Das Stille Volk – tausend Zeugen ohne Stimme 🇫🇮
Eingebettet in die finnische Landschaft existiert ein Kunstobjekt, dessen Wirkung der individuellen Deutung jedes Betrachters überlassen bleibt. Unweit der nordöstlich gelegenen Gemeinde Suomussalmi erblickt man entlang einer beschaulichen Landstraße eine Vielzahl verschiedenartiger Gestalten. Obwohl der Künstler sein Werk „Das Stille Volk“ (Hiljainen kansa) nennt, vermögen die einprägsamen Figuren dennoch viel zu erzählen.
Der Tänzer und Choreograf Reijo Kela installierte tausende Charaktere mit Torfköpfen, die seit Jahren zahlreiche Fragen aufwerfen. Die wenigen Besucher werden von einer abwechslungsreichen Sammlung an Figuren empfangen, die ihnen einen unvergesslichen Spaziergang bescheren.
Die Figuren selbst wirken auf den ersten Blick fast menschlich: schlanke, aufrecht stehende Körper aus Holz und Stroh, gekleidet in echte, gebrauchte Kleidungsstücke – Mäntel, Schals, Kopfbedeckungen, teils verblasst und vom Wetter gezeichnet. Manche stehen in kleinen Gruppen beisammen, als würden sie sich unterhalten, andere wirken bewusst isoliert, mit dem Rücken zum Weg gewandt. Keine zwei Figuren gleichen sich vollständig, und gerade diese Unregelmäßigkeit verstärkt den Eindruck, einer echten, wenn auch verstummten Gemeinschaft zu begegnen.
Unter der unendlich scheinenden Sonne eines Polartages – jener finnischen Tage, in denen sie nie untergeht – lässt sich stundenlang zwischen den Figuren wandern, schweigend durch ihre bunte, stroherne Welt. Ihre leise Präsenz ist zum einen eindringlich und fast unheimlich, zum anderen aber beeindruckend schön und beruhigend. Die kraftvolle, rätselhafte Darstellung des Volkes zieht schon nach kurzer Zeit in ihren Bann. Fragen über Fragen stellen sich: Weshalb gerade an diesem Schauplatz? Was möchte der Künstler damit sagen? Wie lässt sich dieses Werk bewerten? Welche Emotionen sind erwünscht und welche Geschichte soll erzählt werden?
Die Fragen hören dabei nicht wirklich auf – sie werden nur leiser. Vielleicht ist das die Absicht. Denn das alles muss sich gar nicht auflösen, weil es Teil der künstlerischen Vision Reijo Kelas ist. Es gibt weder richtige noch falsche Antworten. Er erlaubt bewusst jedem Besucher, in seinem eindrucksvollen Werk eine eigene, persönliche Bedeutung zu finden.
Die erste Präsentation der Torfköpfe in Suomussalmi fand im Jahr 1988 statt, nachdem Reijo Kela sie für seine eigene Inszenierung geschaffen hatte. 1994 erfolgte erstmals die Umsiedlung des Stillen Volkes nach Helsinki.
Am Fuße der berühmten Domkirche wurden rund 700 Statuen aufgestellt, die die unvorbereiteten Besucher in Erstaunen versetzten. So rätselhaft, still und leise wie sie danach aus Helsinki verschwanden, tauchten sie nur wenige Tage später am Ufer des Flusses Jalonuoma wieder auf.
Irgendwo zwischen Kunst und leichtem Unbehagen
Obwohl der Tänzer und Choreograf nie die Absicht verfolgte, ein dauerhaftes Kunstwerk zu schaffen, befinden sich diese geheimnisvollen, strohköpfigen Figuren nun seit gut drei Jahrzehnten an ihrem heutigen Standort. Ein rätselhafter Mythos ist entstanden, dessen Bekanntheit sich zwar langsam, aber stetig über die finnischen Landesgrenzen hinaus ausbreitet. Die zahlreichen Figuren werden zweimal jährlich von einer ehrenamtlichen Gruppe neu eingekleidet. Im Spätherbst werden sie auf den langen finnischen Winter vorbereitet; im Frühjahr erhalten sie ihre leichte Sommerausstattung zurück. Auch die Köpfe werden im Sommer erneuert – das Material dafür stammt direkt von der Wiese, auf der die Figuren seit Jahrzehnten stehen.
Diese wiederkehrende Pflege ist es auch, die dem Werk seine besondere Lebendigkeit verleiht: Kein Besuch gleicht dem anderen. Wer im Frühsommer kommt, trifft auf frisch gewandete, beinahe festliche Gestalten; wer im Spätherbst durch die Reihen geht, begegnet Figuren, die sich bereits auf den langen, dunklen Winter vorbereitet haben. So verändert sich das Stille Volk mit den Jahreszeiten, ohne dabei je wirklich zu altern – ein Kreislauf, der die Illusion einer eigenen, stillen Gemeinschaft nur noch verstärkt.
Know Before You Go:
Das Kunstwerk befindet sich etwa 100 Kilometer südlich von Kuusamo und kann jederzeit kostenfrei besichtigt werden. Im Sommer bietet sich zudem ein Besuch des charmanten Café Niittykahvila an, wo man finnische Spezialitäten testen kann.
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