Kapitel 44 – 🇹🇭 Thailand

In Thailand erfüllte sich ein lange ersehnter Kindheitstraum. Ich konnte Hand in Rüssel 🐘 mit den sanftesten Riesen unseres Planeten spazieren gehen …- …und …- …, wenn euch jemand zum „Floating“ einlädt – Tut es! Tut es! Wieso mich eine unspektakuläre, aber legendenhafte Brücke durch das halbe Land führte und wieso es sich rentiert, Bangkok deutlich mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, das werdet ihr nun erfahren. Das Thema Pandemie lassen wir bewusst weg, denn es kotzt mich schon langsam richtig an.

Die schönste Begegnung meines bisherigen Lebens hatte ich im tiefsten thailändischen Dschungel nahe der Grenze zu Myanmar 🇲🇲. Der Slogan dieser Organisation lautet: „We work for the elephants, instead of them working for us!“ – ElephantsWorld.

ElephantsWorld ist eine Umweltschutzorganisation, die sich um Elefanten kümmert, die im Zuge des Tiertourismus misshandelt und gequält worden sind. Aktuell leben rund vierzig Tiere an den Ufern des berühmten Kwai-Flusses – betreut von Volunteers aus der ganzen Welt rund um die Uhr. Das hier ist keine Touristenveranstaltung oder Zirkusshow – die Wildtiere leben in ihrem natürlichen Umfeld und können sich frei bewegen und entfalten. Elefantenreiten und die Jagd nach dem besten Selfie sind tabu. In ElephantsWorld geht es ausschließlich um das Wohl der Dickhäuter – verbunden mit intensiver körperlicher und emotional harter Arbeit.

Für jeden Reisenden bietet sich die Gelegenheit, die Organisation im Zuge eines „One-Day-Programs“ zu besuchen. Meine grenzenlose Liebe ließ mich Teil des mehrtägigen „Mahout-Programs“ werden – was mich zu folgendem Resümee führt: Das waren die emotionalsten und wunderschönsten Tage meines bisherigen Lebens.

Ein Volunteer aus Myanmar holte mich am Hauptbahnhof von Kanchanaburi ab und brachte mich in den tiefen Dschungel des thailändischen Hügellands. Seit meiner Kindheit fasziniert mich die Existenz der größten Landlebewesen unseres Planeten – und das nicht nur, weil ich ohne Benjamin-Blümchen-Kassetten nicht einschlafen konnte. Ich müsste acht oder neun Jahre alt gewesen sein, als ich meinen ersten Kassettenrekorder mit seinen Geschichten aus Neustadt bekam. Die ersten Hörspiele waren maximal 30 Minuten lang – und reichten selten aus, um mich in den Schlaf zu begleiten. In dieser Hinsicht trieb ich meine Mutter in den Wahnsinn. „Umdrehen, Mama!“, „Bitte umdrehen, Mama!“ – hallte es ständig aus meinem Zimmer 😅. Natürlich hätte ich mich selbstständig aus dem Bett erheben können, um die Kassetten zu wenden – aber ich war schlichtweg zu faul. Ich verkaufte meiner Mutter diese Bequemlichkeit mit taktischen Gründen: „Mama, wenn ich selbst aufstehe, werde ich wieder richtig munter – und dann kann ich nicht mehr einschlafen.“ Natürlich kaufte sie mir meine Strategie nicht ab – aber so sind Mütter eben, oder? Der Tag, an dem die 45-Minuten-Kassette erfunden wurde, war vermutlich einer der schönsten Momente im Leben meiner Mutter – so ersparte sie sich viele Kilometer 😅.

Zurück nach Thailand: Das Leben der Elefanten begleitete mich seit meiner Kindheit – und ihr könnt euch nicht annähernd vorstellen, in welchem irrsinnigen Tempo mein Herz schlug, als wir uns Schritt für Schritt dem Habitat näherten. Ich hatte eine vage Vorstellung, was mich erwarten könnte – aber nicht einmal der tiefste Inhalt meiner Träume konnte die nächsten Stunden und Tage voraussehen.

Inmitten des massiven Dschungels wurden mehrere Gebäude aus Holz errichtet – über erhöhte Brücken miteinander verbunden. Es gibt ein Haupthaus, einige kleine Einrichtungen und ein paar traditionelle Hütten, in denen die Volunteers – und schließlich auch ich – untergebracht werden. Und wisst ihr was? Egal wo ihr euch gerade bewegt – egal in welche Richtung ihr blickt: Überall wimmelt es von Elefanten. Ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper und kämpfte mit meinen Tränen und mit der Kontrolle meiner Empfindungen … ein Wimpernschlag später – und schon steckten die ersten Dickhäuter ihren Rüssel empor und versuchten, mich zu begrapschen. Darf ich euch anfassen? Könnte das nicht gefährlich sein? Ich blickte meinen Freund aus Myanmar fragend an. Er erkannte sofort meine charmante Überforderung – und stellte mir augenblicklich einen gigantischen Korb mit Melonen und Bananen zur Seite. Er blickte mich lachend an und sagte: „Let’s go my friend, it’s time for work!“

Jammerschade, dass ihr gerade mein Lächeln nicht sehen könnt, wenn ich diese Zeilen verfasse – denn so habt ihr mich noch nie gesehen. Zwei unsichere Hände versuchten, ein halbes Dutzend Rüssel zu verköstigen, die um jede einzelne Melone und Banane kämpften. Teils stibitzten sie mir die Köstlichkeiten aus den Fingern – teils musste ich sie in echter Basketballprofimanier tief in ihren Mäulern versenken. Meine Arme wurden mit Elefantensabber bedeckt … was für ein herrliches Gefühl. Wahrscheinlich verbrachte ich etliche Stunden damit, diese wundersamen Lebewesen zu füttern, zu berühren und aus nächster Nähe zu beobachten. Kennt ihr das? Dieses Gefühl, als würde die Zeit stillstehen – und die Erde sich nicht mehr weiterdrehen?

Schön langsam brach die Dämmerung herein – und die Tiere verteilten sich im Urwald, um Ruhe zu finden und ihrem Schlaf nachzugehen. Mit einfachsten Utensilien kochten wir gemeinsam ein Abendessen – und die Volunteers erklärten mir den Ablauf für die folgenden Tage.

Frühmorgens wartet das Frühstück – dann fahren wir mit kleinen, golfwagenartigen Fahrzeugen in die Felder, um Melonen 🍉 und Bananen 🍌 zu pflücken. Nach der körperlich überaus anstrengenden Arbeit verteilen wir uns mit unserer Beute und starten mit der ersten Fütterungsrunde. Im Anschluss schnappen wir uns diejenigen Elefanten, die Lust und Laune auf einen Ausflug haben – und gehen mit ihnen spazieren. Mittags folgt eine Ruhepause – und am Nachmittag kommt es zur absoluten Lieblingsbeschäftigung aller Bewohner: Wir nehmen gemeinsam ein Bad in den Fluten des Kwai. Unglaublich, oder? Was für ein tägliches Konzept. Könnt ihr euch meine freudige Erwartung vorstellen?

Nach dem Abendessen begleiten mich die Volunteers zu meiner kleinen Hütte. Obwohl es märchenhaft ruhig war – gespenstisch dunkel – das Sicherheitsnetz die Moskitos halbwegs fernhielt – und ich mich längst an die tropischen Temperaturen gewöhnt hatte – konnte ich keine Stunde durchschlafen. Zu viel Nervosität steckte in meinen Knochen und meiner Seele. Versucht es euch vorzustellen: Eine kleine Holzhütte mitten im thailändischen Dschungel – fernab von Technologie und Konsum – und gelegentlich bebt der Boden unter eurem Bett, weil ein Dickhäuter schlafwandelte und sich seine dicken, grauen Beine vertreten musste.

Bevor die Sonne erwachte, brachen wir mit den kleinen Fahrzeugen zu den Feldern auf. Etwas Derartiges habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Melonen- und Bananenplantagen, größer als sämtliche Fußballfelder zusammen – unglaubliche Dimensionen voller Früchte in einer faszinierenden Farbkombination. Damit wir es einmal erwähnt haben: Ein durchschnittlicher Elefant produziert im Laufe eines Tages ungefähr 40 Kilogramm Dung 😲 – also könnt ihr euch ausmalen, wie viele Melonen und Bananen wir tagtäglich sammeln mussten. Selbstverständlich bleibt während des Erntens genug Zeit, um selbst einmal die Geschmacksnerven in den Himmel zu treiben. Habt ihr schon jemals eine frische Banane direkt von ihrer Staude gegessen? Oder eine Melone gepflückt, in Einzelteile zerlegt und dann verschlungen? Verzeiht mir bitte die Formulierung – aber ich würde diesen Vorgang als kulinarischen Orgasmus definieren, der bitte niemals enden soll.

Als wir die gut zwanzig Körbe aufgefüllt hatten, trabten aus der Entfernung die ersten hungrigen Besucher auf uns zu. Angeführt wurde das Trio von Kampang – deren Leidensgeschichte mir erzählt wurde. Der Name Kampang bedeutet übersetzt „schönes Mädchen“ – und es war Liebe auf den ersten Blick. (Auf beiden Seiten 😅.) Sie eroberte mein Herz durch ihre sanfte Art und ihre bildhübschen Augen – und ich ihres, weil ich Eigentümer von Abertausenden Melonen war 😅. Kampang wurde im Jahr 1950 geboren und zählt zu den ältesten Bewohnern von ElephantsWorld. Mehr als 50 Jahre ihres Lebens musste sie als Reitelefant herhalten – und verlor dadurch einen Teil ihres Augenlichts, einige ihrer Zähne – und hat ein gebrochenes Rückgrat. Der physische Stress, dem sie jahrzehntelang ausgesetzt war, forderte seinen Tribut und hinterließ diese Narben der Vergangenheit. Kampang sehnt sich nach Geborgenheit und Streicheleinheiten – und wegen ihrer fehlenden Zähne lässt sie sich auch gerne füttern. Zum Glück wurde ich für derartige Aufgaben geschaffen – und ihr könnt euch nicht annähernd vorstellen, wie viele Melonen in den Magen dieses Elefanten passen 😅.

Die meisten Tiere werden von der Organisation aus touristischen Ausbeutungsbetrieben herausgekauft. Alle haben ihre Wunden und Narben – viele leiden unter dem Verlust ihres Augenlichts oder quälen sich mit gebrochenen Gliedmaßen und schlimmen Verletzungen. Drei Viertel der Elefanten sind über 60 Jahre alt – und verbringen ihre letzten Jahre hier, weil sie für die Ausbeuter keinen nennenswerten Wert mehr haben und allein nicht mehr überleben könnten. Einige der Volunteers leben bereits seit mehreren Jahren hier – da sie politische Schutzsuchende aus Myanmar sind – und können sich entsprechend mit dem Schicksal der Tiere identifizieren.

Ihr müsst euch dieses Habitat wie eine große Familie vorstellen. Kampang ist unter anderem die beste Freundin von Spy (der Kleinsten der Runde) – kommt aber mit ein paar anderen überhaupt nicht aus. Es bilden sich Gruppen, Pärchen und Rivalen. Das soziale Gefüge der Tiere ist einzigartig. Die Jungs erklären mir, dass sie bereits am Gang und an den Blicken erkennen können, wie die Giganten heute aufgelegt sind. Gelegentlich sind sie sehr liebesbedürftig und suchen Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten – dann gibt es wiederum Tage, an denen sie einfach grantig und mies gelaunt herumstehen und um Ruhe bitten. An wen erinnert uns das? (Rhetorische Frage 😅.)

Heute wurde ich vom Glück geküsst – denn Kampang erlebte einen ihrer vielen Sonnentage – und wir zwei verbrachten die ganze Zeit damit, irgendwelchen Unfug anzustellen. Ich lernte relativ rasch, wie ich mit ihr richtig umgehen muss. So romantisch und liebevoll es auch klingt – man sollte stets auf der Hut sein und niemals vergessen, mit welchen Riesen man es zu tun hat. Ein falscher Schritt, eine falsche Bewegung – und die Dickhäuter können einen unbeabsichtigt schwer verletzen. Bei Kampang ist es wichtig, immer in ihrem Sichtfeld zu bleiben – da sie sehbehindert ist. Die Volunteers zeigten mir den richtigen Winkel, damit sie mich laufend im Blickfeld hat. Langsam von leicht links auf sie zugehen – die flache Hand sanft auf ihr Gesicht legen – und schon hat man sie für immer gewonnen. Einmal von der falschen Seite oder überstürzt von hinten annähern kann ungesund enden. Die Tiere erschrecken sich – oder können einen schlicht nicht sehen – starten mit einer ruckartigen Bewegung – und schon passieren schmerzhafte Unfälle.

Ich könnte hier Wort für Wort weiterschreiben – um euch an diesen Tagen teilhaben zu lassen – aber um ehrlich zu sein: Ihr müsst es selbst erlebt haben, um es nur annäherungsweise zu fühlen. Wie die Menschheit es zulassen kann, diese sanften Riesen über Jahrzehnte so zu misshandeln und zu quälen – und dennoch sind sie nie nachtragend oder aggressiv – und bauen dieses Vertrauen auf. Diese Tage in den Tiefen des thailändischen Dschungels vergingen wie im Fluge – und ich verspreche hiermit hoch und heilig, bald wiederzukommen und diesmal für eine längere Zeit auszuhelfen.

Eines sollte euch bewusst sein – bei all der Begeisterung und eurer jetzigen Einstellung: „Da muss ich unbedingt hin!“ Wir befinden uns in einer tropischen Klimazone. Ich war im Februar vor Ort – und trotzdem trieben mich die hohen Temperaturen und die wahnsinnige Luftfeuchtigkeit an meine körperlichen Grenzen. Der ständige Kampf gegen die Moskitos – und gegen andere Lebewesen (Stichwort: Skorpione 🦂 und Wasserbüffel 😱) – fordert Seele und Geist heraus. Und die mit Abstand härteste Herausforderung sind die Emotionen. Das Leid der misshandelten Tiere erkennt man jede Sekunde in ihren Augen – und die Trennung nach dieser gemeinsamen Zeit fiel mir schwerer als alles andere.

Fotos, Bilder und Geschichten können euch diese Erfahrung natürlich nicht im Ansatz nach Hause liefern – aber vielleicht zaubern euch diese Clips ein kleines Lächeln in euer hübsches Gesicht.

Eigentlich wollte ich jetzt nach Kanchanaburi und Bangkok springen – aber ich darf euch zwei kleine Side-Storys aus dem Reich der lieblichsten und mächtigsten Lebewesen unseres Planeten nicht unterschlagen.

Was stellt ihr euch unter dem Begriff „Floating“ vor? Eine Idee? An einem Nachmittag fragten mich zwei der Jungs, ob ich Lust hätte, mit ihnen eine Runde floaten zu gehen. Ich wusste nicht, was sie meinten – aber da ich im Großen und Ganzen noch immer (glücklicherweise nicht mehr so intensiv wie vor der Reise) ein kleiner Angsthase bin, dachte ich: Frage lieber nicht nach – sondern nicke einfach. Wir sprangen in ein Geländefahrzeug und fuhren kilometerlang den Kwai hinauf – und quälten uns durch die tiefste Botanik des Dschungels. Ich saß auf der Ladefläche, klammerte mich panisch an etwas fest – und wurde im Sekundentakt durchgeschüttelt. Ich dachte schon, die Jungs meinten diese Geländefahrt als Abenteuer „Floating“. Nach zwei Stunden stoppten wir am Ufer – und sie überreichten mir meine orange Schwimmweste und wünschten mir viel Vergnügen 😱.

Durch den Roman – respektive die Verfilmung – „Die Brücke am Kwai“ erlangte der Fluss Kwai (Mae Nam Khwae Yai) in der westlichen Welt große Berühmtheit. Die Größe und Dominanz des Flusses lassen sich gut mit der Donau vergleichen – und beim Floating geht es nur um eines: Man klettert mit der Schwimmweste in den Fluss, legt sich zurück – und lässt sich flussabwärts treiben, bis … Ja, bis …? Diese Frage hatte ich vergessen zu stellen.

Vielleicht das großartigste Gefühl meines Lebens – und nicht in Worten erklärbar. Die Geschwindigkeit der Strömung variierte ununterbrochen zwischen gemütlich und rasant – und zeitweise verliert man die Kontrolle und ist einfach nur noch Passagier. Einer der Jungs ließ sich das Floating ebenfalls nicht entgehen – und so schwammen wir zu zweit stundenlang den Fluss hinunter. Er paddelte immer wieder voraus – bis er teilweise außer Sichtweite war – denn der Verlauf des Kwai war ausgesprochen kurvig. Meine Nerven beruhigten sich wieder, als ich ihn am Ufer erkennen konnte – und er mich mithilfe eines Holzstücks herausfischte. Wir pausierten im Trockenen – mein Freund kletterte auf die Bäume, um mich mit frischen Papayas und Bananen zu versorgen. Mein Guide sprach zwar kein Wort Englisch – aber das war auch nicht von Bedeutung. Wir kommunizierten mit Händen und Füßen – und ich war außerordentlich beeindruckt von seinen akrobatischen Kletterkünsten. In diesem Moment hatte ich das Gefühl: Floating wurde genau für mich erschaffen.

… ich schwimme inmitten der Strömung des Flusses, breite meine Arme aus, lasse mich zurückfallen – und blicke in den blauen Himmel und in die endlos hohen Baumkronen des Urwalds. Dieses Orchester aus den verschiedenen Geräuschen der Tier- und Vogelwelt erinnerte mich an die herrlichsten Symphonien, die jemals geschrieben worden sind. Das Wasser war angenehm warm – in meinen Händen hatte ich einen enormen Vorrat frischer Bananen – und ich fühlte mich wie im Himmel. Diese Momente sind jetzt ein paar Wochen her – aber wenn ich an diesen Augenblick zurückdenke, kommen mir ernsthaft die Tränen … irre, oder? Wer weiß, ob ich mich schon jemals so frei und unverwundbar gefühlt habe.

Hatte ich Angst? Vielleicht ein wenig. Gelegentlich teilte sich der Fluss – und ich wusste nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte. Für den einen oder anderen Moment hatte ich das Gefühl, es wären noch andere, größere Lebewesen 🐊 im Wasser – aber der Schein trog. Und das Ende? Ohne Worte! Die Distanz zum Ziel konnte ich nicht abschätzen – und hatte immer wieder den Gedanken, dass ich womöglich einfach auf den Ozean hinausgespült werde – da meine Begleitung mich zum größten Teil vollkommen allein gelassen hatte. Aber nach einer steilen 180-Grad-Kehre wurde die Fließgeschwindigkeit sehr gemächlich – und ich konnte zum ersten Mal wieder den Boden unter meinen Füßen spüren … und wisst ihr, was ich nach der Kurve gesehen habe? Genau! Die Elefanten – die im seichten Wasser des Flusses badeten.

Apropos Baden! Nun folgt die zweite kleine Geschichte – einfach nur unbeschreiblich schön. In der Nähe des Ufers haben sich mehrere kleine Becken gebildet, die mit einer schwarzen Masse gefüllt sind. Diese Schlammbecken sind gewissermaßen die natürlichen Thermalanlagen der sanften Riesen. Sie lieben es, sich darin zu wälzen, sich damit einzureiben und herumzuspielen. Der Geruch? 🤣 Herrlich! Und diesen Dreck wieder aus seinen Körperöffnungen zu bekommen? 🤣 Eine Mammutaufgabe. Aber wisst ihr, was die Elefanten am meisten lieben? Wenn sich ein nichtsahnender Reisender mit einem überdimensionalen Besen – a.k.a. Rückenkrauler – bewaffnet und sich in das schlammige Getümmel dazugesellt. Die Elefanten vergöttern es, auf diese Art und Weise verwöhnt zu werden. Bilder, Erfahrungen, Erinnerungen für die Ewigkeit.

Wie ihr bereits wisst, bin ich historischen Orten, an denen sich dramatische Ereignisse abgespielt haben, gnadenlos verfallen – Stichwort Pearl Harbor 🇺🇸, Stalingrad 🇷🇺, Hiroshima 🇯🇵, Tschernobyl 🇺🇦 usw. Die 25.000-Einwohner-Stadt Kanchanaburi gehört ebenfalls auf diese Liste – und war hauptverantwortlich dafür, warum ich die touristischen Strände Thailands außen vorließ und mich lieber ins Landesinnere kämpfte. Einen ganz bestimmten Schauplatz musste ich mit meinen eigenen Augen sehen, um die tragischen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit verstehen zu können. Obwohl Roman respektive Spielfilm „Die Brücke am Kwai“ aus den 50er-Jahren stammen, haben mich diese Geschichte und ihre wahren Hintergründe schon seit Ewigkeiten gefesselt.

Kurzes geschichtliches Update: Während des Zweiten Weltkrieges wurden britische Kriegsgefangene in einem japanischen Lager – damals noch Teil des ehemaligen Burmas (heute Myanmar) – unter unmenschlichen Bedingungen gezwungen, eine Holzbrücke über den Kwai zu bauen. Das japanische Kaiserreich weigerte sich, die Genfer Konvention zu unterzeichnen – und ließ die Häftlinge unter barbarischen Bedingungen arbeiten. David Leans Epos wurde 1957 mit sieben Oscars ausgezeichnet – und in diesen Tagen hatte ich die lang ersehnte Chance, diese Brücke zu besichtigen und mit meinen eigenen Füßen zu überqueren.

Die historische Brücke ist kein optischer Höhepunkt oder ein modernes Wunderwerk der Architektur – sondern ein Bauwerk, das mit Blut, Schweiß und endlosem Leid erschaffen wurde. Die Eisenbahnbrücke ist heute noch in Betrieb – und zweimal täglich rollt ein Passagierzug über sie hinweg, der die Hauptstadt Bangkok mit dem nordwestlichen Teil des Landes verbindet. Trotz der momentanen Nutzung ist es kein Problem – laut meinen Eindrücken sogar erwünscht – die Brücke in aller Ruhe zu Fuß zu überqueren, die Aussicht zu genießen und die tiefen Wunden der blutigen Vergangenheit im Auge zu behalten. Aber bitte behaltet den ungefähren Fahrplan im Hinterkopf. Ihr wollt nicht inmitten der Brücke stehen, wenn aus heiterem Himmel die Lokomotive auf euch zudonnert. Nein – so schlimm ist es nicht! Es gibt auf beiden Seiten der Brücke Sicherheitspersonal, das darauf achtet, dass niemand zu Schaden kommt – und die Besucher früh genug von den Schienen vertreibt. Die Anziehungskraft dieser Überquerung – meine Gabe, mich stundenlang ans Ufer zu setzen und mir vorzustellen, welche brutalen Begebenheiten sich rund um den Bau dieser Brücke abgespielt haben – lassen dieses Vorhaben zu meinem ganz persönlichen Moment werden. Ich glaube, es gibt kaum einen Menschen auf der Welt, der so eigen und durchgeknallt ist wie ich – sich diese Orte in aller Stille und Gelassenheit anzusehen – um sich dann bildlich vorstellen zu können, was hier seinerzeit geschehen ist. Wie ein Film, der zur Realität wird – wie ein Buch, in dem die Hauptfiguren erwachen: tragische Geschichte zum Angreifen. Wieder einer der Gründe, warum ich liebend gern allein unterwegs bin.

Die nähere Umgebung von Kanchanaburi hat für den durchschnittlichen Reisenden wohl weniger zu bieten. Endlos große Soldatenfriedhöfe, antike Gedenkstätten und verlassene Monumente – die an die harten Zeiten des Zweiten Weltkrieges erinnern. Zweifelsohne verleitet euch dieser Absatz nicht zum Aufspringen, um nach Kanchanaburi zu reisen … außer ihr wollt Kampang und ihre Freunde kennenlernen 😅. Denn nur von hier aus habt ihr die Möglichkeit, in die Welt der Elefanten entführt zu werden.

Ich traue mich zu behaupten, dass ich wohl zu den 0,5 Prozent der Thailand-Besucher gehöre, die das Königreich besichtigt haben, ohne auch nur eine Minute am Meer zu verbringen. Die Auslöser dieser sonderbaren Rarität waren eine Kombination verschiedener Umstände. Einerseits verlängerte sich mein Aufenthalt bei den Dickhäutern unplanmäßig – andererseits hat die 8,5-Millionen-Einwohner-Metropole deutlich mehr zu bieten, als ich erwartet hatte. Okay – fügen wir noch einen Hauch Wahrheit hinzu: Hauptgrund des Versäumnisses war der drohende Lockdown, den ich jeden einzelnen Tag erwartete. In diesem Bericht möchte ich das leidige Thema Pandemie jedoch bewusst überspringen – da es mir so langsam zum Hals hinaushängt 😡. Aber aus Gründen der Sicherheit wollte ich in greifbarer Reichweite des internationalen Flughafens verweilen.

Mit der Zeit habe ich gelernt, so gut wie möglich immer das Positive hervorzuheben – und so verdanke ich der Pandemie einen wohl einzigartigen Rundblick auf Bangkok … nämlich touristenfrei.

Bezugnehmend auf meine Reiseberichte wurde ich in letzter Zeit stellenweise kritisiert, weil sie nicht als Ausgangspunkt für eine selbst geplante Reise dienen. Die Kritik: „Mario, dadurch lerne ich dich zwar persönlich besser kennen – aber fremde Leute finden keinen Zugang zu deinen Berichten und können sie nicht als Reiseführer verwenden.“ Danke, danke und nochmals danke für die konstruktive Kritik – denn genau das wollte ich erreichen 😊. Dieses Feedback gibt mir die dringend erforderliche Motivation, mich weiterhin stundenlang hinter den Bildschirm zu klemmen – obwohl ich nach all den Monaten und Abertausenden Kilometern sowohl körperlich als auch geistig angeschlagen bin. Nochmals tausend Dank! Und genau deshalb überspringen wir die Top-10-TripAdvisor-Bangkok-Sightseeing-Liste – und reisen zu den etwas unbekannteren, aber skurrilen Destinationen der asiatischen Millionenstadt.

Okay – vielleicht noch zwei, drei allgemeine Sätze über das tägliche Leben und Überleben in Bangkok … Stopp! Stopp! Stopp! Lange hat es gedauert – aber nun ist es so weit. Ich wollte euch von Bangkok erzählen – und Murray Heads Ohrwurm 🎶 „One Night in Bangkok“ steigt in mein Gedächtnis empor … und ich bekomme das Musikstück nicht mehr aus dem Kopf. Das Lied stammt aus dem Musical „Chess“ – und wurde von den ABBA-Jungs geschrieben und komponiert. Überspitzt formuliert handelt der Song von einem Schachweltmeister, der sich durch das Nachtleben von Bangkok bewegt. („The queens we use would not excite you“ – „Die Damen, mit denen wir spielen, würden euch nicht erregen.“) … wieder was gelernt. Kennt jemand einen Trick, wie man einen Ohrwurm loswird? … Back to Bangkok!

Die Infrastruktur ist herausragend und einigermaßen leicht zu überblicken. Das Zusammenspiel zwischen der Metro, den öffentlichen Bussen und den kleinen Touristenbooten, die kreuz und quer den Chao Phraya überqueren, funktioniert reibungslos. Die ersten zwei Tage lief ich ausschließlich von Wat zu Wat, um mich mit der buddhistischen Religion ein wenig vertraut zu machen. Für alle Asien-Neulinge: Ein Wat ist ein teils bombastischer, eingemauerter Gebäudekomplex, der überwiegend religiösen Zwecken dient. In Bangkok befinden sich hunderte – schätzungsweise sogar tausende – dieser Bauwerke. Laut vielen Thailand-Reisenden sind die berühmtesten Wats des Landes hoffnungslos überlaufen. Dank der Pandemie konnte ich all diese religiösen Bauwerke exklusiv für mich verbuchen – deswegen kann ich euch leider keine konstruktive Einschätzung geben … aber ich denke, ein Besuch ist auf jeden Fall wert.

Fun-Fact: Der zeremonielle Name Bangkoks in Thai ist der längste Ortsname einer Hauptstadt – er besteht aus 169 lateinischen Buchstaben: Achtung!! Krung Thep Maha Nakhon Amon Rattanakosin Mahinthara Yutthaya Mahadilok Phop Noppharat Ratchathani Burirom Udom Ratchaniwet Maha Sathan Amon Phiman Awatan Sathit Sakkathattiya Witsanukam Prasit. (Wer es schafft, bei meiner Rückkehr den vollen Namen dreimal fehlerfrei auszusprechen, den lade ich umgehend zum thailändischen Essen ein 😉 … ob wir so etwas in Klagenfurt haben? 🤔)

Verbindet man die Begriffe Thailand und Tourismus, lässt sich das Thema Sexindustrie nicht ignorieren. Klischee hin oder her: Was ich bruchstückhaft gesehen und erlebt habe, war abstoßend und im höchsten Maße unmoralisch. Wie ihr bereits im Vietnam-Bericht 🇻🇳 lesen konntet, war es mühsam, durch die engen Gassen der Stadt zu laufen – da mir alle 30 Sekunden „gewisse Dienste“ angeboten wurden. Die illegale Sexindustrie stand wegen der Pandemie im Stillstand – und insofern war ich ein leichtes Ziel. Der augenscheinliche Unterschied zu Vietnam war, dass sich die Freier in Thailand keine Mühe gaben, ihre Perversionen zu verstecken. In beiden asiatischen Ländern ist die Prostitution gesetzlich verboten – aber im Unterschied zu Hanoi oder Hồ-Chí-Minh-Stadt wird das horizontale Gewerbe in Bangkok von der Polizei akzeptiert, toleriert und praktisch nie sanktioniert. Es wird fast ausschließlich Deutsch gesprochen … oder seien wir ehrlich: „Österreichisch“. Ein trügerisches und klassisches Bild, das sich in den engen, verwinkelten und lebhaften Gassen der Millionenstadt abspielt. Deutschsprachige Männer, die ihren Wohlstand genießen, sitzen oberkörperfrei und alkoholisiert auf bunten Plastikhockern – umgeben von Scharen leicht bekleideter, junger Mädchen und Jungs. Und mit „jung“ meine ich verdammt jung!

Bereits beim Einchecken im Miggy Guest House – im südlichen Stadtteil Thung Maha Mek – wurde ich mit diesem fragwürdigen Anblick konfrontiert. Als ich mein kleines Zimmer das erste Mal verließ, lernte ich gegen meinen Willen einen pensionierten Wiener kennen, der mir seine „Kontaktdamen“ aufdrängen wollte. Die Straßen waren eng und finster – und dieser tätowierte, angetrunkene und aufdringliche Kahlkopf wurde zunehmend aggressiver. Ich hatte ein beklemmendes Gefühl, wollte ihn loswerden – aber da er mir Angst bereitete, spielte ich mit und erkundigte mich nach seinen Angeboten.

Bitte festhalten: Er vermietet tageweise junge Mädchen oder Jungs. Sie zeigen wahlweise die Stadt und die Umgebung – und meine einzige Aufgabe wäre es, sie zum Essen oder Trinken einzuladen und gelegentlich eine Kleinigkeit für sie zu kaufen. Seine Abrechnung folgte stunden-, tage- oder sogar wochenweise … weitere Details möchte ich euch ersparen.

Wusstet ihr, dass man vorab ein thailändisches Mädchen oder einen thailändischen Jungen „online“ für eine gewünschte Zeit – bis zu mehreren Wochen – bestellen kann? Offiziell dienen sie als Reiseführer – inoffiziell … ihr könnt es euch ausmalen … einfach nur widerwärtig. Jeder kann zum ältesten Gewerbe der Welt stehen wie er möchte – aber ich bezweifle, dass diese einheimischen Mädchen und Jungs, die auf dem Schoß der pensionierten Sextouristen sitzen, das 14. Lebensjahr bereits abgeschlossen haben. Ein äußerst ironischer Gedanke, den ich im Zuge dieser schockierenden Erfahrung hatte: Ich musste vierzehn Monate durch etwa dreißig verschiedene Länder streifen – um zum ersten Mal vor einem Menschen wirklich Angst zu verspüren … und das war ein frühpensionierter, alkoholisierter Österreicher. Verzeiht mir bitte den kleinen Exkurs – aber dieses Thema wollte ich auf keinen Fall unterschlagen.

Bangkok Sightseeing der etwas anderen Art – Part 1: Als Co-Lokführer durch den Markt (Mae-Klong-Railway-Market).

Im Nachhinein musste ich feststellen, dass dieser eigenartige Markt doch einen höheren Bekanntheitsgrad hat, als zunächst vermutet. (Aber wie bereits erwähnt – in Zeiten des drohenden Lockdowns war es gar nicht so einfach abzuwägen, was die typischen Touristenorte sind und wo die heimlichen Insider-Tipps liegen.) Zugegeben – bevor ich im Königreich Thailand gelandet war, waren mir diese faszinierenden Bilder gänzlich unbekannt. Ein alter Personenzug tuckert durch einen quirligen Markt mitten hindurch. Viele Reisende besuchen den Mae-Klong-Railway-Market – der ca. 30 Kilometer von Bangkok entfernt liegt. Die ursprüngliche Idee dahinter: Man besichtigt den Markt, schlängelt sich die Gassen entlang – und wartet sehnsüchtig, bis der Zug im Bummeltempo einfährt. Nennt es Zufall, Glück oder einfach Unvermögen … bedingt durch das bereits existierende Chaos hatte ich den völlig falschen Ort aufgesucht. Ich war verwirrt und enttäuscht – und wollte wieder in die Hauptstadt zurück. Die einzige Option war ein verwahrlostes Bahnhöfchen, von dem ein Zug Richtung Bangkok fahren sollte. Ich kaufte einen Fahrschein, sprang in den leeren Waggon – und ließ mich im Schneckentempo entlang der Küste Richtung Metropole chauffieren.

An einer Haltestation stiegen ein paar südamerikanische Touristen zu – die bereits die Kameras gezückt hatten und ganz aufgeregt ihre Köpfe aus den offenen Fenstern streckten. Neugier oder Gruppenzwang – wie auch immer – jetzt kapierte ich, dass ich Passagier des Zuges war, der durch den Markt fährt 😅. Die Südamerikaner bestätigten meine Vermutung – und behaupteten, wir wären jeden Moment vor Ort. Ich lief aufgeregt und übermotiviert zum Führerstand. Rechts oder links – links oder rechts – was zur Hölle ist die bessere Seite, um die Einfahrt zu genießen? Der Lokführer erkannte mein planloses Herumtanzen (oder er war einfach nur genervt von mir 😅) – öffnete seine Kabinentür und bot mir den Beifahrersitz an. Einfach nur ein unerwarteter – aber wirklich großartiger Moment …

Bangkok Sightseeing der etwas anderen Art – Part 2: Der schwimmende SPAR (??? Floating Market).

Sei es abermals Zufall, Glück oder verdientes Unvermögen – ich bin an einem dieser berühmt-berüchtigten und surrealen schwimmenden Märkte gelandet. Einfach nur herrlich – das sollte jeder einmal erlebt haben. In den schmalen Kanälen des Khlong-Flusses tummeln sich unzählige kleine Holzboote, die mit jeglicher Form von frischen Waren beladen sind.

Es dauerte einen Moment, bis ich das System „schwimmender Markt“ begriffen hatte. In der Regel versucht man, einen Ruderer zu finden, der einen kreuz und quer durch die Kanäle chauffiert. Rechts rudert eine alte Dame mit frischen Bananen und Papayas vorbei – links erkennt man ein schwimmendes Barbecue, auf dem das Fleisch saftig brutzelt und dampft. Direkt vor mir verhindert nur die routinierte Ruderbewegung meines Captains einen Frontalzusammenstoß mit einem Süßigkeiten-Holzboot.

Ich sag’s euch – hier ist Leben in der Bude. Und obwohl meine gewonnene Reiseroutine das im Grunde verhindern sollte, wurde ich von vorn bis hinten abgezockt – aber wen interessiert es? Das Erlebnis ist einfach großartig – und die Preise sind ohnehin mit unserem europäischen Preisniveau nicht vergleichbar. Die drei Fragezeichen – also nicht die Jugendbuch-Reihe 😅 – die ihr in der Überschrift bestimmt entdeckt habt, sind dem Umstand geschuldet, dass ich in der Nachbetrachtung festgestellt habe, dass es mindestens zehn ähnliche Märkte in der näheren Umgebung von Bangkok gibt. Bedauerlicherweise habe ich keinen blassen Schimmer, welchen Markt ich aufgesucht habe. (Sollte es jemandem von euch gelingen, meine Fotos zuzuordnen – bitte lasst es mich wissen – tausend Dank!)

Bangkok Sightseeing der etwas anderen Art – Part 3: Ein ganz besonderer Friedhof (Airplane Graveyard).

Auch in Bangkok konnte ich der schönsten Nebensache der Welt nachgehen. (Nein – nicht etwa das, was ihr denkt!) Allerdings sollte ich in Thailand diese versehentlichen Zweideutigkeiten vermeiden 😅 … (We talk about Geocaching 😉.)

Einer der leider spärlichen Geocaches trägt den reizvollen Titel „Lost Airplane Graveyard“. Natürlich explodierten bei mir prompt die Alarmglocken – und ich musste mich auf den mühsamen Weg vorbereiten, um diesen Friedhof aufzusuchen. Es brauchte drei bis vier Taxifahrer – nein, ich erkläre es nicht noch einmal – bis einer meine Wunschdestination zuordnen konnte – oder aufsuchen wollte. Diese zweite Möglichkeit kam mir erst in den Sinn, als ich die unmittelbare Umgebung des Friedhofs registrierte 😱. Eines dieser Gebiete, wo man sich zwei- bis dreimal überlegen sollte: Will ich hier wirklich allein herumstreifen? Aber gut – bis jetzt war noch jeder Geocache ein gewisses Risiko wert. Also warum sollte es in den völlig verwahrlosten Vororten von Bangkok anders sein?

Durch einen hohen Stacheldrahtzaun – verziert mit vermutlich vorgetäuschten Überwachungskameras – konnte ich diese fantastische und wildromantische Ansammlung von demolierten Flugzeugwracks erkennen. Aber wie zur Hölle kommt man dort rein? Recherche hin, Recherche her – gerade als ich das Gebiet erkundete, kontaktierte mich eine vertrauenswürdige Person (den Begriff „vertrauenswürdig“ bitte in die Kategorie Sarkasmus einordnen) auf der anderen Seite des Zaunes. Gegen eine kleine Spende öffnete er mir das Tor – und ich hatte die zweifelhafte Lizenz, mich durch die Welt der Wracks zu kämpfen. Das Angebot ließ ich natürlich nicht verfallen – und wenige Momente später stand ich inmitten eines traumhaft malerischen Ortes. (Also – für meine Wahrnehmung traumhaft und malerisch – aber ihr kennt mich ja bereits.)

Warum sich am Rande der Hauptstadt – inmitten eines heruntergekommenen Wohnblockgebietes – ein halbes Dutzend ausrangierter Flugzeuge befindet? Keine Ahnung! Wie sie hier gelandet sind – und welchen tieferen Sinn die ganze Veranstaltung verfolgt? Keine Ahnung! Warum es seltsame Menschen auf der Welt gibt, die von solcher Skurrilität magisch angezogen werden? Keine Ahnung! … aber dieser Ort schenkt dir wieder unvergessliche Eindrücke und Momente – die sich mit einem gewissen Adrenalinstoß äußern und charmant und romantisch anfühlen. (So ganz normal scheine ich nicht zu sein.)

Bangkok Sightseeing der etwas anderen Art – Part 4: Die Grenze wurde überschritten (Rajadamnern Boxing Stadium).

Bestimmt hat jeder von uns seine eigene Meinung zum Thema Kampfsport – und diese werden sich in alle Richtungen verteilen. Muay Thai – a.k.a. Thaiboxen – ist jedem ein Begriff – und womöglich gibt es sogar ein paar von euch, die diesen traditionellen, thailändischen Sport bereits praktiziert haben. Das Rajadamnern Boxing Stadium ist gewissermaßen das Wembley des Muay-Thai-Kampfsports.

Da ich jeder neuen Sportart eine Chance geben möchte – und bisher noch nie enttäuscht wurde (mit Ausnahme des stinklangweiligen Baseballs 🥱) – hatte ich die glorreiche Idee, die Kampfarena aufzusuchen. Abends finden fast täglich Veranstaltungen statt, die die 8.000 Leute fassende Halle restlos füllen. Bereits am Ticketschalter fühlt man sich als nicht tätowierter Weißer ein klein wenig beobachtet und leicht fehl am Platz. (Da tummeln sich Gestalten herum 😱 – könnte Parallelen mit dem Casting einer Stephen-King-Verfilmung haben.) Egal – Ticket gelöst und rein in die warme Stube. Sitzplätze oder irgendeine Form von Struktur existieren nicht. Stellt euch die Halle folgendermaßen vor: Im Zentrum befindet sich – etwas tiefer gelegen – ein Kampfring – und rundherum steht das Publikum und sorgt für irrsinnigen Wirbel. Die erste Erkenntnis: Der Sport steht an zweiter Stelle – die Prioritäten sind dem Wetten gewidmet. Ich habe versucht, dieses System mehr oder weniger zu durchschauen – aber keine Chance. Ich kannte es bisher nur aus Hollywoodfilmen. Im wirren Getümmel rennen hunderte Thais herum und wedeln aufgeregt mit weißen Zetteln durch die Gegend. Im Laufe des Abends hat letztendlich jeder Besucher mindestens ein Stück Papier in der Hand – fuchtelt damit herum – und gibt irgendwelche seltsamen Laute von sich.

Befassen wir uns mit dem Sport an sich. Es gibt Gewichts- und Altersgruppen, die sich gegenseitig in die Fresse hauen. Sportlich gesehen ergibt diese Einteilung natürlich Sinn – aber mir war nicht bewusst, dass sich Kinder (maximal 12 bis 14 Jahre) halb totprügeln. Je intensiver der Kämpfer seinen Kontrahenten per Dropkick trifft, desto mehr tobt die Menge. Wenn der Unterlegene halb benommen durch den Ring taumelt und seine restliche Tracht Prügel bezieht – zuckt die Manege vollkommen aus. Sport? Erklärt mir das!

Mein Fazit: Es fällt mir äußerst schwer, eine konstruktive Schlussfolgerung zu ziehen – da die Welt bereits ihre Normalität abgelegt hat. Überfüllte Touristenorte? Schnelllebiges, blankes Chaos? Fehlanzeige! Bangkok ist außerordentlich facettenreich und ein kulinarischer Hochgenuss – aber ich bin leider nicht im Bilde darüber, wie überlaufen die Metropole in einer normalen Welt ist. Die Erfahrung mit den größten Landlebewesen der Welt? Was soll ich dazu noch sagen – wenn ich euch damit nicht mitgerissen habe, womit sonst?

Sicherheit: Der rote Faden zieht sich unverändert durch die asiatischen Länder. Abgesehen von unseren peinlichen Landsleuten hatte ich niemals Bedenken.

Kosten: Im Zuge des Massentourismus sind auch in Thailand die Preise explodiert – was allerdings noch immer bedeutet, dass sie weit unter dem europäischen Niveau liegen. Je weiter weg von den Touristen-Hotspots – desto günstiger die Preise. (Diese These gilt natürlich für jede Großstadt auf unserer Erde.)

… nun erreichte mich doch noch eine Reisewarnung – deswegen besuchen wir das vielleicht letzte pandemiefreie Gebiet Asiens: auf nach Singapur 🇸🇬 …

 

Hier geht’s zu Kapitel 45 Singapur 🇸🇬