Kiew Underground – im Labyrinth der Vergangenheit 🇺🇦
Ein Überschuss an Adrenalin, eine unheimliche Atmosphäre, gespenstische Momente, verborgene Enthüllungen und Erfahrungen, die man nicht vergisst. Unterhalb der asphaltierten Straßen der ukrainischen Millionenstadt Kiew ist die jüngste Geschichte des Landes so präsent, dass sich die Eindrücke einer Urban-Exploration-Tour tief einbrennen. Eine Form der Stadterkundung, die es so wohl nur hier gibt.
In den frühen Morgenstunden ging es an einer abgelegenen U-Bahn-Station im Südwesten der Stadt los, im Wartestand auf Max. Er bezeichnet sich selbst als „Digger“ – Teil einer urbanen Bewegung, die seit den 1990er-Jahren die Tunnel, Bunker und vergessenen Räume unter Kiew systematisch erkundet und dokumentiert. Menschen, die Kiews Geschichte nicht in Büchern suchen, sondern im Schlamm darunter. Wie legal oder illegal das Ganze ist, sei dahingestellt. Die unterschriebenen Dokumente sahen jedenfalls offiziell genug aus.
Auch ein junges Paar aus Großbritannien wartete mit auf Max. Die Zeit wurde genutzt, um sich kennenzulernen und Vorstellungen sowie Erwartungen auszutauschen.
Während des Gesprächs sprang plötzlich eine maskierte Person aus einem klassischen Lieferwagen im Stil der 1980er-Jahre, der mit quietschenden Reifen um die Kurve raste: „Let me introduce myself: My name is Max!“
Nach einer kurzen sicherheitstechnischen Unterweisung ging es los. Ausrüstungsüberprüfung: Schutzstiefel, schnittfeste Handschuhe, eine Taschenlampe und eine Art Strampelanzug. Der Einstieg: ein unauffälliger, fragwürdiger Gully-Deckel zwischen verwaisten Gebäuden, der sich nur mit enormer Gewalt öffnen ließ. Darunter: eine rostige, klapprige Leiter, begleitet von einem wenig einladenden Geruch, deren Ende sich dem Blick entzog.
Durch die Weiten der endlosen Finsternis
Nach den ersten Adrenalinschüben folgten einige Fakten: Das gesamte Tunnelsystem soll etwa 190 Kilometer lang sein und wird laufend von den „Diggern“ erforscht. Obwohl Max gefühlt sein halbes Leben hier unten verbracht hat, kennt er nur einen Bruchteil davon. Seine handgezeichneten Karten markieren Geheimräume und Passagen. Vereinzelte „X“ symbolisieren angebliche Notausgänge – rein zur Beruhigung, versteht sich.
Viele dieser Tunnel dienen längst nicht mehr als Abwassersystem. Der Gang verengt sich, das Wasser steigt, und irgendwann geht es nur noch auf allen Vieren durch die Finsternis. Die Lautlosigkeit, die Kälte, die Abgeschiedenheit – all das wird langsam zur Normalität.
Zwei Stunden vergehen mit Klettern, Kriechen, Robben – jeder Muskel schreit bereits um Hilfe.
Kurz vor der Rückkehr ans Tageslicht wartet noch eine Überraschung: ein komplett dunkler Korridor, ein Stativ, eine Kamera, Leuchtraketen – ein spontanes Fotoshooting. „One of the greatest moments in our life“, wie es die britischen Begleiter formulierten.
Das Abenteuer ist damit noch nicht abgeschlossen. Max lässt seinen Lieferwagen vorfahren, um in einen menschenleeren Hinterhof eines Industriegebiets zu fahren. Das Gelände besteht im Wesentlichen aus scharfen Kanten, rostigen Nägeln und zerbrochenen Glasscherben.
Am Ziel: eine massive Stahltür, gesichert durch ein Eisenschloss. Max zieht einen Schlüssel hervor.
Diese Zugänge wurden ursprünglich von der Polizei verriegelt. Die Digger wiederum knackten die Schlösser und ersetzten sie durch ihre eigenen. Die Route muss deshalb immer wieder neu geplant werden, da die Polizei die Schlösser von Zeit zu Zeit wieder austauscht – ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel. Hinter der Tür wartet ein Bunker, erst vor wenigen Wochen gefunden – ein Relikt aus KGB-Zeiten. Max führt nur Menschen dorthin, die nicht aus der Ukraine stammen und keine politischen Absichten haben – er möchte dieses Juwel so lange wie möglich geheim halten.
In den leerstehenden Räumlichkeiten befinden sich zahllose Relikte aus der Ära des Kalten Krieges. Mithilfe entsprechenden Werkzeugs lassen sich einige der Holzkisten öffnen.
Die Stille erzeugt ein beklemmendes Gefühl, nur die Taschenlampen erhellen das Material in der vollkommenen Dunkelheit. Bücher, Zeitschriften, Landkarten, Alarmsysteme, Funkgeräte, Medizinkoffer, Atemschutzmasken – es findet sich schlichtweg alles, was die Begeisterung eines jeden Entdeckers weckt.
Ein Gefühl von Freiheit, inmitten eines einstigen KGB-Bunkers unterhalb der Straßen Kiews. Vandalismus? Fehlanzeige. Vollkommen unberührt, alles im Originalzustand. Bedauerlicherweise finden auch diese Augenblicke früher oder später ihr Ende – die Bilder bleiben.
Know Before You Go:
Urban Explorer bietet verschiedene Touren in der Ukraine an. Leitbild der Digger: „Wir veröffentlichen keine Koordinaten oder Wege zu den Objekten. Wir legen Wert auf Sicherheit und Vermächtnis. Macht nur Fotos, hinterlasst nur Fußspuren.“ Zur Kenntnisnahme: Diese Erlebnisse stammen aus dem Jahr 2021. Seit Februar 2022 befindet sich die Ukraine im Krieg – eine Reise dorthin ist derzeit nicht möglich.
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