Kapitel 47 (Teil 2) – 🇳🇿 Neuseeland (Nordinsel)

Zum GlĂŒck entschied ich mich, noch einmal alle KrĂ€fte zu mobilisieren – und erlebte unter anderem einen unvergleichlichen Tag in einem kleinen neuseelĂ€ndischen Dorf, dessen magischem Zauber jeder von euch verfallen wĂŒrde: Matamata 😍.

Die nĂ€here Umgebung des Dorfes diente als Schauplatz des fiktiven Ortes „Hobbingen“ im Auenland. Über alles rund um Herr der Ringe oder den Hobbit – BĂŒcher wie Verfilmungen – traue ich mich kaum zu philosophieren. Dazu fehlen mir schlicht das Fachwissen und die nötige Leidenschaft. Und jeder kennt bestimmt diesen einen Freund: „Was? Du musst die BĂŒcher lesen – die Filme sind nicht annĂ€hernd so gut wie die Romane! Lies die BĂŒcher!“ Manchmal nerven diese Leute 😅.

In einer normalen Welt solltet ihr die Tickets fĂŒr die Tour durch das Auenland so frĂŒh wie möglich im Voraus buchen. Der Wirbel rund um die Werke von J. R. R. Tolkien hat auch seine Schattenseite: Seit knapp zwanzig Jahren strömen Touristen aus aller Welt nach Neuseeland. Die berĂŒhmten SchauplĂ€tze verteilen sich zwar ĂŒber die Nord- und SĂŒdinsel – aber Matamata ist das ĂŒberlaufene, zentrale Herz der Meisterliteratur. An einem verregneten Samstag suchte ich Hobbingen auf – in der Hoffnung, das StĂ€dtchen noch erleben zu können. Inmitten der grĂŒnen HĂŒgellandschaft, die von Tausenden Schafen dominiert wird, liegt das gut ausgeschilderte Informationszentrum von Hobbingen. Erst an der Kasse wurde mir bewusst, dass Matamata noch geöffnet hatte. Die Dame am Schalter erklĂ€rte mir, dass ich GlĂŒck hĂ€tte – ab morgen mĂŒssten sie den Betrieb und die Touren bis auf unbestimmte Zeit völlig einstellen.

Ob dieses besondere Privileg in den vergangenen 20 Jahren schon jemand genießen durfte? Statt dichtem GedrĂ€nge, unertrĂ€glicher LautstĂ€rke und Besuchermassen aus aller Welt war ich beinahe vollkommen allein – und wartete aufgeregt auf die Begegnung mit dem Auenland. Ein paar gestrandete Touristen gesellten sich dazu – und ein Reisebus chauffierte uns durch die grĂŒne Landschaft der SchauplĂ€tze. Obwohl es nebelig war und Regentropfen gegen die Fensterscheiben hĂ€mmerten, hatte ich nur Augen fĂŒr diese sagenhafte Umgebung. Vorne im Bus hing ein Monitor, auf dem Peter Jackson – Regisseur der Trilogie – die Besucher herzlich begrĂŒĂŸte und bat, sich auf die Landschaft zu konzentrieren. Stellt euch dieses Szenario vor: Euer letzter Tag in Freiheit – ein leerer Reisebus chauffiert euch durch das Auenland, die Wetterbedingungen sorgen fĂŒr eine unbeschreibliche Melancholie – und ĂŒber die Lautsprecher ertönen die himmlischen KlĂ€nge des Lord of the Rings-Soundtracks – The Shire 
 magische Momente!

INSIDE HOBBITON MOVIE SET

Der Rest ist Geschichte! Wie durch ein Wunder kĂ€mpfte sich die Sonne durch die dunklen Wolken – der Guide fĂŒhrte uns durch das leere Hobbit-Dorf und verwöhnte uns mit lustigen und kuriosen Anekdoten. Einen kleinen Auszug möchte ich euch weitergeben.

In der Anfangsszene des ersten Herr-der-Ringe-Teils wird fleißig gefeiert und getrunken. Das öffentliche Konsumieren alkoholischer GetrĂ€nke ist in diesem Teil des Landes jedoch nicht erlaubt. Die Produzenten der Trilogie fanden aber eine GesetzeslĂŒcke – der Konsum auslĂ€ndischen Biers war nicht ausdrĂŒcklich verboten. Peter Jackson & Co. ließen schließlich Unmengen britischen Biers aus England importieren, um die Feierlichkeiten – genauer gesagt den Umtrunk – so realistisch wie möglich zu gestalten.

Eine der grĂ¶ĂŸten Herausforderungen bei den Dreharbeiten im Auenland waren die Frösche 🐾. Es wurden kĂŒnstliche Teiche angelegt, um das Hobbit-Dorf noch authentischer zu gestalten. Das Problem: Auch die einheimischen Frösche wurden von der Ästhetik angezogen – und wanderten scharenweise zu den Drehorten. GefĂ€hrlich waren die Tiere natĂŒrlich nicht – aber ihr endlos lautes Quaken stoppte die Dreharbeiten sogar fĂŒr einige Tage. Die Lösung: Im nĂ€heren Umfeld wurden weitere Teiche angelegt – und eigens abgestellte Mitarbeiter liefen wĂ€hrend der Drehpausen mit KĂŒbeln durch das Hobbit-Dorf, um die Frösche einzusammeln und umzusiedeln. Einfach eine herrlich skurrile Vorstellung, oder?

Der wunderbare Sonnenuntergang, dem Frodo und Gandalf eines Abends entgegenspazierten, war nebenbei bemerkt ein Sonnenaufgang. Die Crew war von diesem perfekten Moment so begeistert, dass sie ihn fĂŒr alle Filmteile mehrfach nutzte – je nach Bedarf vorwĂ€rts oder rĂŒckwĂ€rts abgespielt. Ein schlauer Zug der Crew 😉.

Die Liste dieser kuriosen Momente endet hier – einfach weil ich euch nicht alles verraten möchte und ihr selbst ein paar „WTF“-Momente erleben sollt. Um Galadriel zu zitieren: „The world is changed. I feel it in the water. I feel it in the earth. I smell it in the air“ – verlassen wir nun gemeinsam das Auenland.

Der letzte Tag in Freiheit neigt sich dem Ende zu – und schweren Herzens beschließe ich, dieser himmlischen Landschaft Lebewohl zu sagen und nach Auckland zurĂŒckzufahren. Die Fahrt dauerte ungefĂ€hr vier bis fĂŒnf Stunden – in der Summe kamen mir aber maximal zehn andere Fahrzeuge entgegen. Meinen Mietwagen musste ich am Flughafen zurĂŒckgeben – was sich allerdings als völlig unmöglich herausstellen sollte. Mehrere Tage zuvor hatte ich versucht, das Mietwagenunternehmen telefonisch und per E-Mail zu erreichen – erfolglos. Ich war Ă€ußerst nervös, als ich die letzten Kilometer zum internationalen Flughafen Auckland in Angriff nahm – ich wusste schlicht nicht, was mich erwartete.

Das gesamte FlughafengelĂ€nde war gesperrt und abgeriegelt, die Zufahrten zu den ParkplĂ€tzen geschlossen – weit und breit kein Auto, kein Mensch. Ein ungutes GefĂŒhl braute sich in mir zusammen: Einerseits sollte ich in die Stadt, um mein versprochenes Kellerzimmer zu beziehen – andererseits musste ich irgendwie den Mietwagen loswerden. Auch mein letzter Anruf blieb unbeantwortet – also beschloss ich, das Auto direkt vor den Toren des FlughafengelĂ€ndes abzustellen. Den SchlĂŒssel legte ich auf den Vorderreifen – und filmte die ganze Angelegenheit, um die korrekte RĂŒckgabe zu dokumentieren. Vom Flughafen ins Zentrum waren es gute 20 Kilometer – und da der öffentliche Verkehr eingestellt worden war, bereitete ich mich auf einen langen Fußmarsch vor. Alle paar Minuten kreuzte ein Fahrzeug meinen Weg – und ich ĂŒberlegte stĂ€ndig, ob ich per Handzeichen um eine Mitfahrgelegenheit bitten sollte. Soweit ich mich erinnerte, durfte ich an diesem Tag noch legal durch die Gegend laufen – dennoch hatte ich das permanente GefĂŒhl, jeden Moment verhaftet zu werden. Nach gut einer halben Stunde hielt ein Fahrzeug an und nahm mich mit – eine echte Rettung, denn ich war bereits erschöpft und hatte diese Distanz völlig unterschĂ€tzt. Mein Kellerzimmer war im Jucy Snooze Hostel vorbereitet – das ĂŒber eine außerordentliche Genehmigung verfĂŒgte, um gestrandete Touristen aufzunehmen.

In diesem Moment war ich sehr erleichtert, den Schritt in die Obdachlosigkeit vermieden zu haben – allerdings wusste ich noch nicht, welch wahnsinnige vier bis fĂŒnf Wochen auf mich warteten. Der erste Lockdown in Neuseeland war brutal – die Freiheit wurde nicht nur stark eingeschrĂ€nkt, sondern praktisch außer Gefecht gesetzt. Das Hostel verfĂŒgte zwar ĂŒber einen Gemeinschaftsraum und eine KĂŒche – aber all diese Einrichtungen waren vollstĂ€ndig gesperrt. Jeglicher Kontakt zu anderen Bewohnern sollte vermieden werden – und wer das Hostel verlassen wollte, was grundsĂ€tzlich nur zum Einkaufen erlaubt war, musste sich in eine Liste eintragen: Eingangs- und Ausgangszeit sowie Grund fĂŒr den Ausgang.

Knapp drei Wochen zuvor war ich zum ersten Mal durch Auckland spaziert – und sofort verliebt in die Stadt, die Umgebung und die freundlichen, fröhlichen Gesichter. Die StrĂ€nde waren gut besucht, in den Parks wurde gespielt und gechillt, in den Gassen herrschte reges Leben – und die Lebensfreude der NeuseelĂ€nder packte und steckte mich sofort an. Nun spaziere ich erstmals zum Supermarkt – und fĂŒhle mich wie in einem Endzeitfilm, in dem die Menschheit ausradiert wurde. Diese kontrĂ€ren Unterschiede waren schlichtweg zu viel. Am Supermarkt angekommen, bildete sich bereits eine lange Schlange. Die Menschen standen im Mindestabstand – Bodenmarkierungen waren lĂ€ngst vorhanden – quer durch die leere Parkgarage und warteten. Alle zwei bis drei Minuten konnte ich einen Schritt weitergehen. Ein Mund-Nasen-Schutz war noch kein Thema – dennoch durfte man keiner anderen Person zu nahekommen. Sicherheitspersonal kontrollierte jeden Schritt und jede Bewegung. Die reine Wartezeit meines ersten Besuchs betrug ĂŒber zwei Stunden – seltsamerweise störte mich das kaum. Ich war im Freien, konnte immerhin andere Menschen beobachten – und hatte ohnehin rein gar nichts zu tun. Nach dem bewĂ€hrten Samstagabend-Disco-System „Einer raus, einer rein“ durfte ich das GeschĂ€ft betreten. Das nĂ€chste wahnwitzige GefĂŒhl: eine riesige, nahezu menschenleere Supermarkthalle – die mich an die Kaufhausszenen aus Zack Snyders Zombiefilm Dawn of the Dead đŸŽ„ erinnerte.

Obwohl ich einen gewissen Zeitdruck verspĂŒrte – ich wollte die anderen nicht lĂ€nger als nötig warten lassen –, brauchte ich mitunter eine Ewigkeit, um meine Sachen zusammenzusuchen. Einerseits wusste ich nicht, wie ich mich die nĂ€chsten Wochen und Monate ernĂ€hren sollte – abgesehen von einem Wasserkocher hatte ich rein gar nichts. Andererseits waren die Waren neuseelĂ€ndisch teuer – ich musste halbwegs langfristig planen. Und auf die Gefahr hin, dass ihr mich jetzt auslacht: Der dritte Grund war die fröhliche Musik der beliebtesten Pop- und Rocksongs, die durch die GĂ€nge hallte. Herrlich, oder? Ist euch die Musik in GeschĂ€ften schon einmal bewusst aufgefallen? Seit dieser Erfahrung achte ich unbewusst stĂ€ndig darauf. Aber es war durchaus nachvollziehbar – in den Straßen herrschte Totenstille, und in meinem Zimmer hatte ich nichts außer einem alten, kaum funktionstĂŒchtigen Mobiltelefon.

Den Besuch des Supermarkts machte ich zum tĂ€glichen Ritual – er war gewissermaßen der Höhepunkt meines aktuellen Lebens. Gekauft habe ich dabei so gut wie nichts – ich wollte einfach nur raus, um Musik zu hören. Die Wartezeiten wurden von Tag zu Tag kĂŒrzer – dank angepasster Öffnungszeiten. WĂ€hrend man in Österreich die GeschĂ€ftszeiten drastisch reduziert hatte, begannen die NeuseelĂ€nder, ihre GeschĂ€fte rund um die Uhr geöffnet zu lassen – damit sich die Besucherströme besser verteilen. Na – welcher dieser beiden Wege war wohl der klĂŒgere?

Im Jahre 2000 strandete Tom Hanks auf einer einsamen Insel đŸŽ„ „Cast Away – Verschollen“ und freundete sich mit Wilson an. Ihr könnt euch bestimmt noch erinnern, der berĂŒhmteste Volleyball 🏐 der modernen Zeitgeschichte. Mein Wilson war Jakob der Wasserkocher. Nein, ich beliebe nicht zu scherzen, Jakob war das einzige, sinnvolle technische GerĂ€t, welches mir zur VerfĂŒgung stand. Ihr seid ĂŒberhaupt nicht im Bilde darĂŒber, was man in solch einen Jakob alles zusammen mixen kann😅.

In einer derartigen Ausnahmesituation sollten die heimischen Botschaften den Betroffenen UnterstĂŒtzung anbieten. In diesen vier bis fĂŒnf Wochen des „Festsitzens“, war die österreichische Botschaft in Auckland nicht EINMAL (!!!) erreichbar 😡. Telefonate wurden nicht entgegengenommen und die E-Mails wurden mit automatischen Antworten abgefertigt. Nach viel Kampf, Krampf und verlorenen Nerven konnte ich das österreichische Konsulat in Canberra, Australien 🇩đŸ‡ș erfolgreich kontaktieren, welches mir umgehend UnterstĂŒtzung angeboten hatte.

GESTRANDED IN DER EINSAMKEIT

Durch einen Aufruf in den Medien – Radio Steiermark, Radio KĂ€rnten, 5 Minuten Klagenfurt, Kleine Zeitung 
 – konnte ich weitere Aufmerksamkeit erregen und zusĂ€tzlich zwei MĂ€dels aus Oberösterreich kennenlernen, die nur wenige Meter weiter ebenfalls feststeckten. Ein Lichtblick – denn geteiltes Leid ist nicht nur sprichwörtlich halbes Leid. Nach den ersten zwei Wochen ignorierten wir die strengen Maßnahmen der neuseelĂ€ndischen Regierung und trafen uns gelegentlich draußen, um unsere weiteren PlĂ€ne zu besprechen. Diese Zeit war emotional kaum zu beschreiben: Einerseits fĂŒhlte ich mich tieftraurig, einsam und vollkommen isoliert – andererseits versuchte ich, mich mit Optimismus und Humor bei Laune zu halten. Mein positiver Ansatz: Wie auch immer diese Geschichte ausgehen wird – ich habe bestimmt einiges zu erzĂ€hlen 😉.

Teamwork auf höchstem Niveau: Wir teilten uns die Aufgaben auf – und terrorisierten gewissermaßen sĂ€mtliche Ämter und Behörden in Österreich. Die Zeitverschiebung zwischen Österreich und Neuseeland betrĂ€gt je nach Sommer- oder Winterzeit zwischen zehn und zwölf Stunden. Das bedeutete: Meine Tage wurden zu NĂ€chten – und meine NĂ€chte zu Tagen. SĂ€mtliche Telefonate, Chats und E-Mails fanden bei mir mitten in der Nacht statt. GrundsĂ€tzlich kein großes Problem – da ich ohnehin weder etwas zu tun hatte noch ĂŒber einen geregelten Rhythmus verfĂŒgte. FĂŒr Moral und Gesundheit war es jedoch mörderisch. WĂ€hrend ganz Neuseeland im Land der TrĂ€ume verweilte, war ich putzmunter – und als es endlich wieder hell wurde, konnte ich kaum die Augen offenhalten. Die österreichische Regierung und die österreichische Vertretungsbehörde – Botschaft oder Generalkonsulat Canberra – vertrösteten uns stets mit denselben Worten:

Wir haben Ihre Anfrage zur RĂŒckkehr erhalten. Nach deren PrĂŒfung werden wir Sie zeitnah kontaktieren. Herzliche GrĂŒĂŸe, Ihr BMEIA. Die Definition von „zeitnah“ kann sehr variabel sein.

Die offizielle ErklĂ€rung lautete, dass Neuseeland den Flugverkehr vollstĂ€ndig eingestellt hatte und derzeit auch keine sogenannten RepatriierungsflĂŒge zulasse. Interessanterweise wurden im selben Atemzug zahlreiche deutsche Touristen đŸ‡©đŸ‡Ș in Scharen von der Insel geholt. Nach langer Wartezeit und unzĂ€hligen Telefonaten kam die erhoffte – und lĂ€ngst nicht mehr fĂŒr möglich gehaltene – Rettung:

Sehr geehrte Österreicherinnen und Österreicher,

das Bundesministerium fĂŒr europĂ€ische und internationale Angelegenheiten ist mit allen KrĂ€ften bemĂŒht, Sie bestmöglich bei Ihrer RĂŒckreise nach Österreich zu unterstĂŒtzen. FĂŒr Dienstag, 09:15 Uhr Ortszeit, ist ein Repatriierungsflug – Flugnummer OS1028 – von Sydney nach Wien geplant. FĂŒr alle Passagiere ist ein Kostenbeitrag von 1.000 Euro vorgesehen. Passagiere mĂŒssen sich spĂ€testens drei Stunden vor Abflug am Flughafen einfinden. Bitte beachten Sie, dass dies vorlĂ€ufig der einzige Repatriierungsflug nach Österreich ist.

Entscheidende Information: Sydney – und vorlĂ€ufig der einzige Repatriierungsflug!

Wir klĂ€rten umgehend die Details ab – und erhielten vom österreichischen Innenministerium ein Transitvisum, damit wir den Flug von Auckland nach Sydney buchen konnten. Das war die einzige noch verfĂŒgbare Flugroute. In dem Moment, als das Transitvisum bestĂ€tigt wurde, buchten wir separat ĂŒber Air New Zealand den Flug Auckland–Sydney – und ĂŒberwiesen die erforderlichen 1.000 Euro fĂŒr das Ticket nach Hause. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:

Sie wurden erfolgreich auf Ihren Austrian-Airlines-Flug nach Wien registriert. Bitte begeben Sie sich frĂŒhzeitig zum Flughafen! Dienstag, 09:15 Uhr, Flugnummer OS1028. Wir wĂŒnschen eine gute Heimreise!

Herzliche GrĂŒĂŸe, Ihr BMEIA

Die Euphorie und Vorfreude waren grenzenlos – wir packten unsere letzten Sachen und fuhren am Vortag des Fluges OS1028 zum Flughafen Auckland, um Sydney anzusteuern. Das BMEIA stellte uns alle notwendigen Dokumente fĂŒr den Transitflug nach Australien aus. Am Schalter des menschenleeren Flughafens Auckland angekommen – folgte die ErnĂŒchterung:

„UNCLASSIFIED – Unfortunately, you have not provided sufficient information for an assessment of exceptional circumstances to approve your transit through Australia.“

Zusammengefasst: Der Transit in Sydney wurde uns verweigert – da wir keine außerordentlichen UmstĂ€nde nachweisen konnten.

Bei all dem Chaos habe ich großes VerstĂ€ndnis fĂŒr behördliche HĂŒrden – aber diese Aktion wurde zur Farce. Das BMEIA hatte es nicht geschafft, drei Österreichern zu ermöglichen, fĂŒr wenige Stunden am Flughafen Sydney von einem Gate zum nĂ€chsten zu gehen. Erst Tage spĂ€ter erfuhr ich, dass wir ein falsches Transitvisum erhalten hatten. Der Rettungsflug startete um 09:15 Uhr Ortszeit in Sydney – unser Flug aus Neuseeland landete jedoch kurz vor Mitternacht. Unser Transitvisum war nur fĂŒr einen Kalendertag ausgestellt – eine Übernachtung war nicht erlaubt. GlĂŒcklicherweise wurde mir die bereits ĂŒberwiesene Summe von 1.000 Euro umgehend zurĂŒckgebucht – auf den Kosten fĂŒr das Air-New-Zealand-Ticket blieb ich natĂŒrlich sitzen. Die Lage wurde damit immer unangenehmer. Zur Erinnerung: Bitte beachten Sie, dass dies vorlĂ€ufig der einzige Repatriierungsflug nach Österreich ist.

Ich hatte leider endlos viel Zeit zum Nachdenken – und freundete mich bereits mit dem Gedanken an, ein Meister des Kiwi-Anbaus đŸ„ zu werden. Versteht das bitte nicht als Jammerei oder als Versuch, Mitleid zu heischen – ich allein bin schuld daran, in diese Situation geraten zu sein 
 weil ich einfach nicht aufgeben wollte. In den folgenden vierzehn Tagen verlor ich die Lust an so ziemlich allem. Ich ließ mich schrecklich gehen, lag stundenlang im Bett, starrte an die Decke und hinterfragte alles Mögliche. Die Kommunikation mit Behörden und Botschaften kam zum Stillstand – mir wurde unmissverstĂ€ndlich mitgeteilt: Wir können nichts mehr fĂŒr dich tun. Die Tage wurden lĂ€nger und eintöniger – aber zur großen Freude lockerte die neuseelĂ€ndische Regierung nach gut einem Monat die strengen Regeln, und ich durfte mir die Beine jederzeit legal vertreten. Am 8. Tag erschuf Gott wohl wirklich das Geocaching 😅.

Als ich bereits die Arbeitsbedingungen akzeptiert hatte und die umliegenden Farmen kontaktierte – die finanzielle Situation drohte langsam zu entgleisen –, ergab sich ein weiterer Hoffnungsschimmer am fernen Horizont:

Sehr geehrte Österreicherinnen und Österreicher,

das Bundesministerium fĂŒr europĂ€ische und internationale Angelegenheiten ist mit allen KrĂ€ften bemĂŒht, Sie bestmöglich bei Ihrer RĂŒckreise nach Österreich zu unterstĂŒtzen. FĂŒr Donnerstag ist ein Repatriierungsflug – Flugnummer OS1024 – nach Wien geplant. Das Flugzeug wird die FlughĂ€fen Christchurch (16:00 Uhr Ortszeit) und Auckland (19:00 Uhr Ortszeit) anfliegen. FĂŒr alle Passagiere ist ein Kostenbeitrag von 1.200 Euro vorgesehen. Bitte beachten Sie die Einhaltung der strikten COVID-Alert-Level-4-Bestimmungen Neuseelands. Passagiere mĂŒssen sich spĂ€testens drei Stunden vor Abflug am Flughafen einfinden. Bitte beachten Sie, dass dies vorlĂ€ufig der einzige Repatriierungsflug nach Österreich ist.

Das Spielchen geht in die nĂ€chste Runde – und welche Farce sich nun abspielte, möchte ich gar nicht im Detail schildern. Nur Stichworte: Flug gebucht – FlugbestĂ€tigung erhalten – von der Passagierliste wieder gestrichen. BegrĂŒndung: Familien und Kinder zuerst – was nachvollziehbar ist. Mit tatkrĂ€ftiger UnterstĂŒtzung von zu Hause wieder auf der Liste gelandet. Persönlich hatte ich keine Energie mehr, mich wieder nĂ€chtelang durch den Behördendschungel zu kĂ€mpfen. Im Grunde wartete ich noch Stunden vor dem tatsĂ€chlichen Abflug auf die erneute Absage. Die nĂ€chste Fahrt zum Flughafen Auckland – aber dieses Mal war die Abflughalle auch fĂŒr mich geöffnet.

Vor Ort spielten sich dramatische Szenen ab, die ich so nicht erwartet hatte. Stellt euch vor: Die Flughalle ist vollkommen leer – nur der AUA-Flug nach Wien mit Tankstopp in Kuala Lumpur đŸ‡ČđŸ‡Ÿ findet statt. Bei der Registrierung zeigten sich zwei unterschiedliche Gruppen. Der glĂŒckliche Teil – mit fixem Flugticket – und der verzweifelte Teil auf der sogenannten Warteliste, der nachrĂŒckt, wenn AuserwĂ€hlte nicht rechtzeitig oder nicht gesund erscheinen. Die Warteliste entstand aus den Erfahrungen des Fluges OS1028 Sydney–Wien, der nicht annĂ€hernd ausgelastet gewesen war. ErschĂŒtternde Bilder: Viele Menschen sitzen mit ihrem Hab und Gut auf dem Boden – bangend und betend – und mit jeder weiteren Person, die sich in der Schlange einreiht, sinkt ihre Hoffnung. Das muss ein wirklich beschissenes GefĂŒhl sein.

Das Chaos erreichte seinen Höhepunkt: Zu diesem Zeitpunkt befand sich mehr Sicherheitspersonal – das den Zwei-Meter-Abstand penibel kontrollierte – in der Halle als Flugpassagiere. Ich war nervös, mĂŒde – und verspĂŒrte weder Vorfreude noch Wohlbefinden. Ehrlich gesagt hatte ich schreckliches Mitleid mit den Wartenden, ein schlechtes Gewissen – und ein allgemeines GefĂŒhl der GleichgĂŒltigkeit ĂŒberkam mich. Es spielte keine Rolle mehr, ob ich nun nach Hause kam oder nicht. Eine 50/50-Situation – in der ich laufend damit spielte, einfach nicht einzuchecken. Das war jener Moment, vor dem ich solche Angst gehabt hatte. Der Augenblick, in dem ich zum allerersten Mal registrierte: Meine Reise ist zu Ende – mein Traum zerplatzt wie ein Luftballon – und ich habe schrecklich versagt, weil ich mein angestrebtes Ziel nicht erreicht habe. UnerklĂ€rlich, welche Gedanken mir da durch den Kopf gingen. Ich war schlichtweg zu faul, zu bequem und zu mĂŒde, um abzuchecken und in meinen Keller zurĂŒckzukehren. Update 1/2021: Wenn ich an das damals eingeschrĂ€nkte Leben in Österreich denke – und an die zurĂŒckerlangten Freiheiten in Neuseeland –, bereue ich diese Entscheidung!

Letztlich klappte der Check-in – und die rund 200 Passagiere wurden auf engstem Raum zusammengetrommelt, um auf weitere Anweisungen zu warten. Zuvor wurde der Zwei-Meter-Abstand konsequent kontrolliert – eine halbe Stunde spĂ€ter interessierte das niemanden mehr. Auf meiner Bordkarte befand sich zwar eine Sitzreihe – die aber nicht mit den Reihen der AUA-Maschine ĂŒbereinstimmte. Da ich allein unterwegs war, war mir der Platz gleichgĂŒltig – aber die Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter hatten alle HĂ€nde voll zu tun, die aufgewĂŒhlte Menge in Schach zu halten. Die Menschheit zeigt in solchen Momenten kaum Demut oder Dankbarkeit – es wird diskutiert, gerangelt und gestritten, wer neben wem wo sitzen darf. Nach sechzehn Monaten waren diese asozialen Momente wieder der erste Kontakt mit der realen Welt.

Dieser Rettungsflug wurde von der österreichischen Regierung organisiert – und das gab sie jedem einzelnen Passagier deutlich zu verstehen. Noch bevor der Pilot seine GĂ€ste begrĂŒĂŸte, wurden Ansprachen österreichischer Politiker live zugespielt – von wem, fragt mich bitte nicht. Anschließend hallte „I Am from Austria“ durch die Maschine. Kein Scherz – kein Emoji – die pure Wahrheit. Der Flieger war vollstĂ€ndig ausgelastet – und wir saßen 28 Stunden lang Seite an Seite. Der Mund-Nasen-Schutz musste wĂ€hrend des gesamten Fluges getragen werden – und eine offizielle Verpflegung war aus SicherheitsgrĂŒnden nicht vorgesehen. Gott sei Dank pfiff die Besatzung auf diese Vorgabe – und verteilte zumindest einige Wasserflaschen. Sonst wĂ€ren diese 28 Stunden kaum zu ĂŒberstehen gewesen.

Dieser Rettungsflug schrieb österreichische Luftfahrtgeschichte – es war der lĂ€ngste Flug, den die AUA je unternommen hatte – und das erste Mal, dass eine österreichische Maschine neuseelĂ€ndischen Boden berĂŒhrte. Diese 28 Stunden zogen sich wie eine ganze Woche. Das MĂŒhsamste war das Auftanken in Malaysia: Aus SicherheitsgrĂŒnden durfte sich wĂ€hrend dieses zwei- bis dreistĂŒndigen Vorgangs niemand von seinem Sitzplatz erheben.

Der letzte Absatz hat mit einem Neuseeland-Reisebericht genauso viel zu tun wie Kreuzfahrttourismus mit Nachhaltigkeit – aber ich möchte diese Details fĂŒr mich persönlich festhalten.

Nach 28 Stunden Flugzeit – inklusive Jetlag und Temperaturschock – war die Ankunft am Flughafen Wien-Schwechat ein außergewöhnlich skurriles Erlebnis. Der Rettungsflug aus Auckland war an diesem Tag der einzige, der abgefertigt wurde – und entsprechend herrschte in der gesamten Halle eine FriedhofsatmosphĂ€re. Ich galt als Hoch-Hoch-Hoch-Risikoperson und musste nach der Landung an drei verschiedenen Stellen Rede und Antwort stehen. Die letzte Kontrolle war die offizielle Registrierung fĂŒr ReiserĂŒckkehrer – und dieses sensationelle GesprĂ€ch möchte ich euch nicht vorenthalten 😅.

Beamter: Wohin fahren Sie? Mario: Nach Hause Richtung Klagenfurt. Beamter: Bitte nennen Sie mir Ihre Adresse. Mario: đŸ€” Keine Ahnung! Beamter: Wie – keine Ahnung? Sie werden doch wissen, wo Sie wohnen? Mario: đŸ€” Ich habe wirklich keine Ahnung!

Meine Adresse ist relativ neu – und da ich sie seit 16 Monaten nicht mehr benötigt hatte, hatte ich sie schlicht vergessen. Ich suchte zwar verzweifelt auf meinem Mobiltelefon nach Hinweisen – fand aber nichts.

Beamter: Dann geben Sie mir bitte Ihre Telefonnummer. Mario: đŸ€” Welche Telefonnummer – ich habe keine! Beamter: Jeder hat eine Telefonnummer – Sie halten doch gerade ein Handy in der Hand! Mario: đŸ€” Ich kann Ihnen die Nummer dieser australischen Daten-SIM-Karte heraussuchen – aber ich war so lange nicht in Österreich, ich habe momentan keine österreichische Nummer. Beamter: Okay – sobald Sie zu Hause angekommen sind, schicken Sie uns bitte umgehend eine E-Mail mit allen relevanten Daten, damit wir Sie registrieren können. Mario: Okay!

Als ich mich umdrehte, kam mir sofort ein Gedanke: Mit welcher Internetverbindung sollte ich diese E-Mail schicken? Aber egal – meine kleine Wohnung stand ohnehin komplett leer. Gott sei Dank organisierte mir ein lieber Freund Strom, Internet – und fĂŒllte meinen KĂŒhlschrank mit eisgekĂŒhltem Gösser-Bier auf! Schleichwerbung – ich weiß. Aber man muss PrioritĂ€ten setzen 😅.

 

Kennt ihr diese wunderbaren Momente in der Ankunftshalle – ganz Ă  la TatsĂ€chlich Liebe đŸŽ„? Freunde und Familienmitglieder warten sehnsĂŒchtig auf ihre Heimkehrer, Schilder werden hochgehalten, Blumen, Ballons und andere Kleinigkeiten verteilt – und die Liebsten werden in die Arme genommen. Der Empfangsbereich am Flughafen Wien-Schwechat war verstĂ€ndlicherweise fĂŒr die Allgemeinheit gesperrt 
 allerdings nicht fĂŒr die Presse. Familienmitglieder wurden ferngehalten – aber ein paar Kameras und Mikrofone standen sofort parat. Auch hier wurden PrioritĂ€ten gesetzt 😞.

SpĂ€t nachmittags fuhr ich vollkommen erschöpft und gezeichnet mit dem Geisterzug der ÖBB nach Leoben – um meine Familie wiederzusehen. Äußerst merkwĂŒrdig: Das erste Wiedersehen nach sechzehn Monaten – und wir durften uns nur mit Sicherheitsabstand kurz unterhalten. Keine Umarmung, keine BerĂŒhrung – rein gar nichts. Das soll keine Kritik sein – schließlich kam ich gerade vom anderen Ende der Welt. Aber es war dennoch ein trĂŒgerisches Wiedersehen. Ich lieh mir einen Pkw aus – der freundlicherweise mit reichlich Verpflegung gefĂŒllt war – und fuhr die restlichen zwei Stunden nach Hause.

Das letzte Mal mit einer Gangschaltung gefahren war ich vor ĂŒber sechzehn Monaten – also benötigte ich ein paar YouTube-Videos, um den Wagen in Gang zu bringen đŸ€Ł. Herrlich!

Als ich Österreich im Februar des Vorjahres verlassen hatte, waren die Straßen lebendig – das Leben lief in seinem gewohnten, alltĂ€glichen Rhythmus. Mai 2020: Das Land steht still, alles hat sich vollkommen verĂ€ndert – und ich hĂ€tte es nie fĂŒr möglich gehalten, dass mich irgendetwas davon abbringen könnte, mein Ziel zu erreichen: 50 LĂ€nder in 500 Tagen. Zu Hause erwarteten mich zunĂ€chst weitere 14 Tage QuarantĂ€ne – und dann begann wohl die grĂ¶ĂŸte Herausforderung meines bisherigen Lebens: die EnttĂ€uschung dieser Niederlage zu verarbeiten und wieder im Alltag Fuß zu fassen. Die Zeit danach war brutal schwierig – deshalb habe ich auch den Bericht zu meinen 11 Schritten geschrieben 


 

Mein Fazit: Neuseeland ist das Paradies, von dem wir alle trĂ€umen. Dieses Land touristisch frei zu erleben war ein einmaliges Geschenk. Die Nordinsel ist ein wahrer Genuss – die SĂŒdinsel blieb mir verwehrt. Aber ich garantiere euch: Noch bevor ihr diesen Absatz lest, bereite ich mich bereits auf die Fortsetzung vor.

Sicherheit: Der Pazifikstaat ringt jĂ€hrlich mit den ĂŒblichen VerdĂ€chtigen aus Nordeuropa um die Krone des sichersten Landes. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Kosten: Jedes Objekt wirft seinen Schatten. Das alltĂ€gliche Leben wĂŒrde ich generell ĂŒber unserem Preisniveau ansiedeln – also kalkuliert sorgfĂ€ltig. Importierte Waren sind unverschĂ€mt teuer, Eintritte und Touren sind finanziell eine Herausforderung. DafĂŒr sind die Preise fĂŒr Unterkunft und Mietwagen deutlich gĂŒnstiger als in Australien – und damit durchaus erschwinglich.


 Normalerweise wĂŒrde ich euch hier verraten, wohin mich der nĂ€chste Schritt fĂŒhrt 
 aber es ist vorbei – wirklich vorbei đŸ„ș. Zumindest fĂŒr den Moment.