Milestii Mici – einmal volltanken, bitte! 🇲🇩
Das (in)offizielle Motto der Republik Moldau lautet: „If you go to Moldova, you expect nothing!“ Und womöglich ist das genau der Grund, warum das Land in einem Lonely-Planet-Ranking regelmäßig unter den drei am wenigsten besuchten Ländern der Welt auftaucht. Doch weshalb ist das so? Vermutlich, weil kaum jemand weiß, dass sich dort der größte Weinkeller der Welt befindet. Ja, richtig: der größte der Welt! Milestii Mici wurde 2005 offiziell ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen. Und das ist Grund genug, diesen Keller zu besuchen und sich einer Weinverkostung zu widmen.
Nur dank einer professionellen Reiseleiterin – und ihrer schier grenzenlosen Gelassenheit am Steuer – wurde dieses Abenteuer möglich. Eine kleine Triggerwarnung vorweg: Der moldauische Fahrstil lässt sich am ehesten als eine Mischung aus Formel 1 bei Regenwetter, grenzenlosem Optimismus und Gottvertrauen beschreiben. Wirklich, was zur Hölle ist da auf diesen Straßen los? Aber das ist eine Geschichte für sich.
Der osteuropäische Staat spielt international eine bedeutende Rolle bei der Weinherstellung und -lagerung. Unter dem Weingut erstreckt sich ein rund 250 Kilometer langes Tunnelsystem. Davon werden 55 Kilometer ausschließlich zur Lagerung von Fässern und Flaschen genutzt. 55 Kilometer! Zweimal so lang wie der längste Straßentunnel der Welt – länger als ein olympischer Marathonlauf. Rechts Fässer. Links Fässer. Fässer, Fässer, Fässer – unendlich viele. Die Luftdistanz zwischen Wien und Bratislava ist kürzer als dieser Tunnel. Zur Einordnung des späteren Zustands sei es noch einmal betont: 55 Kilometer!
Das System ist so riesig, dass sowohl Mitarbeiter als auch Besucher Fahrräder oder Autos benötigen, um sich überhaupt darin zurechtzufinden. Jede Straße trägt den Namen einer Weinsorte. Insgesamt lagern dort rund zwei Millionen Flaschen – von denen selbstverständlich jede einzelne probiert wurde. Also gut, nicht wirklich. Aber am Ende des Tages fühlte es sich definitiv so an.
Ursprünglich gehörten die Tunnel während des Zweiten Weltkrieges zu den sichersten Lagereinrichtungen der damaligen Sowjetunion. Nach Kriegsende begann man, regionale Weinfässer einzulagern – perfekte Bedingungen, konstante Temperaturen von 12 bis 14 Grad, idealer Feuchtigkeitslevel. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Weingut weltbekannt, weshalb die größten und renommiertesten Produzenten den Keller als „Safe House“ nutzen. Heute lagern hier die teuersten und exklusivsten Weine der Welt. Sozusagen die alkoholische Version des Saatguttresors auf Spitzbergen – jenem arktischen Tresor, der die Samen aller Nutzpflanzen der Erde für den Fall einer globalen Katastrophe sichert.
Über 70 % der Bestände bestehen aus Rotwein, 20 % aus Weißwein und etwa 10 % aus Likörwein. Zu den bekannten Sorten zählen Pinot, Fetească, Muskateller, Traminer und Riesling. Einige der edelsten Flaschen aus den Jahren 1973 und 1974 kosten bis zu 3.000 Euro.
So, genug Fakten – jetzt wird angestoßen. Für die Besichtigung von Milestii Mici gibt es zwei Möglichkeiten:
Option 1: Ein Mietwagen in Chișinău und die 25 Kilometer zum Weingut auf eigene Faust – keine empfehlenswerte Idee! Nicht nur wegen der Straßen, die eher einem Trümmerfeld gleichen, und des lokaltypischen „Fahrstils“ – sondern vor allem, weil in der Republik Moldau eine strikte 0,0-Promille-Grenze herrscht. Das bedeutet: kein Alkohol im Blut, null, keiner, absolut keiner – und wer das Weingut so besucht, wie es sich gehört, wird diesen Grenzwert mit ziemlicher Sicherheit verfehlen.
Option 2: Ein Reiseleiter, der durch das gigantische Weinparadies manövriert – hervorragende Idee! Die Republik Moldau gehört zu den am wenigsten besuchten – und günstigsten – Ländern der Erde. Kleiner Tipp: Den Guide besser nicht in die Verkostung miteinbeziehen – eine Erfahrung, die für sich spricht.
Und noch eine kleine Kulturlektion: Es heißt „Sa Sdorowje!“ und nicht „Na Sdorowje“ – Letzteres verrät sofort die Unwissenheit. Obwohl in Moldau Rumänisch gesprochen wird, stößt man traditionell auf Russisch an, um auch ältere Menschen einzuschließen, die ausschließlich Russisch beherrschen. Eine kleine Geste – mit großer Wirkung.
Während der Tour durch das unterirdische, alkoholgetränkte Labyrinth begleiteten die Reiseleiterin und ein äußerst motivierter Mitarbeiter von Milestii Mici. Glücklicherweise sprach er ein Englisch, das erstaunlich viel Sinn ergab, was half, einige wirklich faszinierende Informationen zu sammeln – das eigene Rumänisch beschränkte sich schließlich auf ein hoffnungsvolles Nicken.
Bedauerlicherweise verflüchtigten sich viele davon rasch aus dem Gedächtnis. Warum? Die Tour dauerte einige Stunden … und wurde in regelmäßigen Abständen von äußerst großzügigen Verkostungen unterbrochen. Das Muster sah ungefähr so aus: einsteigen – fünf Minuten fahren – aussteigen – trinken – einsteigen – fünf Minuten fahren – aussteigen – trinken – einsteigen – fünf Minuten fahren – aussteigen – trinken – einsteigen … und so weiter. An einer Stelle wurde offenbar sogar zweimal ausgestiegen, ohne vorher gefahren zu sein. Ein System mit erstaunlich hoher Wiederholungsrate – und erstaunlich niedriger Erfolgsquote, was das Erinnern betraf.
Mehrere Stunden in den moldauischen Tiefen unterwegs, unterbrochen von der wiederholten Verkostung einiger der edelsten Weine – und der Plan für den darauffolgenden Abend, Chișinău zu erkunden. Ja. Nein. Absolut ausgeschlossen. Das Glas war eindeutig zu voll.
Amüsant wurde es dann bei den Verkostungsstationen, mit wiederholten Begegnungen mit einer türkischen Großfamilie. Beim ersten Mal höfliches Ignorieren. Beim zweiten Mal prächtiges Verstehen. Beim dritten Mal eine Einladung zu einer Hochzeit in Gaziantep. Beim vierten Mal die Erkenntnis, dass es vermutlich die eigene sein sollte. Wein sei Dank! „Sa Sdorowje!“, und ab in die Türkei. Hoffentlich ein anderes Mal.
Know Before You Go:
Es gibt verschiedene Führungen – von klassischen Besichtigungen bis zu umfangreichen Weinproben mit traditionellen moldauischen Spezialitäten. Das Weingut liegt etwa eine halbe Stunde außerhalb von Chișinău und ist per Taxi oder organisiertem Transfer gut erreichbar. (https://www.milestii-mici.md)
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