Kapitel 7 – 🇱🇹 Litauen

Hände hoch! Wer von euch hatte nicht immer schon den insgeheimen Wunsch, einmal durch Litauen zu reisen? Ach, gleich so viele! Eure Meinung wird sich ändern, passt auf. Litauen, ist ein Staat, welcher mir emotional einiges abverlangt hat. Ich war den Tränen nahe, vollkommen fasziniert und komplex, dann wieder unter Schockstarre und anschließend wieder komplett verzaubert, von dieser äußeren und inneren Schönheit eine kontinuierliche Achterbahn der Emotionen. Ich berichte euch vom traurigsten Ort des Landes, vom wohl merkwürdigsten Hügel, den die Welt je gesehen hat, von schrillen Bunkern und feuerbrünstigen Ukrainerinnen.

Geografielehrstunde: Litauen ist das südlichste und gleichzeitig das unscheinbarste der drei baltischen Länder – eine ehemalige UdSSR-Region, was die Geschichte des Landes so faszinierend macht. Um die Verwechslungsgefahr zu vermeiden und damit wirklich jeder weiß, wo Litauen liegt, starten wir von Norden nach Süden (also für die Nichtgeografen: von oben nach unten 😉) – Estland 🇪🇪 – Lettland 🇱🇻 – Litauen 🇱🇹! Nochmal zusammen! Estland 🇪🇪 – Lettland 🇱🇻 – Litauen 🇱🇹! Und wie merken wir uns das? Genau – es ist alphabetisch gereiht 😉. Diese Intelligenz, die geografische Lage mit dem Alphabet zu vereinen, kenne ich sonst nur noch vom Wörthersee: (von Ost nach West) KlagenfurtKrumpendorfPörtschachVeldenVillach 😅 (wieder was gelernt).

Starten wir in der Hauptstadt Vilnius. Riga (Lettland) und Tallinn (Estland) sind wunderschöne Städte – Vilnius ist mehr oder weniger die graue Maus, sozusagen das Aschenputtel der baltischen Hauptstädte.

Im Stadtkern gibt es nicht allzu viel zu sehen: eine kleine, unschöne Burg auf einem noch unschöneren Hügel, drei riesige weiße Kreuze auf dem nächsten kahlen Hügel und eine graue, trübe Brühe namens Neris, die durch die Stadt fließt. Die Altstadt ist ein UNESCO-Welterbe – verziert mit alten, gepflasterten, kleinen Gassen, vielen Kirchen (die gotische St.-Anna-Kirche ist mit ihrer Eigenart und Baustruktur hervorzuheben) und der atemberaubenden Kathedrale St. Stanislaus und St. Ladislaus mit ihrem freistehenden Glockenturm – aber das war es eigentlich schon.

Aber dann gibt es noch diesen faszinierenden Stadtteil namens Užupis. Die Republik Užupis ist ein eigener Staat in der Stadt (ähnlich wie der Freistaat Christiania in Kopenhagen 🇩🇰). Die Republik wird von einem Fluss umgeben und ist nur durch drei Brücken passierbar. Užupis war lange das Judenviertel. Die Bevölkerung wurde durch den Holocaust gänzlich ausgelöscht, anschließend wurden die Gebäude von den Sowjets zerstört bzw. leergeräumt – und diese verfallenen Ruinen wurden wiederum von Obdachlosen und Kriminellen besetzt. Zur Hochzeit wollte nicht einmal mehr die staatliche Polizei einen Fuß in dieses Gebiet setzen. Hört sich auf den ersten Blick richtig einladend an, oder? Aber keine Angst – ich bin bei euch. Also auf zu einem einzigartigen Spaziergang durch die selbsternannte Republik Užupis.

Was erkennen wir? Wir sehen viele Galerien, abstrakte Kunstobjekte, bunte Häuser, lustige Monumente und reihenweise Dinge, die man als Kunstwerke bezeichnen kann. In den letzten zwanzig Jahren haben sich viele freischaffende Künstler angesiedelt. Maler, Dichter, Bildhauer – alles, was dieses Land an kreativen und innovativen Köpfen zu bieten hat, wohnt in Užupis und stellt seine Werke zur Schau. Das größte Kunstwerk wurde aber die Republik selbst – man ernannte einen Präsidenten, führte eine eigene Flagge ein und erstellte eine eigene Verfassung mit 41 „Regeln“, welche in 23 Sprachen auf riesigen Glaswänden aufgelistet sind. Die komplette deutsche Version könnt ihr bei den Fotos sehen, hier ein paar Auszüge:

✔ Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, ist hierzu jedoch nicht verpflichtet.

✔ Jeder Mensch hat das Recht, sich zu irren.

✔ Jeder Mensch hat das Recht, einzigartig zu sein.

✔ Jeder Mensch hat das Recht, zu faulenzen oder nichts zu tun.

✔ Jeder Mensch hat das Recht, für seinen Hund zu sorgen, bis einer von beiden stirbt.

✔ Ein Hund hat das Recht, Hund zu sein.

✔ Eine Katze ist nicht verpflichtet, ihren Hausherrn zu lieben, aber in schweren Momenten muss sie ihm beistehen.

✔ Jeder Mensch hat das Recht, manchmal nicht zu wissen, ob er Verpflichtungen hat.

✔ Jeder Mensch hat das Recht, seine Nichtigkeit und seine Größe zu begreifen.

✔ Jeder Mensch hat das Recht, seinen Geburtstag zu feiern oder nicht zu feiern.

Wir verabschieden uns von der Zivilisation und starten unsere wundersame Reise mit dem Mietwagen quer durch diesen baltischen Staat. Ihr werdet nun zwei Geschichten lesen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – eine seltsame, skurrile Geschichte und eine, die euch fassungslos machen wird.

Herr Jauch bittet zum Tanz – die 125.000-Euro-Frage: Wo befindet sich der geografische Mittelpunkt Europas? Jawohl, richtig! Gratuliere – ihr gehört jetzt zu den wenigen klugen Köpfen, die die richtige Antwort kennen. Litauen hat die große Ehre, diesen geografisch hochinteressanten Punkt zu besitzen. Und natürlich liegt dieser prägende Punkt im absoluten Nichts – und natürlich muss ich umgehend dahin, und ja, natürlich nehme ich euch wieder mit.

Die abenteuerliche Fahrt führt mich durch tiefe Wälder, eine dubiose Straße entlang, die scheinbar nie enden will. Nach gefühlten Ewigkeiten endete die Straße bei einer Schranke mit einem Parkhäuschen. Abgesehen vom ständigen Gezwitscher der Vögel herrschte absolute Totenstille. Als ich mich der Schranke zu Fuß näherte, sprang eine ältere Dame aus dem Häuschen und winkte wie verrückt auf mich zu. Wenn ich es richtig gedeutet habe, wünschte sie sich eine Parkgebühr von 0,50 Euro – mitten im Wald 🤔, mitten im Nichts. (Ich muss zwischendurch anmerken, dass es in Litauen so gut wie keinen Tourismus gibt. Vielleicht waren wir beide durch diese zufällige Begegnung mitten im Nichts, am Mittelpunkt Europas, etwas überrascht und überfordert.)

Weiter im Text. Stellt euch vor, dass euer Land den geografischen Mittelpunkt Europas besitzt. Wie würdet ihr ihn gestalten? Eine prachtvolle Burg? Ein modernes Museum? Ein Freizeitpark für die ganze Familie? Eigentlich egal – was auch immer ihr wählt, nur bitte nicht das, was die Litauer in den Wald gestellt haben 🙈. Diverse nationale und internationale Künstler hatten die Möglichkeit, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Ich habe keine Ahnung, auf welchem Trip sie waren – aber ich hätte das Zeug auch gerne einmal probiert 😅. Der Wald ist zugepflastert mit den sinnlosesten Sinnlosigkeiten, die es seit der Erfindung des Wortes „sinnlos“ gibt. (Und genauso sinnfrei wie dieser Satz sind diese Kunstgegenstände 😅.)

Ein halber Wohnwagen, eine Ansammlung von 200 verrosteten Fernsehgeräten, ein großes weißes Irgendwas, ein graues sonstiges Etwas, ein verrostetes, verbeultes Dingsbums – usw. War ich enttäuscht? Nein! Oh, nein! Ich liebte diesen Ort – hunderte innovative, merkwürdige Objekte quer durch den Wald verteilt. Ein Meisterwerk der Skurrilität – und wer mich kennt, weiß: Ich liebe Skurriles. Die Litauer nennen diesen Ort übrigens Europos Parkas. Zurück noch mal zur Eingangsfrage: Wie würdet ihr euren Mittelpunkt Europas gestalten?

Wenn ich an mein nächstes Ziel zurückdenke, wird mir schon wieder ganz flau im Magen und meine Hände beginnen leicht zu zittern. Aber diese Gedanken und diese Emotionen muss ich hier und jetzt festhalten, sonst werden sie irgendwann verwelken – … die Gedenkstätte von Paneriai. Ich fahre jetzt noch einmal langsam dorthin. Diese ramponierte Straße führt wieder tief in den Wald, einer stillgelegten Eisenbahntrasse entlang. Die Atmosphäre ist bereits jetzt gespenstig ruhig, und die Einsamkeit ist unwiderruflich zu spüren. Das Ende des Weges konnte ich bereits erkennen – und ich schreckte kurz auf, als das Navi mir mitteilte: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Ich verlasse meinen Wagen und blicke auf eine große Steintafel mit der Aufschrift Paneriai Memorial. Ich wusste, welche schrecklichen Ereignisse hier stattgefunden haben – aber ich hätte nie gedacht, dass sie mich so einholen könnten. Es herrschte eine absolute Totenstille, nicht einmal der Wind traute sich, durch die Bäume zu ziehen, und die Natur holte sich diesen Ort bereits Stück für Stück wieder zurück.

Diese Gedenkstätte ist nirgendwo ausgeschildert und man benötigt schon gute Recherchekenntnisse, um sie zu finden. Der Grund, warum dieser historische Ort so versteckt liegt, liegt in seiner Geschichte – denn die Litauer versuchen, die Geschehnisse aus ihren Gedanken und aus ihrer Vergangenheit zu löschen. In absoluter Stille und Isolation erkunde ich dieses Gebiet und gehe immer tiefer in den Wald hinein. Eine Gedenkstätte nach der anderen. Sie unterschieden sich zwar in Größe und Inschrift – aber eines hatten sie alle gemeinsam: Sie waren vollkommen verwahrlost, ungepflegt und schimmelten vor sich hin. Ich entdecke ein kleines Gebäude, das sich als Museum herausstellte, und ein älterer Mann saß auf einem hölzernen Klappstuhl davor. Mir war es etwas unangenehm, weil ich selbst nicht mehr sicher war, ob ich hier überhaupt sein darf. Er kam langsam auf mich zu – und durch seine Kippa konnte ich erkennen, dass er Jude war.

Er war sehr freundlich, hatte eine ruhige, angenehme Stimme, fragte mich, woher ich komme, und bot mir an, mir zu erklären, wo ich eigentlich gelandet bin. Emotionslos, als ob er es schon tausendmal erzählt hätte, schilderte er mir die Schandtaten, die genau hier von 1941 bis 1944 verübt wurden. Die Mulden, durch die ich vorher spaziert bin, waren Massengräber. 10.000 Opfer sind auf einer dieser verwahrlosten Gedenktafeln dargestellt. Irgendwann blieb er stehen, stellte mit seiner Hand eine Waffe dar – und bang! Bang! Bang! Mein einziger Gedanke: Bitte hör auf! Aber er setzte seine Demonstration fort: Bang! Bang! Bang! Ich weiß nicht, ob er mich bestrafen wollte oder mir einfach zeigen wollte, was sich in den Wäldern abgespielt hat – aber es war der erste Moment meiner Reise, in dem ich mir gewünscht hätte, ich wäre weit, weit weg. Kennt ihr das Gefühl? Obwohl es im Wald kalt und finster ist, wird dir so warm im Körper, dass es kaum auszuhalten ist. Wir setzten unseren Rundgang fort – und erst jetzt wurde mir bewusst, wie groß dieses Schlachtfeld eigentlich ist. Grube um Grube, hinter jeder Ecke eine neue Grube, die mit tausenden Leichen gefüllt wurde. Er ließ mich anschließend allein – und ich hatte ausreichend Zeit zum Nachdenken. Innerhalb von drei Jahren wurden hier 100.000 Menschen erschossen und anschließend in den Gruben vergraben.

Aber warum wird dieses Massaker ignoriert – warum verwahrlost dieser historische Platz? Das kleine Museum konnte viele meiner Fragen beantworten. Diese Massenexekutionen wurden von den Nazis in Auftrag gegeben – aber die tatsächliche Tötung wurde von Teilen der regionalen litauischen Bevölkerung durchgeführt. Dieser Massenmord ist das dunkelste Kapitel der litauischen Geschichte und wird deshalb von der Bevölkerung weitgehend ignoriert.

Die Geschichte, wie diese Massengräber entdeckt wurden, ist unglaublich. Ein polnischer Schriftsteller beobachtete die Taten jahrelang im Geheimen und führte Buch über die Morde. Aus Angst, entdeckt zu werden, vergrub er seine Aufzeichnungen (mit den Namen der Täter) in einer Glasflasche in seinem Garten. Erst Jahre nach seinem Tod wurden die Notizen gefunden und die Gräber entdeckt. Zuvor hatten die Deutschen noch versucht, dieses Massaker zu vertuschen, und ließen den Großteil der Massengräber wieder öffnen, um die Leichen zu verbrennen. Ein Zitat des Zeitzeugen Szloma Gol aus dem Nürnberger Prozess möchte ich hier festhalten:

„Unsere Arbeit bestand darin, Massengräber zu öffnen und Leichen herauszubefördern, um sie dann zu verbrennen. Ich war damit beschäftigt, diese Leichen auszugraben. Mein Freund Belic war mit Sägen und Zurechtmachen von Holz beschäftigt.“

„Wir haben insgesamt 80.000 Leichen ausgegraben. Ich weiß dies daher, weil zwei Juden, die mit uns in der Grube lebten, von den Deutschen dazu angestellt worden waren, diese Leichen zu zählen. Das war die einzige Aufgabe dieser beiden. Die Leichen bestanden aus einem Gemisch von Juden, polnischen Priestern und russischen Kriegsgefangenen.“ (Quelle: Wikipedia)

Die weitere Fahrt führte mich zu einem wunderschönen Wasserschloss, der Burg von Trakai (🎥 der Serie „Krieg und Frieden“) und dem größten Freilichtmuseum Europas, dem Rumšiškės Open-Air Museum – allerdings waren meine Gedanken komplett woanders.

Kaunas ist die zweitgrößte Stadt Litauens, und es gab nur einen einzigen Grund, warum ich hier gelandet bin: Sein Name lautet Giedrius. Giedrius bzw. sein Vater besitzt etwas, wovon jeder einzelne von uns träumen würde. Ihr würdet alles Geld der Welt dafür opfern, eure Seele verkaufen oder wahrscheinlich Morde begehen, nur um mit Giedrius tauschen zu können. Mein Genosse Giedrius besitzt den Schlüssel zu einem unterirdischen KGB-Atombunker – gleichzeitig die größte private KGB-Relikte-Sammlung der Welt 😂.

Nur auserwählten Menschen wie mir ist es gestattet, eine private Führung durch diese einzigartige Zusammenstellung zu bekommen. Der Bunker an sich ist nicht wirklich spannend – es geht tief hinunter, durch ein paar enge, mit Stahlbeton geschützte Räume. Aber was sich hier befindet, ist der Himmel auf Erden – zumindest für einen geschichtsbesessenen Irren wie mich 😂. Man sagt mir nach, dass ich gelegentlich zu leichten Übertreibungen neige 😅 – aber nicht hier, nein, nicht in diesem Paradies aus der Sowjetzeit. Viele dieser Gegenstände werden um die halbe Welt geschickt, damit geschichtsinteressierte Menschen sie bewundern können. Sie dienen als Höhepunkte diverser Ausstellungen und werden in Hollywoodfilmen als Requisiten eingesetzt. Die komplette Nacht kämpfte ich mich Stück für Stück durch diese Sammlung. Ein Privileg, sich genau an dieser Stelle befinden zu dürfen, die der sowjetische Gott einmal geküsst hat 😂. Momentan übertreibe ich vielleicht ein wenig – aber was soll’s, ich bin im absoluten Garten Eden gelandet. Sowjetische Uniformen, Atemschutzmasken, Geheimdokumente, getarnte Waffen, Abhörgeräte und so weiter und so fort – zu jedem Teil konnte mir Giedrius eine Geschichte erzählen.

Die Nacht im Atomis-KGB Bunkeris war wohl eine der spannendsten und aufregendsten meines ganzen Lebens. Der exklusive Umgang mit den Schätzen war das eine – aber die Geschichten meines Vortragenden und jetzt Freundes waren einfach unbezahlbar. Thank you my friend, for this unforgettable night! Das Ganze klingt aufregend, informativ, spannend und amüsant – was es auch ist – aber man darf den Ernst der Lage nicht außer Acht lassen. Bei uns war die schwarze Epoche nach 1945 mehr oder weniger beendet. In Litauen startete der ganze Wahnsinn gerade erst. Bis spät in die 80er-Jahre wurde verhört, gefoltert und wahllos getötet. Aber keine traurigen Gedanken mehr – lieber ein Auszug aus einem ganz normalen Reisetag: Tag Nummer 54 (plus/minus).

Reisetag Nummer 54 (plus/minus 2 Tage 😅) ist das perfekte Beispiel, warum Reisen einfach die schönste Nebensache der Welt ist. Guten Morgen aus Kaunas. Die Birne dröhnte noch vom Vorabend – Giedrius‘ privater Wodka-Sammlung sei Dank. Draußen schüttete es wieder einmal in Strömen und Kaunas wurde über Nacht auch nicht wirklich attraktiver. Schnell raus in die Fluten, um den täglichen Geocache zu heben und auf Nahrungsmittelsuche zu gehen – denn das sollte es auch für heute gewesen sein. Zumindest war das der Plan. Gesagt, getan – am späten Vormittag kurz raus, aber zurück ging es erst spät nach Mitternacht. Was zur Hölle war in Kaunas geschehen?

An diesem Wochenende stand das jährliche Stadtfest auf dem Programm. Toll – ich hasse Stadtfeste, interessieren mich überhaupt nicht – aber in Kaunas schaut so etwas ein klein wenig anders aus 😂. Durch Zufall verirrte ich mich zuerst in das weltweit einzige Teufelsmuseum. (Ja! So etwas gibt es. Nein! So etwas braucht die Welt nicht wirklich – aber es ist skurril, und wie euch bereits aufgefallen ist, stehe ich auf skurrile Sachen 😅.) Vom strömenden Regen begleitet, begab ich mich kurz nach Mittag in das Stadtzentrum, um meine Mission – die Nahrungsmittelsuche – erfolgreich abzuschließen. Oh mein Gott! Überall waren Messestände mit heimischen Spezialitäten aufgebaut. (Ein kleines Best-of „Lecker“ seht ihr in der Galerie – nebenbei: alles durchprobiert 😉.) Drei große Bühnen verteilten sich durch das Stadtzentrum. Der Regen ließ langsam nach, und vor der größten Bühne, die sich direkt im Burggraben befand, versammelten sich schon langsam ein paar Leute. Giedrius gesellte sich dazu und wir setzten unsere nächtliche Unterhaltung fort. Stadtfest bedeutet ja gleichzeitig Familienfest – deswegen belagerten immer mehr Kinder mit ihren Eltern die Hauptbühne. Giedrius musste zurück zu seiner Arbeit (ja, auch solche Leute haben normale Jobs) – und ich begab mich in die Pole Position. Erste Reihe fußfrei, die Band ist willkommen.

Herrjemine – und dann kamen sie wirklich! (Nein! Keine Touristenhorden – so etwas gibt es hier nicht, wir sind ja schließlich in Litauen 🇱🇹 😅.) Symfomania ist eine familienfreundliche Klassik-Heavy-Metal-Band aus der Ukraine 🇺🇦. Sie besteht aus fünf leicht bekleideten, in Latex verpackten Musikerinnen, die mit ihren Geigen die Bühne in Brand setzten. Begleitet werden die Interpretinnen von einem schaurig-gruseligen Sänger, der seine tiefsten Stimmlagen zum Besten gab. Zwei Stunden später ging der Wahnsinn in die nächste Runde. Tarja Turunen 🇫🇮 (mit oder ohne Nightwish – ich habe keine Ahnung, wen interessiert’s 🤔) zerstörte die Bühne ein zweites Mal. Nach mehr als vier Stunden Ekstase konnte ich mich irgendwie von den zahlreichen, frenetischen Metal- und Rockfans befreien und das Weite suchen. Familienfest in Kaunas – geile Sache 😅! Weit habe ich es allerdings nicht geschafft, denn am Hauptplatz setzten sich die bekanntesten Star-DJs in Szene. Von einer irren Lasershow begleitet, schallte der Bass durch das ganze Land – und die gesamte Stadt feierte ab. Familien, Kinder, Großeltern – alles, was irgendwie in Litauen lebte und Beine hatte, tanzte die ganze Nacht vollkommen verrückt ab. Der Spagat zwischen House und Metal ist ja grundsätzlich ein großer – aber nicht beim Stadt- und Familienfest in Kaunas. Was für eine Nacht!

Schön langsam kam der Frühling wieder zurück – allerdings verzieh mir mein Körper nur bedingt die letzten zwei Nächte. Das nächste Ziel rückte näher: die wunderbare Kleinstadt Klaipėda, welche direkt am Meer liegt, stand auf der Liste. Auch Klaipėda ist alles andere als schön – eine alte Industriestadt und die wichtigste Hafenstadt des gesamten Baltikums. Aber direkt vor ihr liegt eine große, grüne Oase: Smiltynė. Diese Halbinsel ist nur mit einer Schiffsfähre erreichbar (außer man fährt über die russische Exklave Kaliningrad 🇷🇺 – was ich ohne die passenden Dokumente weniger empfehlen würde). Warum zieht es jedes Jahr Massen an Menschen an die völlig überfüllten und überteuerten touristischen Sandstrände Italiens 🇮🇹 oder Spaniens 🇪🇸, wenn es doch diesen magischen Ort gibt?

Die Halbinsel ist ein perfektes Fahrradparadies. (80 Kilometer hatte ich mit meinem gemieteten Fahrrad in den Beinen – ich spüre es jetzt noch 🥴.) Kein Verkehr, traumhafte Sandstrände, grüne Wälder, absolute Isolation und Einsamkeit. Ein herrliches, glasklar blaues Meer, das zum Schwimmen einlädt (wenn einem die 12 Grad Wassertemperatur egal sind). Zigmeter hohe Sanddünen und wohl der einzige Hexenwald, den die Welt je gesehen hat. Hier gibt es nur eine Möglichkeit: Fahrrad mieten, mit der Fähre hinüberfahren (die Überfahrt hin und zurück kostet einen sagenhaften Euro) und das Naturparadies erkunden.

Leider musste ich mich bereits nach drei Tagen von diesem Naturparadies verabschieden, um die IX. Festung mit ihrem unglaublichen Ambiente und ihrer dramatischen Geschichte zu besuchen. Anschließend war wieder Bunker Time angesagt. Das Cold War Museum – eine riesige Bunkeranlage aus dem Zweiten Weltkrieg – stand auf dem Programm. Und schließlich führte mich die Reise zum wohl skurrilsten Ort meines bisherigen Lebens. (Und das bedeutet etwas – mein zweiter Vorname lautet ja mittlerweile „skurril“ 😅.)

Kryžių Kalnas – der Berg der Kreuze – ist ein wahrer Irrsinn. Auf einem isolierten Hügel im absoluten Nirgendwo liegt eine Ansammlung von über 200.000 Kreuzen. Diesmal ist es kein Friedhof, sondern ein Wallfahrtsort und ein großes Mysterium. So ganz genau weiß niemand, wie dieser Wahnsinn entstanden ist. Warum genau hier? Wieso dieser Hügel? Mit der Zeit brachten die Pilger immer mehr Kreuze mit und stellten sie am Kryžių Kalnas auf. Aus irgendeinem Grund wurde diese ganze Ansammlung immer wieder vernichtet – um sie dann neu aufzubauen. Der Tod Stalins löste schließlich einen irrsinnigen Run auf diesen Hügel aus. Hunderttausende Menschen der ehemaligen Sowjetunion pilgerten nach Litauen, um ihr Kreuz abzulegen. Aber wisst ihr was – bevor wir hier noch lange herumreden, nehme ich euch einfach mit zu einer kleinen, exklusiven Forschungsexkursion. (VIDEO)

Mein Fazit: Litauen ist anders – die Leute sind verschlossen und vorsichtig, aber wen wundert es bei dieser Vergangenheit. Touristisch ist das Land eine große Unbekannte, aber ich kann ausnahmslos nur davon schwärmen. Litauen eignet sich perfekt für einen Roadtrip, da es nur geringen Verkehr gibt, die Infrastruktur europäisches Standardniveau aufweist und die Ausgaben für Mietwagen und Sprit sich in Grenzen halten. In Litauen benötigt man allerdings Geduld, um mit den Menschen ins Plaudern zu kommen. Im Allgemeinen kommt man mit Englisch halbwegs gut über die Runden – außer man verirrt sich in die ländlichen Gebiete. Die meisten meiner Sightseeing-Stopps haben keine vorgegebenen Öffnungszeiten – eine Vorab-Recherche empfiehlt sich also. Dieser Staat ist der perfekte Ausgangspunkt, um sich weiter in die osteuropäischen Tiefen vorzuwagen – man kommt mit Geschichte, Kultur und Kulinarik in Kontakt.

Sicherheit: Vielleicht ist Litauen sogar das sicherste Land in Europa? Die Städte sind unglaublich sauber, es gibt kaum Kriminalität – und auf den Straßen war ich wohl einer der Aggressivsten (und das will etwas heißen 😅).

Kosten: Teilweise erschwinglich – Mietwagen für eine Woche ca. 80 Euro, einmal fein essen gehen zwischen 6 und 8 Euro, Eintritte zwischen 1 und maximal 5 Euro. Ich glaube, mehr brauch‘ ich nicht zu sagen.

Aus der Kategorie „Im Nachhinein schlauer“: Eigenlob stinkt – aber hier muss ich mich selbst loben: alles perfekt geplant und umgesetzt. Mario! Setzen, Note römisch 1A 😉.

F**k – auf nach Belarus 🇧🇾! Jetzt hoffen wir einmal, dass das mit dem schwierigen Visum klappt 😱.

 
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