Kapitel 15 – 🇯🇴 Jordanien
Habt ihr euch schon einmal mit Jordanien auseinandergesetzt? Blickt einmal auf die Weltkarte! Jordanien ist eingekreist von den politischen Brennpunkten Israel 🇮🇱, Syrien 🇸🇾, Irak 🇮🇶 und Saudi-Arabien 🇸🇦. Eingezäunt von Terror, Krieg, Leid und Menschenrechtsverletzungen – und trotzdem gehört Jordanien zu den sichersten und stabilsten Ländern der Erde. Wie ist so etwas möglich? Obwohl es kaum natürliche Rohstoffe gibt, ist Jordanien ein wohlhabender Staat. Ich erzähle euch vom vielleicht schönsten Ort unseres Planeten, davon, wie es in der antiken Stadt Petra wirklich aussieht – und von einem Zitat, das mich bis ans Ende meines Lebens begleiten wird.
Da ich eure kostbare Zeit nicht allzu lange in Anspruch nehmen möchte, nur so viel: Die Einreise nach Jordanien ist komplizierter als gedacht. Solltet ihr Fragen haben oder Unterstützung brauchen – ihr wisst Bescheid.
Einen Teil meiner Jordanien/Israel-Reise buchte ich mit einer Reiseagentur, die genau das anbietet, was ich suche. Die Agentur nennt sich G Adventures und hebt sich deutlich von allen anderen ab. Da euch dieser Name im Laufe des nächsten Jahres hoffentlich noch öfter begegnen wird, erkläre ich kurz, worauf sich G Adventures spezialisiert hat.
✔ Spezialisiert auf aktive Touren – es gibt ein Alterslimit, man sollte körperlich fit sein.
✔ Perfekt für Alleinreisende – maximal 14 Personen, und wir waren fast alle Alleinreisende aus allen Teilen der Welt.
✔ Legt Wert auf Nachhaltigkeit und fördert regionale Projekte – weit weg vom kommerziellen Tourismus.
✔ Finanziell günstig – man verzichtet dafür auf jegliche Form von Luxus.
✔ Schwerpunkte sind Kultur, Natur und Religion – fernab des Massentourismus.
✔ Ein lokaler Guide begleitet die Gruppe, aber es gibt kaum einen fixen Zeitplan – sehr flexibel, und man kann jederzeit alles auch auf eigene Faust erkunden.
Das Motto dieser Agentur in einem Satz: „We are travellers, we are no tourists.“
Bevor wir über die politische und religiöse Situation in Jordanien sprechen, lasst uns träumen – und reist gemeinsam mit mir zur weltberühmten Wüstenstadt Petra. Der Name leitet sich vom griechischen Wort „petros“ ab und bedeutet Felsen. Petra ist eines der sieben neuen Weltwunder – und würde das Wort „Wunder“ nicht bereits existieren, müsste man es dafür neu erfinden. In den letzten Wochen und Monaten habe ich dreizehn Reiseberichte geschrieben – aber dies ist der erste, der mich zwingt, immer wieder neu anzufangen, weil ich schlicht keine Worte finde, um euch die Faszination dieses Ortes zu erklären.
Ich habe einen Vorschlag: Zuerst gebe ich euch eine kleine Denkaufgabe, dann ein paar Fakten – und dann lade ich euch ein, mit mir mitzukommen. Einverstanden?
Ihr fragt euch vermutlich: Was sind eigentlich die anderen sechs Weltwunder? Vielleicht habt ihr das eine oder andere schon gesehen? Überlegt in Ruhe – und bitte nicht googeln! Fragt eure Freunde oder eure Familie, aber denkt selbst nach … wir dürfen nicht immer alles googeln! Die Auflösung gibt es am Ende des Reiseberichts. Nein – auch nicht runterscrollen 🤣.
Es wird angenommen, dass Petra um 312 v. Chr. gegründet wurde – damit wäre sie eine der ältesten Städte der Welt. Und obwohl man kaum ahnt, wie gewaltig diese Wüstenstadt ist: Die Archäologen haben bisher gerade einmal 20 Prozent freigelegt. Der Rest schlummert noch immer unter dem glühend heißen Sand Jordaniens. Die weitere Ausgrabung wird bewusst um Jahrzehnte – vielleicht sogar Jahrhunderte – verzögert, um diese Faszination für kommende Generationen zu bewahren.
Entdeckt wurde Petra erst 1812 von einem Schweizer Archäologen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass noch Tausende Königsgräber und Katakomben unter der Erde verborgen sind. Petra diente mehreren Hollywood-Produktionen als Kulisse – darunter die Mumien-Trilogie und die Indiana-Jones-Filme –, was einen Tourismusboom auslöste, der der Wüstenstadt nicht gutgetan hat. Die Behörden regulieren den Besucheransturm mittlerweile intensiv, um bleibende Schäden so gering wie möglich zu halten. Wir müssen uns jedoch keine Sorgen machen – unsere Tickets sind rechtzeitig organisiert, und da Petra nahe der syrischen Grenze liegt, ist der Tourismus in Jordanien derzeit fast vollständig zum Erliegen gekommen.
05:00 Uhr morgens – der Weckruf reißt uns aus den Federn. Schnell alles zusammenpacken und hinunter in die Lobby, denn ein nahrhaftes jordanisches Frühstück wartet. Um 06:00 Uhr öffnen sich die Tore Petras – wir werden die Ersten und vorerst Einzigen vor Ort sein, um der Hitze zuvorzukommen und die Stille zu genießen. Ein altersschwacher Bus bringt uns zum Eingang, der mitten in absoluter Abgeschiedenheit liegt. Tickets gelöst, und wir folgen unserem G-Adventures-Guide Ayman, der uns durch die engen Schluchten führt. Die Temperaturen sind noch angenehm kühl, aber die Sonne schiebt sich bereits langsam über den Horizont. Absolute Totenstille, keine anderen Menschen, keine künstlichen Geräusche – nur wir, unsere kleine Reisegruppe und Ayman, der sein Wissen mit uns teilt.
Der erste Pfad – der Siq – führt gut zwei Kilometer quer durch die Schlucht, und die aufgehende Sonne taucht den Sandstein bereits in ein wunderbares Farbenspiel. Die Felswände werden höher und höher – so hoch, dass wir kaum noch ihr Ende erkennen können. Der staubige Sandboden glitzert in einer märchenhaften Kombination aus Rot, Orange und Gelb, der Siq wird immer enger und tiefer. Allein dieser Pfad löst eine Gänsehaut aus, die wir uns so nie hätten vorstellen können. Die sanfte Stille wird nur durch das Trampeln der Kamele und Esel unterbrochen, die an uns vorbeieilen. Die Faszination nimmt kein Ende – ein fulminantes Licht- und Schattenspiel begleitet uns durch die immer enger werdende Schlucht.
Wie ein Blitzschlag trifft uns dieser Anblick. Das Khazne al-Firaun – das berühmteste Mausoleum der Welt, von den Beduinen das Schatzhaus des Pharao genannt – ragt vor uns empor. Es ist unfassbar … nicht in Worte zu fassen, mit welcher Wucht uns dieser Augenblick trifft. Mit offenem Mund und Gänsehaut bis in die Zehenspitzen stehen wir da, blicken uns an und fragen uns: Wie war es möglich, dass Menschen ohne jegliches technisches Hilfsmittel ein solches Monument erschaffen konnten?
Langsam kehrt Leben in die Wüstenstadt ein – die ersten Beduinen ziehen mit ihren Kamelherden an uns vorbei und bauen ihre Verkaufsstände auf. Ayman versammelt uns, wir suchen uns ein schattiges Plätzchen und lauschen seinen Erzählungen. Kennt ihr die Zeichentrickserie „Es war einmal das Leben“, wo der weißbärtige alte Mann seine Geschichten erzählt und die Kinder am Boden sitzen und aufmerksam zuhören? Besser lässt sich dieser Moment nicht beschreiben.
Petra ist schier endlos groß – man braucht mehrere Tage, um die antike Stadt wirklich zu erkunden. Ayman schlägt uns einige Wanderungen vor und warnt uns nochmals vor der anstehenden Hitze und der trockenen Luft.
Wir entscheiden uns für den Aufstieg zum Kloster Ad Deir – vermutlich das größte Monument Petras, das vergleichsweise selten besucht wird. Der Grund liegt buchstäblich unter unseren Füßen: Mehr als 1.000 steile und anstrengende Stufen führen den engen Pfad hinauf. Sie sind in den Felsen gemeißelt, wechseln ständig Richtung und Höhe und machen den Aufstieg stellenweise unerträglich. Der Schweiß tropft, die Kleidung klebt auf der Haut, wir bleiben immer wieder stehen, um durchzuatmen und zu trinken. Dazu gilt es aufzupassen, nicht von vorbeilaufenden Eseln umgerannt zu werden – die Tiere werden mit Nahrungsmitteln und Utensilien beladen und bahnen sich ihren eigenen Weg durch die Felsen. Der Esel weicht nicht aus – also Achtung, um einen tierischen Zusammenstoß zu vermeiden.
Wir passieren steile Schluchten und kleine Beduinenlager, unter deren Zelten wir kurz Schatten suchen und die Wasservorräte auffüllen. Aktuell leben noch rund 2.000 Beduinen in Petra, die Besucher laufend mit Wasser versorgen. Das klingt wenig romantisch – aber ohne diese schattigen Zwischenstationen wären diese Wanderungen kaum zu bewältigen. Die Sonne brennt nun gnadenlos, die Atmung wird schwerer, die Beine zittern 🥵 … aber wie weit ist es noch? Der Aufstieg wird zur reinen Qual – doch wir kämpfen uns gemeinsam hinauf. Vor wenigen Tagen waren wir noch Fremde aus allen Ecken der Welt, jetzt sind wir Freunde. Kurz bevor die ersten Gedanken des Aufgebens aufkommen, haben wir die letzten Stufen bezwungen. Unfassbar! Dieses märchenhafte Kloster! Als hätten wir den Mount Everest erklommen, lächeln wir uns an – und denken: einfach unfassbar.
Durchatmen, genießen, Kräfte sammeln, zum hundertsten Mal Sonnencreme auftragen 😅 – und diesen Augenblick in sich aufnehmen. Stative und Kameras werden ausgepackt, wir posieren für die besten Fotos und haben jede Anstrengung vergessen. Verdammt, so fühlt sich das Leben an! Ihr denkt, das war es? Oh nein – weit gefehlt. Aymans Worte: „Solltet ihr es wirklich lebend bis zum Kloster schaffen, müsst ihr noch weiter rauf. Folgt dem Pfad – ihr werdet es mir danken.“
Was meint er damit? Was soll diesen Moment noch überbieten? Aber die Neugier ist bekanntlich des Reisenden größter Feind – also weiter. Die Kräfte vereint, immer den engen Pfad hinauf, vorbei an Felsen, durch enge Schluchten – bis wir verstehen, was Ayman uns zeigen wollte. Aus der Ferne sehen wir ein kleines hölzernes Schild: „Desert View“. Wenige Minuten später erleben wir wohl den imposantesten Ausblick, den ein menschliches Auge je erblicken konnte – ein überwältigender Blick auf die Wüste Arava mit ihrer farbenfrohen Mischung aus verschiedenen Gesteinsschichten. An der Kuppe steht ein kleines Beduinenzelt – wir werden eingeladen, uns zu setzen und auszuruhen. Die Beduinen versorgen uns mit Tee und getrockneten Früchten, wir spielen mit den ansässigen Kätzchen – ich natürlich mit den Eseln 😅 – und erleben unseren nächsten magischen Moment.
Ich hoffe, dieser kleine Einblick hat euch gefallen. Am Nachmittag erkundeten wir noch einen weiteren Aussichtspunkt, durchforsteten Höhlen und Katakomben, tranken türkischen Kaffee und jordanischen Tee und ließen uns von den Aromen ätherischer Öle verzaubern. Eine besondere Überraschung hatte Ayman noch für uns: Er stellte uns einen alten Freund vor, der in den Höhlen Petras geboren wurde – und die nächste magische Reise begann, als uns dieser Mann von seiner Kindheit und Jugend erzählte.
So wunderbar und märchenhaft dieser Ort auch ist – einen kritischen Punkt muss ich ansprechen, der mir das Herz zerrissen hat. Wie ihr wisst, erfordern die Wanderungen eine gewisse körperliche Fitness. Leider häuften sich die Bilder westlicher Touristen, die sich von Eseln durch Petra tragen lassen. Die Tiere keuchen und leiden sichtlich – es fällt schwer, nicht einzuschreiten. G Adventures verurteilt jede Form von Tiertourismus aufs Schärfste 😡. Also lasst bitte ausnahmslos die Finger davon – nur so können wir etwas verändern. Und ich bin mir sicher: Ihr steht da vollkommen hinter mir.
„I’m a Believer, I’m not a Follower!“
Aymans Zitat begleitet mich auf Schritt und Tritt – ich werde es ein Leben lang zitieren. Die Botschaft ins Deutsche zu übersetzen ist schwierig, aber ich denke, ihr könnt mir folgen. Glaube und Religion spielen in Jordanien selbstverständlich eine wichtige Rolle – aber es gibt moralische Grenzen, und die werden eingehalten und respektiert. Die Gleichberechtigung der Frauen ist in Jordanien bemerkenswert, Menschenrechte werden respektiert und geschätzt. Man darf lieben und heiraten, wen man will – und obwohl die Todesstrafe noch immer vollzogen wird, regiert das Rechtssystem. Im Vergleich mit den anderen Ländern des Nahen Ostens hat Jordanien diesen Status für sich allein. Es ist das lebendige Herz der Region und hält den Frieden so gut wie möglich aufrecht. Obwohl das Land nur über geringe Ressourcen verfügt und unter anderem keine eigenen Erdölquellen hat, gilt es als stabil, wirtschaftlich vorbildlich, sicher und weitgehend korruptionsfrei. Seit der Syrienkrise 🇸🇾 brechen auch die Einnahmen aus dem Tourismus fast vollständig weg – und dennoch funktioniert das alltägliche Leben … wie ist so etwas möglich?
✔ Jordanien investiert stark in Bildung. Schulen und Universitäten haben europäisches Niveau und werden teilweise auf Englisch geführt. Viele Jordanier arbeiten in den benachbarten arabischen Ölstaaten und schicken Geld nach Hause, das die heimische Wirtschaft mitfinanziert.
✔ Jordanien erhält jährlich Milliardenhilfen aus der westlichen Welt – als Gegenleistung für seine stabilisierende Rolle im Nahen Osten. Mit Diplomatie, Neutralität und Geschick wird verhandelt, um Konflikte und weitere Kriege zu verhindern. Wenn wir uns die prekäre geografische Lage vor Augen führen, wird Aymans These nachvollziehbar: Würde Jordanien in einen Krieg hineingezogen, ginge der gesamte Nahe und Mittlere Osten – und in der Folge die ganze Welt – in Flammen auf.
Dieses Königreich hat in den letzten Jahren zwei Millionen Schutzsuchende aufgenommen und erfolgreich integriert. Natürlich ist die Migrationspolitik eines muslimischen bzw. arabischen Landes nicht mit jener einzelner europäischer Staaten vergleichbar – aber die Zahl von zwei Millionen Flüchtlingen hat mich dennoch sehr überrascht.
Anfangs habe ich versprochen, euch zum schönsten Ort unseres Planeten zu bringen – aber nein, das war nicht unsere zauberhafte Wüstenstadt … ihr werdet es gleich erfahren.
Kurzer Auszug aus dem Tagebuch eines G-Adventures-Reisenden:
Nach der täglichen Hitzeschlacht und dem absoluten Höhepunkt in Petra hatte unsere Agentur eine kleine Überraschung für uns parat. Die vorgebuchten Unterkünfte sind grundsätzlich schlicht und einfach gehalten – aber heute wurden wir verwöhnt. Bevor wir unser nächstes Ziel ansteuerten, legten wir eine Nacht in einem kleinen jordanischen Hotel ein. Für viele von euch vielleicht das Normalste der Welt – für mich eine völlig neue Erfahrung. Dieses kleine Hotel hatte einen Pool auf dem Dach! Nur für uns! Den ganzen Abend lagen wir mit gekühlten Getränken am und im Pool und ließen die Petra-Emotionen auf uns wirken. Ich weiß, ihr versteht das nicht – aber hey: ein Swimmingpool!
Der schönste Ort unseres Planeten trägt einen Namen: Wadi Rum! Ein Großteil Jordaniens besteht aus Trockenebenen und Wüsten, und ja, wir wissen, wie Wüsten aussehen können, aber wir hatten nicht den kleinsten Hauch einer Ahnung, was uns die Natur hier geschenkt hat.
Wadi Rum gilt als schönste Wüste der Welt. Meine Wüsten Erfahrungen halten sich zwar noch in Grenzen, aber ich denke, ich kann diese Theorie hundertprozentig unterschreiben. Kräfte neu gesammelt (Pool sei Dank 😅) geht es mit den Geländewagen tief in die Wüste hinein. Zwischen den Felsen wurde ein kleines Lager für uns vorbereitet, wo ein traditionelles Barbecue auf uns wartet. Um ehrlich zu sein, ich habe nicht die leiseste Ahnung, was ich dort gegessen habe, aber es war himmlisch. Wir entspannten uns ein wenig, unterhielten uns über Gott und die Welt und warteten aufgeregt auf unsere Wüstensafari durch die magische Welt der Wadi Rum. Los geht’s! Wir klettern rauf, auf die Jeeps, halten uns einwandfrei fest und lassen unser Abenteuer beginnen.
Querfeldein, oder Offroad, wie man es besser bezeichnet, düsen wir die atemberaubenden Sanddünen bergauf und bergab. Der Fahrtwind kühlt unsere erhitzte Haut und wir verlieben uns, mit jeder Minute mehr, in diese atemberaubende Landschaft. Zum Glück habe ich euch noch einen Platz freigehalten:
Macht schon Spaß, oder? Aber die Krönung wartet bereits.
Die Jeeps parken auf einer leichten Erhöhung, wir springen von den Fahrzeugen, legen uns auf die Dünen und beobachten die Sonne, wie sie langsam hinter dem Horizont versinkt. Ich spüre die zarten Sandkörner zwischen meinen Handflächen, den sanften Wind auf meiner Haut – und sehe diesen Tag langsam ausklingen. Ein Sonnenuntergang in der schönsten Wüste der Welt? Traumhaft! Wunderschön! Mega kitschig! Atemberaubend! Märchenhaft! All diese Worte müsst ihr mit Unendlich multiplizieren – und sie beschreiben dennoch nicht annähernd das Gefühl, das dieser Anblick auslöst.
Ist das Ganze noch zu überbieten? Aber selbstverständlich! Der letzte Sonnenstrahl verschwindet hinter dem Horizont, wir springen zurück auf unsere Geländefahrzeuge und warten auf die beste Nacht unseres Lebens. Ein Lagerfeuer erwartet uns – denn diese Nacht verbringen wir mitten im Wadi Rum unter freiem Sternenhimmel. Das Fleisch wird aufgespießt und über dem offenen Feuer gegrillt – und obwohl Jordanien ein „Dry Country“ ist, hat Ayman dafür gesorgt, dass wir auch getränkemäßig bestens ausgestattet sind. Den ganzen Abend und die halbe Nacht erzählt uns Ayman Geschichten aus seinem Leben in Jordanien. Dieser Mann ist der beste Geschichtenerzähler, dem ich je begegnet bin. Die Art, wie er spricht, wie er die richtigen Worte betont, wie er innerhalb weniger Augenblicke von herzlichem Lachen in Euphorie und anschließend in stille Demut umschalten kann – einmalig. Kein Film der Welt könnte den Inhalt und die Spannung seiner Erlebnisse so fesselnd wiedergeben. Jeder Einzelne verfällt seiner Welt. Diese absolute Ruhe, diese Weite, dieses Gefühl der Einsamkeit – und gleichzeitig der Verbundenheit – sind unbeschreiblich.
Zeit, Stress, Wut, Trauer, Ärger – das alles existiert hier nicht. Es gibt nur die Natur, das weite Universum und ein paar fremde Reisende, die zu Freunden werden und den Geschichten eines wunderbaren Menschen verfallen. Würde mich jemand fragen? Ja, ohne Zweifel: The best moment of my life!
Und dieser Sternenhimmel … so einmalig, dass ich den Blick einfach nicht abwenden kann. Zwei liebenswürdige Engländerinnen beichten mir, dass sie in ihrem ganzen Leben noch nie eine Sternschnuppe gesehen haben. Allein in dieser Nacht haben sie wohl mehr gesehen als alle Engländer zusammen. Eigentlich hätten wir in kleinen Zelten schlafen sollen – aber am Ende bauten wir die Betten auseinander, zogen die Matratzen in den Wüstensand, bildeten einen Kreis und schliefen unter dem Sternenhimmel ein.
Ich kann mich noch gut an diesen Moment erinnern: Ich blicke in den Himmel und flehe und bete – lass diesen Moment niemals enden, die Erde soll aufhören sich zu drehen, und dieser Augenblick soll zur Ewigkeit werden.
Ich möchte euch noch jemanden vorstellen. In Jordanien leben schätzungsweise eine halbe Million Beduinen. Bei der Erkundung des Landes sieht man viele aufgebaute Zelte, in denen diese Menschen wohnen. Sie leben jedoch nicht, wie oft angenommen, in der Steinzeit oder ohne moderne Technologie. Sie haben Mobiltelefone, Strom, Fernsehen und teilweise sogar motorisierte Fahrzeuge – nicht nur Kamele und Esel. Aber sie leben in ihrer eigenen Gesellschaft und ihrer eigenen Welt. Wie Nomaden durchqueren die Beduinen die jordanische Wüste und haben ein eigenes Rechtssystem. Derzeit leben 14 verschiedene Clans, abgeschirmt von jeglicher Zivilisation, in Jordanien. Ayman erzählt uns von ihrem Alltag, wovon sie leben, welchen Status sie im Land genießen und vieles mehr. Allein über dieses faszinierende Thema könnte ich ein eigenes Buch schreiben – und würde es euch liebend gerne vorlesen.
Ein Auszug aus Aymans Erzählungen – und vielleicht auch bald aus meinem ersten publizierten Meisterwerk 😉.
Vor einigen Monaten wurde ein Beduine von der Terrororganisation IS gefangen genommen und getötet – live im Internet übertragen. Dieser Beduine gehörte einem Clan mit mehr als 10.000 Mitgliedern an, die über das ganze Land verstreut sind. Der gesamte Clan – sie bezeichnen sich schlicht als „Familie“ – wurde zusammengerufen, ritt über die Grenze nach Syrien 🇸🇾 und suchte den Mörder. Schwer bewaffnet stürmten die Beduinen das syrische IS-Dorf, in dem sich der Attentäter befand. Sie wollten weder einen Krieg anzetteln noch wahllos Terroristen töten – es zählte einzig die Vergeltung. Sie schrecken vor nichts zurück, opfern ihr Leben ohne Rücksicht auf Verluste und sind gefährlicher als jede reguläre Armee. Der IS hatte nicht gewusst, dass er einen Beduinen getötet hatte, und übergab den Mörder umgehend. Er wurde noch vor Ort geköpft, um weiteres Blutvergießen zu verhindern: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Ayman war gerade in Amman unterwegs, als Hunderte Beduinen auf ihren Pferden zurückritten und den gesamten Verkehr zum Erliegen brachten. Der Clan versammelte sich in den Straßen der Stadt, die Polizei sperrte die Gebiete, regelte den Verkehr und ließ die Beduinen ihr Treffen abhalten. Sie genießen einen sehr hohen Stellenwert in Jordanien, da sie sich ausnahmslos loyal und integer verhalten. Die Zusammenkünfte der Clans finden in städtischen Gebieten statt, werden vorab angekündigt und von der örtlichen Polizei begleitet. Ayman erzählt uns, dass diese Treffen mehrere Tage dauern können. Die Beduinen schlagen ihre Zelte vor Ort auf – und der ganze Stadtteil kommt zum Erliegen. Unvorstellbar, oder? Stellt euch vor, ihr spaziert über den Jakominiplatz in Graz und werdet … na ja, lassen wir das …
Solltet ihr einmal in der Wüste die Orientierung verlieren, werden euch die Beduinen retten und im Notfall auch gesund pflegen. Sie versorgen euch mit Tee und Trockenfrüchten – aber ihr dürft nie länger als drei Tage bleiben. Sie nehmen verloren gegangene Touristen, Abenteurer, Schutzsuchende und wen auch immer auf – ohne Unterschied. Bleibt ihr länger als drei Tage, zählt ihr nicht mehr als Gast und müsst einen triftigen Grund vorweisen. Sie verlangen weder Geld noch Wertgegenstände – sie helfen euch einfach. Aber ihre Regeln müsst ihr respektieren und einhalten. Und die wichtigste: Verlasst niemals ohne Begleitung und Zustimmung euer Zelt. Ihr werdet nie wieder zurückfinden – und betretet ihr ein fremdes Zelt, etwa das der Kinder oder der Frauen, dann Gnade euch Gott. Das Zusammenleben zwischen der Bevölkerung und den Beduinen funktioniert reibungslos, weil beide Seiten die gegenseitigen Regeln respektieren. So – jetzt höre ich mit meinen Beduinen-Geschichten auf, obwohl ich noch einige hätte. Interessant sind sie schon, oder? Was denkt ihr?
Eine weitere antike Stadt möchte ich euch noch vorstellen – eine, die jede griechische Ausgrabungsstätte wie ein Minimundus aussehen lässt. Gerasa liegt im Norden Jordaniens und ist der wahr gewordene Traum für alle Hobbyarchäologen. Hunderte Säulen, zahlreiche Tempel und ein Amphitheater, das sogar Epidauros in den Schatten stellt – alles zu erkunden. In Gerasa gibt es weder Aufpasser noch aufdringliche Verkäufer, geschweige denn internationale Touristen. Ich lasse hier einfach die Galerie sprechen – denn langsam muss ich meinen Weg fortsetzen.
Jeden Abend philosophieren wir über die Zukunft Jordaniens und des Nahen Ostens. Ayman ist sich jedoch einer Sache sicher: Die Landkarten werden bald neu geschrieben. Syrien werde in drei unterschiedliche Territorien aufgeteilt – Schiiten, Sunniten und Kurden. Das sei der einzige Weg zum lang ersehnten Frieden. Ayman betont, dass er sich sicher und wohl fühlt – aber jeden Morgen überprüft er die aktuellen Nachrichten. Denn wie es weitergeht, weiß niemand.
Mein Fazit: Wohl eine der schönsten Wochen meines Lebens – geteilt mit großartigen Menschen. Jordanien ist jeden Besuch wert, allerdings würde ich von einer Individualreise abraten. Nicht aus Sicherheitsgründen – sondern weil man Einheimische braucht, die einem beibringen, diesen Wüstenstaat wirklich zu verstehen. Bei all der Euphorie, dem Wissen und den sagenhaften Momenten, die ich in Jordanien erleben durfte, musste ich dennoch eine Sache lernen, auf die ich nicht vorbereitet war: diesen wunderbaren Menschen für immer Lebewohl zu sagen 🙁.
Ah ja, da war ja noch etwas:
✔ Taj Mahal in Indien 🇮🇳 ✔ Chichén Itzá in Mexiko 🇲🇽 ✔ Große Mauer in China 🇨🇳 ✔ Cristo Redentor in Brasilien 🇧🇷 ✔ Kolosseum in Italien 🇮🇹 ✔ Machu Picchu in Peru 🇵🇪
… und meine persönliche Warteliste, falls es jemanden interessiert:
✔ Akropolis in Griechenland 🇬🇷 ✔ Alhambra in Spanien 🇪🇸 ✔ Angkor Wat in Kambodscha 🇰🇭 ✔ Freiheitsstatue in den USA 🇺🇸 ✔ Hagia Sophia in der Türkei 🇹🇷 ✔ Fushimi Inari-Taisha in Japan 🇯🇵 ✔ Kreml in Russland 🇷🇺 ✔ Opernhaus in Sydney 🇦🇺
Sicherheit: Zwiegespalten: Bei Ein- und Ausreise ist man verständlicherweise nervös – viele Kontrollen, bewaffnete Soldaten, meterhohe Stacheldrahtzäune und Minenfelder. Im Land selbst habe ich mich jedoch jede Sekunde sicher gefühlt. Die größte Gefahr ist die Hitze und das Dehydrieren. Die aktuelle Lage vorab unbedingt prüfen und die Einreise über den internationalen Flughafen Amman buchen.
Kosten: Jordanien hat ein hohes Lebensniveau und ist kostspielig. Das tägliche Leben ist mit unserem vergleichbar – und allein das Einreisevisum schlägt mit rund 100 Euro zu Buche.
Während ihr euch mit Israel vertraut macht, sitze ich bereits im Flugzeug auf der Suche nach der ominösen Oligarchentochter 🤣 – Moscow is calling 🇷🇺!
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