Nebengeräusche

Iguazú – der Teufel & die Nasenbären 🇧🇷 🇦🇷

Für Forscher und Geografen sind sie die größten Wasserfälle der Erde. Für unzählige Besucher ein gewaltiges Naturwunder. Für die indigene Gemeinschaft der Guaraní sind die Iguazú Wasserfälle der Ursprung des Teufels selbst.

Es klingt kaum glaubwürdig, ist aber wahr: Gemessen an den Wassermassen der Iguazú Wasserfälle wirken selbst der isländische Gullfoss, die Niagarafälle in Nordamerika oder die Victoriafälle in Afrika – allesamt Giganten ihrer jeweiligen Kontinente – wie bescheidene Fontänen im Vergleich.

Im Herzen Südamerikas – an der Grenze zwischen Argentinien und Brasilien – stürzen 275 Wasserfälle über eine Strecke von drei Kilometern in die Tiefe. 275! Jeder einzelne, mit seiner eigenen Wucht, seinem eigenen Klang. Die Wanderwege sind abwechslungsreich, die Geräuschkulisse gigantisch, und es erfordert etwas Geschick, nicht völlig durchnässt durch den Park zu wandern. Ganz zu schweigen von der riesigen Population an südamerikanischen Nasenbären, die einem das Leben zur Hölle machen können.

Worte, Fotos, Videos, Superlative – nichts davon kommt an das tatsächliche Erlebnis heran. Man muss es selbst gesehen haben.

Die Guaraní erzählen einen Mythos, der gleichzeitig wunderschön-romantisch und erschreckend-düster wirkt. Für sie verkörpert der Gott Mboi eine mächtige, rachsüchtige Schlange, die jedes Jahr eine Jungfrau forderte. Eines Tages jedoch floh die Auserwählte mit ihrem Geliebten in einem Kanu den Fluss hinab.

Das gefiel Mboi natürlich gar nicht. In rasendem Zorn riss er eine tiefe Schlucht in das Flussbett, tötete die beiden Liebenden und erschuf so die Iguazú Wasserfälle. Die Seele des Mädchens blieb auf ewig in einem Felsen gefangen. Manche behaupten, man könne ihre verzweifelten Rufe hören, wenn das Wasser besonders tosend ist. Ihr Geliebter verwandelte sich der Legende nach in einen Baum, der für immer zu ihr hinunterblickt. Beide Geschichten enden in der sogenannten Garganta del Diablo – der Teufelsschlucht. 150 Meter breit. 700 Meter lang. Ein Anblick, der einem den Atem raubt. Bei niedrigem Wasserstand soll man sogar den mythischen Felsen erkennen können.

Man nähert sich der Schlucht auf einem Steg über dem Wasser. Unter den Brettern tobt der Fluss, grün und schnell – die leichte Vibration ist bereits unter den Füßen spürbar. Links und rechts biegen sich die ersten kleinen Fälle über die Klippen – unspektakulär, fast harmlos, als würde der Fluss mit einem spielen. Als würde er sagen: „Wart mal ab.“

Und dann – der Blick hinunter.

SONNENAUFGANG AM POLARMEER

Die Garganta del Diablo sieht man nicht einfach – man wird von ihr überwältigt. Man hört sie zuerst – ein Donner, der von überall zu kommen scheint, nicht von vorn, nicht von oben, sondern aus dem Innern der Erde selbst. Dann der Wasserstaub, der einem ins Gesicht trifft wie ein warmer Regen, obwohl der Himmel wolkenlos ist. Und dann – der Blick nach unten. In eine Schlucht, die sich endlos tief anfühlt, in der das Wasser nicht fällt, sondern stürzt, bricht, sich selbst zerfleischt.

An der Reling bleibt man unfähig, sich zu bewegen. Nicht aus Angst. Sondern weil dieser Anblick vollständig in Beschlag nimmt – Gedanken, Sinne, Atem. Das ist kein Wasserfall. Das ist ein Ereignis. Eine Entscheidung der Natur, alles auf einmal zu zeigen. Der Regenbogen, der sich direkt im Abgrund formt – nicht hoch oben, sondern tief unten, mitten im weißen Chaos des tosenden Wassers – ist die einzige Stille in diesem ganzen Lärm.

Lange genug bleibt man dort stehen, dass alles von oben bis unten komplett durchnässt ist. Lange genug, um zu verstehen, warum die Guaraní hier das Ende und den Anfang der Welt gleichzeitig sahen.

Teufel hin oder her – die wahren Schurken des Parks sind die Nasenbären. Sie schauen einen mit großen, schwarzen Knopfaugen an, wirken süß, neugierig, verspielt. Ein kleiner „Oooh“-Moment. Dann schlagen sie zu. Eine unschuldige Sekunde der Unachtsamkeit, und sie zerlegen jeden Snack, jede Tasche, jeden letzten Funken Würde. Und sie schauen dabei an – mit ihren verführerischen, treuen Augen – die ganze Zeit.

Know Before You Go:

Über die beste Reisezeit kann man streiten. Die Regenzeit hat ihren eigenen Reiz – die Wassermassen sind dann noch beeindruckender. Es empfiehlt sich, ausreichend Zeit einzuplanen und sowohl die brasilianische als auch die argentinische Seite zu besichtigen.

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