Versunkenes Gefängnis 🇪🇪
Ob die damaligen sowjetischen Insassen sich jemals vorstellen konnten, dass ihr berüchtigtes Gefängnis einmal als spektakuläres Tauchergebiet dienen würde? Seinerzeit war es ein grausamer Ort voller Gewalt, Hass, Leid und Erniedrigung. Wenige Jahrzehnte später dient das Gefängnis als unvergleichliches Bade- und Taucherparadies inmitten der estnischen Einöde: die ehemalige Haftanstalt Murru.
Der geschichtliche Randnotiz: In den 1930er-Jahren wurde in der kleinen estnischen Ortschaft Rummu ein Marmorsteinbruch gegraben. Da dieser Arbeit ein brutaler und anspruchsvoller Aufwand vorausging, baute die damalige Regierung zwei Haftanstalten direkt am Steinbruch. Während des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts bis zur Auflösung der Sowjetunion wurde die schwere Arbeit den ansässigen Häftlingen aufgetragen.
Zur Zeit ihrer Hochphase befanden sich in Rummu 1.600 Häftlinge, deren Hauptaufgabe es war, den Fels in 16-Stundenschichten zu bearbeiten. Während der intensiven Ausgrabungen war es besonders schwierig, das natürliche Grundwasser zu kontrollieren. Die störenden Wassermengen wurden umständlich in Auffangbecken gepumpt und dienten den umliegenden Gebieten als Trinkwasser.
Die Unabhängigkeitserklärung Estlands im Jahr 1991 zog den umgehenden Rückzug der sowjetischen Besatzungstruppen aus der genannten Haftanstalt nach sich. Estland hat anschließend alle Arbeiten im Steinbruch gestoppt, um die schrecklichen Taten zu beenden. Dies führte unweigerlich auch dazu, dass das wiederkehrende Grundwasser nicht weiter abgepumpt wurde. Innerhalb weniger Monate stieg das Wasser stark an und bildete diesen klaren, blauen See. Das Wasser riss viele Gebäude und Maschinen mit sich, was zeitgleich die Geburtsstunde dieses berühmten Phänomens markierte. Trotzdem wurden die Gefängnisse weitergeführt und erst im Jahr 2012 für immer geschlossen.
Wie habe ich dieses Phänomen gefunden? Ganz einfach: eine Kombination aus Geocaching und einem internationalen Welthit. Der Ort erlangte nationale Berühmtheit, als der norwegische DJ Alan Walker diesen Steinbruch für den Videodreh seines Welthits „Faded“ benutzte. Heute ist er ein Paradies für Fotografen und Taucher. Leider gab es in den vergangenen Jahren tödliche Taucherunfälle, was auch das Ende eines freien Zugangs zur Folge hatte. In den Tiefen des Sees befinden sich unzählige Stacheldrahtzäune, scharfkantige, korrodierte Metallteile sowie weitere gefährliche Objekte, von denen ein erhebliches Verletzungsrisiko ausgeht.
Trotzdem kann jeder Reisende diesen geheimnisvollen Ort sowie das Gefängnis während einer Tour besichtigen. Der See kann während der Sommermonate als Rafting- und Taucherparadies genutzt werden und ist gegen eine geringe Gebühr zu nutzen. Während der Herbst- und Wintermonate bleiben die Tore geschlossen, und das gesamte Areal einschließlich seiner Haftanstalten ist vollständig abgeriegelt. Aber wie war es mir trotzdem möglich, diesen märchenhaften Ort im späten Herbst zu betreten und das Geheimnis mit meiner Kamera zu entdecken?
Einfach anrufen! Wer außerhalb der Hauptsaison den See besuchen möchte, wartet bei den mächtigen Eingangstoren und ruft die ausgeschriebene Telefonnummer an. Ihr überweist anschließend ein paar Euro und die Tore öffnen sich. Aus Gründen der Sicherheit, nicht vorhandener Ausrüstung, das Fehlen sämtlicher Taucherfahrungen und den niedrigen Wassertemperaturen, blieb mir der versenkte Geocache zwar verwehrt, aber trotz allem muss ich feststellen. Dieses Phänomen aus Natur und Geschichte ist einer der aufregendsten und spannendsten Orte, die ich je gesehen habe.
Know Before You Go: Zwischen Juni und August könnt ihr den See jederzeit besuchen. Die ansässige Tauschschule bietet individuelle Kurse an. Am Strand können sich diejenigen erholen, die den rostigen Gefahren lieber aus dem Weg gehen wollen. Auch die dazugehörigen Gefängnisse können nach Vereinbarung besucht werden. Wenn ihr außerhalb der Hauptsaison kommt, braucht ihr nur die magische Telefonnummer anzurufen: Visit Website!
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