Nebengeräusche

Marsh’s Library – Dublins verborgenes Juwel 🇮🇪

Wer sich mit Dublin und seinen Bibliotheken beschäftigt, stößt unweigerlich auf das Trinity College. 4,5 Millionen Bücher, lange Warteschlangen, hohe Eintrittspreise und endlose Touristenmassen. Muss das sein? Nein, danke! Das wahre Juwel unter Dublins Bibliotheken liegt woanders: die Marsh’s Library.

Die älteste Bibliothek Irlands liegt gut versteckt am Rande der St.-Patrick’s-Kathedrale. Auch wenn die Sammlung „nur“ rund 25.000 Bände umfasst, besitzt jeder einzelne von ihnen eine ganz eigene, ästhetische Ausstrahlung. Eine echte Perle für Bücherliebhaber – und eine kleine Zeitreise in eine andere Epoche. Und dann dieser unverwechselbare Geruch alter Bücher!

In unmittelbarer Nähe zur prunkvollen Kathedrale liegt der Eingang zur Bücherei, kurz vor 09:30 Uhr meist noch ohne die übliche Touristenflut. Nach dem Ticketkauf folgt die Empfangshalle – und ein Moment der Sprachlosigkeit. Wie wunderschön kann eine Bibliothek sein? Marsh’s Library beantwortet diese Frage auf eindrucksvolle Weise.

Ein langer, schmaler Korridor, flankiert von Bücherregalen. Absolute Totenstille. Das Knarren des alten Holzfußbodens begleitet wie ein leises Echo aus der Vergangenheit. Das gedämpfte Licht der Fenster verleiht den Büchern eine fast magische Aura, als würden sie ihre Geschichten direkt zuflüstern. Bricht dann auch noch die Sonne durch die Fenster, ist es endgültig um einen geschehen.

Aus Frustration über den mangelnden Zugang zu Büchern in Dublin gründete Erzbischof Narcissus Marsh diese Institution. Nach sechsjähriger Bauzeit wurde sie 1707 eröffnet. Der erste Bibliothekar war Élie Bouhéreau, ein Hugenotte aus La Rochelle – französischer Protestant, der im 17. Jahrhundert vor religiöser Verfolgung nach Irland floh – und dabei gleich seine umfangreiche Privatsammlung mitbrachte.

Wenn Licht und Wissen denselben Weg finden

Die Architektur des zweigeschossigen Gebäudes mit seinen gewölbten Decken erinnert in ihrer Strenge und Würde an die großen Bibliotheksbauten ihrer Zeit – mancher Besucher zieht unwillkürlich den Vergleich zur Bodleian Library in Oxford, einer der ältesten Universitätsbibliotheken der Welt. Dass man sich hier wie im 18. Jahrhundert fühlt, liegt daran, dass sich seit der Eröffnung so gut wie nichts verändert hat. Die Bücher stehen noch immer an ihrem ursprünglichen Platz, die Eichenholzregale sind unverändert, und selbst das gesamte Treppenhaus befindet sich im Originalzustand. Eine kleine Kapsel der Zeit.

Die Bücherei umfasst Werke aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Die Themen reichen von klassischer Literatur über Medizin, Rechtswissenschaften, Naturwissenschaften und Musik bis hin zu Theologie und Reiseberichten. Zu ihren berühmtesten Besuchern sollen Jonathan Swift, James Joyce und sogar Bram Stoker – Mr. Dracula höchstpersönlich – gehört haben.

Im hinteren Bereich des Gebäudes befindet sich ein kurioses Relikt früherer Zeiten: kleine, vergitterte Leseverschläge. Wer besonders wertvolle Bücher einsehen wollte, wurde dort eingeschlossen – nicht als Strafe, sondern als vorsorgliche Maßnahme.

Beim Verlassen musste man nur nach dem Bibliothekar läuten, der einen wieder herausließ. Eingesperrt, ja – aber in Gesellschaft von Jahrhunderten. Es gibt schlechtere Arten, Zeit zu verbringen.

Know Before You Go:

Marsh’s Library ist von Dienstag bis Samstag geöffnet, der Eintritt kostet 7 Euro (Stand: 2026). Empfehlenswert ist ein Kombiticket, das auch den Besuch der St.-Patrick’s-Kathedrale umfasst. (https://www.marshlibrary.ie)

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