Abu Simbel – das Erbe von Ramses II. 🇪🇬
Die monumentale Tempelanlage von Abu Simbel zählt zu den spektakulärsten Zwangsumsiedlungen der Ingenieursgeschichte – das Vermächtnis von König Ramses II.
Als der Schweizer Forscher Johann Ludwig Burckhardt im Jahr 1813 den Süden Ägyptens bereiste, stieß er auf die aus dem Sand ragenden Köpfe und Schultern gewaltiger Statuen. Vier Jahre später, 1817, grub der italienische Abenteurer Giovanni Belzoni den Eingang frei und betrat als erster Europäer das Innere des Tempels. Doch die Wüste gab nicht so leicht auf – erst um 1910 war die gesamte Anlage vollständig freigelegt.
Kaum war der Tempel erforscht und für Besucher zugänglich, kündigte sich eine Bedrohung an: Der geplante Bau eines Hochdamms am Nil gefährdete das gesamte Bauwerk. Experten aus aller Welt entwickelten in den 1960er-Jahren einen bis dahin beispiellosen Rettungsplan. Der gigantische Komplex wurde in unzählige Blöcke zerschnitten, sorgfältig nummeriert und rund 200 Meter nordwestlich wieder zusammengesetzt.
Zudem wurde beschlossen, das Heiligtum 65 Meter oberhalb der ursprünglichen Höhe zu errichten, um es dauerhaft vor Überschwemmungen zu schützen. Der gesamte Umsiedlungsprozess dauerte vier bis fünf Jahre – ein Meilenstein der modernen Ingenieurskunst.
Beeindruckend ist, dass trotz dieser riskanten Verlagerung das berühmte „Sonnenwunder“ erhalten blieb. Zweimal im Jahr dringen die Sonnenstrahlen für etwa 20 Minuten in das hinterste Heiligtum ein und erleuchten drei der vier Götterstatuen: Amun-Re von Theben, Ramses II. und Re-Harachte von Heliopolis. Der an der Seite sitzende Ptah von Memphis, Gott der Unterwelt, bleibt, bis auf seine linke Schulter, im Dunkeln. Im Laufe der Jahrtausende verschob sich das Ereignis immer wieder leicht im Kalender, sodass es heute, am 22. Oktober und am 22. Februar, stattfindet.
Man geht davon aus, dass die Tempelanlage im 13. Jahrhundert v. Chr. entstand und aufgrund ihrer isolierten Lage an der heutigen ägyptisch-sudanesischen Grenze lange Zeit unentdeckt blieb. Die Fülle an Kunstwerken im Inneren lässt vermuten, dass Ramses II. den Tempel als Triumphdenkmal über seinen Sieg gegen die Hethiter errichten ließ.
Das steinerne Erbe der Pharaonen
Die Anreise dorthin ist nicht immer einfach. Politische Spannungen in der Region können den Tourismus in Ägypten zeitweise erheblich beeinträchtigen; abseits der All-inclusive-Hochburgen wie Hurghada, Sharm El-Sheikh oder Marsa Alam kann der kulturelle, historische Reiseverkehr entsprechend ausgedünnt sein. Eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Assuan aus ist möglich, wird jedoch mitunter von einer polizeilichen Begleitung als Vorsichtsmaßnahme flankiert.
Der Parkplatz am Heiligtum kann, je nach Reisezeit und Lage, nahezu menschenleer sein – nur vereinzelt warten dann Taxifahrer. Wie so oft in Ägypten kann es zu hartnäckiger Ansprache durch Verkäufer kommen, bei der ein wiederholtes „No, thank you“ nicht immer respektiert wird.
Vom Parkplatz aus sind es zehn bis fünfzehn Gehminuten bis zum Bauwerk. Sobald es in Sicht kommt, ist jede Müdigkeit meist vergessen – dieses Werk entfaltet eine Anziehungskraft, die sich schwer in Worte fassen lässt. Bei geringem Besucheraufkommen lässt sich die Anlage mitunter fast ungestört erleben, ohne Warteschlangen oder Menschenmassen.
Die riesigen Statuen wirken überwältigend, beinahe einschüchternd. Die trockene Luft und die enorme Hitze machen einen längeren Aufenthalt allerdings anstrengend.
Das Innere der Kultstätte ist erfüllt von geheimnisvollen Reliefs und Statuen. Der Pronaos – die große Eingangshalle des Tempels – wird von acht monumentalen Osiris-Pfeilern getragen, die den vergöttlichten Ramses II. darstellen. Die Wände illustrieren seine militärischen Siege gegen Hethiter, Libyer und Nubier.
Die kleineren Seitenkammern dienten einst als Vorratskammern für Opfergaben. Und ganz am Ende befindet sich das Allerheiligste mit den vier Sitzstatuen, die zweimal jährlich vom Sonnenlicht erfasst werden – als hätten die Erbauer gewusst, dass dieses Ereignis noch in dreitausend Jahren Menschen den Atem verschlagen würde.
In der Nähe liegt ein zweiter, kleinerer Monumentalbau – nicht minder beeindruckend. Er ist Nefertari gewidmet, der Frau, die Ramses II. so sehr liebte, dass er ihr ein eigenes Heiligtum errichtete. In einer Zeit, in der Pharaonen Göttern Tempel errichteten, ist das vielleicht das größte Kompliment, das man machen konnte.
Know Before You Go:
Empfehlenswert ist ein geführter Tagesausflug ab Assuan. Tickets werden ausschließlich bar verkauft, und wer individuell anreist, benötigt in der Regel einen lokalen Guide. Auch für Fotografien können zusätzliche Gebühren anfallen.
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