Nebengeräusche

Sarajevo 1984 – vom Olymp in die Asche 🇧🇦

Es war eine große Überraschung, dass Sarajevo die Olympischen Winterspiele 1984 zugesprochen bekam. Trotz finanzieller Schwierigkeiten setzte sich die Stadt gegen die Favoriten aus Sapporo (Japan) und Göteborg/Falun (Schweden) durch – und rückte für knapp zwei Wochen in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Die 300.000-Einwohner-Stadt erstrahlte in frischem Glanz: neue Sportstätten, neue Infrastruktur, neue Hoffnung. Doch mehr als vier Jahrzehnte später sind nur noch Relikte geblieben, die nicht von sportlichem Triumph, sondern vom zerstörerischen Krieg zeugen.

Die Winterspiele von 1984 brachten legendäre Persönlichkeiten hervor – unter ihnen den finnischen Überflieger Matti Nykänen und die Eiskunstläuferin Katarina Witt, die ihrer Heimat, der DDR, erstmals den Sieg im Medaillenspiegel sicherte. Die Jungferninseln entsandten einen einzelnen Eisschnellläufer, das chilenische Ski-Team reiste ohne Ausrüstung an, und das Maskottchen Vučko verbreitete mit seinem „Sarajevouuu!“-Geheule eher Angst als Heiterkeit. Österreich gewann übrigens nur eine Medaille – aber all das sind letztlich bloß Randnotizen für das, was heute an diesen Schauplätzen zu finden ist.

Ausgangspunkt sind die Igman-Schanzen, wo Nykänen einst mit einem neuen Schanzenrekord Olympiageschichte schrieb. Ein plötzlicher Wintereinbruch kann die Straßen von Sarajevo mitunter fast unbefahrbar machen – die Anreise gestaltet sich dann entsprechend abenteuerlich.

Olympisches Podest: Damals ein Ort der Exekutionen

Kaum vorstellbar, wie es hier 1984 ausgesehen haben muss, während der Weg durch knietiefen Schnee führt. 40.000 Fans, wehende Flaggen, jubelnde Menschen, strahlende Athleten – die Essenz des olympischen Spirits. Heute jedoch stehen dort zwei graue, mit Graffiti bedeckte Betonblöcke. Die Natur erobert langsam zurück, was der Mensch gebaut hat. Je näher man kommt, desto deutlicher werden die Ausmaße der Zerstörung.

Im März 1992 stimmte Bosnien und Herzegowina für die Unabhängigkeit von Jugoslawien – wie zuvor Slowenien, Kroatien und Mazedonien. Der jugoslawische Staat zerfiel, und der verheerende Bosnienkrieg begann. Sarajevo wurde 1.425 Tage lang belagert. Mindestens 10.000 Menschen verloren ihr Leben. Die sogenannte Snajperska aleja – die Scharfschützengasse – wurde zum Sinnbild des Grauens. Nahezu jedes Dach war eine Scharfschützenstellung. Nahezu jeder Mensch, jedes Fahrzeug, jedes Gebäude ein potenzielles Ziel.

Auch fern des Zentrums sind die Spuren sichtbar. Einschusslöcher überall, zerstörte Betonpfeiler, ausgelöschte Erinnerungen. Der Bereich um die Igman-Sportstätten war Schauplatz schwerer Kämpfe. Der Blick auf das olympische Podest lässt einen kalten Schauer über den Rücken laufen: Dieser Pavillon diente während des Krieges als Ort von Exekutionen. Nur acht Jahre nach den Spielen verwandelte der Krieg die einst gefeierte Arena in ein Massengrab. Bis heute hat sich dieser Schatten nicht gelöst: Die Versuche, die Sprungschanzen wiederzubeleben, blieben allesamt erfolglos – als ließe sich dieser Ort nicht so einfach zurückholen.

Weiter geht es zur Bob- und Rodelbahn Trebević. Sie liegt am südlichen Rand Sarajevos und war einst das Vorzeigeprojekt der Winterspiele: 1.300 Meter lang, 13 Kurven, eine perfekt integrierte Strecke, die weltweite Beachtung fand. Nach den Spielen wurde sie zum Treffpunkt der internationalen Bob-Elite und löste in Bosnien & Herzegowina einen Bob-Boom aus, den niemand erwartet hatte.

1984: Weltrekord – 1992: Kriegsgebiet

Doch auch hier hat der Krieg tiefe Narben hinterlassen. Die markanten Kurven dienten als Verteidigungsstellungen. Die Bahn wurde in ein System aus Schützengräben umgewandelt – eine Sportstätte als Frontlinie. Bis Mitte der 2000er-Jahre wurde das gesamte Gebiet abgeriegelt, da zahlreiche Minen entfernt werden mussten. Viele wurden entschärft, doch bis heute gilt eine Warnstufe: Manche Bereiche sind nach wie vor gefährlich.

Die Trebević-Seilbahn führt hinauf zum Startpunkt der Bobbahn. Vom Ausstieg bis zur Bahn sind es unter normalen Bedingungen nur ein paar Gehminuten. Oben angekommen, überrascht der Anblick: Die Bahn liegt friedlich und nahezu unberührt im Schnee, umrahmt von dichten Nadelwäldern. Die tief stehende Sonne bricht immer wieder durch die Äste und taucht die Szenerie in goldenes Licht. Für einen Moment verschwindet die blutige Vergangenheit hinter dieser Schönheit.

Die Anlage gilt heute als Symbol des Widerstands. Vor einigen Jahren begannen erste Restaurierungen, um die Bahn vor dem endgültigen Verfall zu bewahren. Heute nutzen die Bewohner Sarajevos die Strecke für Sommeraktivitäten – Laufen, Radfahren, kreative Abfahrtsmethoden aller Art. Im Sommer kann man jedenfalls problemlos mit dem Fahrrad hinunterfahren.

Know Before You Go:

Beide Sportstätten können heutzutage besichtigt werden, doch Vorsicht ist weiterhin geboten. Der Zerfall schreitet voran, und es existieren immer noch Bereiche, in denen Minen vermutet werden. Es gilt, stets auf den markierten Wegen zu bleiben.

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