Kampang – große Ohren, größeres Herz 🇹🇭
Die eindrucksvollste Begegnung ereignete sich im Herzen des thailändischen Dschungels, unweit der Grenze zu Myanmar. Dort gilt eine einfache, aber tiefgreifende Devise: „We work for the elephants, instead of them working for us“. ElephantsWorld ist eine Umweltschutzorganisation, die Elefanten betreut, welche im Rahmen des Tier-Tourismus Misshandlungen und schwere körperliche Schäden erlitten haben.
Rund 30 bis 35 Tiere werden derzeit an den Ufern des berühmten Flusses Kwai von freiwilligen Helfern rund um die Uhr betreut. ElephantsWorld ist keine Touristenattraktion im klassischen Sinne. Die Tiere leben in ihrer natürlichen Umgebung, bewegen sich frei, und das Elefantenreiten – ein grausames Phänomen des Massentourismus – ist strikt untersagt. Hier steht das Wohl jedes einzelnen Tieres über allem.
Besucher können die Organisation im Rahmen eines „One-Day-Program“ kennenlernen. Die Leidenschaft für die Tiere öffnete eine andere Tür: ein mehrtägiges Programm, tiefer und intensiver als der übliche Tagesausflug. Es führte von Kanchanaburi tief in die abgelegenen Wälder des Tenasserim-Gebirges an der Grenze zu Myanmar – und ließ niemanden unberührt zurück.
ElephantsWorld besteht aus kleinen Holzhütten, die über erhöhte Stege miteinander verbunden sind. Egal, wohin der Blick fiel – überall waren Elefanten. Riesige, faszinierende Wesen, die neugierig mit ihren kräftigen Rüsseln tasteten.
Es war ein Moment purer Aufregung, ein Gefühl zwischen Gänsehaut, Ehrfurcht und absoluter Überwältigung. „Darf ich sie berühren?“, lautete die Frage an Chizzy, einen freiwilligen Helfer aus Myanmar, der seit einem Jahr hier tätig ist. Er erkannte sofort die überforderte Begeisterung, stellte einen großen Korb voller Melonen und Bananen hin und sagte lachend: „Let’s go my friend, it’s time for work!“
Meine Hände zitterten, als ich versuchte, ein halbes Dutzend Rüssel gleichzeitig zu füttern. Manche der Dickhäuter stahlen mir die Früchte mit frecher Eleganz direkt aus den Fingern, bei anderen musste ich die Köstlichkeiten in perfektem Basketballstil in ihren riesigen Mäulern versenken. Meine Arme waren bald mit Elefantensabber bedeckt – ein klein wenig eklig war es schon, so sehr sich die Zuneigung zu diesen Tieren auch hielt. Unzählige Stunden vergingen mit dem Füttern, Berühren und Bewundern dieser sanften Riesen aus nächster Nähe. Es gibt dieses seltene Gefühl, wenn die Welt für einen Augenblick stillzustehen scheint. So war es hier, für jede einzelne Sekunde.
SCHWIMMSTUNDEN MIT KAMPANG
Mit Einbruch der Dämmerung zogen sich die Tiere in das fast undurchdringliche Dickicht des Dschungels zurück. Die Nächte verbrachte ich in einer einfachen Holzhütte – gemeinsam mit einer Armee von Moskitos. Ab und zu bebte der Boden leicht … kein Erdbeben, nur ein schlafloser Riese, der ebenfalls mit der tropischen Hitze kämpfte, oder auf der nächtlichen Suche nach Melonen war.
Der Tagesablauf sah etwa so aus: 06:00 Uhr Frühstück – Melonen und Bananen mit dem Golfwagen ernten – Fütterung – Elefantenspaziergang – Mittagsschläfchen – Schlammbad.
Die Bananenmengen dieser Region sind unvorstellbar. Die Menge, die ein einzelner Elefant davon täglich frisst, noch mehr. Auch für den eigenen Anteil blieb Zeit: eine frische Banane direkt von der Staude – warm von der Sonne, weich, mit einem Aroma, das man von keinem Supermarkt der Welt kennt. Kein Vergleich zu dem, was zu Hause als Banane durchgeht. Man beißt hinein und fragt sich sofort, warum es jemals anders geschmeckt haben soll.
Besonders ans Herz gewachsen ist die Elefantendame Kampang – ihr Name bedeutet „schönes Mädchen“. Liebe auf den ersten Blick, verständlicherweise begünstigt durch mehrere Kilo Melonen in den Händen.
Kampang, Jahrgang 1950, gehört zu den ältesten Bewohnerinnen des Schutzreservates. Mehr als fünf Jahrzehnte lang wurde sie als Reitelefant genutzt – eine Zeit voller körperlicher Qualen. Ihr schlechtes Sehvermögen, fehlende Zähne und ein Wirbelbruch sind Narben eines Lebens, die man keinem Geschöpf zumuten sollte. Sie sehnt sich nach Nähe, Geborgenheit – und Melonen. Und für haargenau diese Aufgabe war offenbar die passende Person zur Stelle. Wie viele Früchte in den Bauch dieses Elefanten passen, ist kaum vorstellbar.
Die grauen Giganten wurden aus touristischen Folterbetrieben gerettet. Jeder trägt Narben, körperlich wie seelisch. Viele können kaum sehen, andere haben deformierte Beine. Die meisten sind über 60 Jahre alt – zu alt, zu „unprofitabel“ für die Tourismusindustrie. Sie könnten ohne tägliche Betreuung nur schwer überleben. Die freiwilligen Helfer aus Myanmar sind selbst Schutzsuchende – Menschen, die das Leid der Tiere nicht nur beobachten, sondern auf ihre eigene Weise kennen. Politische Verfolgung, Militärgewalt, Zwangsrekrutierung: Es sind diese Gründe, die Chizzy und die anderen Freiwilligen nach Thailand getrieben haben.
Unter den anderen Bewohnern des Auffang- und Rettungszentrums fiel besonders Spy auf – eine weitere ältere Dame mit einer ebenso bewegten Vergangenheit. Kampang und sie sind unzertrennlich, doch nicht jeder Elefant versteht sich mit jedem. Die Tiere bilden Gruppen, Freundschaften, Rivalitäten. Chizzy kann anhand eines Blickes erkennen, welche Stimmung sie gerade mitbringen. Kampang war an diesem Tag bestens gelaunt, sodass gemeinsam der ganze Tag mit Unfug gefüllt werden konnte. Nach und nach stellte sich der richtige Umgang mit ihr ein.
Trotz ihrer Sanftheit darf man nie vergessen, wie mächtig Elefanten sind. Ein falscher Schritt kann für jeden Menschen schwere Verletzungen bedeuten. Aufgrund ihres schlechten Sehvermögens ist es wichtig, immer in ihrem Sichtfeld zu bleiben. Die flache Hand ruhig auf ihren Kopf zu legen, bis Vertrauen aufgebaut war, gehörte zum täglichen Ritual. Diese Tage voller Spaziergänge, Fressgelage und Wasserschlachten gehören zu den schönsten überhaupt. Vielleicht gerade deshalb fällt es schwer, was als Nächstes gesagt werden muss – denn nicht überall, wo Elefanten und Menschen aufeinandertreffen, sieht es so aus wie hier.
Tier-Tourismus ist nicht gleich Tier-Tourismus. Elefantenreiten, groteske Shows, Fotos mit wilden Tieren – all das bleibt inakzeptabel, ungeachtet wie viele Menschen dafür Schlange stehen. Schwieriger wird es dort, wo die Grenze nicht klar zu erkennen ist: Angebote, die nach Tierschutz aussehen und es nicht sind. Auch hier wurde man trotz guter Vorbereitung schon einmal hereingelegt – aus Unwissenheit, oder weil man schlicht belogen wurde. Eine Empfehlung liegt daher nahe: Vor jeder Buchung lohnt sich die Recherche, welche Attraktionen das Wohl der Tiere respektieren – und welche es nur verkaufen.
Neben dieser inneren Zerrissenheit machte auch der Körper zu schaffen: Während des Aufenthalts im Februar herrschten drückende Hitze und eine extreme Luftfeuchtigkeit, die jede körperliche Belastbarkeit auf die Probe stellten. Der tägliche Kampf gegen unzählige Moskitos und andere Bewohner des Dschungels – Stichwort: Skorpione – gehörte ebenfalls dazu. Doch die größte Herausforderung bestand darin, das immense Leid misshandelter Tiere zu sehen – und sich am Ende mit einem schweren Herzen verabschieden zu müssen.
Know Before You Go:
ElephantsWorld ist nicht einfach zu erreichen – etwa eine Stunde von Kanchanaburi entfernt, kein Bus, kein Zug. Wer sich meldet, bekommt den Transfer von den Betreibern organisiert. Das gehört zum Glück dazu. (https://www.elephantsworld.org)
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