigen Wochen in Seoul đ°đ· auf mich wartet.
Die Taiwaner sind unglaublich zuvorkommend, freundlich und hilfsbereit. Wenn man auf weiter Flur der einzige Nichtasiat ist, reicht ein kleiner verzweifelter Blick â und die Bewohner stĂŒrmen auf einen zu und versuchen zu helfen. Diese StĂ€rke war allerdings gleichzeitig auch die gröĂte SchwĂ€che. Die Herausforderung der nicht vorhandenen Sprachkenntnisse â die beide Seiten betreffen â war kaum ĂŒberwindbar. Mit den Stunden versuchte ich, immer unauffĂ€lliger zu verzweifeln â damit sich nicht binnen weniger Augenblicke eine Menschentraube um mich versammelte.
Das taiwanische Volk war das bisher freundlichste und hilfsbereiteste, das ich jemals kennengelernt habe. (Und dieser Satz hat eine hohe Bedeutung â schlieĂlich war ich bereits in Georgien đŹđȘ unterwegs.) Sie kommunizieren unheimlich schnell, reden mit HĂ€nden und FĂŒĂen, nicken laufend mit den Köpfen â und strahlen dabei ein warmes LĂ€cheln aus. 98 Prozent dieser Zeit stand ich einfach nur regungslos da und dachte mir: HĂ€? Was meinst du eigentlich? Du lĂ€chelst höflich zurĂŒck, nickst aufrichtig mit dem Kopf, wenn dein GesprĂ€chspartner es auch tut, versuchst, irgendwelche Vokale zusammenzumurmeln â in der Hoffnung, dass beide Parteien zu dem Schluss kommen: Das wird nichts mehr â dem können wir nicht helfen. Diese Szenen mĂŒssen von auĂen betrachtet wie der Inhalt einer Stand-up-Komödie gewirkt haben.
Wisst ihr, wonach dieses Volk vollkommen verrĂŒckt ist? Rosa! Dieses schrille Rosa. Jede zweite Tasche, jedes zweite T-Shirt: Hello Kitty! Trotz der eisigen Temperaturen rennen die MĂ€dchen wie asiatische Spielzeugpuppen herum. Es gibt unzĂ€hlige Restaurants, Spielcasinos oder LĂ€den, die zu hundert Prozent in Rosa gehalten werden đ.
Wer ein öffentliches WC benutzen muss (die ĂŒbrigens suprasauber sind), sollte sich vorher ein passendes YouTube-Tutorial ansehen â sonst könnte die Sitzung etwas lĂ€nger dauern. Die Taiwaner sprechen kein Wort Englisch â aber sie haben gewisse Phrasen auswendig gelernt, mit denen sie Fremde begrĂŒĂen. âHello, my beautiful man“ oder âHello, you are like a diamond“ waren zwei Klassiker. Obwohl die SĂ€tze auswendig gelernt waren â sie wiederholten sich stets â musste ich dennoch durchgehend schmunzeln. Meinem Ego hat es auch gutgetan đ .
Bei jeder kleinsten Transaktion bekommt ihr einen Kassenbon, der euer Leben verĂ€ndern kann. Eine freundliche VerkĂ€uferin hat mir dieses skurrile PhĂ€nomen erklĂ€rt. Um gegen Steuerhinterziehung vorzugehen, fĂŒhrte die Regierung Taiwans eine Art Staatslotto ein. Wenn ihr euch einen frittierten Tintenfisch âto go“ kauft oder einen Hello-Kitty-AnhĂ€nger â nehmt ihr bereits an der wöchentlichen Verlosung teil. Auf jedem dieser Bons steht eine Zahlenkombination, die euch zum MillionĂ€r machen könnte â sozusagen eure 6 aus 45. Im ganzen Land sind Automaten verteilt, bei denen ihr euren Code scannen könnt, um zu erfahren, ob euch ein Geldsegen erwartet. Ich habe eine Weile gebraucht, um diese abstrakten Maschinen zu verstehen â aber sobald es Klick gemacht hatte, war ich ununterbrochen dabei. Eine sehr coole Idee â oder was denkt ihr? Kurbelt die Wirtschaft an, kann Leben verĂ€ndern. FĂŒr mich hat es leider nicht zum MillionĂ€r gereicht đ â also werden wir uns alle zwangslĂ€ufig wiedersehen đ .
Ihr kennt bestimmt diese US-amerikanischen Eiswagen, die mit klangvollen Melodien durch die Vororte fahren, um die Kinder zum Einkaufen zu bewegen. Laufend hörte ich eine beruhigende und fröhliche Tonfolge durch die StraĂen Taipeis klingen â und das machte mich neugierig. Wir befinden uns zwar in einer subtropischen Klimazone â dennoch wĂ€re es couragiert und optimistisch, mitten im Winter einen hohen Umsatz mit Eis zu generieren. Also muss diese klangvolle Melodie einen anderen Hintergrund haben. Aus der Entfernung sah ich schlieĂlich einige Menschen Schlange stehen und hĂ€tte es als Imbisswagen eingestuft ⊠aber da lag ich meilenweit daneben.
Wer durch die StraĂen von Taipei zieht, wird viele kuriose Dinge finden â aber eines werdet ihr vergeblich suchen: einen AbfallbehĂ€lter. Der MĂŒll wird stets nach Hause mitgenommen â und wenn die magischen KlĂ€nge ertönen, heiĂt es: Raus aus dem Sofa, hinaus in die KĂ€lte und im Regen Schlange stehen, um seinen Mist loszuwerden. Eine singende MĂŒllentsorgung â auch eine nette Idee, oder?
Ich hoffe, ihr seid mir nicht böse â aber die achte Zeitverschiebung in den letzten paar Wochen fordert schön langsam ihren Tribut. Mit anderen Worten: Ich bin einigermaĂen kaputt. Deshalb folgt nur ein kurzer Rundflug durch die Stadt Taipei.
Die asiatische Metropole hat eine Vielzahl attraktiver und faszinierender Spots zu bieten. In allen Stadtteilen werdet ihr unzĂ€hlige, bunte und lebendige Tempel kennenlernen. Der Baoan-Tempel, der Longshan-Tempel und der Konfuzius-Tempel sind nur einige, die mich begeistert haben. Unbedingt solltet ihr den Wecker einmal sehr frĂŒh stellen, um im Morgengrauen eine Tempelanlage besuchen zu können. Die Taiwaner treffen sich zum Gebet und fĂŒhren gemeinschaftlich ihre Lieder vor. Ihre brennenden RĂ€ucherstĂ€bchen und die betĂ€ubenden Duftkerzen verwandeln diesen Ort in ein mysteriöses Paradies. GĂ€nsehautgarantie â wenn ich still und starr in der Menge untertauche und mich von diesem religiösen Schauspiel verfĂŒhren lasse.
Die Nationale Chiang-Kai-shek-GedĂ€chtnishalle ist ein weiteres PhĂ€nomen dieser Republik. Jede Stunde finden in dem gigantischen GebĂ€ude die Wachablösungen statt. In den Hallen werden die Statuen der ehemaligen Herrscher von Soldaten bewacht. Die Wachablösungen sind mit jenen am Buckingham Palace đŹđ§ oder am Stockholmer Schloss đžđȘ vergleichbar. Die restlichen Geschichten lasse ich durch die Fotogalerien erzĂ€hlen â mein Geist und mein Körper benötigen dringend eine kleine Auszeit.
Mein Fazit: Trotz des enormen Wetterpechs ist Taipei eine aufregende Stadt, die einen Besuch wert ist â voller SkurrilitĂ€t, imposanter Bauwerke und liebevoller Menschen. Von der Silvesternacht am Taipei 101 werde ich bestimmt noch lange berichten. Leider blieb mir das Umland verborgen â aber Taiwan wird neben Indonesien der zweite Staat sein, den ich auf meiner zweiten Welttour wieder anvisieren werde.
Sicherheit: Noch gehört Taiwan zu den friedlichsten und sichersten Ecken unserer Erde. Die Menschen sind aufopfernd und zivilisiert â und der Verkehr hĂ€lt sich in Grenzen. Allerdings beunruhigt die angespannte Lage Hongkongs die Bevölkerung. Es wird wohl nur noch wenige Jahre dauern â und Taiwan ist das nĂ€chste Ziel auf der chinesischen Liste.
Kosten: Trotz der isolierten Lage gehört Taiwan zu den gĂŒnstigsten ReiselĂ€ndern Asiens â und die tĂ€glichen Ausgaben befinden sich weit unter dem europĂ€ischen Durchschnitt.
⊠nun steht eine lange Mission bevor: Big in Japan đŻđ”! Einmal mit dem Schnellzug von Ost nach West.
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Hier gehtâs zum Kapitel 40 Japan đŻđ”

































