Tunnelbana Stockholm – die Kunst fährt U-Bahn 🇸🇪
Die längste Streckenführung findet sich in der chinesischen Metropole Shanghai, das höchste Fahrgastaufkommen wird in Tokio verzeichnet, und die älteste U-Bahn fährt unter den Straßen Londons. Aktuell verfügt Kiew über die am tiefsten gelegene Station, während sich Sankt Petersburg mit der längsten Rolltreppe der Welt rühmt. Doch all diese Rekorde verblassen, sobald man die U-Bahn-Stationen in Stockholm zum ersten Mal mit eigenen Augen sieht. Eine Tour durch die Kunstwerke der Stockholmer Tunnelbana.
Die Tunnelbana umfasst über 100 Haltestellen, von denen mindestens 90 mit individuellen, aufwendigen Kunstinstallationen gestaltet wurden. Die Bahn wurde 1950 eröffnet; bereits 1957 begannen in- und ausländische Künstler und Künstlerinnen mit der Gestaltung der Stationen. Das Ziel der Regierung war klar: Kunst sollte für alle zugänglich sein – nicht nur für eine privilegierte Minderheit.
Ein „U-Bahn-Station-Hopping“ – das gezielte Ansteuern einer Haltestelle nach der anderen, ausschließlich um die Kunst zu sehen – wird so zu einer Reise durch eine unvergleichliche, mobile Kunstgalerie. Eine Mischung aus Mosaiken, Skulpturen, Gemälden und Installationen – ein Abenteuer, das an eine moderne archäologische Expedition erinnert, voller Geheimnisse, Überraschungen und visueller Entdeckungen. Und das Beste daran: Ein einziges Ticket genügt. Keine teuren Eintrittspreise, kein endloses Schlangestehen. Zudem ist das Metro-Hopping eine wunderbare Möglichkeit, den oft grauen, nassen schwedischen Tagen ein Stück Wärme zu entlocken.
Kunst tief unter Stockholm
Startpunkt: „T-Centralen“
Erster Halt: „T-Centralen“. Der wichtigste Knotenpunkt der Stockholmer Metro gehört zu den meistfrequentierten Teilen der Stadt – an einem normalen Wintertag strömen rund 300.000 Pendler durch diese Station. Die meisten davon schauen auf ihr Handy – der Blick nach oben lohnt sich mehr. Um etwas Ruhe in den hektischen Alltag zu bringen, entwarf der Künstler Per Olof Ultvedt die charakteristischen blau-weißen Muster auf den rauen Felswänden. Auf beiden Ebenen sind Werke namhafter Künstler und Künstlerinnen wie Anders Österlin, Vera Nilsson und Carl Fredrik Reuterswärd ausgestellt. Die gesamte Aura katapultiert Kunstfreunde mit einem einzigen Blick zurück in die 1960er-Jahre.
„Stadion“ – Das Regenbogenparadies
Nur eine Haltestelle weiter, in direkter Nähe zum Olympiastadion von 1912, liegt eine der eindrucksvollsten Stationen: „Stadion“. An Tagen ohne Veranstaltungen verirren sich nur wenige Menschen hierher – die perfekte Gelegenheit, das originelle Design in Ruhe auf sich wirken zu lassen.
Enno Hallek und Åke Pallarp erschufen eine leuchtende, regenbogenartige Landschaft, die die dunkle, unterirdische Umgebung in ein farbenfrohes, beinahe magisches Gesamtwerk verwandelt. Erinnerungen an das Olympiajahr 1912 schmücken die Tunnel, während die Farben zugleich ein starkes Symbol der schwedischen Pride-Bewegung darstellen.
Wenn Fels zur Bühne wird
„Rådhuset“ – Willkommen in der Hölle
Der dritte Halt führt direkt in die Unterwelt – oder präziser: zur Station „Rådhuset“. Wer den Blick an den gewaltigen, rotbraunen Säulen entlang nach oben richtet, könnte fast meinen, gleich würde der Teufel persönlich aus einer Gesteinsnische treten. Kein Wunder, dass sie zu den schönsten Stationen Stockholms zählt. Die Gestaltung erweckt eine perfekte Illusion aus archaischen Höhlen, mystischen Tiefen und einem Labyrinth aus Felsformationen, die weit unter der Erdoberfläche verlaufen.
Finale: „Kungsträdgården“ – Eine eigene Welt
Der krönende Abschluss: „Kungsträdgården“. Diese Station liegt nicht nur unter den königlichen Gärten, sie verfügt zudem über ihr ganz eigenes Ökosystem. Seit der Eröffnung 1977 haben die speziellen Umweltbedingungen zur Entstehung einer Flora und Fauna geführt, die typischerweise nur in Höhlen vorkommt. Der Künstler Ulrik Samuelson ließ sich stark von der Geschichte des ehemals oberhalb gelegenen Makalös-Palasts inspirieren – einem schwedischen Barockpalast aus dem 17. Jahrhundert, der längst abgerissen ist, aber in den Wandmalereien der Station weiterlebt.
Besonders berühmt ist „Kungsträdgården“ für die winzige Spinnenart Lessertia dentichelis – gerade zwei Millimeter klein und in ganz Schweden nur hier zu finden. Wie sie hierher kam, ist bis heute ungeklärt: vermutlich reiste sie mit den Baumaschinen aus Südeuropa an. Und als wäre das nicht genug, gibt es noch einen Popkultur-Moment obendrauf – der U-Bahnhof diente als Drehort für das Musikvideo „Living in Danger“ von Ace of Base.
Zwischen einer unsichtbaren Spinne und einem Popsong-Cameo vergisst man fast, dass man hier, tief unter der Stockholmer Innenstadt, eigentlich nur auf einen Zug wartet. Doch auch der schönste Bahnsteig kennt keinen Stillstand – irgendwann fährt der nächste Zug ein, die Türen öffnen sich, und man steigt ein. Zurück in den Alltag, zurück ans Tageslicht. Aber wer einmal durch diese Stationen gegangen ist, sieht U-Bahnen nie wieder gleich.
Know Before You Go:
Weitere faszinierende und sehenswerte Haltestellen sind „Tensta“, „Solna“, „Centrum“, „Universitetet“, „Tekniska högskolan“ und „Hallonbergen“.
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