Nebengeräusche

Salton Sea – eine verlassene Idylle 🇺🇸

Was hier erzählt wird, ist keiner Folge von „X-Factor: Das Unfassbare“ entsprungen. Es beruht auf sorgfältiger Recherche – und ist zugleich bedrückend, faszinierend und von einer unheimlichen, fast magischen Schönheit. Der Schauplatz: südliches Kalifornien. Ein Ort, dessen Schicksal seit Jahrzehnten totgeschwiegen wird.

Anfang des 20. Jahrhunderts stiegen die Wassermassen des mächtigen Colorado Rivers gefährlich an. Durch einen beschädigten Damm und eine völlig unzureichende Planung der Bewässerungskanäle brach das Wasser aus und strömte unkontrolliert in eine tieferliegende Senke der umliegenden Wüste. Über einen Zeitraum von zwei Jahren war es nicht möglich, das Leck abzudichten. In dieser Zeit formte sich – eher zufällig als geplant – eine neue Wasserfläche. Mit rund 1.500 Quadratkilometern Fläche entstand der Salton Sea – einst einer der größten Seen Kaliforniens. Heute, im Jahr 2026, ist er auf etwa 700 bis 800 Quadratkilometer geschrumpft, ein sichtbares Zeichen seines ökologischen Niedergangs.

Entgegen allen Erwartungen verdunstete das Wasser nicht wie vermutet – im Gegenteil: Der See blieb bestehen. Die Wasserqualität galt als hervorragend, die Lage war ideal (San Diego und Los Angeles sind nur drei Autofahrstunden entfernt), und bald begann ein massiver Bauboom. Ferienanlagen, Restaurants, Hotels – innerhalb kürzester Zeit entstand ein neues, amerikanisches Urlaubsparadies. Zugvögel nutzten den See als Rast- und Brutgebiet, und um sie dauerhaft anzusiedeln, wurden Fische gezüchtet. Bis in die späten 1950er-Jahre galt der Salton Sea als Ferienhochburg.

Doch das System war instabil. Ohne natürliche Zu- und Abflüsse war der See vollständig vom Wetter abhängig. Seltene, aber heftige Regenfälle führten zu ständigen Überschwemmungen. Doch Warnungen wurden ignoriert, zerstörte Gebäude immer wieder aufgebaut – und ausgerechnet in dieser Zeit erreichte der Tourismus seinen Höhepunkt.

Im Laufe der Zeit hat sich ein entscheidendes Detail verändert: Das Gewässer beeinflusste das lokale Klima. Der Regen blieb fern, der natürliche Wasserkreislauf kam zum Erliegen. Der Wasserspiegel sank dramatisch. Zurück blieb eine ökologische Katastrophe.

Die zunehmende Versalzung führte zu massenhaftem Fischsterben, Millionen von Zugvögeln verloren ihren Lebensraum. Schwefelwasserstoff – ein giftiges Gas, das die Luft mit beißendem Gestank erfüllt – vergiftete die gesamte Umgebung und wurde gefährlich für alles, was noch geblieben war. Was einst einer der produktivsten Seen Kaliforniens gewesen war, verkam zu einer der größten Umweltkatastrophen des 20. Jahrhunderts.

Bei der Ankunft am Salton Sea war es zunächst nicht der intensive Geruch, der auffiel – sondern die Stille. Eine Ruhe, die sich anders anfühlte als die Stille in der Wüste oder in den Bergen. Keine natürliche Lautlosigkeit, sondern eine Leere.

Der erste Halt: Bombay Beach. Einst ein Ferienort mit Strandhotels und Bootsanlegern, in den 1950er- und 1960er-Jahren so beliebt, dass sogar Frank Sinatra und Bing Crosby hier verkehrten. Die Ruinen dieser Zeit stehen noch heute vereinzelt zwischen den Wohnwagen – eingestürzte Poolbecken voller Sand, ein verrostetes Marina-Schild, das auf einen Yachthafen verweist, den es längst nicht mehr gibt. Heute: eine Ansammlung von Wohnwagen, von denen die meisten verlassen sind. Ihre Fenster sind mit Spanplatten vernagelt, manche mit verblassten Aufklebern beklebt – ein Warnzeichen für Radioaktivität, ein altes Autokennzeichen, irgendwo eine Kinderzeichnung aus Plastikfolie.

Am Ufer selbst wird der Boden merkwürdig weich unter den Füßen. Nicht wie Sand – eher wie etwas, das einmal Erde war und aufgehört hat, es zu sein. Und dann zeigt sich, woraus er besteht: Knochen. Tausende Knochensplitter von Fischen, die im Lauf der 1970er-Jahre an der wachsenden Wassersalzigkeit zugrunde gingen.

Der gesamte Strandstreifen besteht nicht aus Kies, sondern aus Überresten. Das Knirschen unter jedem Schritt löst ein Gefühl des Unbehagens aus. Das Wasser – flach, graubraun, kaum bewegt – riecht wie vermoderte Algen und etwas Chemisches darunter, das sich nicht benennen lässt.

MY MOBIL HOME BY THE SALTON SEA

Weiter entlang der Küste: ein aufgegebenes Motel. Die Buchstaben des Namens fehlen bis auf ein einzelnes „T“. Vor dem Eingang stehen noch zwei Liegestühle aus Plastik, einer davon umgestürzt, der andere mit einem schwarzen T-Shirt beladen, das niemand geholt hat. In einem der Zimmer hängen noch Vorhänge – Blumenmuster, verblichen bis ins kaum Erkennbare. Die Matratze liegt auf dem Boden, aufgeplatzt.

Der Schwefelgeruch kam erst später, als der Wind drehte. Er legt sich auf die Haut und bleibt dort – eine unangenehme Erinnerung daran, dass dieser Landstrich nicht nur verlassen ist, sondern aktiv stirbt.

Verlassene Regionen tragen normalerweise etwas Magisches in sich, doch am Ufer des Salton Sea überwogen eine tiefsitzende Furcht und ein Gefühl beklemmender Panik. „Zukunft ohne Menschen“ ist der Titel einer bekannten Dokumentarserie, die hier vor Jahren gedreht wurde. Kein Titel könnte treffender gewählt sein.

Know Before You Go: 

Der Salton Sea liegt rund 190 Kilometer von San Diego entfernt und ist nur mit einem Mietwagen erreichbar. Besonders eindrucksvoll – und gleichzeitig verstörend – ist die Ostküste rund um Bombay Beach, die über teils befestigte, teils improvisierte Straßen erreichbar ist.

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