Der Kaindy See – Wald unter Wasser 🇰🇿
Aus einem idyllischen, türkisfarbenen Bergsee erheben sich gespenstisch anmutende, versunkene Bäume. Die Entstehung dieses geheimnisvollen Schauplatzes wurde erst durch ein gewaltiges Erdbeben möglich. Ein bezauberndes Fleckchen Erde, das sich aufgrund seiner abgelegenen Lage bislang erfolgreich dem Massentourismus entzieht. Was aussieht wie die Kulisse eines Fantasyfilms, ist in Wirklichkeit ein Naturphänomen im Herzen Kasachstans.
Bevor es um die besondere Anziehungskraft dieses Sees geht, zunächst der anstrengende Teil: der Zugang! Der Kaindy See – dessen Name sich vom kasachischen Wort für „Birke“ ableitet und auf die dichten Birkenwälder der Region verweist – liegt im Nationalpark Kolsay Lakes auf mehr als 2.000 Metern Höhe. Die nächstgelegene Großstadt, Almaty, ist rund 130 Kilometer Luftlinie entfernt.
Die Infrastruktur außerhalb der kasachischen Großstädte ist eher – sagen wir einmal: ausbaufähig. Obwohl das zentralasiatische Land als flächenmäßig neuntgrößtes Land der Welt wirtschaftlich nicht schlecht dasteht, dauerte allein die Fahrt von Almaty nach Saty etwa sechs Stunden. Saty, ein ruhiger, ländlich geprägter Ort, erwies sich als perfekter Ausgangspunkt für die Weiterfahrt zum mystischen See. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde vermutlich der UAZ-452 erfunden – besser bekannt als Buchanka, was auf Russisch schlicht „Brotlaib“ bedeutet und der kastenförmigen Gestalt dieses sowjetischen Ungetüms alle Ehre macht. Ab jener Phase, in der moderne Geländewagen kapitulieren, beginnt für diese Legende überhaupt erst der Spaß.
Seit den 1960er-Jahren ist dieses Fahrzeug im Einsatz und scheint keine natürlichen Feinde zu kennen. Umgestürzte Baumstämme, Felsbrocken, reißende Flüsse? Vollkommen egal! Augen zu und drüber. Es wird holprig. Sehr holprig. Richtig, richtig holprig! Die Landschaft war traumhaft – kaum wahrnehmbar allerdings zwischen dem Festkrallen an den Sitzen mit beiden Händen. Kreuz und quer durch Schotterpisten, Flussdurchquerungen, steile Gefälle und knöcheltiefen Schlamm – egal, der Buchanka schafft alles. Der Fahrer, offenbar amüsiert von der Mischung aus Panik, Resignation und wilder Begeisterung der Fahrgäste, legte selbstverständlich noch eine Schippe drauf. Er holte absolut alles aus seiner nostalgischen Blechbüchse heraus. Jede Bodenwelle, jeder herumliegende Stein und jeder Baumstamm wurde bewusst mitgenommen – als kleine zusätzliche „Freude“. Oder eher Todesangst, je nachdem, wen man fragt.
Als wäre das nicht genug, dröhnte irgendwann ein Modern-Talking-Medley in beachtlicher Lautstärke aus dem Radio. Eine Todesfahrt durch die kasachische Bergwelt, untermalt von „Brother Louie“.
Doch hinter dieser Schönheit steckt ein geologisches Unglück. Der versunkene Wald ist das Ergebnis einer Naturkatastrophe. Ein Erdbeben im Jahr 1911 führte zu einem riesigen Erdrutsch und formte einen Naturdamm. Die im damaligen Trockental stehenden Fichten wurden später durch Regenwasser überflutet. Die Kalksteinablagerungen verleihen dem See seine typische türkise Färbung. Die niedrige Wassertemperatur sorgt dafür, dass die Bäume bis heute so gut erhalten sind. Mittlerweile haben sich verschiedene Fischarten angesiedelt, und der See gewinnt bei Tauchern zunehmend an Beliebtheit. Die Bäume stehen noch immer aufrecht – als hätten sie nie aufgehört zu wachsen.
Know Before You Go:
Das Dorf Saty ist der ideale Ausgangspunkt für die Tour. Von dort aus wird man von ortsansässigen Fahrern hinaufbefördert. Alternativ ist auch ein Ritt mit dem Pferd möglich, um den Startpunkt der letzten Wanderetappe zu erreichen.
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