Kapitel 45 – 🇸🇬 Singapur
Singapur befindet sich in jedem positiven Ranking auf den Spitzenpositionen – aber haben all diese Statistiken ihre Berechtigung? JA! Haben sie! Bevor die letzten Länder die Pandemie überhaupt erst anerkannt und registriert hatten, war Singapur bereits erfolgreich in den Kampf gezogen. Wie war das möglich? Die wundervollen, berühmten Bauwerke sind ohne Zweifel jeden Besuch wert – aber mein wahrer Schatz versteckte sich im tiefen Dschungel des Landes und zeigte mir die Narben der Vergangenheit … willkommen in einem (fast) perfekten Land.
Eine äußerst reizvolle Herausforderung erwartet mich. Traditionell starte ich mit skurrilen Geschichten, seltsamen Begegnungen und verrückten Situationen. Obwohl ich gewissermaßen zehn Tage in einem der kleinsten Länder der Welt gefangen war – und dieses „gefangen“ bitte wortwörtlich nehmen – kann ich euch so gut wie nichts Bemerkenswertes über diese Republik berichten. Der Grund ist einfach erklärt: Singapur rangiert an der Grenze zur Perfektion.
Seit drei Monaten flüchte ich von Staat zu Staat – da die Lage immer chaotischer und angespannter wird – und wie aus dem Nichts lande ich am internationalen Flughafen in Singapur … hier ist nichts! Rein gar nichts! Der Inselstaat hat bereits seine symbolische Glaskuppel aufgestellt und sich verbarrikadiert – bildliche Darstellung u. a. aus 📺 Stephen Kings „Under the Dome“ oder „Simpsons – The Movie„. Bis zum heutigen Tag bleibt es ein Mysterium, warum meine Einreise über den Flughafen Bangkok 🇹🇭 genehmigt wurde.
Zwei prägnante Unterschiede im Kampf gegen das Virus: (A) Ganz gleich, welches Gebäude oder Geschäft ich betrat – ich musste jedes Mal ein zweiseitiges Dokument mit unzähligen Daten ausfüllen. (B) Die gesamte Stadt – respektive das ganze Land – wurde mit mobilen Temperaturmessgeräten ausgestattet. Ein überaus gewöhnungsbedürftiger Vorgang: Alle 300 bis 500 Meter wurde die Bevölkerung auf den Straßen durch ein großes, schwarzes Gerät geleitet – vergleichbar mit dem Security-Check am Flughafen – und anschließend von den Sicherheitskräften entweder angelächelt oder aus dem Verkehr gezogen. (Reine Annahme – aber der logische Vorgang.)
Nachtrag: Zu (A) – das Land führte bereits im Februar Contact Tracing ein. Zu (B) – ab einer gewissen Körpertemperatur wurde jeder Bürger in Quarantäne verfrachtet. Und damit schließen wir das leidige Kapitel Pandemie – und kümmern uns um die Definition des Begriffs „Perfektionismus“. Aber zunächst ein paar hochspannende Fakten – damit ihr einerseits etwas lernt und andererseits wieder etwas zum Klugscheißen habt.
☑ Die Republik Singapur erstreckt sich über eine Fläche von 728 km² – und beherbergt knapp 6 Millionen Menschen. Da diese Zahlen ohne regionalen Vergleich relativ belanglos sind: ca. ein Viertel der Gesamtfläche Vorarlbergs – aber dafür fünfzehnmal so viele Einwohner … wir kombinieren 🤔: verflucht viele Menschen auf einer verflucht kleinen Insel!
☑ Singapur hat sich bereits frühzeitig aus dem Rennen um das höchste Gebäude der Welt verabschiedet – da die gesetzliche Maximalhöhe eines Wolkenkratzers 280 Meter nicht überschreiten darf … warum? Keine Ahnung.
☑ Der Inselstaat steht im Guinnessbuch der Weltrekorde – da er seine Zeitzone in den letzten hundert Jahren bereits sechsmal geändert hat … warum auch immer?
☑ Auf der Rückseite des 1.000-Dollar-Geldscheines ist die Nationalhymne eingraviert.
☑ Seit Beginn der 90er-Jahre ist es gesetzlich verboten, Kaugummi zu kauen – und sollte man tatsächlich vergessen, eine öffentliche Toilette zu spülen, erwarten einen drakonische Strafen.
All diese Sonderheiten – und noch so viel mehr – sind mitverantwortlich dafür, dass Singapur als das sauberste und sicherste Land der Welt gilt.
Um dem Begriff der Perfektion ein Stückchen näherzukommen, packe ich jetzt die klassische Sightseeing-Keule aus. Die architektonischen Meisterwerke rund um die südlich gelegene Marina Bay kennt ihr alle. Ich könnte sie jetzt aufzählen – denn jedes Einzelne hat seine Berechtigung und ist einen Besuch wert … ach, ich tue es einfach:
Supertrees (Gardens by the Bay): Diese bis zu 50 Meter hohen Stahlgerüste sind ein unfassbares Meisterwerk der Technik. Das Panorama ist legendär – und die Bäume sehen nicht nur großartig aus – sie verfügen sogar über einen tieferen Sinn. An den Stahlgerüsten gedeihen seltene Pflanzen – und die angebrachten Fotovoltaikanlagen sorgen für Elektrizität und Kühlung. Zusätzlich werden Niederschläge gesammelt und zur Bewässerung genutzt. (Und ich versichere euch – wenn es dort regnet, dann 😱 …) Da ihr so fleißig und aufmerksam den theoretischen Teil über euch ergehen lasst – dürft ihr euch nun zurücklehnen und das tägliche Abendkonzert der leuchtenden Bäume genießen.
Flowers Dome & Cloud Forest: Aus der allseits beliebten Kategorie: Muss man gesehen und erlebt haben, um es zu verstehen. Der beeindruckende Flowers Dome ist das größte Glashaus der Welt – und es würde gewiss mehrere Menschenleben brauchen, um sich jede einzelne Pflanze in Ruhe anzusehen. Memo an mich: Hier hat sich der größte Pilz der Welt versteckt. Ich konnte mein Foto nie zuordnen. Warum zur Hölle fotografierte ich einen Pilz? Jetzt weiß ich es wieder 😉.
Im Cloud Forest könnt ihr darüber hinaus den größten künstlichen Indoor-Wasserfall der Welt bewundern 🤷 – oder euch einen Nadelbaum ansehen. Wow – ein Nadelbaum 😅. Herrliche Bilder: Die asiatischen Besucher versammeln sich vor der Tanne und der Fichte und starten ihre geliebte Selfiesession – weil ihnen diese Baumgattung vollkommen fremd ist. Krasses Gefühl: Was in unserer Hemisphäre selbstverständlich ist, versteckt sich in Singapur hinter Glaswänden – und zieht die Einheimischen wie Mücken an.
Marina Bay Sands: Ein durchgeknalltes Resort – angeblich die teuerste Casino-Anlage der Welt. Auf den berühmten Infinity-Pool, an dem wohl kein selbsternannter Influencer und Instagram-König vorbeikommt, habe ich getrost verzichtet. Nichtsdestotrotz – ja, ich weiß, furchtbares Wort 🙈 – lohnt es sich, ein paar Singapur-Dollar zu investieren und die Aussichtsplattform zu besuchen. Der Blick über den gesamten Stadtstaat ist … ihr ahnt es bereits … sagenhaft.
Marina Bay Street Circuit 🏎: mein persönliches Highlight. Ähnlich wie in Montréal 🇨🇦 oder Abu Dhabi 🇦🇪 besteht auch in Singapur die Möglichkeit, einen Großteil der Formel-1-Strecke abzulaufen – ob zu Fuß, per Fahrrad oder mit Inlineskates. Eine klassische Umrundung des Circuit empfehle ich wärmstens, da die Strecke weitere exklusive Blicke auf die Skyline bietet.
Obwohl sich Millionen Menschen auf engstem Raum tummeln, zählt Singapur zu den grünsten Städten der Welt. Unabhängig vom aktuellen Aufenthaltsort braucht man maximal 20 Minuten – und kann die schnelllebige Stadt hinter sich lassen und in die märchenhafte Welt der Natur eintauchen. Kleine Wandergebiete, wilde Reservate, grüne Naturschutzgebiete, dichter Dschungel und fantastische Sandstrände verteilen sich über die gesamte Insel. Die besondere Flora bietet uns Westeuropäern ein umfassendes Erlebnis. Egal, welches Rückzugsgebiet man sich aussucht – es braucht nur wenige Augenblicke, bis die ersten Echsen – und zwar richtig große –, Schildkröten 🐢, Seeotter oder Wildschweine – ja, Wildschweine – den Weg kreuzen. Den größten Spaß werden die meisten von euch wohl mit den zahllosen Affen 🐒 haben – mich nerven sie langsam. Eine kleine Randnotiz – am besten den folgenden Satz schnell lesen: Singapur gilt als Mekka der Schlangen 🐍. Keine andere bewohnte Insel der Welt verfügt über eine solche Dichte und Vielfalt an Schlangenarten. Und ja – sie sind alle vertreten: Kobras, Vipern und die kuscheligen Pythons … zum Glück blieb mir eine persönliche Begegnung erspart.
Nur ein paar Begriffe – damit ihr etwas zum Recherchieren habt und ich etwas zum Hervorheben: National Orchid Garden, MacRitchie Nature Trail & MacRitchie Reservoir 🥰, The Southern Ridges, Bukit Timah Nature Reserve oder East Coast Park. Wie bereits erwähnt – ich hatte ausreichend Zeit, alles in Ruhe zu erkunden.
Mindestens zwei volle Tage gehen für die kleine Sentosa Island drauf. Das gerade einmal 5 km² große Eiland ist so etwas wie das Kitzbühel 🇦🇹 und das St. Moritz 🇨🇭 Singapurs. Fünf-Sterne-Resorts, zahlreiche Freizeitaktivitäten, diverse Vergnügungsparks – für Filmfans könnte das Universal Studios Singapore interessant sein – und zauberhafte, karibisch anmutende Sandstrände stehen Seite an Seite. Das absolute Highlight ist jedoch die einzigartige Verkehrsanbindung: Um sowohl auf die Insel als auch auf der Insel herumzukommen, wurde die Seilbahn erfunden. Fabelhafte Aussichten über die gesamte Anlage – und das Wunderbare oder Angsteinflößende, je nachdem wie man tickt, ist der durchsichtige Glasboden, der sich in einem Großteil der Gondeln befindet
Zum Ausklang kommen wir noch zu meiner persönlichen Lieblingsrubrik: Orte, die niemand kennt, die auch niemanden wirklich interessieren – und genau deswegen so spannend und außergewöhnlich sind.
Viel zu lange ist es her, dass ich das letzte Mal über besondere Friedhöfe philosophiert habe. Um diese Tradition umgehend wiederzubeleben, beschert uns die Insel ein fulminantes Friedhof-Double-Feature. Der Bukit Brown Cemetery ist ein hochspannendes, traumhaft schönes – und zugleich schauriges – Erlebnis. Der chinesische Friedhof wird seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegt, und die Natur holt sich dieses Gebiet Zentimeter für Zentimeter zurück. Hunderttausend verwahrloste, aber wild romantische Gräber verteilen sich inmitten des dichten Dschungels auf über 200 Hektar. Bis 1972 war der Bukit Brown Cemetery in Betrieb – seine ältesten Grabsteine reichen bis ins Jahr 1833 zurück. Man braucht schon eine gewisse Unerschrockenheit, um sich durch diese schaurige Vergangenheit zu kämpfen. Da mich die Grabstätte so fesselte, organisierte ich mir für meine zweite Runde einen ortskundigen Guide, der mich durch das Gelände führte und mir die Geschichte der einzelnen Grabsteine näherbrachte. Vielleicht besucht ihr diesen Ort eines Tages – daher möchte ich nicht spoilern. Nur so viel: Gänsehautgarantie – und die detaillierten Schilderungen der damaligen Hinrichtungsrituale toppen jeden Jump-Scare-Moment diverser Horrorfilme.
Ebenfalls einzigartig und mitreißend ist der Kranji War Cemetery – allerdings das hundertprozentige Gegenstück zum Bukit Brown Cemetery. Die Grabsteine der 4.500 Soldaten, die während des Zweiten Weltkrieges gefallen sind, erstrahlen in unvergleichlichem Glanz. Als hätte man den grünen Rasen mit einer Nagelschere geschnitten und die Marmorplatten mit einem Mikrofasertuch poliert – ein mächtiger und bewegender Anblick.
Eine hochgradig eigentümliche und zugleich verstörende Lokalität ist die Haw Par Villa. Ursprünglich in den 1930er-Jahren gegründet, sollte der Park die Geschichte chinesischer Mythen und Märchen erzählen. Im Laufe der letzten 80 Jahre haben sich über 1.000 verschiedene Statuen angesammelt – deren Hintergrund und Sinnhaftigkeit ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen kann. Dazu tummeln sich Hunderte kolossaler Darstellungen rund um chinesische Legenden und Folklore. Obwohl ich intensiv recherchiert habe, konnte ich keinen logischen roten Faden finden – aber das spielt streng genommen überhaupt keine Rolle. Denn wisst ihr, was das Schöne daran ist? Seit gut zwanzig Jahren kümmert sich kaum jemand mehr um den Park. Was gleichbedeutend damit ist, dass er langsam vor sich hin verwahrlost – und in ein bis zwei Jahrzehnten zu einem der großartigsten Lost Places der Erde werden könnte.
Mein Fazit: Der Kreis schließt sich – und wir sprechen über Perfektion. Zehn Tage in Singapur – und obwohl diese Nation kleiner ist als der Bezirk Hermagor-Pressegger See, verspürte ich keinen einzigen Moment Langeweile. Die Bewohner wirken zwar ständig beschäftigt, sind aber überaus zuvorkommend, die Straßen und Gassen sind sauber – und die Luftqualität ist für eine Metropole dieser Größe mehr als angenehm. Umwerfende Strände, ganzjährig angenehme Temperaturen und eine große Vielfalt an Flora und Fauna. Nicht umsonst rangiert Singapur jährlich unter den Top 3 der lebenswertesten Städte der Welt.
Sicherheit: Die Kriminalitätsrate ist auf dem niedrigsten Niveau – und der Verkehr ist ruhig und geordnet. Wer nach den sichersten Ländern der Welt sucht, wird Singapur irgendwo in den Top 3 – zwischen Dänemark 🇩🇰 und Island 🇮🇸 – finden.
Kosten: Und hier haben wir das berühmte Haar in der Suppe. Sicherheit, Struktur und ein überdurchschnittliches Lebensniveau haben ihren Preis – der Stadtstaat gehört zu den teuersten Regionen der Welt.
… letzter Ausstieg: Sydney, Australien 🇦🇺 …
Hier geht’s zu Kapitel 46 Australien 🇦🇺













































