Kapitel 47 (Teil 2) – 🇳🇿 Neuseeland (Nordinsel)

Zum Glück entschied ich mich, noch einmal alle Kräfte zu mobilisieren – und erlebte unter anderem einen unvergleichlichen Tag in einem kleinen neuseeländischen Dorf, dessen magischem Zauber jeder von euch verfallen würde: Matamata 😍.

Die nähere Umgebung des Dorfes diente als Schauplatz des fiktiven Ortes „Hobbingen“ im Auenland. Über alles rund um Herr der Ringe oder den Hobbit – Bücher wie Verfilmungen – traue ich mich kaum zu philosophieren. Dazu fehlen mir schlicht das Fachwissen und die nötige Leidenschaft. Und jeder kennt bestimmt diesen einen Freund: „Was? Du musst die Bücher lesen – die Filme sind nicht annähernd so gut wie die Romane! Lies die Bücher!“ Manchmal nerven diese Leute 😅.

Die letzte Tour durch Hobbiton vor der Schließung

In einer normalen Welt solltet ihr die Tickets für die Tour durch das Auenland so früh wie möglich im Voraus buchen. Der Wirbel rund um die Werke von J. R. R. Tolkien hat auch seine Schattenseite: Seit knapp zwanzig Jahren strömen Touristen aus aller Welt nach Neuseeland. Die berühmten Schauplätze verteilen sich zwar über die Nord- und Südinsel – aber Matamata ist das überlaufene, zentrale Herz der Meisterliteratur. An einem verregneten Samstag suchte ich Hobbingen auf – in der Hoffnung, das Städtchen noch erleben zu können. Inmitten der grünen Hügellandschaft, die von Tausenden Schafen dominiert wird, liegt das gut ausgeschilderte Informationszentrum von Hobbingen. Erst an der Kasse wurde mir bewusst, dass Matamata noch geöffnet hatte. Die Dame am Schalter erklärte mir, dass ich Glück hätte – ab morgen müssten sie den Betrieb und die Touren bis auf unbestimmte Zeit völlig einstellen.

Ob dieses besondere Privileg in den vergangenen 20 Jahren schon jemand genießen durfte? Statt dichtem Gedränge, unerträglicher Lautstärke und Besuchermassen aus aller Welt war ich beinahe vollkommen allein – und wartete aufgeregt auf die Begegnung mit dem Auenland. Ein paar gestrandete Touristen gesellten sich dazu – und ein Reisebus chauffierte uns durch die grüne Landschaft der Schauplätze. Obwohl es nebelig war und Regentropfen gegen die Fensterscheiben hämmerten, hatte ich nur Augen für diese sagenhafte Umgebung. Vorne im Bus hing ein Monitor, auf dem Peter Jackson – Regisseur der Trilogie – die Besucher herzlich begrüßte und bat, sich auf die Landschaft zu konzentrieren. Stellt euch dieses Szenario vor: Euer letzter Tag in Freiheit – ein leerer Reisebus chauffiert euch durch das Auenland, die Wetterbedingungen sorgen für eine unbeschreibliche Melancholie – und über die Lautsprecher ertönen die himmlischen Klänge des Lord of the Rings-Soundtracks – The Shire … magische Momente!

INSIDE HOBBITON MOVIE SET

Kuriose Anekdoten vom Hobbiton-Filmset

Der Rest ist Geschichte! Wie durch ein Wunder kämpfte sich die Sonne durch die dunklen Wolken – der Guide führte uns durch das leere Hobbit-Dorf und verwöhnte uns mit lustigen und kuriosen Anekdoten. Einen kleinen Auszug möchte ich euch weitergeben.

In der Anfangsszene des ersten Herr-der-Ringe-Teils wird fleißig gefeiert und getrunken. Das öffentliche Konsumieren alkoholischer Getränke ist in diesem Teil des Landes jedoch nicht erlaubt. Die Produzenten der Trilogie fanden aber eine Gesetzeslücke – der Konsum ausländischen Biers war nicht ausdrücklich verboten. Peter Jackson & Co. ließen schließlich Unmengen britischen Biers aus England importieren, um die Feierlichkeiten – genauer gesagt den Umtrunk – so realistisch wie möglich zu gestalten.

Eine der größten Herausforderungen bei den Dreharbeiten im Auenland waren die Frösche 🐸. Es wurden künstliche Teiche angelegt, um das Hobbit-Dorf noch authentischer zu gestalten. Das Problem: Auch die einheimischen Frösche wurden von der Ästhetik angezogen – und wanderten scharenweise zu den Drehorten. Gefährlich waren die Tiere natürlich nicht – aber ihr endlos lautes Quaken stoppte die Dreharbeiten sogar für einige Tage. Die Lösung: Im näheren Umfeld wurden weitere Teiche angelegt – und eigens abgestellte Mitarbeiter liefen während der Drehpausen mit Kübeln durch das Hobbit-Dorf, um die Frösche einzusammeln und umzusiedeln. Einfach eine herrlich skurrile Vorstellung, oder?

Der wunderbare Sonnenuntergang, dem Frodo und Gandalf eines Abends entgegenspazierten, war nebenbei bemerkt ein Sonnenaufgang. Die Crew war von diesem perfekten Moment so begeistert, dass sie ihn für alle Filmteile mehrfach nutzte – je nach Bedarf vorwärts oder rückwärts abgespielt. Ein schlauer Zug der Crew 😉.

Die Liste dieser kuriosen Momente endet hier – einfach weil ich euch nicht alles verraten möchte und ihr selbst ein paar „WTF“-Momente erleben sollt. Um Galadriel zu zitieren: „The world is changed. I feel it in the water. I feel it in the earth. I smell it in the air“ – verlassen wir nun gemeinsam das Auenland.

Mietwagenrückgabe im Chaos und der erste Lockdown-Alltag

Der letzte Tag in Freiheit neigt sich dem Ende zu – und schweren Herzens beschließe ich, dieser himmlischen Landschaft Lebewohl zu sagen und nach Auckland zurückzufahren. Die Fahrt dauerte ungefähr vier bis fünf Stunden – in der Summe kamen mir aber maximal zehn andere Fahrzeuge entgegen. Meinen Mietwagen musste ich am Flughafen zurückgeben – was sich allerdings als völlig unmöglich herausstellen sollte. Mehrere Tage zuvor hatte ich versucht, das Mietwagenunternehmen telefonisch und per E-Mail zu erreichen – erfolglos. Ich war äußerst nervös, als ich die letzten Kilometer zum internationalen Flughafen Auckland in Angriff nahm – ich wusste schlicht nicht, was mich erwartete.

Das gesamte Flughafengelände war gesperrt und abgeriegelt, die Zufahrten zu den Parkplätzen geschlossen – weit und breit kein Auto, kein Mensch. Ein ungutes Gefühl braute sich in mir zusammen: Einerseits sollte ich in die Stadt, um mein versprochenes Kellerzimmer zu beziehen – andererseits musste ich irgendwie den Mietwagen loswerden. Auch mein letzter Anruf blieb unbeantwortet – also beschloss ich, das Auto direkt vor den Toren des Flughafengeländes abzustellen. Den Schlüssel legte ich auf den Vorderreifen – und filmte die ganze Angelegenheit, um die korrekte Rückgabe zu dokumentieren. Vom Flughafen ins Zentrum waren es gute 20 Kilometer – und da der öffentliche Verkehr eingestellt worden war, bereitete ich mich auf einen langen Fußmarsch vor. Alle paar Minuten kreuzte ein Fahrzeug meinen Weg – und ich überlegte ständig, ob ich per Handzeichen um eine Mitfahrgelegenheit bitten sollte. Soweit ich mich erinnerte, durfte ich an diesem Tag noch legal durch die Gegend laufen – dennoch hatte ich das permanente Gefühl, jeden Moment verhaftet zu werden. Nach gut einer halben Stunde hielt ein Fahrzeug an und nahm mich mit – eine echte Rettung, denn ich war bereits erschöpft und hatte diese Distanz völlig unterschätzt. Mein Kellerzimmer war im Jucy Snooze Hostel vorbereitet – das über eine außerordentliche Genehmigung verfügte, um gestrandete Touristen aufzunehmen.

In diesem Moment war ich sehr erleichtert, den Schritt in die Obdachlosigkeit vermieden zu haben – allerdings wusste ich noch nicht, welch wahnsinnige vier bis fünf Wochen auf mich warteten. Der erste Lockdown in Neuseeland war brutal – die Freiheit wurde nicht nur stark eingeschränkt, sondern praktisch außer Gefecht gesetzt. Das Hostel verfügte zwar über einen Gemeinschaftsraum und eine Küche – aber all diese Einrichtungen waren vollständig gesperrt. Jeglicher Kontakt zu anderen Bewohnern sollte vermieden werden – und wer das Hostel verlassen wollte, was grundsätzlich nur zum Einkaufen erlaubt war, musste sich in eine Liste eintragen: Eingangs- und Ausgangszeit sowie Grund für den Ausgang.

Knapp drei Wochen zuvor war ich zum ersten Mal durch Auckland spaziert – und sofort verliebt in die Stadt, die Umgebung und die freundlichen, fröhlichen Gesichter. Die Strände waren gut besucht, in den Parks wurde gespielt und gechillt, in den Gassen herrschte reges Leben – und die Lebensfreude der Neuseeländer packte und steckte mich sofort an. Nun spaziere ich erstmals zum Supermarkt – und fühle mich wie in einem Endzeitfilm, in dem die Menschheit ausradiert wurde. Diese konträren Unterschiede waren schlichtweg zu viel. Am Supermarkt angekommen, bildete sich bereits eine lange Schlange. Die Menschen standen im Mindestabstand – Bodenmarkierungen waren längst vorhanden – quer durch die leere Parkgarage und warteten. Alle zwei bis drei Minuten konnte ich einen Schritt weitergehen. Ein Mund-Nasen-Schutz war noch kein Thema – dennoch durfte man keiner anderen Person zu nahekommen. Sicherheitspersonal kontrollierte jeden Schritt und jede Bewegung. Die reine Wartezeit meines ersten Besuchs betrug über zwei Stunden – seltsamerweise störte mich das kaum. Ich war im Freien, konnte immerhin andere Menschen beobachten – und hatte ohnehin rein gar nichts zu tun. Nach dem bewährten Samstagabend-Disco-System „Einer raus, einer rein“ durfte ich das Geschäft betreten. Das nächste wahnwitzige Gefühl: eine riesige, nahezu menschenleere Supermarkthalle – die mich an die Kaufhausszenen aus Zack Snyders Zombiefilm Dawn of the Dead 🎥 erinnerte.

Obwohl ich einen gewissen Zeitdruck verspürte – ich wollte die anderen nicht länger als nötig warten lassen –, brauchte ich mitunter eine Ewigkeit, um meine Sachen zusammenzusuchen. Einerseits wusste ich nicht, wie ich mich die nächsten Wochen und Monate ernähren sollte – abgesehen von einem Wasserkocher hatte ich rein gar nichts. Andererseits waren die Waren neuseeländisch teuer – ich musste halbwegs langfristig planen. Und auf die Gefahr hin, dass ihr mich jetzt auslacht: Der dritte Grund war die fröhliche Musik der beliebtesten Pop- und Rocksongs, die durch die Gänge hallte. Herrlich, oder? Ist euch die Musik in Geschäften schon einmal bewusst aufgefallen? Seit dieser Erfahrung achte ich unbewusst ständig darauf. Aber es war durchaus nachvollziehbar – in den Straßen herrschte Totenstille, und in meinem Zimmer hatte ich nichts außer einem alten, kaum funktionstüchtigen Mobiltelefon.

Den Besuch des Supermarkts machte ich zum täglichen Ritual – er war gewissermaßen der Höhepunkt meines aktuellen Lebens. Gekauft habe ich dabei so gut wie nichts – ich wollte einfach nur raus, um Musik zu hören. Die Wartezeiten wurden von Tag zu Tag kürzer – dank angepasster Öffnungszeiten. Während man in Österreich die Geschäftszeiten drastisch reduziert hatte, begannen die Neuseeländer, ihre Geschäfte rund um die Uhr geöffnet zu lassen – damit sich die Besucherströme besser verteilen. Na – welcher dieser beiden Wege war wohl der klügere?

Im Jahre 2000 strandete Tom Hanks auf einer einsamen Insel 🎥 „Cast Away – Verschollen“ und freundete sich mit Wilson an. Ihr könnt euch bestimmt noch erinnern, der berühmteste Volleyball 🏐 der modernen Zeitgeschichte. Mein Wilson war Jakob der Wasserkocher. Nein, ich beliebe nicht zu scherzen, Jakob war das einzige, sinnvolle technische Gerät, welches mir zur Verfügung stand. Ihr seid überhaupt nicht im Bilde darüber, was man in solch einen Jakob alles zusammen mixen kann😅.

In einer derartigen Ausnahmesituation sollten die heimischen Botschaften den Betroffenen Unterstützung anbieten. In diesen vier bis fünf Wochen des „Festsitzens“, war die österreichische Botschaft in Auckland nicht EINMAL (!!!) erreichbar 😡. Telefonate wurden nicht entgegengenommen und die E-Mails wurden mit automatischen Antworten abgefertigt. Nach viel Kampf, Krampf und verlorenen Nerven konnte ich das österreichische Konsulat in Canberra, Australien 🇦🇺 erfolgreich kontaktieren, welches mir umgehend Unterstützung angeboten hatte.

Der erste gescheiterte Rettungsflug über Sydney

Durch einen Aufruf in den Medien – Radio Steiermark, Radio Kärnten, 5 Minuten Klagenfurt, Kleine Zeitung … – konnte ich weitere Aufmerksamkeit erregen und zusätzlich zwei Mädels aus Oberösterreich kennenlernen, die nur wenige Meter weiter ebenfalls feststeckten. Ein Lichtblick – denn geteiltes Leid ist nicht nur sprichwörtlich halbes Leid. Nach den ersten zwei Wochen ignorierten wir die strengen Maßnahmen der neuseeländischen Regierung und trafen uns gelegentlich draußen, um unsere weiteren Pläne zu besprechen. Diese Zeit war emotional kaum zu beschreiben: Einerseits fühlte ich mich tieftraurig, einsam und vollkommen isoliert – andererseits versuchte ich, mich mit Optimismus und Humor bei Laune zu halten. Mein positiver Ansatz: Wie auch immer diese Geschichte ausgehen wird – ich habe bestimmt einiges zu erzählen 😉.

Teamwork auf höchstem Niveau: Wir teilten uns die Aufgaben auf – und terrorisierten gewissermaßen sämtliche Ämter und Behörden in Österreich. Die Zeitverschiebung zwischen Österreich und Neuseeland beträgt je nach Sommer- oder Winterzeit zwischen zehn und zwölf Stunden. Das bedeutete: Meine Tage wurden zu Nächten – und meine Nächte zu Tagen. Sämtliche Telefonate, Chats und E-Mails fanden bei mir mitten in der Nacht statt. Grundsätzlich kein großes Problem – da ich ohnehin weder etwas zu tun hatte noch über einen geregelten Rhythmus verfügte. Für Moral und Gesundheit war es jedoch mörderisch. Während ganz Neuseeland im Land der Träume verweilte, war ich putzmunter – und als es endlich wieder hell wurde, konnte ich kaum die Augen offenhalten. Die österreichische Regierung und die österreichische Vertretungsbehörde – Botschaft oder Generalkonsulat Canberra – vertrösteten uns stets mit denselben Worten:

Wir haben Ihre Anfrage zur Rückkehr erhalten. Nach deren Prüfung werden wir Sie zeitnah kontaktieren. Herzliche Grüße, Ihr BMEIA. Die Definition von „zeitnah“ kann sehr variabel sein.

Die offizielle Erklärung lautete, dass Neuseeland den Flugverkehr vollständig eingestellt hatte und derzeit auch keine sogenannten Repatriierungsflüge zulasse. Interessanterweise wurden im selben Atemzug zahlreiche deutsche Touristen 🇩🇪 in Scharen von der Insel geholt. Nach langer Wartezeit und unzähligen Telefonaten kam die erhoffte – und längst nicht mehr für möglich gehaltene – Rettung:

Sehr geehrte Österreicherinnen und Österreicher,

das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten ist mit allen Kräften bemüht, Sie bestmöglich bei Ihrer Rückreise nach Österreich zu unterstützen. Für Dienstag, 09:15 Uhr Ortszeit, ist ein Repatriierungsflug – Flugnummer OS1028 – von Sydney nach Wien geplant. Für alle Passagiere ist ein Kostenbeitrag von 1.000 Euro vorgesehen. Passagiere müssen sich spätestens drei Stunden vor Abflug am Flughafen einfinden. Bitte beachten Sie, dass dies vorläufig der einzige Repatriierungsflug nach Österreich ist.

Entscheidende Information: Sydney – und vorläufig der einzige Repatriierungsflug!

Wir klärten umgehend die Details ab – und erhielten vom österreichischen Innenministerium ein Transitvisum, damit wir den Flug von Auckland nach Sydney buchen konnten. Das war die einzige noch verfügbare Flugroute. In dem Moment, als das Transitvisum bestätigt wurde, buchten wir separat über Air New Zealand den Flug Auckland–Sydney – und überwiesen die erforderlichen 1.000 Euro für das Ticket nach Hause. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:

Sie wurden erfolgreich auf Ihren Austrian-Airlines-Flug nach Wien registriert. Bitte begeben Sie sich frühzeitig zum Flughafen! Dienstag, 09:15 Uhr, Flugnummer OS1028. Wir wünschen eine gute Heimreise!

Herzliche Grüße, Ihr BMEIA

Die Euphorie und Vorfreude waren grenzenlos – wir packten unsere letzten Sachen und fuhren am Vortag des Fluges OS1028 zum Flughafen Auckland, um Sydney anzusteuern. Das BMEIA stellte uns alle notwendigen Dokumente für den Transitflug nach Australien aus. Am Schalter des menschenleeren Flughafens Auckland angekommen – folgte die Ernüchterung:

„UNCLASSIFIED – Unfortunately, you have not provided sufficient information for an assessment of exceptional circumstances to approve your transit through Australia.“

Zusammengefasst: Der Transit in Sydney wurde uns verweigert – da wir keine außerordentlichen Umstände nachweisen konnten.

Bei all dem Chaos habe ich großes Verständnis für behördliche Hürden – aber diese Aktion wurde zur Farce. Das BMEIA hatte es nicht geschafft, drei Österreichern zu ermöglichen, für wenige Stunden am Flughafen Sydney von einem Gate zum nächsten zu gehen. Erst Tage später erfuhr ich, dass wir ein falsches Transitvisum erhalten hatten. Der Rettungsflug startete um 09:15 Uhr Ortszeit in Sydney – unser Flug aus Neuseeland landete jedoch kurz vor Mitternacht. Unser Transitvisum war nur für einen Kalendertag ausgestellt – eine Übernachtung war nicht erlaubt. Glücklicherweise wurde mir die bereits überwiesene Summe von 1.000 Euro umgehend zurückgebucht – auf den Kosten für das Air-New-Zealand-Ticket blieb ich natürlich sitzen. Die Lage wurde damit immer unangenehmer. Zur Erinnerung: Bitte beachten Sie, dass dies vorläufig der einzige Repatriierungsflug nach Österreich ist.

Ich hatte leider endlos viel Zeit zum Nachdenken – und freundete mich bereits mit dem Gedanken an, ein Meister des Kiwi-Anbaus 🥝 zu werden. Versteht das bitte nicht als Jammerei oder als Versuch, Mitleid zu heischen – ich allein bin schuld daran, in diese Situation geraten zu sein … weil ich einfach nicht aufgeben wollte. In den folgenden vierzehn Tagen verlor ich die Lust an so ziemlich allem. Ich ließ mich schrecklich gehen, lag stundenlang im Bett, starrte an die Decke und hinterfragte alles Mögliche. Die Kommunikation mit Behörden und Botschaften kam zum Stillstand – mir wurde unmissverständlich mitgeteilt: Wir können nichts mehr für dich tun. Die Tage wurden länger und eintöniger – aber zur großen Freude lockerte die neuseeländische Regierung nach gut einem Monat die strengen Regeln, und ich durfte mir die Beine jederzeit legal vertreten. Am 8. Tag erschuf Gott wohl wirklich das Geocaching 😅.

28 Stunden nach Wien – der Rettungsflug

Als ich bereits die Arbeitsbedingungen akzeptiert hatte und die umliegenden Farmen kontaktierte – die finanzielle Situation drohte langsam zu entgleisen –, ergab sich ein weiterer Hoffnungsschimmer am fernen Horizont:

Sehr geehrte Österreicherinnen und Österreicher,

das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten ist mit allen Kräften bemüht, Sie bestmöglich bei Ihrer Rückreise nach Österreich zu unterstützen. Für Donnerstag ist ein Repatriierungsflug – Flugnummer OS1024 – nach Wien geplant. Das Flugzeug wird die Flughäfen Christchurch (16:00 Uhr Ortszeit) und Auckland (19:00 Uhr Ortszeit) anfliegen. Für alle Passagiere ist ein Kostenbeitrag von 1.200 Euro vorgesehen. Bitte beachten Sie die Einhaltung der strikten COVID-Alert-Level-4-Bestimmungen Neuseelands. Passagiere müssen sich spätestens drei Stunden vor Abflug am Flughafen einfinden. Bitte beachten Sie, dass dies vorläufig der einzige Repatriierungsflug nach Österreich ist.

Das Spielchen geht in die nächste Runde – und welche Farce sich nun abspielte, möchte ich gar nicht im Detail schildern. Nur Stichworte: Flug gebucht – Flugbestätigung erhalten – von der Passagierliste wieder gestrichen. Begründung: Familien und Kinder zuerst – was nachvollziehbar ist. Mit tatkräftiger Unterstützung von zu Hause wieder auf der Liste gelandet. Persönlich hatte ich keine Energie mehr, mich wieder nächtelang durch den Behördendschungel zu kämpfen. Im Grunde wartete ich noch Stunden vor dem tatsächlichen Abflug auf die erneute Absage. Die nächste Fahrt zum Flughafen Auckland – aber dieses Mal war die Abflughalle auch für mich geöffnet.

Vor Ort spielten sich dramatische Szenen ab, die ich so nicht erwartet hatte. Stellt euch vor: Die Flughalle ist vollkommen leer – nur der AUA-Flug nach Wien mit Tankstopp in Kuala Lumpur 🇲🇾 findet statt. Bei der Registrierung zeigten sich zwei unterschiedliche Gruppen. Der glückliche Teil – mit fixem Flugticket – und der verzweifelte Teil auf der sogenannten Warteliste, der nachrückt, wenn Auserwählte nicht rechtzeitig oder nicht gesund erscheinen. Die Warteliste entstand aus den Erfahrungen des Fluges OS1028 Sydney–Wien, der nicht annähernd ausgelastet gewesen war. Erschütternde Bilder: Viele Menschen sitzen mit ihrem Hab und Gut auf dem Boden – bangend und betend – und mit jeder weiteren Person, die sich in der Schlange einreiht, sinkt ihre Hoffnung. Das muss ein wirklich beschissenes Gefühl sein.

Das Chaos erreichte seinen Höhepunkt: Zu diesem Zeitpunkt befand sich mehr Sicherheitspersonal – das den Zwei-Meter-Abstand penibel kontrollierte – in der Halle als Flugpassagiere. Ich war nervös, müde – und verspürte weder Vorfreude noch Wohlbefinden. Ehrlich gesagt hatte ich schreckliches Mitleid mit den Wartenden, ein schlechtes Gewissen – und ein allgemeines Gefühl der Gleichgültigkeit überkam mich. Es spielte keine Rolle mehr, ob ich nun nach Hause kam oder nicht. Eine 50/50-Situation – in der ich laufend damit spielte, einfach nicht einzuchecken. Das war jener Moment, vor dem ich solche Angst gehabt hatte. Der Augenblick, in dem ich zum allerersten Mal registrierte: Meine Reise ist zu Ende – mein Traum zerplatzt wie ein Luftballon – und ich habe schrecklich versagt, weil ich mein angestrebtes Ziel nicht erreicht habe. Unerklärlich, welche Gedanken mir da durch den Kopf gingen. Ich war schlichtweg zu faul, zu bequem und zu müde, um abzuchecken und in meinen Keller zurückzukehren. Update 1/2021: Wenn ich an das damals eingeschränkte Leben in Österreich denke – und an die zurückerlangten Freiheiten in Neuseeland –, bereue ich diese Entscheidung!

Letztlich klappte der Check-in – und die rund 200 Passagiere wurden auf engstem Raum zusammengetrommelt, um auf weitere Anweisungen zu warten. Zuvor wurde der Zwei-Meter-Abstand konsequent kontrolliert – eine halbe Stunde später interessierte das niemanden mehr. Auf meiner Bordkarte befand sich zwar eine Sitzreihe – die aber nicht mit den Reihen der AUA-Maschine übereinstimmte. Da ich allein unterwegs war, war mir der Platz gleichgültig – aber die Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter hatten alle Hände voll zu tun, die aufgewühlte Menge in Schach zu halten. Die Menschheit zeigt in solchen Momenten kaum Demut oder Dankbarkeit – es wird diskutiert, gerangelt und gestritten, wer neben wem wo sitzen darf. Nach sechzehn Monaten waren diese asozialen Momente wieder der erste Kontakt mit der realen Welt.

Dieser Rettungsflug wurde von der österreichischen Regierung organisiert – und das gab sie jedem einzelnen Passagier deutlich zu verstehen. Noch bevor der Pilot seine Gäste begrüßte, wurden Ansprachen österreichischer Politiker live zugespielt – von wem, fragt mich bitte nicht. Anschließend hallte „I Am from Austria“ durch die Maschine. Kein Scherz – kein Emoji – die pure Wahrheit. Der Flieger war vollständig ausgelastet – und wir saßen 28 Stunden lang Seite an Seite. Der Mund-Nasen-Schutz musste während des gesamten Fluges getragen werden – und eine offizielle Verpflegung war aus Sicherheitsgründen nicht vorgesehen. Gott sei Dank pfiff die Besatzung auf diese Vorgabe – und verteilte zumindest einige Wasserflaschen. Sonst wären diese 28 Stunden kaum zu überstehen gewesen.

Dieser Rettungsflug schrieb österreichische Luftfahrtgeschichte – es war der längste Flug, den die AUA je unternommen hatte – und das erste Mal, dass eine österreichische Maschine neuseeländischen Boden berührte. Diese 28 Stunden zogen sich wie eine ganze Woche. Das Mühsamste war das Auftanken in Malaysia: Aus Sicherheitsgründen durfte sich während dieses zwei- bis dreistündigen Vorgangs niemand von seinem Sitzplatz erheben.

Die Ankunft in Wien und ein bizarres Wiedersehen

Der letzte Absatz hat mit einem Neuseeland-Reisebericht genauso viel zu tun wie Kreuzfahrttourismus mit Nachhaltigkeit – aber ich möchte diese Details für mich persönlich festhalten.

Nach 28 Stunden Flugzeit – inklusive Jetlag und Temperaturschock – war die Ankunft am Flughafen Wien-Schwechat ein außergewöhnlich skurriles Erlebnis. Der Rettungsflug aus Auckland war an diesem Tag der einzige, der abgefertigt wurde – und entsprechend herrschte in der gesamten Halle eine Friedhofsatmosphäre. Ich galt als Hoch-Hoch-Hoch-Risikoperson und musste nach der Landung an drei verschiedenen Stellen Rede und Antwort stehen. Die letzte Kontrolle war die offizielle Registrierung für Reiserückkehrer – und dieses sensationelle Gespräch möchte ich euch nicht vorenthalten 😅.

Beamter: Wohin fahren Sie? Mario: Nach Hause Richtung Klagenfurt. Beamter: Bitte nennen Sie mir Ihre Adresse. Mario: 🤔 Keine Ahnung! Beamter: Wie – keine Ahnung? Sie werden doch wissen, wo Sie wohnen? Mario: 🤔 Ich habe wirklich keine Ahnung!

Meine Adresse ist relativ neu – und da ich sie seit 16 Monaten nicht mehr benötigt hatte, hatte ich sie schlicht vergessen. Ich suchte zwar verzweifelt auf meinem Mobiltelefon nach Hinweisen – fand aber nichts.

Beamter: Dann geben Sie mir bitte Ihre Telefonnummer. Mario: 🤔 Welche Telefonnummer – ich habe keine! Beamter: Jeder hat eine Telefonnummer – Sie halten doch gerade ein Handy in der Hand! Mario: 🤔 Ich kann Ihnen die Nummer dieser australischen Daten-SIM-Karte heraussuchen – aber ich war so lange nicht in Österreich, ich habe momentan keine österreichische Nummer. Beamter: Okay – sobald Sie zu Hause angekommen sind, schicken Sie uns bitte umgehend eine E-Mail mit allen relevanten Daten, damit wir Sie registrieren können. Mario: Okay!

Als ich mich umdrehte, kam mir sofort ein Gedanke: Mit welcher Internetverbindung sollte ich diese E-Mail schicken? Aber egal – meine kleine Wohnung stand ohnehin komplett leer. Gott sei Dank organisierte mir ein lieber Freund Strom, Internet – und füllte meinen Kühlschrank mit eisgekühltem Gösser-Bier auf! Schleichwerbung – ich weiß. Aber man muss Prioritäten setzen 😅.

Kennt ihr diese wunderbaren Momente in der Ankunftshalle – ganz à la Tatsächlich Liebe 🎥? Freunde und Familienmitglieder warten sehnsüchtig auf ihre Heimkehrer, Schilder werden hochgehalten, Blumen, Ballons und andere Kleinigkeiten verteilt – und die Liebsten werden in die Arme genommen. Der Empfangsbereich am Flughafen Wien-Schwechat war verständlicherweise für die Allgemeinheit gesperrt … allerdings nicht für die Presse. Familienmitglieder wurden ferngehalten – aber ein paar Kameras und Mikrofone standen sofort parat. Auch hier wurden Prioritäten gesetzt 😞.

Spät nachmittags fuhr ich vollkommen erschöpft und gezeichnet mit dem Geisterzug der ÖBB nach Leoben – um meine Familie wiederzusehen. Äußerst merkwürdig: Das erste Wiedersehen nach sechzehn Monaten – und wir durften uns nur mit Sicherheitsabstand kurz unterhalten. Keine Umarmung, keine Berührung – rein gar nichts. Das soll keine Kritik sein – schließlich kam ich gerade vom anderen Ende der Welt. Aber es war dennoch ein trügerisches Wiedersehen. Ich lieh mir einen Pkw aus – der freundlicherweise mit reichlich Verpflegung gefüllt war – und fuhr die restlichen zwei Stunden nach Hause.

Das letzte Mal mit einer Gangschaltung gefahren war ich vor über sechzehn Monaten – also benötigte ich ein paar YouTube-Videos, um den Wagen in Gang zu bringen 🤣. Herrlich!

Als ich Österreich im Februar des Vorjahres verlassen hatte, waren die Straßen lebendig – das Leben lief in seinem gewohnten, alltäglichen Rhythmus. Mai 2020: Das Land steht still, alles hat sich vollkommen verändert – und ich hätte es nie für möglich gehalten, dass mich irgendetwas davon abbringen könnte, mein Ziel zu erreichen: 50 Länder in 500 Tagen. Zu Hause erwarteten mich zunächst weitere 14 Tage Quarantäne – und dann begann wohl die größte Herausforderung meines bisherigen Lebens: die Enttäuschung dieser Niederlage zu verarbeiten und wieder im Alltag Fuß zu fassen. Die Zeit danach war brutal schwierig – deshalb habe ich auch den Bericht zu meinen 11 Schritten geschrieben …

Fazit – Sicherheit, Kosten, Tipps

 

Mein Fazit: Neuseeland ist das Paradies, von dem wir alle träumen. Dieses Land touristisch frei zu erleben war ein einmaliges Geschenk. Die Nordinsel ist ein wahrer Genuss – die Südinsel blieb mir verwehrt. Aber ich garantiere euch: Noch bevor ihr diesen Absatz lest, bereite ich mich bereits auf die Fortsetzung vor.

Sicherheit: Der Pazifikstaat ringt jährlich mit den üblichen Verdächtigen aus Nordeuropa um die Krone des sichersten Landes. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Kosten: Jedes Objekt wirft seinen Schatten. Das alltägliche Leben würde ich generell über unserem Preisniveau ansiedeln – also kalkuliert sorgfältig. Importierte Waren sind unverschämt teuer, Eintritte und Touren sind finanziell eine Herausforderung. Dafür sind die Preise für Unterkunft und Mietwagen deutlich günstiger als in Australien – und damit durchaus erschwinglich.

… Normalerweise würde ich euch hier verraten, wohin mich der nächste Schritt führt … aber es ist vorbei – wirklich vorbei 🥺. Zumindest für den Moment.