Nebengeräusche

San Bernardino – Knochen, Kunst und Ewigkeit 🇮🇹

Unweit des renommierten Mailänder Doms befindet sich eine unscheinbare Kirche, deren Inneres bei jedem Besucher ein Gefühl tiefer Beklommenheit hervorruft. Das Ossarium von San Bernardino alle Ossa – eine Knochenkammer, in der die sterblichen Überreste Tausender Menschen kunstvoll in den Wänden arrangiert wurden – vereint auf faszinierende Weise Schönheit und Schrecken. Die Innenwände sind nahezu vollständig mit Knochen und Schädeln bedeckt.

Die Ursprünge dieses außergewöhnlichen Gesamtkunstwerks reichen bis ins frühe 13. Jahrhundert zurück. Neben der Kirche entstand ein Krankenhaus mit zugehörigem Friedhof. Da dessen Kapazitäten rasch erschöpft waren, baute man eine unterirdische Krypta, in die fortan die sterblichen Überreste der Krankenhaus-Verstorbenen überführt wurden.

Im Jahr 1642 stürzte der Glockenturm vollständig ein und begrub das Gebäude mitsamt dieser Anlage unter seinen Trümmern. Der Wiederaufbau des Gotteshauses zog sich über mehrere Jahrzehnte. In einem Raum nahe des Eingangs lagerte man anschließend die Schädel und Gebeine aus den Trümmern.

Gruselig und wunderschön zur selben Zeit

Ein weiterer verheerender Brand im 18. Jahrhundert führte zu erneuten Umbaumaßnahmen und einer Erweiterung der Kirche. In diesem Zuge wurde auch das Ossarium deutlich vergrößert und mit den vorhandenen Knochen so kunstfertig ausgestattet, wie es sich heute zeigt.

Die Anordnung der Gebeine folgt einer beinahe mathematischen Perfektion. Die horizontale Strukturierung entlang der Wände ist so präzise inszeniert, dass sie einen inneren Konflikt auslöst: zwischen vollkommener Ästhetik und der rohen Realität des Todes. Unzählige leere Augenhöhlen scheinen aus jeder Richtung zu blicken – als würde hinter jeder einzelnen noch etwas warten.

Die verstummten Gesichter aus allen Richtungen wirken so eindringlich, dass der Blick sich immer wieder zur Decke hin verliert. Dort erstreckt sich das Fresko „Triumph der Seelen mit fliegenden Engeln“, geschaffen von Sebastiano Ricci – ein Werk, das in diesem ungewöhnlichen Umfeld eine ganz eigene, fast tröstliche Wirkung entfaltet. Als wollte es sagen: Hier oben endet nichts, hier oben beginnt etwas.

Fällt Sonnenlicht durch die kleinen Fenster, verwandelt sich der düstere Raum in etwas seltsam Lebendiges. Die grauen Schattierungen der Knochen glühen in warmen, goldenen Farbtönen auf. Die Stille verändert sich – sie wird weicher, fast einladend. Für einen Augenblick scheinen die Wände zu atmen. Verweilt man dort, stellt sich ein Gefühl ein, das irgendwo zwischen Schauder und Staunen liegt. Verschwindet das Licht wieder, sind die Knochen wieder Knochen. Aber für diesen einen Moment sind sie etwas anderes gewesen. Etwas, für das es kein besseres Wort gibt als: lebendig.

Wessen Gebeine das sind, weiß niemand genau

Bis heute ist nicht abschließend geklärt, wessen Gebeine im Ossarium von San Bernardino alle Ossa ruhen. Zweifellos stammt ein Großteil der Knochen von Patienten, die im angrenzenden Krankenhaus verstarben. Unter ihnen befanden sich auch Priester und Ordensmitglieder, die früher die Leitung innehatten.

Ebenso geht man davon aus, dass Angehörige des Adels, die in den umliegenden Gräbern bestattet wurden, vertreten sind. Vermutet werden zudem sterbliche Überreste von Gefangenen und zum Tode Verurteilten der nahegelegenen Gefängnisse.

Hartnäckig hält sich außerdem die Legende, dass sich unter den Knochen auch eine beträchtliche Zahl christlicher Märtyrer befinden soll, die während der Herrschaft des Ambrosius von Mailand (339–397) getötet wurden.

Know Before You Go:

Die Kirche San Bernardino alle Ossa ist ganzjährig geöffnet – die aktuellen Besuchszeiten finden sich auf der Website der Kirche. Der Eintritt ist kostenlos, eine kleine Spende jedoch willkommen. Wer einen stillen Moment sucht, kommt am besten unter der Woche und außerhalb der Mittagszeit. (https://www.sanbernardinoalleossa.it)

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