El Desdemona – Göttin am Ende der Welt 🇦🇷
Das malerische Ushuaia in Argentinien – die südlichste Stadt unseres Planeten und das Tor zur Antarktis. Das buchstäbliche „Ende der Welt“. Eine kleine Siedlung in einer der abgelegensten Regionen, geprägt von schroffer Landschaft, kaltem, feuchtem Klima und diesen unermüdlichen, eisigen Winden. Wie es Menschen ausgerechnet hierher verschlägt, bleibt oft ein Rätsel für sich. Was hingegen mich ausgerechnet an diesen äußersten Rand unserer Erde geführt hat, ist überraschend simpel: das dämonische Geisterschiff „El Desdemona“.
Das Wrack der El Desdemona liegt etwa 130 Kilometer nordöstlich von Ushuaia, entlang der Polarmeerküste, eingebettet von sanften Dünen, fernab jeder Zivilisation. Um dorthin zu gelangen, blieb nichts anderes übrig, als ein Mietauto zu nehmen und sich allein auf den Weg zu machen. Obwohl der Wecker erst um vier Uhr morgens klingeln sollte, hatte ich vor lauter Aufregung kein Auge zugetan. Im Kopf war die Route hundertmal durchgegangen worden, um ja nicht die Orientierung zu verlieren.
Nach einem einfachen, aber ausgiebigen Frühstück ging es die ersten beiden Stunden in völliger Dunkelheit über eine gut ausgebaute Landstraße, dem Geisterschiff entgegen. Doch die letzten 40 Kilometer hatten es in sich: eine einspurige, elendig schlechte Schotterstraße. Und „schlecht“ ist untertrieben. Was für eine unbegreifliche, besch*****e Straße!
Aufrecht sitzend, leicht panisch, versuchte ich in der Finsternis die Umrisse der Schlaglöcher zu erkennen, um den Mietwagen nicht zu ruinieren. Bei jedem Einbruch in den Asphalt zog sich der Magen zusammen; das Lenkrad war feucht von den Händen. Zwischendurch glaubte ich nicht mehr daran, dass das alles gut ausgehen würde. Die Kilometer wurden nur quälend langsam weniger.
Doch irgendwann wurde der Himmel heller. Nur noch ein paar hundert Meter. Und dann sah ich sie – zunächst nur als Umriss, schwach erkennbar zwischen den Dünen, kaum mehr als ein dunkler Strich gegen den dämmernden Himmel. Aber sie war da.
Was für ein unfassbarer Augenblick! Einer dieser Momente, in denen man spürt, gerade etwas zu erleben, das man nie wieder vergessen wird. Ich stellte den völlig eingestaubten Wagen ab und rannte – ja wirklich, ich rannte – die letzten Meter über die Dünen. Keine Spur mehr von Müdigkeit oder Erschöpfung, einfach pure, kindliche Aufregung. Seit Jahren war ich nicht mehr so schnell gelaufen. Und dann stand sie vor mir. Herzrasen. Schnappatmung. Eine Welle aus Glücksgefühlen, die sich nicht erklären lässt. Eine fast 70 Meter lange Schönheit aus Eisen und Stahl.
Sonnenaufgang am Polarmeer
Entgegen allen Wetterprognosen zeigte sich am Horizont bereits die Sonne, während der schneidende Atlantikwind über das Meeresufer peitschte. Um zum Wrack zu gelangen, musste auf die Ebbe gewartet werden – die Kälte war brutal. Die Hände fühlten sich an, als würden tausend Nadeln hineinstechen. Aber es gab kein Aufhören mit dem Lachen. Irgendwann schrie ich einfach los – laut, unkontrolliert, vollkommen allein an dieser Küste. Kein Mensch weit und breit. Nur der Wind, das Meer – und ein Jubel, wie ihn nur bestimmte Erlebnisse hervorrufen.
Gehört hat mich hier ohnehin niemand. Zumindest kein menschliches Wesen. Wir befinden uns schließlich dort, wo die Landkarte aufhört, am einsamsten Winkel der Erde. Ganz allein blieb ich aber trotzdem nicht lange. Die Guanakos – die patagonischen „Kamele“ – bemerkten mich. Und auch die neugierigen argentinischen Andenfüchse schlichen immer wieder um mich herum. Die Füchse wirken im ersten Augenblick gefährlicher, als sie tatsächlich sind. Ich konnte mir ein Schmunzeln kaum verkneifen, so ruhig und unbeeindruckt streiften sie durch ihr Gebiet. Nur die Rufe der Guanakos waren etwas unheimlich – dass diese Tiere so unglaublich laut schreien können, war zuvor nicht bekannt gewesen.
Kleine historische Randnotiz: Die El Desdemona soll in Hamburg gefertigt worden sein und fungierte als Handelsschiff mit Zielrichtung Südamerika. 1983 erlitt sie vor der Küste von Buenos Aires schwere Schäden, nachdem ein Blitz das Navigationssystem zerstört hatte. Zwar konnte die Crew das Schiff befreien und Richtung Südspitze Argentiniens steuern, doch als auch noch der Motor ausfiel, blieb ihnen nur noch der Versuch, den Hafen von Ushuaia zu erreichen. Die Reparaturen in der Werft brachten nur begrenzten Erfolg, dennoch entschied sich die Besatzung, die Reise fortzusetzen. Wie man heute weiß, nicht besonders weit. Das Schiff lief erneut auf Grund, Wasser drang ein, und die Crew brachte sich in Sicherheit. Seit mehr als vier Jahrzehnten liegt diese eiserne Göttin aus Rost und Stahl nun unberührt an der Küste – und jeder Bergungsversuch ist bisher gescheitert.
Know Before You Go:
Das Schiffswrack lässt sich gut auf eigene Faust erkunden. (Voraussetzung: ausreichende Geländekenntnisse und ein Allradfahrzeug.) Wenige hundert Meter nördlich liegen die Überreste des Leuchtturms Cabo San Pablo, der als Orientierungspunkt dient. Es lohnt sich, früh aufzubrechen – die Gezeiten nehmen auf niemanden Rücksicht.
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