Kapitel 47 (Teil 1) – 🇳🇿 Neuseeland (Nordinsel)

Spoiler: Das war es! Es ist vorbei! Nichts geht mehr! Die Würfel sind gefallen!

Kompromissloser Lockdown in Neuseeland – der seinesgleichen sucht. Aber zuvor gehörte die Nordinsel drei Wochen lang allein mir 🥰. Wir besuchen die schrillste Fernstraße der südlichen Hemisphäre, lösen das Geheimnis der Māori-Seelenwanderung – und staunen über die unglaubliche Tatsache, dass ein paar Frösche die Herr-der-Ringe-Trilogie beinahe zum Stillstand gebracht hätten. Und ich verrate euch, wie ich diese Wochen der Isolation halbwegs gut überstanden habe – und wie ein Repatriierungsflug wirklich abläuft.

Eine berühmte Szene aus der Filmgeschichte, die euch definitiv bekannt vorkommen wird: Der Held hat seine letzte Mission erfolgreich abgeschlossen und stolziert selbstsicher auf die Kamera zu. Im verschwommenen Hintergrund erkennen wir blankes Chaos und schwarzen Rauch. Mit unverwundbar em Blick schreitet der Protagonist auf uns zu, hebt ruckartig die linke Hand – und löst damit eine heftige Explosion aus. Obwohl die Lautstärke unmenschlich ist und die Druckwelle ihn eigentlich von der Bildfläche fegen müsste, schreitet er fokussiert weiter, ohne mit der Wimper zu zucken. Ungefähr so habe ich mich gefühlt, als ich die Flughafenhalle in Auckland verlassen durfte und mich auf der Insel frei bewegen konnte – zumindest vorübergehend.

Während unsere Erde im Chaos versank, herrschte am Ende der Welt eine unvergleichliche Harmonie. An Tagen wie diesen waren sich die Neuseeländer felsenfest sicher: Die Pandemie wird uns niemals erreichen – wir haben unsere Tore vorbildlich geschlossen.

Meine folgenden drei Wochen waren höchstwahrscheinlich das Idyllischste, was ein Reisender erleben konnte. Die Nordinsel dieses besonderen Naturparadieses gehörte mir allein. All diese zauberhaften Strände, die mächtigen Vulkane, die Höhlen und die unwiderstehlichen Seen und Gebirgslandschaften … alles war meins. Maximal ein paar Hundert Touristen saßen noch auf der Insel fest – und die einheimische Bevölkerung ging ganz routiniert ihrem Alltag nach. Von der Pandemie – geschweige denn einem Lockdown – war Neuseeland genauso weit entfernt wie ich von Klagenfurt. Kleine Anekdote: Beginnt jemand in Auckland ein senkrechtes Loch zu graben, kommt er exakt in Wien heraus – diese zwei Millionenstädte liegen de facto genau gegenüber.

Auckland ist mit 1,4 Millionen Einwohnern die mit Abstand größte Stadt der Pazifikinsel – über ein Drittel der Gesamtbevölkerung des Landes lebt hier. Die Māori nennen ihre Stadt übrigens „Tāmaki Makaurau“ – was „Eine junge Schönheit mit 100 Liebhabern“ bedeutet. Wie Auckland sich diese Bezeichnung verdient hat? Keine Ahnung – mit diesen Gedankenspielen lasse ich euch lieber allein 😉. Das Zentrum der Millionenstadt ist mit europäischen Großstädten vergleichbar – hat aber kaum bemerkenswerte Höhepunkte zu bieten. Die beste Aussicht genießt man vom SkyTower – mit seinen 328 Metern das höchste Bauwerk der südlichen Hemisphäre. Zum Entspannen empfiehlt sich der Albert Park – und das interessanteste Gebäude ist das Auckland War Memorial Museum. Die eigentliche Faszination Aucklands liegt in seiner näheren Umgebung. Über 50 inaktive Vulkane verteilen sich rund um den Stadtkern. Die bekanntesten sind der One Tree Hill und der Mount Eden – beide bequem zu Fuß vom Zentrum aus erreichbar. Ihr könnt bedenkenlos die 200 Höhenmeter zum Krater des Mount Eden hinaufwandern – der letzte Ausbruch liegt schätzungsweise mehr als 28.000 Jahre zurück. Der Blick vom Gipfel des erloschenen Vulkans ist fantastisch: Mit einem Auge blickt man in den 50 Meter tiefen, grasbewachsenen Krater – das andere Auge genießt ein atemberaubendes Panorama auf die Innenstadt und die zahlreichen Vulkaninseln vor der Küste.

Und damit sind wir beim passenden Stichwort: Vulkaninseln. Der lebendigste Ort der Stadt ist der Hafen (Princes Wharf) – den ihr immer wieder aufsuchen solltet. Vom Herzen Aucklands aus bringen euch Fähren zu den gewünschten Zielen. Ich nutzte einen ausgiebigen Sonnentag – und steuerte die Vulkaninsel Rangitoto Island an. Ich liebe diese besonderen Momente auf Fähren: Der Kapitän setzt mit dem Klang der Sirene das Zeichen des Aufbruchs, die Leute versammeln sich auf dem Deck, klammern sich am Geländer fest – und mit jedem zurückgelegten Meter werden die Hochhäuser kleiner und kleiner. Der Ozean lässt seine Muskeln spielen, das Schiff schaukelt in einem angenehmen Rhythmus hin und her – und der Wind lässt die Temperaturen sinken. Meine Aufregung steigt – ich kann es kaum erwarten, endlich einen Fuß auf diese unbewohnte Vulkaninsel zu setzen. Nur wenige Augenblicke nach der Ankunft taucht man in eine unfassbare Welt aus Asche und Geschichte ein. Rangitoto Island ist gerade einmal 600 Jahre alt – übersät von schwarzen Lavafeldern und rot-grünen Eisenholzbäumen, die von den Einheimischen „New Zealand Christmas Trees“ genannt werden. Hattet ihr schon einmal das Vergnügen, über solch einen pechschwarzen Boden zu laufen?

Rakino Island oder Waiheke Island sind nur zwei, der vielen weiteren Inseln, welche ihr euch nicht entgehen lassen solltet. Um die wilde Natur nicht zu sehr zu belasten, sind die täglichen Verbindungen äußerst limitiert. Also überprüft die Tickets respektive die Fahrpläne einige Tage vorab, damit ihr nicht enttäuscht am Hafen bleiben müsst.

Neuseeland Road Trip

An der Nordwestspitze der Nordinsel befindet sich das berühmte Cape Reinga – oder mit meinen Worten: „The most beautiful place I’ve ever seen“. Die spitze Landzunge erstreckt sich über mehrere Kilometer Richtung Norden und ist ein unbeschreibliches Naturphänomen. Es dauerte einige Wochen – vielleicht sogar Monate –, bis ich endlich wieder meinen Lieblingssatz anführen konnte: Die Worte, die diese Schönheit und Faszination des Cape Reinga beschreiben könnten, sind noch nicht erfunden worden. Ein echter Jäger-des-Augenblicks-Moment.

Hinzu kommt, dass dieses Kap zu den heiligsten Orten der Māori – den Ureinwohnern Neuseelands – zählt. Durchschreitet ihr das Tor zum Kap, ertönen mystische Klänge, die eine Seelenwanderung symbolisieren. Blickt man von den hohen Klippen in den Ozean, erkennt man zahlreiche Untiefen – die sogenannten Columbia Banks –, die den Eindruck vermitteln, als würde das Wasser tanzen. Stellt euch einfach einen Kochtopf vor, in dem sich die Flüssigkeit erhitzt und droht überzugehen. Diese Untiefen sind der zentrale Sammelpunkt für die verlorenen Seelen der Māori. Laut ihrer Legende kommen die Menschen an die Klippen – der Körper bleibt auf dem Festland, aber die Seele wandert über den wilden Ozean zu den Untiefen, um die verlorenen Familienmitglieder wiederzusehen.

Auf dem Weg zum Cape Reinga kreuzt man die Te Paki Great Sand Dunes. Mein GPS verriet mir, dass ich nur noch wenige Kilometer von den größten Sanddünen des Landes entfernt war. Aber das Einzige, was ich erblickte, war diese fantastische grüne Landschaft, die wir aus den Herr-der-Ringe-Verfilmungen kennen und lieben. Soweit das Auge reicht: saftiges grünes Gras, eine naturbelassene Hügellandschaft, Millionen bunter Blumen und kleiner Bäume – und höchstwahrscheinlich Milliarden von Schafen 🐑. Okay, mit der Anzahl der Schafe ist es möglicherweise etwas übertrieben – aber es war ein wahres Meer, oder eher ein Ozean von Schafen. Memo an mich: Hier wurde der sensationelle, neuseeländische und ungeheuerlich schlechte Zombie-Tier-Horrorfilm Black Sheep 🎥 gedreht. Zombieschafe 🤣 – herrlich, genau mein Humor. Dieser Irrsinn toppt sogar noch die britische 🇬🇧 Zombie-Perle Zombiber 😉.

Zurück ins Auto! Unvorstellbar: Wo haben sich die riesigen Sanddünen in diesem grünen Naturparadies versteckt? Tatsächlich erblickt man die goldenen Sandmassen erst wenige Meter vor den angegebenen Parkkoordinaten. Ein kleiner Fluss – der Te Paki – teilt diese Landschaft in zwei unverkennbar verschiedene Phänomene: Grün gegen Gold, Feuchtigkeit und Leben gegen Trockenheit und Stille, Bäume und Pflanzen gegen Sandkörner und Staub, Milliarden von Schafen gegen Milliarden von Touristen – an normalen Tagen zumindest. Heute aber nicht – heute gehörte mir diese Faszination ganz allein.

Und welchen verrückten Blödsinn treibt man auf diesen gewaltigen Sanddünen? Genau – man verliert kurzzeitig den Verstand, leiht sich ein Surfbrett aus, kämpft sich wie verrückt den Hang hinauf, legt sich auf das Board – und surft die Dünen hinab. Ein kleiner Tipp an alle Frischlinge des Wüstensurfens: Wenn ihr das Bedürfnis verspürt, während der rasanten Fahrt eure Jubelstürme mit der ganzen Welt zu teilen – lasst es lieber sein 🥴. Es gibt einen berechtigten Grund, warum man bereits den kleinsten Kindern beibringt: Nimm den Sand nicht in den Mund! Lust auf eine kleine Rutschpartie? Ab geht die wilde Fahrt!

SANDBOARDING ON THE BIG DUNES

Das nächste Phänomen an der Nordspitze Neuseelands ist der Ninety Mile Beach. Quizfrage: Wie viele Meilen ist der Ninety Mile Beach tatsächlich lang? Auflösung folgt 😉. Dieses breite Strandgebiet diente seinerzeit als Landebahn für Flugzeuge – im Laufe der Jahre wurde es zur Straße umklassifiziert und gehört sogar offiziell teilweise zum Fernstraßennetz Neuseelands. Das bedeutet: Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h darf man am Sandstrand entlangbrettern. Bei aller Liebe zum Offroad-Fahren sollte man sich der Risiken bewusst sein – denn regelmäßig werden unvorsichtige Touristen mitsamt ihrem Mietwagen aus den Fluten des Meeres gezogen.

Durch die aktuelle Ausnahmesituation war der Verkehr auf dem Ninety Mile Beach fast vollständig zum Erliegen gekommen – aber es hatte durchaus einen gewissen Unterhaltungswert, auf den Dünen zu sitzen und die wenigen Fahrzeuge zu beobachten, die über den Sand donnerten.

Auflösung: Der Strand ist tatsächlich nur 55 Meilen – ca. 89 km – lang. Video


Die Fahrt von Auckland an die Nordspitze zum Cape Reinga umfasst rund 400 Kilometer und dauert ungefähr sechs Stunden. Wer einen Neuseeland-Roadtrip plant, wird diesen Teil des Landes definitiv passieren müssen. Kalkuliert mindestens vier bis fünf Tage ein – es gibt so viel zu sehen und zu entdecken. Obwohl die Distanzen zwischen einzelnen Zielen gering erscheinen mögen, kann die Fahrt einiges an Zeit in Anspruch nehmen. Die Straßenverhältnisse können herausfordernd sein – und das wechselhafte Klima sollte stets einkalkuliert werden. In diesem Teil des Berichts werfe ich einfach mit ein paar Begriffen um mich – denn ich bin felsenfest überzeugt, dass das eine oder andere Ziel auch für euch interessant sein könnte.

Piroa Falls: Einer von Hunderten Wasserfällen des Landes – über einen schönen, aber einfachen Pfad gut erreichbar.

Waipu Cave: Meine ersten Erfahrungen mit einer Glühwürmchenhöhle. Es ist genauso romantisch und zauberhaft, wie es klingt. Bewaffnet mit einer winzigen Taschenlampe kämpfte ich mich durch die finsteren Gänge der kleinen Höhle. Anfangs nicht allzu spektakulär – aber als ich den besonderen Höhlenraum erreichte, erschien ein unvorstellbares Bild vor meinen Augen. Das Licht der Lampe erlischt, man blickt nach oben – und traut seinen eigenen Augen nicht mehr. Abertausende bunte kleine Lichter fliegen kreuz und quer durch die Finsternis … Gänsehaut. Die Waipu Cave ist eine der wenigen Höhlen, die man kostenlos und ohne Guide auf eigene Faust erkunden kann – aber vergesst die Taschenlampe nicht 🔦.

Abbey Caves: Nach diesen magischen Momenten wollte ich den Schwierigkeitsgrad steigern – und suchte die Abbey Caves auf. Ein frei zugängliches Höhlensystem, das allerdings zum Großteil eine gewisse Ausrüstung und Klettererfahrung erfordert. Leider verfügte ich weder über das eine noch über das andere – dennoch konnte ich den zugänglichen Teil im Gollum-Stil erklettern, um die Glühwürmchen zu bewundern.

Whangarei: Eine 45.000-Einwohner-Stadt, die sich hervorragend als Zwischenstopp eignet. Die Höhepunkte sind die Whangarei Quarry Gardens und die Whangarei Falls. Die Gärten sind eine botanische Perle – für Westeuropäer ein absolutes Novum in Sachen Flora und Fauna. Die Wasserfälle gehören zu den schönsten der Nordinsel, sind einfach erreichbar und von allen Seiten erkundbar. Achtung – hohe Rutsch- und Feuchtigkeitsgefahr 😅.

Kawiti Caves: Mitunter das größte und eindrucksvollste Höhlensystem der Nordinsel. Die Dimensionen der Räume und die Anzahl der schwebenden Glühwürmchen sind mit den zuvor besuchten Höhlen nicht vergleichbar. Die Kawiti Caves überstrahlen – und das meine ich im wortwörtlichen Sinne 😉 – alles. Eine Führung ist nur mit Guide möglich, die Preise sind neuseeländisch – also üppig –, und Touren sollten mindestens einige Tage im Voraus gebucht werden. Einer der wenigen Vorteile der Pandemie: wieder eine exklusive Tour ergattert – und jeden Moment genossen.

Waitangi Treaty Grounds: Grundsätzlich ein sehr touristischer Ort – aber wer einen bleibenden Einblick in das Leben der Māori erhalten möchte, ist in diesem Museum ideal aufgehoben.

Rainbow Falls: Allein schon der Name, oder? Regenbogenfälle 🥰. Nur so viel: Pflichtbesuch – und packt die Badesachen ein 😉.

Manginangina Kauri Walk: Nachdem ich vor über einem halben Jahr die Mammutbäume in den USA 🇺🇸 besichtigt hatte, war ich überzeugt, dass mich baumtechnisch nichts mehr beeindrucken könnte … wieder einmal geirrt. Der kleine Rundweg zeigt euch einen wahren Einblick in den neuseeländischen Urwald – und lässt euch vor den Riesen unserer Zeit erstarren.

Orewa Beach: Diesen Strand nenne ich stellvertretend für die vielen phänomenalen Küstenlandschaften, die ihr flächendeckend erkunden könnt.

Übrigens – weil ich vermehrt danach gefragt wurde: Nein, einen Kiwi habe ich nicht gesehen – und dieses Kunststück wird euch definitiv auch nicht gelingen. Das Nationaltier Neuseelands ist – im Gegensatz zu mir – nachtaktiv und meidet jeden Kontakt zu Menschen. Der Vogel ist in Neuseeland heilig – was mitunter ein Grund ist, warum sich nur eine Minderheit als Hundeliebhaber bezeichnet. Kiwi vs. Hund: 0:1 – und die Neuseeländer zählen sich zum Volk der Katzenliebhaber.

Wir setzen unseren Roadtrip weiter Richtung Süden fort – in die Umgebung der kleinen Städte Whangamata und Tauranga. Dieser Teil des Landes ist berühmt für seine vulkanischen Quellen und atemberaubenden Felsformationen. Ich war bereits seit gut zwei Wochen unterwegs – und wartete nur noch auf den endgültigen Shutdown. In der Nähe von Tauranga quartierte ich mich per Airbnb für einige Tage bei einer Familie ein, die einen kleinen Wohnwagen im Garten vermietete. Wer geglaubt hatte, die Niederlande 🇳🇱 seien Weltmeister im Wohnwagenbesitzen, den muss ich korrigieren. Für einen mehrwöchigen Roadtrip durch Neuseeland mietet man sich grundsätzlich kein Auto – sondern kauft sich eines, bevorzugt ein Wohnmobil. Das System „Auto kaufen und verkaufen“ ist sogar noch einfacher und unbürokratischer als in den USA 🇺🇸. Zu diesem Thema existieren unzählige Plattformen und Leitfäden im Netz – darauf möchte ich nicht näher eingehen. Was ich aber sagen wollte: Auch wenn ihr nur mit einem normalen Pkw unterwegs seid – das Wohnwagenleben wird euch einholen, denn so ziemlich jedes zweite Airbnb besteht aus einem Wohnwagen im Garten einer Gastfamilie.

Als ich mich nach einer langen Erkundungstour erschöpft in meinen Wohnwagen zurückgezogen hatte, passierte es: Meine herzliche Gastfamilie suchte mich aufgeregt auf – Ende, Gelände! Aus mit der Maus! Am folgenden Montag würde der strengste Lockdown in Kraft treten, den die Welt je gesehen hatte. Der österreichische war ein Kindergarten dagegen. Alles fährt kompromisslos herunter – Schulen und Geschäfte schließen, öffentliche Verkehrsmittel werden eingestellt, sogar Hotels und private Unterkünfte müssen ihre Tore schließen. Erlaubt sind nur noch notwendige Einkäufe – und der unmittelbare Umkreis des Hauptwohnsitzes darf nicht verlassen werden. Autobahnen und Nebenstraßen werden streng kontrolliert – wer keinen triftigen Grund hat, sein regionales Zuhause zu verlassen, wird mit drakonischen Strafen belegt. An jenem Abend verfolgte das ganze Land die Ansprache der Premierministerin – und stimmte ihren einschneidenden Maßnahmen ausnahmslos zu. Meine Gastfamilie hatte diese Phase bereits erwartet – und das ganze Land war seit Längerem gut darauf vorbereitet.

Ich natürlich nicht. Ich erkundete die einzigartige Landschaft Tag für Tag, nutzte jeden Sonnenstrahl – und hatte nicht annähernd einen Plan, was ich tun sollte, wenn dieses unglaubliche Szenario wirklich eintreten würde. Meine Vermieter telefonierten bemüht herum, um meine verbleibenden Optionen durchzugehen – und kamen zum Schluss: Es gibt keine. Theoretisch hätten sie mich in wenigen Tagen vor die Tür setzen müssen – aber sie gaben mir ehrlich und hilfsbereit zu verstehen, dass ich so lange bleiben kann, wie ich möchte. Update 9/21: Ob jemand damals geahnt hätte, dass es gar nicht so unrealistisch gewesen wäre, sie hätten mich nach 17 Monaten noch immer am Hals? 🤔 Unglaublich!

Sie kannten jemanden, der jemanden kannte, der jemanden kannte, der wiederum jemanden kannte, der einen Hostel-Betreiber kannte – der mir in Auckland ein kleines Kellerzimmer organisierte, um die nächsten Schritte zu planen. Ehrlich gesagt wäre ich viel lieber im ländlichen Raum geblieben – dort hatte ich zumindest einen einsamen Strand vor der Haustür und die Gegend war dünn besiedelt. Aber die Vernunft siegte: Einerseits musste ich meinen Mietwagen zurückgeben – andererseits war es klüger, in unmittelbarer Nähe des Flughafens und der österreichischen Botschaft zu bleiben, sollte Spontanität gefragt sein.

Der Schock saß tief – aber trotz allem hatte ich nun zwei Möglichkeiten: a) In Panik verfallen und mir ausmalen, wie ich die nächsten Wochen und Monate in der neuseeländischen Pampa Kiwis pflücken werde – oder b) noch einmal einen Gang zulegen, all meine Energie zusammennehmen und mir noch ein paar sensationelle letzte Tage in Freiheit schenken. Der Gedanke mit dem Kiwi-Pflücken war keine hirnrissige Vorstellung – sondern die einzige realistische Perspektive, finanziell zu überleben. Unmittelbar nach der Bekanntgabe des Lockdowns erhielt ich eine E-Mail der neuseeländischen Regierung mit folgendem Inhalt:

☑ Informationen zu meinem Visastatus: Für touristische Zwecke ist ein maximaler Aufenthalt von 90 Tagen erlaubt – dieser wurde nun auf „unbefristet“ verlängert. Das machte mir einerseits Mut – andererseits bereitete es mir Sorgen, denn die Botschaft zwischen den Zeilen war glasklar: Das könnte länger dauern.

☑ Der dringende Aufruf, meinen aktuellen Aufenthaltsort bekanntzugeben.

☑ Die Zusendung eines Dokuments, das mir erlaubt, in Neuseeland erwerbstätig zu werden – eine legale Arbeitserlaubnis ist im Regelfall eine äußerst komplexe Angelegenheit.

☑ Eine Liste regionaler Farmen, die dringend Arbeitskräfte suchen – Stichwort Kiwi-Pflücken 🥝 – und dafür Kost und Logis zur Verfügung stellen.

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