Nebengeräusche

Segovia – zwei Jahrtausende in Stein 🇪🇸

Ein Vermächtnis römischer Ingenieurskunst prägt die bezaubernde spanische Kleinstadt Segovia. Im Zentrum erhebt sich ein architektonisches Meisterwerk, das selbst heutige Fachleute staunen lässt. Welche technischen Fähigkeiten waren nötig, um ein solches Bauwerk zu errichten? Welche Werkzeuge standen damals zur Verfügung? Und – ganz im Sinne der lokalen Überlieferung – könnte sogar der Teufel selbst seine Hand im Spiel gehabt haben?

Eines Morgens in längst vergangener Zeit sollen die Bewohner Segovias überrascht gewesen sein, als sich plötzlich eine monumentale Brücke über ihren Ort spannte. Wie aus dem Nichts stand über dem zentralen Platz eine gewaltige Anlage: ein scheinbar endloser Bogen aus perfekt geschliffenen Steinen, harmonisch an die natürliche Wellenbewegung des Geländes angepasst. Die Legende besagt, dass niemand Geringerer als der Teufel dieses Wunder vollbracht habe.

Er soll versucht haben, die unbefleckte Seele eines jungen Mädchens zu gewinnen, das täglich weite Wege zurücklegen musste, um Wasser aus einer entfernten Quelle zu holen. In einem Moment tiefer Verzweiflung habe sie ausgerufen, sie würde ihre Seele dem Teufel überlassen, wenn jemand ihr diesen mühsamen Weg ersparen könnte.

Steinerne Bögen im Abendlicht

Der Teufel erhörte ihre Worte – und errichtete das Aquädukt in nur einer einzigen Nacht. Doch kurz vor Tagesanbruch fehlte ein einziger Stein zur Vollendung. Das Mädchen war gerettet, der Pakt erlosch, und an einigen Steinen lassen sich heute deutliche Vertiefungen erkennen, die der Legende nach die Fingerabdrücke des Teufels sein sollen.

Oder hatten am Ende doch die Römer ihre Finger im Spiel? Der Zeitpunkt der Errichtung ist nicht eindeutig belegt – die Bronzeplatten, die Aufschluss hätten geben können, sind verloren. Archäologen datieren den Bau auf das späte 1. bis ins frühe 2. Jahrhundert n. Chr. Wie es den Römern gelang, ein derart perfektes Aquädukt zu errichten, bleibt bis heute ein Rätsel. Wie wurden die Steine so präzise zugeschnitten? Geschah dies bereits im Steinbruch oder erst direkt vor Ort?

Viele dieser Fragen sind nach wie vor ungeklärt – und verleihen dem Aquädukt dadurch nur noch mehr Faszination.

Während zahlreiche römische Konstruktionen eher pragmatisch, teils ohne Rücksicht auf Ästhetik durch Städte und Felder führten, fügt sich das Aquädukt von Segovia mit auffallender Eleganz in die Landschaft ein. Seine Höhe variiert in perfekter Anpassung an das Geländerelief. Alles deutet darauf hin, dass die Römer (oder der Teufel) hier bewusst ein Bauwerk schufen, das sich nicht nur funktional, sondern auch harmonisch ins Stadtbild einfügt.

Nach dem Abstieg folgt das nächste Bild: Deadvlei – „totes Marschland“ – ist eine Tonpfanne, umgeben von den ikonischen Dünen von Sossusvlei nebenan. Dort befindet sich ein seltsamer, fast geisterhafter Baumfriedhof: uralte Kameldornbäume, seit rund 900 Jahren tot, aber immer noch aufrechtstehend.

Der Tsauchab-Fluss versiegte damals, während die Dünen sich weiter auftürmten. Dadurch entstanden voneinander isolierte „Pfannen“, in denen die abgestorbenen Bäume zurückblieben. Da dies eine der trockensten Regionen der Erde ist, fehlt jeglicher natürlicher Zerfall – kein Regen, keine Pilze, keine Insekten.

Die Bäume bleiben erhalten wie Statuen. Der helle Boden wird oft für reines Salz gehalten, dabei handelt es sich um eine harte Kruste aus Ton, Kalk und salzreichem Sand, die bei seltenen Fließperioden entsteht – manchmal nur alle paar Jahre, manchmal erst nach einem Jahrzehnt.

Über Jahrhunderte versorgte das Aquädukt die Einwohner mit frischem Quellwasser. Die Quelle liegt weniger als 20 Kilometer entfernt in den Bergen der Sierra de Fuenfría. Historische Aufzeichnungen berichten lediglich von einer teilweisen Beschädigung im Jahr 1072, die seine Funktionsfähigkeit jedoch nicht beeinträchtigte. Ab dem 15. Jahrhundert gewann das Bauwerk zunehmend an Bedeutung und wurde durch königliche Unterstützung weiter verfeinert und geschmückt. Bis 1973 diente es tatsächlich noch als aktives Wasserversorgungssystem.

Auf dem Platz Azoguejo erreicht das Bauwerk seine maximale Höhe von 28,5 Metern. Der rhythmische Schwung der Bögen und die Inschriften, die auch heute noch an den oberen Steinen sichtbar sind, lassen sich hier besonders gut studieren. Rund um das Monument finden sich eindrucksvolle Statuen, die verschiedenen religiösen Persönlichkeiten gewidmet sind.

Im Schatten der Wasserbrücke steht zudem eine Nachbildung der bronzenen Statue der Kapitolinischen Wölfin. Der Mythos besagt, dass sie die Gründer Roms, Romulus und Remus, nährte – ein schönes Sinnbild für die römische Präsenz in dieser Stadt.

Team Teufel oder Team Römer

Und natürlich darf auch der Teufel höchstpersönlich nicht fehlen. Der Künstler José Antonio Abella schuf eine eigenwillige Teufelsfigur: lächelnd, freundlich, beinahe sympathisch sitzt er am Rand des Aquädukts und begrüßt die Besucher. Seine Skulptur führte zu einer echten Kontroverse. Die Kirche sah darin eine Provokation, während die Stadtverwaltung das Werk als humorvolle Hommage an die Legende verteidigte. Beide Seiten sammelten Tausende Unterschriften. Letztlich wurde die Klage gegen die Skulptur abgewiesen – und so kann der kleine Teufel bis heute den Besuchern ein unerwartetes Lächeln entlocken.

Auf der östlichen Seite führen Treppen zum „Postigo del Consuelo“ – der Pforte des Trostes – hinauf. Von hier aus hat man den wohl besten Blick auf das gesamte Bauwerk. Obwohl Segovia nur etwa 50.000 Einwohner zählt, bietet die Stadt eine bemerkenswerte Vielfalt: die imposante Kathedrale, die charmante Altstadt und die ungewöhnliche Kirche La Vera Cruz mit ihrem zwölfeckigen Grundriss gehören zu den weiteren Sehenswürdigkeiten.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich das Aquädukt in der nächtlichen Beleuchtung: Warmes Licht von unten arbeitet jeden Stein einzeln heraus und zeichnet jeden Bogen nach. Ein Anblick, der zum Verweilen einlädt – Team Teufel oder Team Römer, am Ende bleibt vor allem eines: Respekt vor der Leistung, die hier vollbracht wurde.

Know Before You Go:

Segovia ist in etwa einer Stunde per Bus von Madrid aus erreichbar und eignet sich ideal für einen Tagesausflug.

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