Nebengeräusche

Grabstätte Aus Rost & Stahl 🇧🇴

Gespenstische Ruinen, entlegene Geisterstädte, rostige Schiffswracks, Flugzeuge, die aufgegeben wurden. Diese Geschichten aus dem verborgenen Mysterium unserer Erde, begleitet von einer düsteren und schaurigen Atmosphäre, faszinieren mich. Doch was sich am Rande der Kleinstadt Uyuni verbirgt, lässt meine tiefsten Träume in Erfüllung gehen.

Uyuni beherbergt 18.000 Einwohner und liegt auf einer Höhe von 3.671 Metern am Rande des größten Salzsees (Salar de Uyuni) der Welt. Einstmals sollte die kleine Stadt in den Anden ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt in Südamerika werden. Bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Schienennetzwerk großflächig ausgebaut und der Staat ließ hunderte Lokomotiven und Waggons aus Großbritannien einschiffen.

Die Vollendung des größenwahnsinnigen Projekts scheiterte an ihrer Durchsetzung. Es mangelte an Fachwissen, qualifizierten Arbeitskräften und am Budget. Zweifel an der technischen Realisierbarkeit sowie die anhaltende Auseinandersetzung mit den Nachbarstaaten Chile und Peru führten letztlich zum Scheitern des Vorhabens.

Doch was passierte nun mit den einhundert verrosteten, britischen Lokomotiven und Waggons? Genau, Sie wurden in die Wüste geschliffen und erschufen dadurch den aufregendsten Friedhof, den die Welt jemals gesehen hat. Oder, um es mit meinen eigenen Worten auszudrücken: das achte Weltwunder!

Ich möchte euch auf dem „Cementerio de Trenes“ herzlich begrüßen! Ein gottverlassener Eisenbahnfriedhof in den Anden, oder vermutlich der schaurigste und im selben Augenblick schönste Ort auf unserem Planeten. Ein Da Vinci aus Rost und Stahl, ein literarisches Meisterwerk im trockensten Gebiet der Erde, eine einzigartige Poesie in den Anden … – … und bevor ich nun endgültig meinen Verstand verliere: Lasst uns diese Ruhestätte erkunden.

Na, wie gefällt es euch? Vermutlich könnt ihr meine Begeisterung nicht zu hundert Prozent teilen, aber euch sei verziehen. Die einzigartige Atmosphäre dieses Schauplatzes kann bei weitem nicht annähernd durch Bilder oder Videos repräsentiert werden.

Die Erforschung des Friedhofs ist eine ausgesprochen abenteuerliche Angelegenheit. Zur Erinnerung: Wir befinden uns in der unvergleichlichen Wüste auf knapp 3.500 Höhenmetern, was gleichzeitig bedeutet: in einer absoluten Totenstille. Die einzigen Geräusche, die mich begleiten, sind das friedliche Rauschen des Windes, das Klirren und Krachen der rostigen Metallteile und die unübersichtliche Anzahl an streunenden Hunden, die unter den Relikten Schutz vor der Sonne suchen.

Die Lokomotiven sind im Grunde ein ideales Klettergerüst. Das Metall heizt sich jedoch so schnell auf, dass es ohne meine Handschuhe sehr unangenehm gewesen wäre. (Kleine Randnotiz für Geocacher: Der hinterlegte Cache hat mir einiges an Nerven und Schrammen gekostet.)

Wie lange dieses schaurige Juwel in den bolivarischen Anden noch den einmaligen Charme versprüht, steht in den Sternen. Obwohl isoliert und abgelegen, hinterlässt die fortschreitende Korrosion ihre unverkennbaren Auswirkungen. Allerdings ist die größte Bedrohung die steigende Zahl respektloser Touristen, die die Reliquien mit Graffitis verunstaltet haben.

Dennoch werde ich diese besondere Ruinenlandschaft niemals vergessen, oder anders ausgedrückt: einer der schönsten Tage meines Lebens.

Know Before You Go: Da es keine Zäune, Eintrittsgebühren oder Sicherheitsmaßnahmen gibt, kann der Friedhof jederzeit besucht werden. Die Wracks der Lokomotiven sind in einem gut 30-minütigen Fußmarsch vom Zentrum der Kleinstadt unproblematisch zu erreichen.

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