Kampang’s Seele 🇹🇭
Die denkwürdigste Begegnung meines bisherigen Lebens ereignete sich im Herzen des thailändischen Dschungels, unweit der Grenze zu Myanmar. Die Devise lautet: „We work for the elephants, instead of them working for us“! ElephantsWorld ist eine Organisation für Umweltschutz, die sich der Betreuung von Elefanten widmet, welche im Rahmen des Tier-Tourismus Misshandlungen und Quälerei erleiden mussten.
Gegenwärtig werden etwa vierzig Tiere an den Ufern des bekannten Flusses Kwai von ehrenamtlichen Helfern aus Myanmar rund um die Uhr betreut. Es handelt sich hierbei nicht um eine primäre Touristenattraktion; die Wildtiere leben in ihrer natürlichen Umgebung und können sich frei bewegen. Das indiskutable Elefantenreiten ist untersagt; in ElephantsWorld steht das Wohlbefinden der Dickhäuter im Vordergrund.
Jedem Reisenden wird die Möglichkeit geboten, die Organisation im Rahmen eines „One-Day-Programs“ zu besichtigen. Aufgrund meiner unermesslichen Liebe wurde mir glücklicherweise die Teilnahme an dem mehrtägigen Programm erlaubt. Zusammengefasst: die emotional intensivsten und schönsten Tage meines Lebens. Mein außergewöhnliches Abenteuer führte mich von Kanchanaburi in die entlegenen Urwälder des thailändischen Vorgebirges.
Seit meiner Kindheit üben die größten Landlebewesen unseres Planeten eine Faszination auf mich aus, was nicht zuletzt darin begründet liegt, dass ich ohne die Benjamin-Blümchen-Hörspiele nicht einschlafen konnte. Obwohl ich euch gerne von meiner Mutter berichten würde, die sich jahrelang aufopferungsvoll darum kümmerte, meine Kassetten zu wenden, da ich zu bequem war, um aufzustehen, ist dieses Kapitel einzig und allein meiner Liebsten Kampang 🐘 gewidmet.
ElephantsWorld zeichnet sich durch kleine Holzhütten aus, welche über erhöhte Stege miteinander verbunden sind. Egal, wo ich gerade stehe, ganz gleich, in welche Richtung ich sehe, überall wimmelt es von Elefanten, die mit ihren mächtigen Rüsseln versuchen, einen zu begrapschen. Aufregung! Gänsehaut! Emotionales Chaos! Darf ich euch berühren? Ich wandte mich mit einer Frage an meinen Freund Chizzy, einen Volontär aus Myanmar, der seit einem Jahr hier tätig ist. Er konnte meine charmante Hilflosigkeit erkennen und stellte mir unverzüglich einen prall gefüllten Korb mit Melonen und Bananen zur Seite. Er blickte mich fröhlich an und sagte: „Let’s go my friend, it’s time for work“!
Es ist bedauerlich, dass ihr in diesem Augenblick mein Lächeln nicht erkennen könnt, während ich diese Zeilen schreibe. So hat mich noch nie jemand gesehen. Meine zittrigen Hände versuchen, ein halbes Dutzend Rüssel zu versorgen, welche sich um jede einzelne Melone und Banane streiten. Teils mopsten sie mir die Köstlichkeiten aus den Fingern, teils musste ich sie, in Basketballprofimanier, tief in ihren Mäulern versenken. Meine Arme waren vollständig mit Elefantenabber bedeckt … – … was ein überaus angenehmes Gefühl. Ich habe vermutlich viele Stunden damit verbracht, diese wunderbaren Wesen zu füttern, sie zu berühren und aus nächster Nähe zu beobachten. Kennt ihr das? Dieses Gefühl, als würde die Zeit stillstehen und die Erde sich nicht mehr weiterdrehen?
SCHWIMMSTUNDEN MIT KAMPANG
Allmählich setzte die Abenddämmerung ein, und die Tiere zogen sich in das dichte Dickicht des Urwaldes zurück. Ich verbrachte die Nächte in einer kleinen Holzhütte, die ich mit unzähligen Moskitos teilte. Von Zeit zu Zeit erbebte der Boden unter meinen Füßen ein wenig, aber zum Glück waren es … – … ja, ihr könnt es erahnen 🥰. Offenbar war ich nicht der Einzige, dem es unter den herrschenden tropischen Nachttemperaturen schwerfiel, einzuschlafen.
Normaler Tagesablauf: 06:00 Uhr Frühstück ➡ mit dem Golfwagen Heerscharen von Melonen ernten ➡ Raubtierfütterung ➡ Elefantenspaziergang ➡ Mittagsschläfchen ➡ Schlammbad!
In dieser Gegend gibt es Millionen von Melonen 🍉 und Bananen 🍌. Es ist kaum zu fassen, welch immense Menge an Früchten täglich geerntet werden musste, um die Tiere zu versorgen. Selbstverständlich nutze ich jeden ruhigen Moment, um meine Geschmacksnerven in den Himmel zu treiben. Habt ihr jemals eine frische Banane unmittelbar von der Staude verzehrt? Entschuldigt meine Ausdrucksweise, aber ich würde diesen Vorgang als einen kulinarischen Orgasmus definieren, der bitte niemals enden soll.
Es scheint, Geduld gehört wohl weniger zu ihren Stärken. Noch während der Ernte trabten die ersten hungrigen Bewohner auf mich zu. Angeführt wurde das neugierige Trio von Kampang (übersetzt: schönes Mädchen). Es handelte sich um Liebe auf den ersten Blick! Ihre sanfte, zurückhaltende Art und ihre bezaubernden Augen eroberten mein Herz im Sturm. Und da ich zu diesem Zeitpunkt Besitzer unzähliger Melonen war, beruhte dies wohl auf Gegenseitigkeit.
Kampang (die schöne Dame, links auf dem Foto) geboren im Jahre 1950, gehört zu den ältesten Bewohnern in ElephantsWorld. Über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahrzehnten wurde sie als Reitelefant eingesetzt, was zu einer Beeinträchtigung ihres Sehvermögens, dem Verlust mehrerer Zähne und einem Wirbelbruch führte. Die physischen und körperlichen Belastungen, denen sie über all die Jahre ausgesetzt war, haben ihren Tribut gefordert und diese Narben der Vergangenheit hinterlassen. Kampang verspürt eine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit, Zärtlichkeiten und Melonen. Zum Glück wurde ich für derartige Aufgaben geboren. Eine Mammutaufgabe! Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie viele Melonen in den Magen dieses Elefanten passen.
Die Tiere werden aus touristischen Foltereinrichtungen gerettet. Jeder Einzelne trägt seine Wunden und Narben. Viele leiden unter dem Verlust ihrer Sehkraft oder quälen sich mit gebrochenen Gliedmaßen herum. Der überwiegende Teil ist älter als 60 Jahre, für den Tiertourismus dadurch von geringem Wert und kann ohne die tägliche Betreuung nur schwer überleben. Auch die ehrenamtlichen Helfer aus Myanmar sind politische Schutzsuchende und können sich demzufolge in das Leid der Tiere hineinversetzen.
Kampang ist Spys beste Freundin, versteht sich jedoch mit einigen anderen Elefanten weniger gut. Die Tiere formieren sich zu eigenen Gruppen, Pärchen oder auch zu Rivalen. Anhand ihrer Gangart oder ihrer Blicke können Chizzy und die anderen Helfer bereits deren heutige Gemütsverfassung erkennen. Ich hatte wieder großes Glück. Kampang befand sich heute wieder in exzellenter Verfassung, sodass wir den gesamten Tag allerlei Unfug anstellen konnten.
Ich erlernte zügig den korrekten Umgang mit ihr. So liebevoll und friedlich diese gemeinsame Zeit auch klingt, ist es unerlässlich, stets wachsam zu sein und ihre immensen Kräfte keinesfalls zu unterschätzen. Bereits ein falscher Schritt oder eine unkontrollierte Bewegung können dazu führen, dass die Dickhäuter einen unbeabsichtigt schwer verletzen. Aufgrund ihrer Sehbehinderung ist es bei Kampang erforderlich, sich stets in ihrem Blickfeld aufzuhalten und tote Winkel zu vermeiden. Ruhig und langsam die flache Hand auf ihren Kopf legen, bis sich beiderseitig ein Vertrauen entwickelt. Durch ein hohes Maß an Geduld und Zärtlichkeit gelang es mir, ihr Herz zu gewinnen. Wir verbrachten unvergessliche Tage mit ausgedehnten Spaziergängen, ausgiebigen Fressorgien und ausgelassenen Wasserschlachten in den Schlammtümpeln.
Know Before You Go: Es sollte euch bewusst sein, dass selbst im Februar die hohen Temperaturen und die extreme Luftfeuchtigkeit mich an die Grenzen meiner physischen Leistungsfähigkeit brachten. Des Weiteren gestaltet sich der tägliche Kampf gegen Millionen von Moskitos sowie andere Lebewesen als herausfordernd. (Stichwort Skorpione). Die größte Herausforderung besteht jedoch darin, das Leid der misshandelten Tiere wahrzunehmen und sich nach der gemeinsamen Zeit mit einem „Lebewohl!“ zu verabschieden: Visit Website!
Das Könnte Dir Auch Gefallen
Stalins Spielplatz 🇧🇾
Ein Freilichtmuseum mit einer abenteuerlichen Panzerfahrt, ein Familienfreizeitpark mit fröhlichen AK-47-Schießübungen oder ein Verteidigungsmuseum, in...
WeiterlesenDie Ewige Flamme 🇷🇺
Wolgograd (vormals Stalingrad) ist eine moderne russische Metropole, deren von Grausamkeit und Tragik geprägte Vergangenheit...
WeiterlesenQuentins Kirche (CA) 🇺🇸
Inmitten der kalifornischen Wüste, etwa 40 Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt, besuchen wir ein...
Weiterlesen


