🇱🇻 Lettland ’21
Nach sechzehn Monaten Abstinenz starte ich sehnsüchtig in mein nächstes Abenteuer. Im Jahr 2019 habe ich Litauen 🇱🇹 genauer kennengelernt und mich daraufhin entschlossen, Estland und Lettland zu erkunden. Wir reisen gemeinsam zu einer historischen Brücke, die wir nicht betreten dürfen – erkunden faszinierende verlassene Gebiete und kuriose Museen, reden über eine einzigartige Landschaft, skurrile Friedhöfe und eine unglaubliche Begegnung der dritten Art. Wir erkunden Burgen, Schlösser und Ruinen, lernen zwei völlig verrückte Gefängnisse kennen – und ich erzähle euch, wie es sich in den ehemaligen sowjetischen Wohnblöcken lebt. Ich verrate euch mein absolutes Lieblingsdorf – das sogar mein heiß geliebtes Nynäshamn 🇸🇪 übertrifft –, zeige euch Videos vom spektakulärsten Strand der Welt und erkläre euch, wie sich ein Elchtest in der Realität anfühlt 😱. Erhöht euren Gemütlichkeitsfaktor – das könnte eine längere Reise werden.
Willkommen in Lettland 🇱🇻, meine Lieben. Für alle Neuankömmlinge: Da ich euch weder geografisch noch chronologisch verwirren möchte, empfehle ich, an der Nordostküste Estlands zu starten – und wir treffen uns hier in einigen Minuten wieder. Für alle anderen: Macht es euch bequem, organisiert Getränke und ungesunde Süßigkeiten – es könnte wiederum ein wenig länger dauern.
Hier geht’s weiter: Reisebericht Estland 21 🇪🇪
Bevor wir uns dem mittleren baltischen Staat widmen, ein kleiner Abstecher in die Kategorie: Unnützes Wissen – Lettland.
✔ Lettland leitet sich vom Namen Liva ab. Die Liven sind ein nahezu ausgestorbenes Volk – als Küstenbewohner bezeichnet. Die Hauptstadt Riga verdankt ihren Namen dem Begriff Rīdzene, der aller Voraussicht nach einem Fluss zugeordnet wird.
✔ Lettland ist das grünste Land Europas – kein anderer Staat verfügt über eine solche Dichte an Wäldern und Wiesen.
✔ Wie fälschlicherweise oft vermutet wird – die Jeans wurde nicht von Levi Strauss erfunden, sondern vom Letten Jākobs Jufess. Um 1850 emigrierte der lettische Schneider nach San Francisco 🇺🇸, änderte seinen Namen in Jacob Davis – und erfand die Jeans. Um sein Patent einzureichen, fehlten ihm die nötigen 68 US-Dollar – und so lernte er Levi Strauss kennen, der netterweise und ohne eigene Hintergedanken 😉 aushalf. Danke, lieber Geocache, für diese tolle Geschichte – sonst würden wir diesem Irrglauben wohl noch heute verfallen sein. Also merkt euch: Die Jeans hat ein Lette erfunden.
✔ Das Karosta-Gefängnis ist das einzige ehemalige Militärgefängnis weltweit, in dem man gemütlich übernachten kann. Aber darüber sprechen wir etwas später.
✔ Lettland ist stolzer Besitzer des breitesten Wasserfalls Europas. Der Ventas Rumba erreicht eine Breite von 250 Metern – und verdient damit durchaus Aufmerksamkeit. Klingt allerdings spektakulärer als es ist – aber auch darüber reden wir noch.
✔ Am Fuße des Schwarzhäupterhauses in Riga wurde der Weihnachtsbaum erfunden. Seit 1510 schmücken die Letten ihre Tannen – und diese Tradition verbreitete sich erst viele Jahre später in der restlichen Welt.
Na? Das mit dem Weihnachtsbaum und dem Schneider wusste bestimmt niemand von euch, oder? Wieder was gelernt 😉. Bevor wir unseren Roadtrip fortsetzen – ein kurzes Routen-Update:
Während wir durch den südöstlichen Teil des Landes fahren, werden wir laufend mit zwei Begriffen konfrontiert: Pils und Manor. Diese beiden Bezeichnungen stehen für die zahlreichen Herrenhäuser und Schlösser, die im 19. Jahrhundert von den russischen Zaren erbaut wurden. Unsere Jagd nach den besonderen Bauwerken könnte nicht abwechslungsreicher sein. Die Palette reicht von traumhaft schönen Märchenschlössern bis hin zu heruntergekommenen, verfallenen Ruinen. Das weiße Schloss Stomersee, das rosafarbene Vides Labirints, das pompöse Cesvaine Castle oder die mächtigen verfallenen Ruinen der Ordensburg Schwanenburg sind nur einige unserer Ziele. So schön diese Schlösser auch sein mögen – unser erstes authentisches Abenteuer erlebten wir inmitten der lettischen Wälder.
Durch intensive Recherche entdeckte ich vorab einen Ort, den ich mir schon mehrmals vorgenommen hatte zu besuchen. Informationen oder hilfreiche Dokumentationen gibt es so gut wie keine. Laut Google Maps nennt er sich Zeltiņu PSRS bāze und Monument to Lenin. In völliger Abgelegenheit sollen die Ruinen einer ehemaligen sowjetischen Geheimstadt liegen. Um euch den Zugang bildhaft zu beschreiben: Die letzten Kilometer zum Ziel führen über eine holprige Piste tief in den Wald. Ich fahre maximal 20 km/h – die Überreste der Straße sind kaum noch zu erkennen, und die herumliegenden Äste und Blätter stellen eine gewisse Herausforderung dar. Dazu kommt ein mulmiges Gefühl – denn ich weiß weder, ob ich hier überhaupt sein darf, noch was mich erwartet.
Die dunklen Wolken, die tödliche Stille, der raue Wind und der sanfte Nieselregen sorgen nicht gerade für ein besseres Wohlbefinden. Als ich den Wagen nur noch ausrollen lasse, entdecke ich die ersten Anzeichen einer verlassenen Siedlung. Mein Adrenalinspiegel steigt ins Unermessliche. Schnittfeste Handschuhe angezogen, Rucksack gepackt, einen Screenshot des aktuellen Standorts gemacht – sonst finde ich nie mehr zurück –, die Kamera positioniert – und los geht die Erkundungstour. Ich liebe solche gottverlorenen Städte. Die Neugier besiegt das leicht ängstliche Gefühl – und ich kämpfe mich durch jedes einzelne verfallene Wohngebäude. Die geheime Siedlung erstreckt sich über mehrere Quadratkilometer. Anfangs waren es nur unbewohnte Wohnhäuser – mit der Zeit landete ich jedoch in unterirdischen Bunkeranlagen und gigantischen Raketensilos. Der rätselhafte Höhepunkt war die Entdeckung einer gewaltigen Lenin-Statue, die vollkommen isoliert inmitten einer Lichtung steht. Das leidenschaftliche Hobby, verfallene Orte und Städte zu erforschen, erfreut sich immer größerer Beliebtheit – und vielleicht kann ich euch mit einem exklusiven Spaziergang durch eine sowjetische Geheimstadt anstecken. Euer Vorteil: Ihr müsst keine Angst haben, könnt euch weniger an Scherben und scharfen Kanten aufschlitzen – und habt die Gewissheit, dass ich euch heil wieder herausbringe 😉.
Unser dreitägiger Aufenthalt im Nationalpark Rāzna fiel den schlechten Wetterbedingungen zum Opfer – also fahren wir weiter in die zweitgrößte Stadt Lettlands. Auch in Daugavpils war Indoor-Programm angesagt – aber zum Glück konnte ich einer meiner kontroversen Leidenschaften nachgehen, die höchstwahrscheinlich nicht überall gut ankommt.
Kleine Fragestunde: Ich buchte eine Tour durch das markanteste Gebäude von Daugavpils – und entdeckte dabei einen sonderbaren Gruß aus der Heimat. Die Besonderheit dieses Ortes liegt darin, dass er der älteste seiner Art ist – und die einzige noch funktionierende Version in ganz Europa. Weltweit gab es davon nur ausgesprochen wenige – und eines der bekanntesten thront über dem Wörthersee. Unzählige Male habe ich dieses Bauwerk am Nordufer des Sees gesehen – aber betreten darf man es leider nicht mehr. Immer wieder stellte ich mir dieselbe Frage: Wie funktioniert dieses merkwürdige Teil – und warum steht es unter Denkmalschutz? Bis nach Lettland musste ich reisen, um die Antworten zu bekommen. Ihr wisst wahrscheinlich gar nicht, wovon ich rede, oder? Wir sprechen vom Schrottenturm in Klagenfurt.
Die Schrotfabrik in Daugavpils ist der einzige Turm, in dem noch immer Munition hergestellt wird – und im Rahmen einer Führung bekommt man eine detaillierte Vorführung. Ich versuche es mit meinen eigenen Worten zu erklären: An der Spitze des Turmes befindet sich ein Schacht, durch den flüssiges Metall hinabgegossen wird. Während der wenigen Sekunden des freien Falls verfestigt sich das Metall – und formt sich zu Munitionskugeln. Diese werden anschließend sortiert und landen in den Kammern diverser Schusswaffen. Klingt wohl ärmlich erklärt – und weniger spannend –, aber diesen Prozess vor Ort zu verfolgen hat durchaus eine gewisse Faszination. Wer mehr wissen möchte: Die Fabrik hat ein Video erstellt, das den Gießereiprozess zeigt: Lead Shot Production – Daugavpils Shot Factory.
Ein äußerst beliebtes Hobby in Osteuropa ist der Besuch einer Schießanlage. Vor einigen Jahren habe ich diesen Sport in Polen 🇵🇱 und Estland 🇪🇪 ausgeübt – und selbstverständlich musste auch Lettland für eine Runde herhalten. Man kann dazu stehen, wie man möchte – ich liebe diesen Adrenalinkick und die unkomplizierte Ausübung. Vorab bucht man online sein Wunschprogramm, vereinbart einen Termin, bekommt eine kurze Sicherheitseinweisung – und ballert mit legendären und modernen Waffen wie verrückt auf Zielscheiben. Kleine Schnellfeuerpistolen, die berühmte österreichische Glock, eine russische AK-47, ein amerikanisches Scharfschützengewehr oder eine Pumpgun – alles, was das Schützenherz begehrt, steht zur Verfügung. Eine kleine Anekdote: Am Valentinstag 💝 sind die Schießanlagen weit im Voraus ausgebucht – denn gemeinsames Schießen zählt zu den beliebtesten Unternehmungen am Tag der Liebe. Irgendwie gefällt mir diese Form von Romantik 😅.
Langsam führt uns dieser Trip zur lang ersehnten Westküste des Landes. Zuvor lernen wir allerdings noch das meistbesuchte und berühmteste Gebäude des gesamten Baltikums kennen – und erleben gleichzeitig eine faustdicke Überraschung. Schloss Rundāle wird auch als das Versailles des Baltikums bezeichnet – und da ich das französische Pendant 🇫🇷 bereits gesehen habe, kann ich diesen Beinamen zu hundert Prozent unterschreiben. Als ich den endlos weiten Parkplatz erreichte, traute ich meinen Augen nicht. Weit und breit kein einziges Fahrzeug – und ich war mir felsenfest sicher, dass das Schloss geschlossen ist. Es herrschte eine düstere Endzeitstimmung wie in meinen bereits öfters erwähnten Zombiehorrorfilmen. Zunächst überkam mich wieder die Enttäuschung – bis ich mich aufraffte, Kamera und Stativ schnappte und mich aufmachte, das gigantische Areal zu erkunden. Wieder einer jener Jäger-des-Augenblicks-Momente, wie ich sie so gerne beschreibe.
Die erzwungenen Vorteile der Pandemie, die trostlose Nebensaison und das beschissene Wetter waren ausschlaggebend. An gewöhnlichen Tagen stauen sich die Reisebusse mitsamt ihren Touristenmassen vor den Toren des königlichen Gebäudes. An diesem verregneten Nachmittag gehörte die gesamte Anlage mir ganz allein. Ich liebte es, kurz vor der Dämmerung mit der Kamera bewaffnet durch die Gegend zu streifen. Da ich beiläufig auch das Innere des Schlosses sehen wollte, entschied ich mich für eine spontane Übernachtung im angrenzenden Gästehaus – und konnte in den frühen Morgenstunden meine Expedition fortsetzen. Obwohl es beinahe Minusgrade hatte und der Wind die Regentropfen waagrecht durch die Luft peitschte, waren dies unfassbar stimmungsvolle Stunden. In der unmittelbaren Umgebung von Rundāle gibt es zwei weitere Schlösser, die ihr auf keinen Fall verpassen solltet: die Deutschordensburg Bauska und Schloss Mesothen.
Von Schlössern und Burgen springen wir zu einem Kapitel aus der Kategorie: Kuriositätenkabinett Lettland. Aus zeitlichen und platzbedingten Gründen habe ich diese Liste auf sieben Örtlichkeiten begrenzt – die sich alle an der Westküste des Landes befinden.
Saules Sun Houses, Kolka: In einer abgeschiedenen Gegend hat man die einmalige Chance, in einem Weinfass zu übernachten. Yeah 😅! Wer hatte diesen Wunsch noch nie? Die Hütten liegen direkt am Sandstrand der Ostsee und sorgen für eine wildromantische Atmosphäre. Für knapp 40 Euro ist man bereits dabei.
Hoteldetails: Die gemütlichen, fassförmigen Holzhütten bieten Platz für zwei Personen und haben Meerblick durch verspiegelte Einwegfenster. Alle verfügen über einen Essbereich. Bettwäsche wird gestellt. Strom und Heizung sind nicht verfügbar. Es gibt ein Gemeinschaftsbad für alle Gäste. Na – wer ist dabei?
Puppengarten, Sabile: Der kleine Ort Sabile ist im Allgemeinen für seine Weinlese bekannt. Meine Aufmerksamkeit fiel jedoch auf den Vorgarten eines Einfamilienhauses. Im Garten der Besitzerin haben sich über 200 verschiedene Strohpuppen versammelt – die sich mit den unterschiedlichsten Alltagssituationen beschäftigen.
Findet ihr die Bilder der Strohpuppen eher gruselig – oder auf eine gewisse Art amüsant? Ich konnte mich nicht festlegen. Welchen tieferen Sinn die Puppensammlung hat, kann ich euch leider auch nicht erklären – aber wen interessiert das schon. Ein weiterer herrlich kurioser und skurriler Ort auf unserer gemeinsamen Reise.
Schiffsfriedhof, Mazirbe: Inmitten des dichten Waldes findet sich der einzige noch existierende Bootsfriedhof des Landes. Die Boote liegen seit den 1960er-Jahren hier – und sind durch den dichten Bewuchs kaum noch zu erkennen.
Mitte des 20. Jahrhunderts wurden alte Holzboote reihenweise in den Wäldern Lettlands entsorgt. In Mazirbe finden wir die letzten Überreste eines einzigartigen Friedhofs.
Bridge to Nowhere, Irlavas: Umgeben von lettischer Weite treffen wir auf ein ungewöhnliches Bauwerk – eine gut erhaltene Eisenbahnbrücke, die an beiden Enden ins absolute Nichts führt und von saftigen grünen Wiesen umgeben ist. Welchen tieferen Hintergrund hat dieses kuriose Teil?
Leider einen ziemlich deprimierenden. Die Eisenbahn spielt in Lettland eine wichtige Rolle – und der Staat wollte eine moderne Route durch den weniger besiedelten Nordwesten des Landes bauen. Diese Brücke war der Spatenstich für ein großes Projekt voller Vorfreude und Ambitionen. Doch nach der Fertigstellung der Eisenbahnbrücke marschierte die deutsche Wehrmacht in Lettland ein – und besetzte das Land in Windeseile. Durch die enormen Zerstörungen des Krieges konnte die geplante Eisenbahnstrecke nicht mehr finanziert werden – und die Ruine dient heute als eine Art Kriegsdenkmal.
Cinevilla, Slampe: Grundsätzlich sollte Cinevilla eine Art Filmstudio sein – oder werden. Anfang der 2000er-Jahre wurden hier einige lettische Produktionen gedreht: The King’s Ring – Die letzte Schlacht, Dream Team 1935, Dangerous Summer und Die letzte Front – Defenders of Riga. Der Erfolg dürfte sich in Grenzen gehalten haben – denn mein Besuch dieser Filmstudios war äußerst absonderlich.
Das Gelände liegt im absoluten Nichts und kann möglicherweise im Rahmen einer Tour erkundet werden. Vor Ort herrschte gänzliche Totenstille – und bis heute bin ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt die Erlaubnis hatte, das gesamte Areal zu erkunden. Es bewegt sich irgendwo zwischen Geisterstadt, permanenter Müllhalde und einer absurden Sammlung von Filmrequisiten – sowie weiteren, nicht näher definierbaren Gegenständen
Venta-Wasserfall, Kuldīga: Wir alle kennen die Fotos und Videos der mächtigsten Wasserfälle der Welt. Der höchste seiner Art in Europa befindet sich wenig überraschend in den Fjorden Norwegens 🇳🇴 – aber wusstet ihr, dass der breiteste Wasserfall in der nordlettischen Provinz liegt? Wenn man Rekordzahlen zusammen mit dem Begriff Wasserfall liest, erwartet man spektakuläre Bilder. Im verträumten Kuldīga sieht die ganze Thematik etwas gemütlicher aus. Der Ventas Rumba verfügt zwar über eine beeindruckende Breite von 250 Metern – die geringe Höhe von maximal zwei Metern sorgt jedoch für relativ wenig Action.
Dennoch lohnt sich ein Besuch. Die Umgebung ist traumhaft schön – in den Sommermonaten kann man am Fuße des Wasserfalls baden und im Frühling die fliegenden Lachse beobachten, die verzweifelt versuchen, das zwei Meter hohe Gefälle zu überwinden. Wem das noch immer nicht ausreicht, sollte seinen Besuch während der Mittsommernächte planen. In Kuldīga findet zu dieser Jahreszeit der einzige Mitternachts-Nackt-Marathon der Welt statt. Ob dieser live im TV übertragen wird? 🤔
Karosta Prison, Liepāja: Kennt ihr das? Man stolpert über ein paar sinnfreie YouTube-Videos – und plötzlich hat man unzählige Fenster offen und weiß gar nicht mehr, wie man dort gelandet ist. Ich liebe Top-10-Ranking-Videos. Wer sich mit dem Thema „Die verrücktesten Hotels der Welt“ beschäftigt, wird unweigerlich beim Karosta Prison Hotel landen. Bereits 2017 buchte ich eine Nacht in dieser besonderen Unterkunft – aber erst jetzt traue ich mich, darüber zu berichten.
Bevor wir über dieses einmalige Erlebnis sprechen, seht euch bitte den kurzen Videoclip an, den das Gefängnis zur Selbstvermarktung nutzt 😧. Für die Ungeduldigen: Der Spaß startet bei 2:00 Minuten Laufzeit 😉.
Das einstige Militärgefängnis ist das einzige weltweit, das mit einer Führung besucht – und mit dem wunderbaren Bonus „Übernachtung hinter Gittern“ gebucht werden kann. Für 30 Euro pro Nacht genießt man den Luxus einer Holzpritsche inklusive Gefängnisverpflegung und allerlei „Unterwerfungsspielen“. Während dieser hochromantischen Nacht ist man Hauptdarsteller einer ganz besonderen Theateraufführung. Auf die speziellen Nachtvorstellungen verzichtete ich allerdings – denn die Dokumente, die zur Unterschrift vorlagen, bereiteten mir einiges Unbehagen.
Was ich jedoch uneingeschränkt empfehle, sind die Outdoor-Spiele. Mein persönlicher Favorit: „Flucht von der UdSSR“. Man schlüpft in eine sowjetische Militäruniform – und spielt die Rolle eines Gefangenen, der sich vor den Aufsehern verstecken muss. Das ganze Spektakel findet in den verlassenen Relikten des Ersten und Zweiten Weltkrieges statt, die sich rund um das Gefängnis verteilen. Mit anderen Worten: die sowjetische Realversion eines „Capture the Flag“-Spiels.
Zugegeben – all das spricht auf den ersten Blick weniger für einen Besuch, und selbst mir war das eine oder andere zu heftig, was einiges bedeutet. Aber mindestens eine Führung durch die ehemalige Haftanstalt solltet ihr auf keinen Fall verpassen. Die Guides sind ehemalige sowjetische Kriegsveteranen – die euch in ihrer nostalgischen Militäruniform durch die tiefen Katakomben der Haftanstalt führen. Der Großteil der Insassen waren lettische Deserteure – keine fremden Soldaten. Die Führung ist das Authentischste, was ich je erlebt habe. Die erzählten Geschichten beruhen auf wahren Begebenheiten – und jagen einem eine Gänsehaut über den ganzen Körper. Ein schmaler Grat zwischen Show und bedrückender Beklemmung. Die uniformierten Ex-Soldaten ziehen ihr Programm so realitätsnah durch, dass ich zeitweise echte Angst hatte – und laufend zurechtgewiesen wurde, wenn ich nicht stramm und ruhig dastand. Schlechter Soldat! Schlechter Soldat.
Die brutale Vergangenheit Lettlands lässt sich mit kaum einem anderen europäischen Land vergleichen. Wir überspringen die geschichtliche Lehrstunde über den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die entscheidende Rolle im Kalten Krieg und die brutalen Jahre der 1980er unter sowjetischer Herrschaft – und reden stattdessen über einen Ort, genauer gesagt über eine Erfahrung, die sich nur schwer in Worte fassen lässt.
Zuvor zeige ich euch allerdings noch ein paar Fotos aus der Kategorie: Airbnb-Apartments in sowjetischen Wohnsiedlungen – oder wie wir sie gerne nennen: Ostblockbauten. Herrlich, oder? Einladende Gebäude mit modernem Unterhaltungsprogramm – VHS 🤣 –, kyrillische Wissensmagazine und eine deftige osteuropäische Soljanka mit einem eisgekühlten lettischen Dunkelbier. Ja, so stelle ich mir mein Vier-Sterne-Luxusleben vor 🤣.
Meine Geschichte aus dem Ventspils International Radio Astronomy Center. An der Nordküste des Landes führte mich einer meiner geliebten Geocaches zu einer weiteren verlassenen Geisterstadt – Secret Cities of Irbene. Die Erkundung der zerfallenen Stadt sorgte natürlich wiederholt für reichlich Adrenalin und Vergnügen – bis ich durch die Maschen eines Stacheldrahtzauns Folgendes entdeckte: ⬇ 😲 ⬇
Mein restlicher Tag wurde von einem einzigen Gedanken dominiert: Wie komme ich dorthin? Wen muss ich bestechen, um mir Zugang zu erkaufen? Wie legal oder illegal wird dieses gewagte Vorhaben enden?
Abends in meiner kleinen Holzhütte angekommen, startete ich unverzüglich mit meiner Recherche – und stellte fest, dass dieses gigantische Radioteleskop noch in Betrieb ist und von der Universität Riga für Forschungszwecke genutzt wird. Am darauffolgenden Tag versuchte ich verzweifelt, jemanden von der Lettischen Akademie der Wissenschaften zu erreichen. Und tatsächlich: Nach Voranmeldung werden Gruppentouren für mindestens zehn Personen angeboten. Eine gewisse Erleichterung – denn die Chance bestand, dieses bombastische Bauwerk legal zu besichtigen. Allerdings hatte ich zwei Herausforderungen: Erstens fehlte mir kaum noch Zeit – und zweitens fehlten mir genau neun weitere Personen, um die Mindestanzahl zu erreichen. Ich setzte all meine Leidenschaft, meinen Charme und meine Hartnäckigkeit ein – und siehe da … zwei Tage später stehe ich vor einem der größten Teleskope der Welt. Aber der Reihe nach.
Die Akademie schickte mir einen motivierten Studenten – und schenkte mir gleichzeitig eine exklusive Führung durch das Reich des Kalten Krieges. Drei gigantische Radioteleskope verstecken sich im geschützten Waldgebiet – und dienten der Sowjetunion als militärische Abhörstation. Ähnlich wie beim gewaltigen Woodpecker in Tschernobyl 🇺🇦 wurden diese geheimen Anlagen jahrelang erfolgreich vor der Außenwelt verborgen. Zusätzlich zu den drei Teleskopen befinden sich noch zahlreiche Gebäude aus der Sowjetära in diesem Waldstück. Seit die lettische Akademie die Einrichtungen 1994 übernahm, wurde fleißig investiert und erneuert – um ihre Funktion am Leben zu erhalten. Mein Guide erzählte mir, dass die Wissenschaftler Jahre benötigten, um das sowjetische Bedienungssystem zu entschlüsseln.
Auf dem obigen Foto seht ihr das RT-32-Radioteleskop – und dessen kleine Schwester, das RT-16, durfte ich erklimmen. Ein unvorstellbares Gefühl, diese alten, rostigen Leitern emporzuklettern – um sich anschließend auf den gelben Metallschirm des Teleskops zu legen. Das Gebiet ist von dichten Wäldern umgeben – und erst durch diese Aussicht wurde mir bewusst, warum diese Anlage über viele Jahrzehnte unentdeckt blieb. Nach dem Motto „Was einmal oben ist, muss auch irgendwie wieder hinunter“ musste ich jede Komfortzone verlassen – und diese klapprigen Leitern wieder herabklettern. Meine Knie zittern noch immer, wenn ich an diese Momente zurückdenke. Mein Guide musste eine Menge Geduld aufbringen – und mir die geheime Technik des sicheren Abstiegs detailliert erklären. Einmal tief durchatmen 😱.
Während ich unglaublich froh war, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren – und bereits überlegte, wo sich dieser Tag in meinem „Best Days of my Life“-Ranking einreihen würde –, fragte er mich, ob wir uns noch das große RT-32 aus der Nähe ansehen möchten.
Was für eine Frage – natürlich. Die beiden RT-Geschwister sind durch einen unterirdischen, 600 Meter langen Tunnel verbunden – den wir noch vor uns hatten. Es handelte sich um einen reinen Kabeltunnel – ziemlich eng und stickig –, und nur das Licht unserer Taschenlampen wies uns den Weg. Als wir den bunkerartigen Ausgang des Tunnels erreichten, stand ich vor dieser gigantischen Radioanlage. Das Strahlen in meinen Augen lässt sich kaum in Worte fassen. Mein Guide blickte mich stolz und zufrieden an, griff nach seinem Mobiltelefon, tippte darauf herum – und sagte: „That’s just for you!“ Der Rest ist Geschichte – aber seht selbst:
Um etwas Abwechslung in diese Hommage an die lettische Geschichte zu bringen – reden wir über ein Thema, das euch definitiv mehr interessiert: Strände!
Einen langfristigen Nutzen darin, euch diverse Strandnamen aufzulisten, sehe ich weniger. Um ehrlich zu sein – ich habe selbst den Überblick verloren, welcher sich wo genau befindet. Also verallgemeinern wir: Die hunderten Kilometer Küste entlang der Ostsee und des Rigaischen Meerbusens gehören zu den schönsten Strandabschnitten, die die Welt zu bieten hat. Und meine Meinung hat durchaus Gewicht – denn ich behaupte, schon einiges gesehen zu haben 😉. Scheiß Angeber 😅.
Was macht diese Strände so besonders? Ihre echte Natürlichkeit – kombiniert mit einer unvergleichlichen Vielschichtigkeit. Wie bereits im Estland-Bericht erwähnt: Ich liebe Küsten, die frei von Hotels, Sonnenschirmen und Resorts sind. Der Strandabschnitt ist oft nur wenige Meter breit – und dahinter tummelt sich ein Meer aus dichten Nadelbäumen. Der Meereszugang ist meist nur durch einen kurzen Fußmarsch erreichbar. Ich vergöttere diese Momente: Man parkt den Mietwagen am Straßenrand – und hat nur noch einige hundert Meter vor sich. Steilküsten, ebene Sandstrände oder steinige Abschnitte … man weiß nicht, was einen erwartet. Man wandert durch wunderschöne Wälder, atmet die frische Luft ein – und schreitet langsam voran, bis man glaubt, die Brandung zu hören. Nur noch wenige Augenblicke – und man erblickt das kristallblaue Meer, läuft die letzten Meter zur Küste, breitet die Arme aus, blickt in den Himmel und dreht sich einige Male um die eigene Achse. Ich liebe dieses Gefühl – und sehne mich jetzt schon wieder danach.
Bei all den Küstenabschnitten möchte ich euch einen besonderen vorstellen, der bei keiner Lettland-Reise fehlen darf: Kap Kolka. Dieses Kap befindet sich am nördlichsten Punkt der lettischen Halbinsel und beeindruckt mit einem einzigartigen Phänomen. Hier trifft die offene Ostsee auf den Rigaischen Meerbusen – eine Besonderheit, die ich bisher nur aus Skagen in Dänemark 🇩🇰 kannte. Ich verleihe dieser Landschaft den selbst erfundenen und hollywoodreifen Titel: Between Two Oceans.
Oft hat man die Qual der Wahl: Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang? Die exponierte Lage des Kap Kolka sorgt dafür, dass man am selben Ort sowohl den Sonnenaufgang als auch den Sonnenuntergang über dem Meer beobachten kann. Ein durchaus vorteilhaftes Detail – oder was denkt ihr?
Bevor wir gemeinsam in die Landeshauptstadt fahren, muss ich euch noch von meinem absoluten Lieblingsort berichten. Mir ist bewusst, dass ich euch damit schon äußerst strapaziere – aber ich verspreche, mich so kurz wie möglich zu fassen.
Die 20 Kilometer Küste nördlich der drittgrößten Stadt Lettlands, Liepāja, gehören zu den aufregendsten und märchenhaftesten Orten, die unsere Welt zu bieten hat. Ich kenne kein anderes Gebiet, in dem die kompromisslose und brutale Geschichte eines Staates auf eine sagenhaft schöne Naturlandschaft trifft. Den südlichen Anfang bildet das Liepāja Northern Breakwater – die längste Mole des Landes, im 19. Jahrhundert erbaut, mit höchstwahrscheinlich dem atemberaubendsten Ausblick auf die Ostsee inklusive Sonnenuntergang. Liepāja liegt unweit der litauischen Grenze und diente seinerzeit als reiner Militärstandort – was ihre Attraktivität in Grenzen hält. Die Bewohner sind zu 80 Prozent russischer Abstammung und wirken auf den ersten Blick zurückhaltend. Ich würde sie aber keinesfalls als unfreundlich bezeichnen – sondern einfach als vorsichtig und nostalgisch. Wen verwundert das, angesichts der grauenhaften jüngsten Vergangenheit und der unzähligen Kriegsrelikte, die das Stadtbild dominieren. Die 1.800 Meter lange Mole stammt ebenfalls aus der dunklen Vergangenheit – fungiert aber als beliebtester Treffpunkt der Bevölkerung. Vor allem abends tummeln sich in dieser trostlosen Gegend zahlreiche Menschen – um gemeinsam die Mole entlangzuspazieren, die Fischer bei ihrer Arbeit zu beobachten und den Sonnenuntergang zu genießen. Es fällt mir schwer, den positiven Effekt dieses steinigen Piers zu erklären – aber für das gezeichnete Liepāja ist er der einzige Ort, an dem die Bevölkerung Lebensfreude verbreitet.
Entlang der Küste erstreckt sich eine Unzahl perfekt erhaltener Überreste der Weltkriege. Ich weiß, ich weiß – diese Meinung habe ich exklusiv. Aber ich liebe und vergöttere diese Strandabschnitte, an denen sich ein Bunker an den anderen reiht. Den historischen Hintergrund schenke ich euch – und ich versuche erst gar nicht, meine unersättliche Begeisterung für diese Orte aufzuzwingen. Ich unterlasse auch den Versuch zu erklären, welche Glücksgefühle es in mir auslöst, wenn ich auf diesen Relikten herumklettern kann. Ich hatte das große Glück – und bin sagenhaft dankbar dafür –, Sonnenuntergänge auf Hawaii 🇺🇸, auf Bali 🇮🇩 oder auf der Nordinsel Neuseelands 🇳🇿 genießen zu dürfen. Den schönsten jedoch erlebte ich zwischen den Betonbunkern der North Forts an der Ostsee Lettlands. Ich war nicht zum ersten Mal hier – und werde definitiv wiederkommen, um einen weiteren Sonnenuntergang zu erleben.
Im nächsten Kapitel wollte ich eigentlich über die unfassbar hohe Anzahl an Leuchttürmen sprechen, die ihr an der Westküste Lettlands erkunden und erklimmen könnt – vorausgesetzt, ihr seid schwindelfrei und verfügt über eine sensationelle Leiterklettertechnik 🙈. Hinauf ist das eine – herunter ist eine ganz andere Problematik 😱. Nur ein paar Stichworte: Akmenraga-Leuchtturm, Slītere-Leuchtturm, Užava-Leuchtturm.
Eigentlich wollte ich über die märchenhaften Wanderwege sprechen – unter anderem den Pēterezera dabas taka –, die euch die Perlen der lettischen Natur näherbringen. Eigentlich wollte ich von weiteren Schlössern und Burgen schwärmen, die sich im Nordwesten verstecken – Deutschordensburg Dondangen, Schloss Edwahlen. Und eigentlich, und eigentlich … Ihr seht: viele Wortwiederholungen in diesem Abschnitt – aber wir müssen schließlich weiter in die lettische Hauptstadt.
Obwohl die drei baltischen Länder mitsamt ihren Hauptstädten gerne in einem Atemzug genannt – und wohl auch ständig verwechselt – werden 😅, könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Treue Leser wissen bereits: Vilnius 🇱🇹 ist eine ruhige, etwas leblose – aber sehr liebevolle Stadt. Um kurz vorzugreifen: Tallinn 🇪🇪 steht für Mittelalter, Wehrtürme, enge Altstadtgassen und eine Reise in die Vergangenheit. Und Riga 🇱🇻? Riga ist wiederum vollkommen anders – und vielfältig. Ein pulsierendes Großstadtleben mit einer ganz besonderen Architektur des Jugendstils.
Das Kapitel Riga möchte ich in wenigen Sätzen zusammenfassen – und euch anschließend zwei besondere Orte mitgeben. Die 650.000-Einwohner-Stadt ist mit einer modernen mitteleuropäischen Großstadt vergleichbar. Das sehenswerte Herzstück ist zweifellos die Altstadt mit ihren zahllosen einzigartigen Bauwerken. Bereits zum zweiten Mal besuchte ich Riga – und daraus könnt ihr erahnen, dass ich mich hier sehr wohlfühle. Der Massentourismus hält sich noch in Grenzen – denn die Distanz zum Meer schützt die Stadt vor dem wahnsinnigen Kreuzfahrttourismus. Wie alle osteuropäischen Großstädte ist das Zentrum Rigas außerordentlich sauber und preiswert. Allerdings braucht ihr nicht mehr als zwei volle Tage, um die wichtigsten Ziele zu erkunden.
Das erste Erlebnis, das ich euch empfehlen muss, ist der Besuch des Zentralmarkts. Die Anziehungskraft von Märkten in fremden Ländern hat etwas Einzigartiges. Es gibt wohl keinen anderen Ort, an dem man so schnell und authentisch in den Alltag eintauchen kann. Auch der Zentralmarkt Riga bildet diesbezüglich keine Ausnahme – allerdings mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: Er ist unfassbar groß. Nicht umsonst gilt er als größter und modernster Markt Europas. Ich recherchierte kurz zum Vergleich: Laut Wikipedia beträgt die Gesamtfläche 72.300 m² – ein herkömmlicher Fußballplatz hat ungefähr 7.000 m². Was lesen wir daraus? Richtig – bedrohlich groß. Kleiner Tipp: Wer einen empfindlichen Magen hat und ein Problem mit intensiven Gerüchen kennt, sollte die Fischhalle meiden 🤢.
Ein ernüchternder Ort – etwas außerhalb der Stadt, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar – ist das Salaspils Memorial. Die Gedenkstätte befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers. Zwischen 1941 und 1944 wurden hier vom NS-Regime unzählige Menschen ermordet. Die emotional eindringlichen Statuen – zu sehen in der Bildergalerie – sorgen für einen beklemmenden Gänsehautfaktor. Beim Streifen über das weitläufige Gelände begleitet einen ein intensives Trommeln. Überall wurden Lautsprecher installiert, die einen Herzschlag symbolisieren – was die beklemmende Atmosphäre noch intensiver werden lässt … tick, tack – tick, tack …
Bevor wir die estnische Landesgrenze wieder überschreiten, besuchen wir zum Abschluss den vielschichtigen Gauja-Nationalpark. Er ist gewissermaßen das Kitzbühel Lettlands.
Im Herzen des Parks liegt die 12.000-Einwohner-Stadt Sigulda – der perfekte Ausgangspunkt, um die facettenreiche Umgebung zu erkunden. Sigulda ist das dominante Wintersportgebiet des Baltikums und richtet jährlich zahlreiche internationale Wettbewerbe aus. Da der höchste Punkt Lettlands gerade einmal 311,5 Meter hoch ist, wird es mit dem klassischen alpinen Skisport etwas kompliziert. In Lettland heißt es: Helm auf, rein ins Gefährt – und ab geht’s in den Eiskanal 🛷. Sämtliche olympischen Wintersportmedaillen des Landes wurden im Eiskanal errungen. Obwohl ich ein leidenschaftlicher Sportfanatiker bin und mir keine Olympischen Spiele entgehen lasse, konnte ich zu Bob, Rodeln und Skeleton noch nie einen Bezug aufbauen. Ich gehöre zu jener Gruppe von Menschen, die um 2:00 Uhr nachts den Wecker stellt, um keine einzige Live-Entscheidung zu verpassen. Solltet ihr ähnliche Persönlichkeiten in eurem Umfeld haben: Die Olympischen Spiele dauern meistens nur zwei Wochen – also habt Nachsicht und sprecht uns einfach nicht an 😉.
Zurück zum Bob: Die Bobbahn des Landes gehört zu den modernsten in Europa – ich wollte sie mir daher einmal aus der Nähe ansehen. Allerdings hatte ich ein kleines Problem mit meiner Navigation 🙈.
Okay, ich gebe es zu: Diese Perle einer heruntergekommenen Sportarena habe ich wissentlich angesteuert. Aber trotz einigermaßen genauer Koordinaten und einer ungefähren geografischen Vorstellung war dieses Juwel nicht einfach zu finden. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass es wirklich Interessenten unter euch gibt – ich habe den Ort auf meiner Routenkarte eingezeichnet: Vecā Kamaniņu Trase. Ob das die offizielle oder inoffizielle Bezeichnung ist – wer weiß das schon.
Die etwas zivilisierteren Sehenswürdigkeiten rund um Sigulda lassen sich in einem Tagesfußmarsch erkunden – und genau das würde ich uneingeschränkt empfehlen. Wie bereits erwähnt: Wir sprechen über das Kitzbühel Lettlands. Mein erster baltischer Moment, in dem an jeder Ecke Parkgebühren erhoben werden – und in dem sich selbst während der Pandemie unzählige Menschen tummelten. Auch das lässt sich nur schwer erklären – aber nach einem zweiwöchigen Roadtrip voller Einsamkeit und Isolation kommt Sigulda wie ein Schock: Parkplatz suchen, für Tickets anstehen, von Menschenmassen erdrückt werden. Wahnsinn – damit hätten wir im sprichwörtlichen Sinne nicht gerechnet.
Also meine Lieben: Startet nach einem ausgiebigen lettischen Frühstück voller Energie – und folgt mir: Schwertbrüderordensburg Segewold ➡ Sigulda-Schloss ➡ Gutmannshöhle ➡ Burgruine Krumen ➡ Schloss Krimulda – und abschließend zur schönsten Burg des gesamten Baltikums: Burg Treyden. Für diese Route werdet ihr dankbar sein – denn so bleibt noch genug Zeit, den restlichen Nationalpark zu erkunden. Diese Zeit hatte ich zwar auch noch – aber jetzt fehlt sie mir, um euch darüber zu berichten. Estland wartet.
…hier geht’s wieder zurück zum Reisebericht Estland 🇪🇪 …
Mein Fazit: Estland und Lettland gehören zu den „most underrated countries“ unserer Erde. Eine berauschende und vielfältige Landschaft mit einer einzigartigen Vergangenheit … – … Reiseherz, was willst du mehr? Überspringt einmal den wiederholten Italien 🇮🇹 oder Kroatien 🇭🇷 Urlaub und schnappt euch einen Mietwagen, um dieses europäische Juwel zu erkunden.
Kosten: Seit dem Beitritt zur EU sind die Preise laufend gestiegen. Tallinn und Riga sind bereits kurz davor sich dem österreichischen Preisniveau anzugleichen, die peripheren Gebiete sind noch markant günstiger.
Sicherheit: Das Thema können wir getrost überspringen. Achtet bitte nur auf die Elche!
… Ja, von wo aus lesen wir uns wieder? Ich habe keine Ahnung, lassen wir uns einfach alle überraschen …

































































































































